
Überraschend wird der Konstanzer Bundestagsabgeordnete Andreas Jung für die CDU das Amt des Kultusministers übernehmen. Er gilt als einflussreicher Bundespolitiker und Klimaschutz-Experte seiner Partei sowie als Vertreter des progressiven Parteiflügels. Die im Koalitionsvertrag festgelegte Strategie der neuen Landesregierung beim Thema Bildung erweist sich jedoch als rückwärtsgewandt.
Andreas Jung gehört dem Bundestag seit 2005 an und befasst sich seitdem mit Klimaschutz- und Energiethemen. Sicherlich muss die Klimaschutzpolitik der CDU kritisch betrachtet werden – der Einfluss der Wirtschaftslobby ist groß, Klimapolitik oft wenig ambitioniert. Gleichwohl kann Jung zugutegehalten werden, dass er Umweltthemen im Bundestag langfristig und ernsthaft bearbeitet hat. Zudem ist sein ausgesprochen offener und freundlicher Kommunikationsstil auffällig, auch in Bezug auf Personen, die der CDU kritisch gegenüberstehen.
Seit 2022 ist er als stellvertretender Bundesvorsitzender Teil der Führungsriege der CDU. Er galt als Vertrauter von Angela Merkel und später von Armin Laschet, der ihn 2021 wohl zum Bundesminister gemacht hätte, wenn er denn Kanzler geworden wäre. Friedrich Merz verweigerte Jung diese Position. Das Klima- und Umweltressort fiel 2025 an die SPD, Jung hätte aber durchaus Wirtschafts- und Energieminister oder Verkehrsminister werden können.
Merz bevorzugte für das Wirtschaftsressort Katharina Reiche als Exponentin der Wirtschaftslobby sowie für Verkehr Patrick Schnieder, einen wenig profilierten Bundestagsabgeordneten. Stattdessen wurde Jung ein Posten als Staatssekretär im Auswärtigen Amt angeboten. Jung lehnte ab, da er die Umweltthemen weiterverfolgen wollte.
Wechsel in die Landespolitik
Auf den ersten Blick erscheint es daher verwunderlich, dass Jung nicht nur diese Themen aufgibt, sondern auch noch von der Bundes- in die Landespolitik wechselt. Auf den zweiten Blick kann man seine Entscheidungen aber gut nachvollziehen. Der Posten im Auswärtigen Amt wäre eher von repräsentativem Charakter gewesen mit wenig politischem Einfluss, ein Kultusminister verfügt hingegen über vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten. Schließlich ist der Bildungsbereich eines der wenigen Politikfelder, in denen die Landespolitik wirklich großen Einfluss hat.
Mit Bildungspolitik befasste sich Jung bisher nicht, er verfügt hier über keine Fachkompetenz. Das kann aber auch ein Vorteil sein. Im Apparat des Kultusministeriums und nachgeordneter großer Behörden wie dem Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) sind Expert*innen für alle möglichen Themenfelder zu finden.
Als problematisch erweist sich jedoch oft Kompetenzgerangel (zum Beispiel zwischen Ministerium und ZSL) sowie die unklare Abgrenzung von Zuständigkeiten. Da kann es hilfreich sein, wenn eine Person mit hoher kommunikativer Kompetenz von außen kommt. Jung wird sowohl nach innen als auch nach außen gegenüber Lehrkräften, Schüler*innen und vor allem Eltern und deren Interessenorganisationen kommunizieren müssen – wahrlich keine einfache Aufgabe.
Versäumnisse im Koalitionsvertrag
An der Aushandlung des Koalitionsvertrags war Jung nicht beteiligt. Die dort festgelegte Strategie der neuen Landesregierung beim Thema Bildung erweist sich als wenig ambitioniert. Im letzten grün-schwarzen Koalitionsvertrag aus dem Jahr 2021 hieß es: „Es besteht Einigkeit, dass keine grundlegenden Strukturdebatten geführt werden.“ Im aktuellen Koalitionsvertrag 2026 wird nun formuliert: „Wir haben uns darauf verständigt, in dieser Legislatur keine Schulstrukturdebatte zu führen.“
Letztlich konnte die Aussage von 2021 nicht durchgehalten werden. Aufgrund von starkem Druck insbesondere aus den Reihen der Eltern wurde das neunjährige Gymnasium wieder eingeführt, die Schulstruktur also erheblich verändert.
Parallel dazu ist die Grundschulempfehlung wieder verbindlich geworden. Sie ist also keine wirkliche Empfehlung mehr, sondern de facto eine Zuweisung. Dies wurde mit der Einführung einer Testung für Lernende in der vierten Klasse verbunden, offiziell „Kompass 4“ genannt, inoffiziell „Grundschulabitur“. Beim ersten Durchlauf im Herbst 2024 wurde der Test im Fach Mathematik an den Fähigkeiten der Schüler*innen sowie am Mathe-Unterricht der Grundschule vorbei konzipiert, so dass es flächendeckend zu sehr schlechten Ergebnissen kam. An zahlreichen Grundschulen gab es weinende Kinder. Die bisherige Ministerin Theresa Schopper (Grüne) musste sich für die Fehlkonzeption entschuldigen.
Strukturveränderung wurden also zunächst ausgeschlossen und dann doch unter hohem Zeitdruck umgesetzt. Ganz erstaunlich, dass der Fehler jetzt wiederholt wird. Ausgerechnet das Bildungskapitel scheint nahezulegen, dass die Verantwortlichen von Grün-Schwarz nicht dazulernen wollen.
Nicht zukunftsfähig
Für das Gymnasium erweist es sich im Prinzip als sinnvoll, die vorhandene Strukturreform – also die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium – in den nächsten Jahren schrittweise „hochwachsen“ zu lassen und keine erneuten grundlegenden Veränderungen vorzusehen. Im laufenden Schuljahr befinden sich die Klassen 5 und 6 im „G9“, ab Klasse 7 gilt noch „G8“.
Bezüglich der Schularten Gemeinschaftsschule, Realschule und Werkrealschule gibt es landesweit zahlreiche nicht leistungsfähige Schulstandorte. Zudem befinden sich ähnlich profilierte Schularten in einer problematischen Konkurrenz zueinander. In keinem anderen Bundesland ist die Schullandschaft so zersplittert wie in Baden-Württemberg. In Fachkreisen wird die Zusammenführung der drei Schularten der Sekundarstufe diskutiert mit der Zielsetzung, eine neue starke Schulart als „zweite Säule“ neben dem Gymnasium zu etablieren, die alle drei Schulabschlüsse anbietet. Die Landesregierung will aber an einer nicht zukunftsfähigen Struktur festhalten.
Ganztagsschulen und Kitas
Die Ganztagsschule ist das Modell der Zukunft. Dort kann eine sogenannte „Rhythmisierung“ stattfinden – also eine pädagogisch sinnvolle Strukturierung des Schultags mit Einbezug von Phasen der individuellen Förderung, von Bewegung sowie Entspannung. Eltern kennen Ganztagsangebote aus dem Kita-Bereich und werden diese auch im Schulbereich verstärkt nachfragen. Die neue Landesregierung möchte immerhin den Ausbau von Ganztagsgrundschulen vorantreiben – im „Dialog mit den Schulträgern“, wie es im Koalitionsvertrag heißt. Die Gemeinschaftsschule ist per se bereits eine Ganztagsschule. In Bezug auf die Gymnasien und Realschulen duckt sich die neue Regierung weg, es findet sich zur Stärkung des Ganztags an diesen Schularten kein Wort im Koalitionsvertrag.
Schließlich kündigt Grün-Schwarz die Einführung eines „verbindlichen und kostenfreien letzten Kindergartenjahrs“ an. Das wird die Eltern und auch die Kommunen entlasten, da das Land die Kita-Finanzierung zumindest für ein Jahr übernehmen wird. Wer Kitas jedoch wirklich als Bildungseinrichtungen versteht, der muss sie von Anfang an gebührenfrei machen. Das Beispiel des Bundeslands Berlin zeigt, dass dies machbar ist.
In Baden-Württemberg erweist es sich als Problem, dass oft nur Kinder aus bildungsnahen Milieus bereits mit unter drei Jahren eine Kita besuchen. Die Eltern müssen hohe Kosten stemmen. In Städten wie Konstanz ist trotz des formalen Rechtsanspruchs aufgrund der Kapazitätsprobleme die Berufstätigkeit beider Eltern nachzuweisen, um einen Kita-Platz zu erhalten. Im Sinne von Bildungsgerechtigkeit, Sprachförderung und Integration wäre es aber wichtig, dass ein höherer Anteil von Kleinkindern die Kita besucht, auch Kinder mit einem schwierigen sozio-ökonomischen Hintergrund. Man staunt darüber, dass ausgerechnet im vergleichsweise reichen Baden-Württemberg über die hohe Kostenbelastung für das Land durch ein einziges beitragsfreies Jahr lamentiert wird.


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