
Am Nachmittag des 25. April demonstrierten etwa 350 Menschen in Konstanz unter dem Motto „Männer gegen Gewalt an Frauen“. Der Zug bewegte sich vom Münsterplatz zum Stadtgarten – und tatsächlich waren rund 60 Prozent der Teilnehmenden Männer: eine für feministische Demonstrationen ungewöhnlich hohe Quote.
Marcus Göbeler, Hauptorganisator der Demonstration, stellte in seiner Eröffnungsrede klar, dass sexualisierte Gewalt systemische Ursachen hat. Täter seien keine Einzelfälle, sondern Ausdruck eines jahrhundertealten Patriarchats. Er kritisierte eine politische Instrumentalisierung, die Gewalt gegen Frauen zur Stimmungsmache gegen Geflüchtete nutzt, und verwies darauf, dass Gewalt gegen Frauen nicht „einwandere“, sondern mit patriarchalen Verhaltensmustern von Männern zusammenhängt, die seit tausenden Jahren bestehen.
Anschließend kamen zwei Frauen zu Wort, die ihre persönlichen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt durch Männer – teils in Kindesalter – lyrisch verarbeitet haben.
Ein Satz von ihnen reicht
Und meine ganze Geschichte reicht nicht
Wir nennen das Einzelfälle
Einzelfälle mit denselben Worten, denselben Blicken, denselben Abläufen
Das ist kein Zufall
Das ist Struktur
Eine Struktur, in der Täter wissen, wo sie hingehen müssen
Nicht irgendwohin, sondern genau dorthin, wo niemand hinsieht
Ein Kind, das still ist
Eine Mutter, die kämpft
Ein Zuhause, in das man einfach eintreten kann
Und vor allem eine Struktur, die sie schützt
So sehr schützt, dass sie sich trauen, am helllichten Tag, mitten im Leben, nebenan, als wäre es ihr Recht
Sie testen keine Grenzen
Sie testen, ob es Konsequenzen gibt
Und solange es keine gibt, gibt es den Nächsten
Hör auf zu fragen: ‚Warum hat sie nichts gesagt?‘
Frag endlich: ‚Warum konnten sie es tun?‘
Der Nächste wartet nicht
Er ist schon da
An der Spitze des Zugs durch die Innenstadt wurde ein Plakat mit dem Motto der Demo, „Männer gegen Gewalt an Frauen“ getragen. Dieses zusammen mit den mehrheitlich männlichen Demonstrierenden mag den einen oder anderen Mann unter den zuschauenden Passanten vielleicht stärker beeindruckt und zur Reflexion über seine Privilegien motiviert haben, als es eine Demo von Frauen gegen patriarchale Gewalt vermocht hätte.
Nicht unterbrechen, nicht relativieren
In der Konzertmuschel im Stadtgarten präsentierte die Tanzgruppe der Uni Konstanz einen Ausschnitt aus ihrem Tanztheaterstück „Fragments“, das sich mit Macht und Wut in patriarchalen Strukturen beschäftigt und vom 2. bis 4. Mai im Kulturzentrum K9 gezeigt wird.

Der Autor und Künstler Benjamin Krauss benannte unterdrückte Emotionalität sowie die fehlende Fähigkeit zur Gefühlsregulation als zentrale Ursachen männlicher Gewalt. Er forderte deshalb bessere gesellschaftliche Angebote zur emotionalen Stabilisierung und Therapieangebote. Darauf folgten konkrete Verhaltensaufforderungen an Männer für Alltag und Arbeitskontext: Frauen nicht zu unterbrechen und sexistische Sprüche nicht zu tolerieren; von Sexismus und insbesondere sexualisierter Gewalt Betroffenen zu glauben; und unterstützend zu fragen, was sie brauchen, statt Beweise einzufordern oder zu relativieren. Es folgte eine Schweigeminute für durch patriarchale Gewalt getötete Frauen.
Der Schauspieler Patrick O. Beck machte in seiner Rede dem männlichen Publikum eine klare Ansage: Symbolische Unterstützung durchs Demonstrieren reicht nicht aus! Männer sollen darüber hinaus in ihren Peergroups sexistische Kommentare und Denkmuster frühzeitig und direkt ansprechen, dazu ihr eigenes Verhalten reflektieren und dauerhaft Verantwortung übernehmen.
Susanne Trunk-Dietrich vom Bundesvorstand des Vereins Terre des Femmes beschäftigte sich im finalen Redebeitrag vorrangig mit sexualisierter Gewalt an Frauen. Wohl nur etwa ein Zehntel der Vergewaltigungen in Deutschland würden zur Anzeige gebracht. Sie plädierte für eine Verschärfung des deutschen Sexualstrafrechts mit der Parole „Nur Ja heißt Ja“ und bemängelte die Unterversorgung des Konstanzer Frauenhauses.
Männer im Fokus
Gegenwind mussten sich die Demonstrierenden vom „Feministischen Antifaschistischen Kollektiv Konstanz“ (FAK) gefallen lassen, das mit einem Flugblatt auf sich aufmerksam machte. Wie kann eine Demonstration mit dem Anspruch „gemacht von Männern für Männer“ eine feministische Demonstration sein? Hier zeigte sich eine Konfliktlinie hinsichtlich der Nutzung und Deutung des Begriffs „Feminismus“.
Das FAK ist eine feministische Gruppe, die grundsätzlich nur FLINTAS*s (Frauen, Lesben, inter und nicht binäre, trans- und a-geschlechtliche Personen) aufnimmt. Im Flugblatt kritisierten die FAK-Aktivistinnen die Fokussierung auf Männer und ihre Interessen. So hatte Organisator Göbeler in der Werbung für die Demonstration formuliert: „Das Patriarchat ist nicht nur für Frauen Scheiße, es ist auch für uns Männer Scheiße.“ Seine „feministische“ Arbeit wolle zeigen, „wie man als Mann glücklich und frei sein kann, um für seine Mitmenschen eine Bereicherung zu sein“.

Für ein eigentlich feministisches Anliegen – keine Gewalt gegen Frauen – führt Göbeler also das Streben nach männlichem Glück als Motiv politischen Handelns an. Indem er aufzeigt, dass auch Männer wegen emotionalen Einschränkungen oder sozialen Erwartungen unter patriarchalen Strukturen leiden, verschiebt er den Fokus auf Männer statt auf Frauen, die mit konkreter Gewalt, struktureller Abwertung und im Extremfall körperlicher Gewalt konfrontiert sind.
Demonstrieren reicht nicht
Weiter forderte das FAK ein stärkeres Einbeziehen der ökonomischen Verhältnisse als Grundlage patriarchaler Gewalt. „Strukturelle Fragen nach Macht, materiellen Verhältnissen und gesellschaftlicher Organisation werden nur am Rand berührt. Eine Auseinandersetzung mit den ökonomischen Bedingungen patriarchaler Gewalt fehlt weitgehend. Damit bleibt die Kritik innerhalb eines Rahmens, der bestehende Verhältnisse nicht grundlegend infrage stellt.“
Gleich zu Beginn der Demonstration versprach Marcus Göbeler, sich mit der Kritik des FAK auseinanderzusetzen. So gilt es abzuwarten, ob er, der er sich bei den Vorbereitungen und auch bei der Demonstration so deutlich selbst in den Vordergrund gestellt hat, diese auf ihn gerichtete Aufmerksamkeit nun tatsächlich weitergeben wird, damit mehr Frauen gehört werden können, statt weiter primär Botschaften zu übermitteln, was richtige Männlichkeit werden soll. Bei dieser Demonstration jedenfalls standen eindeutig Männer im Fokus.
Göbeler, im Hauptberuf Lehrer an der Gemeinschaftsschule Gebhard, hat durch die Berichterstattung unter anderem auf der Website der Tagesschau für seinen Instagram-Account Tausende neuer Follower gewonnen, denen er persönliche Tipps für antisexistisches Männerverhalten gibt. Auch im Beitrag der SWR-Landesschau über die Demonstration stand Göbeler im Mittelpunkt, während die anderen Redner:innen mit keinem Wort erwähnt wurden.
In einigen Punkten waren sich Rednerinnen und Redner der Demonstration und die Kritikerinnen des FAK allerdings einig: Männer sollen sich nicht nur durch eine Teilnahme an solchen Demonstrationen, sondern auch im Alltag positionieren. Dazu gehört in einer patriarchalen Gesellschaft, dauerhaft über sich selbst zu reflektieren und bei offenem Sexismus stets den Mund zur Gegenrede aufzumachen. Nicht nur auf Demos reden, sondern Worte in Taten umsetzen!


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