
Die „Konstanzer BürgerInnenbefragung“ misst bereits seit 2008 „die Lebenszufriedenheit, aktuelle Problemlagen und den sozialen Wandel“ in unserer Stadt. In diesem Jahr richtete sich das Augenmerk beispielsweise auf die gerechte Verteilung der Verkehrsflächen zwischen den verschiedenen Verkehrsteilnehmer*innen.
Alljährlich werden möglichst repräsentativ ausgewählte Konstanzer*innen nach ihrer Meinung zum allgemeinen Lebensgefühl in der Bodenseemetropole sowie zu wechselnden Schwerpunktthemen befragt. Mit der Zeit ist so ein – mehr oder weniger aussagekräftiges – Bild der Schwankungen der Stimmungslage vor Ort entstanden.
Die Untersuchung, die wie immer vom Team um Thomas Hinz und seinem Team von der Universität mit Unterstützung der Stadtverwaltung durchgeführt wurde, erhielt bei dieser 18. Auflage im Jahr 2025 nach eigenen Angaben verwertbare Antworten von 2.621 Teilnehmer*innen.
So gemein
In den letzten rund zwei Jahrzehnten hat sich der Anteil des Radverkehrs in Konstanz am gesamten Verkehrsgeschehen – nicht zuletzt aufgrund der Bemühungen des Radverkehrsbeauftragten – erheblich erhöht, es war zusätzlich auch ein erhöhter Anteil an Fußgänger*innen zu verzeichnen. Dagegen ist der Anteil des motorisierten Individualverkehrs, also vor allem der Autos, gesunken, während der Anteil der öffentlichen Verkehrsmittel etwa gleich blieb. Man mag es zwar angesichts des Autoterrors am Wochenende kaum glauben, aber zumindest der Trend ist eindeutig: Weg vom Auto, hin zu menschen- und umweltfreundlicheren Verkehrsformen.
Wer allerdings vor die Tür tritt, erkennt sofort: Die Verkehrsflächen gehören weiterhin vor allem den Autos: In den Wohnquartieren wird das Stadtbild von üppigen Parkflächen für Autos (die ja zumeist nicht fahren, sondern in der Gegend vor sich hindämmern) beherrscht, während sich Zu-Fuß-Gehende wie Radelnde demütig dazwischen durchquetschen müssen – und immer wieder durch achtlos aufgerissene Autotüren zu Fall oder gleich zu Tode gebracht werden.
Ein weiteres Parkhaus für Autos: Voilà, hier ist es schon! Ein zentrales Parkhaus für Fahrräder: Undenkbar, wer soll das denn bezahlen?! Millionen für bequemeres Autofahren dank der Verkehrskadetten oder in Zukunft gar digitaler Wegweisung: Gar kein Problem. Breitere Radwege: Das kommt gar nicht erst in die Tüte.
Die Verteilung der Verkehrsflächen zwischen den Verkehrsarten hält also mit der tatsächlichen Verkehrsentwicklung und den Bedürfnissen der Menschen auch in unserer noch immer vor allem autogerechten Stadt nicht annähernd Schritt. Das ist natürlich nicht zuletzt ein Politikum, denn Bürgerliche wie Rechte präsentieren sich als natürliche Bündnispartner*innen des Autoverkehrs, der sein Scherflein dazu beiträgt, unsere Städte ebenso wie den Planeten zugrunde zu richten.
Konstanzer NIMBs
Was aber wollen die Konstanzer*innen: Was ist ihrer Meinung nach gerecht? Wer soll üppiger mit Verkehrsflächen bedacht werden, wer den Kürzeren ziehen?
Die Stimmung ist ziemlich eindeutig, ergab die Bürger*innenbefragung: „Eine Reduktion der dem Autoverkehr zugestandenen Flächen zugunsten des Radverkehrs findet breite Zustimmung. Die Richtung der gewünschten Umverteilung ist damit klar erkennbar: weniger Raum für Autos, mehr Raum für Fahrräder – und, in geringerem Maße, auch für den Fußverkehr.“ Mehr als die Hälfte der Befragten fordern viel weniger oder etwas weniger Fläche für Autofahrer*innen, deutlich mehr als die Hälfte wünscht sich etwas mehr oder viel mehr Platz für Radler*innen, und eine Mehrheit möchte auch den Fußgänger*innen mehr Raum geben.
Alles easy also, die öffentliche Meinung ist dem Verwaltungshandeln und der autofreundlichen Politik mal wieder um Lichtjahre voraus? Beinahe, denn wie immer fallen die Mehrheiten etwas schwächer aus, wenn es um Veränderungen direkt vor der eigenen Haustür geht. „NIMB = Not in my backyard“ heißt dieses Phänomen im internationalen Neusprech der Meinungsforscher*innengemeinschaft. Man kennt das: Windräder ja, aber nicht bei uns; neue Bahntrassen müssen her, aber nur durch Nachbars Garten.
So ist es auch mit der gerechten Umverteilung des Verkehrsraumes. Sollen neue Radwege vor der eigenen Haustür entstehen und dafür Parkplätze entfallen, sind sie nicht ganz so beliebt wie Radwege anderswo im Stadtgebiet, auch wenn sie immer noch eine Mehrheit finden. Wascht dem Bären das Fell, aber macht mich nicht nass, ist die Devise.
Kein Wunder ist es wohl auch, dass „Personen mit eigenem Auto dem Wegfall von Parkplätzen deutlich skeptischer“ gegenüberstehen als Befragte ohne Auto.
Höhere Zufriedenheit
Da bereits 2016 bei der BürgerInnenbefragung nach der Zufriedenheit mit einzelnen Aspekten des Radverkehrs gefragt wurde, kann die Studie einen guten Vergleich ziehen. Von einer fahrradfreundlichen Stadt wollten vor zehn Jahren 68 Prozent der Befragten sprechen, 2025 waren es 85 Prozent, auch der Ausbau des Radwegenetzes wird anerkannt. Immerhin 37 Prozent der Befragten sind aber der Meinung, dass es bei allen Verbesserungen immer noch nicht genügend „geeignete Fahrradständer oder Abstellanlagen“ gibt, und der Zustand der Radwege konnte heuer wie damals nur etwa zwei Drittel der Menschen überzeugen.
Das Fazit der Forscher*innen: „Bei einzelnen Aspekten sind noch Verbesserungspotenziale erkennbar, insbesondere was die Breite der Fahrradwege angeht. Das Radwegenetz hat sich zwar deutlich verbessert, aber der Hälfte der Konstanzer*innen sind die Radwege zu schmal.“
Es steht angesichts der weiterhin auf das Wohl der Autofahrenden konzentrierten Politik kaum zu erwarten, dass sich das in den nächsten zehn Jahren nennenswert ändern wird.
Quelle: Ergebnisse der Befragung 2025.


Schreiben Sie einen Kommentar