
Seit 2005 gibt es für Menschen, die in Deutschland ankommen, Sprach- und Integrationskurse. Anfang dieses Jahres wurde für freiwillig Teilnehmende ein kompletter Förderungsstopp verhängt. Jetzt sollen die Kurse, die neben der Sprache auch Wissen über Kultur und Geschichte Deutschlands vermitteln, wieder eingeschränkt gefördert werden. An der Volkshochschule gab es jüngst ein Treffen zum Thema.
Vom Nutzen der Sprach- und Integrationskurse, welche die vhs veranstaltet, waren alle Beteiligten, die zuvor eine Unterrichtseinheit besucht hatten, überzeugt. Die Teilnahme am Berufsleben sei ebenso wie die sonstige gesellschaftliche Teilhabe ohne ausreichende Sprachkenntnisse nicht möglich, betonte etwa vhs-Vorstand Nikola Ferling.
Der Anlass für die Einladung der vhs Konstanz am 30. April war besagter Förderungsstopp des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF).
Wer betroffen ist
Es gibt nach Angaben des Flüchtlingsrates Baden-Württemberg zwei Gruppen von Teilnehmenden: Einen Anspruch haben demzufolge unter anderem „Menschen, die im Asylverfahren einen Schutzstatus bekommen haben (Asylberechtigung, Flüchtlingseigenschaft, subsidiären Schutz) oder im Rahmen des Familiennachzugs nach Deutschland gekommen sind“.
Freiwillige Teilnehmer:innen hingegen wie beispielsweise „Asylbewerber, Geduldete, Menschen aus der Ukraine sowie Unionsbürger“ sollten in diesem Haushaltsjahr „hingegen nicht mehr … zur Teilnahme am Integrationskurs zugelassen werden“, es sei denn, sie bezahlten ihn aus eigener Tasche – was natürlich kaum jemandem möglich ist.
Nach Schätzungen des Volkshochschulverbandes Baden-Württemberg wären von dieser Streichung bundesweit 130.000 Zugewanderte betroffen: „In Baden-Württemberg fallen infolge des Zulassungsstopps mehr als 50 Prozent der Teilnehmenden weg. Ohne sie können vielerorts keine neuen Kurse mehr eingerichtet werden, weil die seitens des zuständigen Bundesamts vorgegebene Mindestteilnehmerzahl nicht mehr erreicht werden kann.“
Heuchlerisch
Die Folgen dieser Kürzungen, die mit Sparzwängen begründet wurden, aber wahrscheinlich auch ein politisches Signal setzen sollen, sind natürlich fatal. Menschen können ihren Wunschberuf nicht ergreifen und bleiben im schlimmsten Fall auf Jahre hinaus auf den Bezug von Sozialleistungen angewiesen, den Betrieben fehlen qualifizierte Fachkräfte, und die Volkshochschulen müssen ihr Kursangebot reduzieren. Letztlich komme das die Gesellschaft wesentlich teurer als die Förderung der Sprachvermittlung. Der Flüchtlingsrat nannte es zudem „heuchlerisch, von Geflüchteten gesellschaftliche Teilhabe zu fordern und gleichzeitig die Zulassung zu Integrationskursen zu verweigern.“
Susanne Berenbach, vhs-Fachbereichsleiterin Deutsch und Integration, beschrieb das bewährte Kurssystem, das aus mehreren Stufen besteht und auch praxisnahe Prüfungen vorsieht, und erläuterte, erst der Besuch von insgesamt drei oder vier Kursen mit dem Abschluss B1 oder besser B2 ermögliche eine selbstständige Teilnahme am Leben in Deutschland. Etwa für Bewerbungsschreiben oder den Kundenkontakt im späteren Beruf sei nämlich ein gutes Schriftdeutsch unerlässlich.
Die Kursstufen A1 bis C2
Im Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GeR) sind die Sprachkompetenzen von Lernenden beschrieben. Dabei werden sechs Niveaustufen (A1 bis C2) unterschieden. Auf jeder Niveaustufe ist aufgelistet, was ein Lernender oder eine Lernende kann (sogenannte „Kann-Beschreibungen“).
Der Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen stellt in Europa eine gemeinsame Basis für die Entwicklung von Lehrplänen, Curricula, Prüfungen, Lehrwerken usw. dar. Es werden objektive Kriterien für die Beschreibung von Sprachkompetenz bereitgestellt; dies dient der Transparenz von Kursen und der Vergleichbarkeit von Qualifikationsnachweisen.
A: Elementare Sprachverwendung
Niveau A1
- Kann vertraute, alltägliche Ausdrücke und ganz einfache Sätze verstehen und verwenden, die auf die Befriedigung konkreter Bedürfnisse zielen.
- Kann sich und andere vorstellen und anderen Leuten Fragen zu ihrer Person stellen z.B. wo sie wohnen, was für Leute sie kennen oder was für Dinge sie haben und kann auf Fragen dieser Art Antwort geben.
- Kann sich auf einfache Art verständigen, wenn die Gesprächspartnerinnen oder Gesprächspartner langsam und deutlich sprechen und bereit sind zu helfen.
Niveau A2
- Kann Sätze und häufig gebrauchte Ausdrücke verstehen, die mit Bereichen von ganz unmittelbarer Bedeutung zusammenhängen (z. B. Informationen zur Person und zur Familie, Einkaufen, Arbeit, nähere Umgebung).
- Kann sich in einfachen, routinemäßigen Situationen verständigen, in denen es um einen einfachen und direkten Austausch von Informationen über vertraute und geläufige Dinge geht.
- Kann mit einfachen Mitteln die eigene Herkunft und Ausbildung, die direkte Umgebung und Dinge im Zusammenhang mit unmittelbaren Bedürfnissen beschreiben.
B: Selbstständige Sprachverwendung
Niveau B1
- Kann die Hauptpunkte verstehen, wenn klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um vertraute Dinge aus Arbeit, Schule, Freizeit usw. geht.
- Kann die meisten Situationen bewältigen, denen man auf Reisen im Sprachgebiet begegnet.
- Kann sich einfach und zusammenhängend über vertraute Themen und persönliche Interessengebiete äußern.
- Kann über Erfahrungen und Ereignisse berichten, Träume, Hoffnungen und Ziele beschreiben und zu Plänen und Ansichten kurze Begründungen oder Erklärungen geben.
Niveau B2
- Kann die Hauptinhalte komplexer Texte zu konkreten und abstrakten Themen verstehen; versteht im eigenen Spezialgebiet auch Fachdiskussionen.
- Kann sich so spontan und fließend verständigen, dass ein normales Gespräch mit Muttersprachlern ohne größere Anstrengung auf beiden Seiten gut möglich ist.
- Kann sich zu einem breiten Themenspektrum klar und detailliert ausdrücken, einen Standpunkt zu einer aktuellen Frage erläutern und die Vor- und Nachteile verschiedener Möglichkeiten angeben.
C: Kompetente Sprachverwendung
Niveau C1
- Kann ein breites Spektrum anspruchsvoller, längerer Texte verstehen und auch implizite Bedeutungen erfassen.
- Kann sich spontan und fließend ausdrücken, ohne öfter deutlich erkennbar nach Worten suchen zu müssen.
- Kann die Sprache im gesellschaftlichen und beruflichen Leben oder in Ausbildung und Studium wirksam und flexibel gebrauchen.
- Kann sich klar, strukturiert und ausführlich zu komplexen Sachverhalten äußern und dabei verschiedene Mittel zur Textverknüpfung angemessen verwenden.
Niveau C2
- Kann praktisch alles, was er / sie liest oder hört, mühelos verstehen.
- Kann Informationen aus verschiedenen schriftlichen und mündlichen Quellen zusammenfassen und dabei Begründungen und Erklärungen in einer zusammenhängenden Darstellung wiedergeben.
- Kann sich spontan, sehr flüssig und genau ausdrücken und auch bei komplexeren Sachverhalten feinere Bedeutungsnuancen deutlich machen.
Plänen, künftig nur noch bis zur Stufe A2 zu fördern, erteilte sie hingegen eine klare Absage und warnte davor, Menschen mit unzureichenden Sprachkenntnissen auf den Arbeitsmarkt zu schicken, zumal sie dort aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse die Probezeit oft nicht überstehen würden. Es sei nach ihren Erfahrungen eine Illusion, dass es möglich sei, die Sprache in der Firma quasi nebenbei zu erlernen.
Die Konstanzer Bundestagsabgeordnete Lina Seitzl betonte die hohe Motivation gerade der Teilnehmenden mit einem klaren Berufswunsch und beklagte den Förderungsstopp durch das BAMF, gegen den sie sich persönlich bei Innenminister Alexander Dobrindt eingesetzt habe.
Nach Angaben von vhs-Programmleiter Stephan Kühnle rechne man in Konstanz damit, dass durch diese Sparmaßnahme 10 Kurse zu je 600 Stunden pro Teilnehmer:in wegfallen könnten.
Kehrtwende
In der letzten Woche ruderte das Ministerium dann wieder ein Stück zurück. Ab 1. Juni soll es ein Kontigent geförderter Kurse für freiwillige Teilnehmer:innen aus der EU und der Ukraine geben, das offensteht, solange ein bestimmter Kostenrahmen nicht überschritten wird. Das heißt aber auch, dass die freiwillige Teilnahme von Asylbewerbern und Geduldeten an Integrationskursen auch in Zukunft nicht mehr gefördert wird. „Stattdessen sollen für sie die Erstorientierungskurse ausgebaut werden, die auch Möglichkeiten zum Spracherwerb bieten“, meldet ntv.
Es bleibt insgesamt für viele Betroffene also bei einer deutlichen Verschlechterung der Sprach- und Integrationsangebote.

Schreiben Sie einen Kommentar