
„Hoppla – wir … noch“ – stolpert das Theater Konstanz mit seinem neuen Motto in die nächste Spielzeit? Und das nach den letzten beiden so kraftvollen Mottos (schade Duden; wäre Motti nicht so viel sympathischer gewesen?) „Klasse Gesellschaft“ und „Hoffnung radikal“. Oder ist es gar kein Stolpern, sondern ein unbeirrbares Aufstehen?
Das konnte man sich bei der Vorstellung dieser kommenden Spielzeit 2026/2027 von Intendantin Karin Becker und einem Teil der Dramaturgie, den Dramaturginnen Meike Sasse, Romana Lautner und Carola von Gradulewski erklären lassen. Oder man kann es im Spielzeitheft nachlesen – ab sofort digital auf der Homepage des Theaters – sowie ab der Premiere des Münsterplatz Open Air am 13.06. als gedruckte Version, erhältlich in allen Spielstätten oder an der Theaterkasse im KulturKiosk.
Hoppla – wir fragen noch, Hoppla – wir träumen noch, Hoppla – wir hoffen noch, Hoppla – wir spielen noch. Ja, es wird noch gespielt am Theater Konstanz! Trotz aller Unkenrufe und Sparmaßnahmen! Und OB Uli Burcharrdt sowie Kulturbürgermeister Dr. Andreas Osner schreiben in ihrem Vorwort zum Spielzeitheft immerhin, dass „Hoppla“ manchmal der Anfang von etwas Neuem ist. Da darf die Frage erlaubt sein, ob das nun eher beruhigend ist, oder ob sich doch am Horizont ein Kulturnotstand der Stadt abzeichnet. Aber da halten wir es einfach noch einmal mit dem vorletzten Motto: „Hoffnung radikal“!
Stolpern und Aufstehen

Von den Dramaturginnen und Intendantin Karin Becker ist zu erfahren, dass „Hoppla“ sehr wohl vom Stolpern und Aufstehen, vom Leben in all seinen Facetten, vom Spaß am Denken und der Lust am Spielen handelt, eine Einladung zum Mitdenken und Mitfühlen darstellt. Angelehnt ist das Motto an Ernst Tollers expressionistisches Theaterstück „Hoppla, wir leben!“. Und ganz frech wurde ein „noch“ angehängt, eine „trotzig-leuchtende Silbe in einer Welt, die sich an den Rändern brüchig anfühlt – und ein Ausdruck dafür, dass unsere Gewissheiten ins Stolpern geraten“, so die Dramaturgie im Spielzeitheft.
Und weiter: „Uns interessiert das Reiben an Gewissheiten, das Stolpern über weiße Flecken, das produktive Unbehagen. Wenn auf der Bühne unausgesprochene Hierarchien, koloniale Erbschaften oder geschlossene Milieus ins Licht geraten, dann ist das auch eine Einladung, die eigenen Positionen zu befragen und gemeinsam genauer hinzusehen.“ Diese Aussagen versprechen Kontinuität in der Programmgestaltung. Auch bei den Regie-Teams werden etliche „Wiederholungstäter“ erwartet. Außerdem überrascht das Konstanzer Theater wieder mit einer Vielzahl an Uraufführungen: insgesamt 6 stehen auf dem Plan.
Erhalten bleibt dem Publikum das komplette Dramaturgie-Team und auch im Schauspielensemble gibt es kaum Wechsel. Leider verlassen Jasper Diedrichsen, der u.a. als Biedermann und als Argan in Molières „Der eingebildet Kranke“ glänzte, sowie Anna Lisa Grebe, die in „Hedwig and the Angry Inch“ als Yitzhak zu überzeugen wusste, Konstanz. Gespannt darf man auf Neuzugang Laura Dittmann sein; ebenfalls fest ins Ensemble kommt Luise Hipp, die als Gast in dieser Spielzeit schon in „Die Tiefe“ und im Familienstück „Hinter verzauberten Fenstern“ zu sehen war. Kontinuität auch in der Intendanz: Karin Becker hat Ende März ihren Vertrag um weitere fünf Jahre verlängert und bleibt damit dem Publikum bis mindestens 2033 erhalten.
Auftakt mit einem Fest

Gestartet wird die Spielzeit 2026/2027 am 19.09. mit dem traditionellen Theaterfest auf dem Münsterplatz, im Stadttheater und im Werkstattgebäude. Es folgt das Eröffnungswochenende 25./26.09. im Stadttheater mit „Garland“ und auf der Werkstattbühne mit „Verbranntes Land“. Mit ihrem Endzeit-Roadmovie „Garland“ begegnet Autorin Svenja Viola Bungarten, deren skurriles Stück „Tot sind wir nicht“ 2022 in der Spiegelhalle gespielt wurde, dem Krisen-Dauermodus unserer Zeit mit einer witzigen Persiflage des „Zauberer von Oz“, Regie führt Simone Geyer, die zuletzt in Konstanz „Wie jede andere hier“ inszenierte, das eine Wiederaufnahme erfährt. „Verbranntes Land“ ist eine queere Widerstandslovestory.
Die erste Uraufführung der Spielzeit, „unreif“ von Lena Riemer, kommt im Oktober 2026 für ein Publikum ab 14 Jahren auf die Bühne der Spiegelhalle. Drei Freundinnen erinnern sich an ihre Teenie-Zeit, an den Alltagssexismus, an die Übergriffigkeiten und an die vielen Dinge, die sie damals gern anders erlebt hätten. Gemeinsam wagen sie den Versuch, zurück in die Erinnerungen einzutauchen und sie zu verändern.
Viel fürs Jungvolk
Fürs junge Publikum folgt im November „Frederick“ (ab 3 Jahren) über eine kleine Maus, die für den Winter Vorräte an Sommererinnerungen, Sonnenstrahlen, Farben und Gedichten anlegt. Und im Stadttheater wird das Familienstück „Tiere im Hotel“ (ab 6 Jahren) – voll absurder Wendungen und viel Sinn für Slapstick, Humor und Fantasie – gezeigt. Ebenfalls im großen Haus erlebt man „Die Verwandlung“ (ab 12 Jahren) sehr frei nach Kafka in einer Bearbeitung des vielfach ausgezeichneten Regisseurs und Autors Sergej Gößner, der in Konstanz zuletzt in „Zehner“ Regie führte.
„Irgenwo ist immer Süden“ (ab 10 Jahren“ wird in der Spiegelhalle gespielt und das diesjährige Klassenzimmerstück heißt „Die Bademattenrepublik“ und ist ein interaktives Abenteuer für Kinder ab 8 Jahren, das allerdings nicht in Klassenzimmern gastiert, sondern gemeinsam mit zwei Schulklassen gleich die ganze Turnhalle in Beschlag nimmt. Gemeinsam wird ein demokratischer Staat gegründet und die Welt gerettet – und das alles innerhalb von 70 Minuten!

Fürs erwachsene Publikum steht im Oktober 2026 im Stadttheater „Die Nebel von Dybern“, ein visionäres Drama um Gier und Gewissen, auf dem Spielplan, sowie ab 27.11. die Krimi-Komödie „Paarlaufen II“ in der Regie von Maya Fanke, die zu Beginn der Intendanz von Karin Becker mit „Der ideale Mann“ zu begeistern wusste. Ab 12.12. ist in der Spiegelhalle die zweite Uraufführung zu sehen: „Hoppla“ nach Ernst Toller – Hannes Weiler, der gerade „Schimme! Ohne Pferd und ohne Reiter“ inszenierte, verspricht einen Abend über Kunst und Politik mit gelegentlichen „Hoppla“-Momenten. Auch Regisseurin Susanne Frieling ist zurück in Konstanz. 2022 berührte sie ihr Publikum mit „Unter anderen Umständen“ über die fehlende Trauerkultur bei sogenannten „Sternenkindern“, die vor, während oder kurz nach der Geburt versterben. In ihrer neuen Uraufführung „Requiem“ präsentiert sie auf der Werkstattbühne, ausgehend von Interviews, Gesprächen und Recherchen einen dokumentarischen Theaterabend über das Sterben, über letzte Entscheidungen, Abschiede, Angst, Wut, Liebe. Ein Abend über die Frage, wem unser Leben gehört.
In der Spiegelhalle gelangt dann im Rahmen des Bodenseefestivals 2027 „Über die Notwendigkeit, dass ein See verschwindet“ zur Aufführung – tragikomisch, bissig und an der Grenze zwischen Komödie und Katastrophe. Regie führt Susi Weber, die sich direkt in diesen absurden Text verliebte. Bekannt ist sie dem Konstanzer Publikum u.a. durch „Viel Lärm um nichts“ auf dem Münsterplatz (2021) sowie die Musikproduktionen „Shockheaded Peter“ (2022), „Der kleine Horrorladen“ (2024) und zuletzt „Hedwig and the Angry Inch“. Die letzte Produktion der Spielzeit im Stadttheater wird „Das Mädchen auf dem Altar“ sein, ein Machtspiel über Begehren, Schuld und Schmerz.
Theater musikalisch
Natürlich wird es am Theater Konstanz auch wieder musikalisch. Den Anfang macht Jonas Pätzold, der bereits mit seinem Liederabend „Kurz vor Kuss“ begeisterte. Für die Uraufführung „Und der Zukunft zugewandt“ vereint er eigene Kompositionen mit bekannten Songs. Das Musical im Großen Haus wird dieses Jahr von Ekat Cordes inszeniert, der das Publikum 2024 auf dem Münsterplatz mit einem sehr schrägen „Sommernachtstraum“ beglückte – und diesen Sommer „Leonce und Lena“ auf die Open Air Bühne bringt. Man darf darauf und auch auf „Alice“, das Musical nach Lewis Carroll von Robert Wilson, Tom Waits, Kathleen Brennan und Paul Schmidt ab Februar 2027 gespannt sein.
Christina Rast ist ebenfalls Münsterplatz-erprobt („Der eingebildete Kranke“ 2023, „Die Dreigroschenoper“ 2025) sowie in dieser Spielzeit erfolgreich mit der Komödie „Kunst“, die wieder auf die Bühne kommen soll. 2027 inszeniert sie die Uraufführung „Fallende Blätter“ nach dem gleichnamigen Film von Aki Kaurismäki, wobei sie der skurrilen Romanze die passende finnisch-musikalische Begleitmusik zur Seite stellt. Auch bei der Uraufführung „Lady Bismarck“ von und in der Regie von Juli Mahid Carly wird‘s musikalisch – zu erwarten ist ein Leitkultur-Musical mit Glitzer, Glamour und Pickelhaube. Und last but not least verspricht „Die Zauberflöte – The Opera but not the Opera” 2027 ein rasantes Freilichtspektakel mit Mozart und Pop.

Ebenfalls wieder auf dem Programm stehen die beliebten Reihen wie das Let’s Ally Forum – dieses Mal unter dem Motto „Tell me more“. Zuletzt hat das Kulturfestival „Let’s Ally – Ideal Teilhabe, Vol. 2“ den Inklusionspreis 2025 des Landkreises Konstanz gewonnen. Intendantin Karin Becker lädt zum Spielzeitfrühstück, und Ensemblemitglieder erlebt man bei „Der Soundtrack meines Lebens“ im Klimperkasten. Auch „Torten und Stücke“ im Café Wessenberg wird wieder angeboten. Hier werden zeitgenössische Texte vorgestellt und das Publikum entscheidet, welche von Interesse sind. So wurde vor 2 Jahren für „unreif“ und „Über die Notwendigkeit, dass ein See verschwindet“ votiert, die nun beide in der kommenden Saison zur Aufführung gelangen.
Noch ist die aktuelle Spielzeit 2025/2026 nicht zu Ende – „Rollenwandel: Schiff der Träume“ feiert Ende Mai Premiere und im Juni startet das beliebte Münsterplatz Open Air mit „Leonce und Lena“ – und dennoch kann Karin Becker schon jetzt eine Auslastung von über 80 Prozent verkünden.
Das wird nicht nur die Stadt Konstanz gerne hören.
Theaterfotos: Ilja Mess


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