
Wussten Sie, dass die berühmte Spionin und Stripteasetänzerin Mata Hari eine Tochter hatte? Nein? Wussten Sie, dass Tulipe Rousseau, so hieß die Gute, ihre Mutter erst postum kennenlernte? Auch nicht? Dann kommen Sie am 24. März um 19 Uhr ins Kult X in Kreuzlingen. Die Figurenspielerin Sonja Lenneke erzählt mit viel Witz und Gesang von einer schwierigen Mutter-Tochter-Beziehung.
Kann man Beziehungen zu Menschen unterhalten, die man nie kennengelernt hat? Können Geschichten, die man nicht kennt, das eigene Leben prägen? Kann man Fehler wiederholen, die die eigenen Eltern gemacht haben? Kann man sich aus einem Schicksal lösen, das man nicht kennt?
In der Antike war man sich sicher: das Schicksal holt einen immer ein. Oft werden Geschichten erzählt von Prophezeiungen, die Herrschenden gemacht werden. Und so sehr sich diese auch bemühen, sich abstrampeln und Ränke schmieden: sie entgehen ihrem Schicksal nicht. Dabei muss offen bleiben, ob es nicht gerade das Wissen um die Prophezeiung selbst ist, dass den tatsächlichen Eintritt des Vorhergesagten wahrscheinlich macht. Selbst zu Zeiten, als man noch überzeugt war von der Existenz des Schicksals als einer außermenschlichen Kraft, ist man sich nicht sicher, ob es nicht doch des menschlichen Tuns und Glaubens selbst bedarf, um diesem zur Wirklichkeit zu verhelfen – zumal das Schicksal ja zumeist in Form der eigenen Kinder, also eben jener Wesen, die man selbst in die Welt gesetzt hat, zuschlägt. Und diese Kinder, die Erfüllenden der Vorhersagen, werden zu Werkzeugen einer geschichtsmächtigen Kraft, ohne das auch nur zu ahnen.
Todbringende Kraft
Vielleicht erzählen die Mythen der Alten auch davon, was schwere psychische Verletzungen tun – gerade die Mythen der griechischen Antike sind samt und sonders Familiengeschichten – und was geschieht, wenn man sich zu trennen versucht von denjenigen Persönlichkeitsteilen, die verletzlich oder schon verwundet sind, die nicht reifen, nicht erwachsen werden können –Kinder, die einem Angst machen. All die Kinder, die Könige und Königinnen in Wälder und ins Gebirge schicken, um sie dort töten zu lassen und die nur überleben dank des Mitleids und der Zuwendung von Botenfiguren – Jägern zumeist – und armen Leuten – Fischern, Bäuerinnen –, die sie großziehen. Und wie das unversöhnt, unversorgt Abgespaltene dann seinen Lauf nimmt und selbst zur todbringenden Kraft wird.
Natürlich kann man solche symbolträchtigen Geschichten auch anders herum lesen, nicht von den traumatisierten Eltern, sondern von den Kindern her, die von der elterlichen Not gar nichts wissen, aber sie dennoch als Fluch mit sich herumtragen. „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten/, dass ich so traurig bin“ – doch das „Mährchen aus uralten Zeiten“ kommt einem eben nicht in den Sinn, nicht zu Sinnen oder Bewusstsein, weil man es ja lebt Tag für Tag. Die Märchenkinder, die das Schicksal, das sie verkörpern oder das sich in ihnen verkörpert, nicht loswerden können und eben deshalb nicht verhindern können, dass es sich fortschreibt.
Von einem solchen Kind erzählt das Figurentheaterstück „Die Tochter der Mata Hari“. Sonja Lenneke, Figurenspielerin vom Theater Hand und Raum aus dem kleinen Örtchen Lohmar bei Köln, hat sich intensiv mit Fragen der Identität im und durch das Erinnern auseinandergesetzt, den Verlusten, aber auch kommunikativen Möglichkeiten von Demenzkranken, der Trauer um verlorene Menschen. Irgendwann sagte eine Freundin zu ihr: „Sag‘ mal, Sonja, kannst Du nicht mal irgendetwas machen, bei dem man kein Taschentuch braucht?“ Dieser Impuls bewegt sie dazu, einer weiteren Leidenschaft Raum geben zu wollen, dem Gesang, vor allem dem Swing der 1930er Jahre. Sie macht sich auf die Suche nach einem Regisseur, den sie für seinen Humor schätzt und beginnt, mit ihm gemeinsam Ideen zusammenzutragen.
Mutter und Tochter
„Ich suchte gemeinsam mit Jojo Ludwig, dem Regisseur des Stücks, Ideen für mögliche Szenen. Wir schreiben die Biografie einer Sängerin. Sie sitzt am letzten Tag auf der Bühne in ihrer Garderobe und blickt zurück auf ihr Leben. Die Gegenstände auf dem Tisch könnten Spielfiguren sein. Das war meine Grundidee. Ich wollte ja erst einmal singen. Welche Geschichte sich mit dem Gesang verknüpft, war mir zu dem Zeitpunkt gar nicht wichtig. Schnell wurde jedoch klar, dass es schwierig würde, ein ganzes Leben zu erzählen, indem man Swing-Songs, meine Lieblingsmusik, aneinanderreiht. Außerdem soll es ja auch in einer bestimmten Zeit spielen, die man ebenfalls abbilden muss. Hmm. Dann muss sie halt früh gestorben sein. Gestorben? Hmm, dann könnten wir eine reale Biografie nehmen und, hmm, vielleicht könnten wir dann – es muss ja einen Grund für den frühen Tod geben – in die Politik gucken. Und zunehmend wurde klar: dann geht ja nur Mata Hari. Aber Mata Hari hat ja nun einmal nicht gesungen, sondern getanzt! Naja, dann muss es eben ihre Tochter sein. Da aber auch die Tochter aus bühnenpragmatischen Gründen früh sterben muss, bot sich dann ein transgenerationales Erzählen an. Was gibt es da an Themen und schicksalhaften Verknüpfungen? Na, und die muss man ja spätestens nach dem Tod mal aufarbeiten. So ist die Idee zu diesem Stück entstanden.“
Einmal gefunden wird aus dem historischen Anlass und seiner Zufälligkeit schnell eine anspruchsvolle Auseinandersetzung, die zwischen Tragischem und Komischem balanciert. „Es hat mit Thema und Zeit zu tun, dass Dir das Lachen immer wieder im Halse stecken bleibt. Das Stück ist immer mehr ins Historische hineingewachsen und wird unglaublich tragfähig gerade dadurch, dass wir dem biographischen, historischen und politischen Hintergrund eine Bedeutung geben. Szenen bekommen eine ganz andere Farbe, eine ganz andere Dichte durch den Kontrast zwischen dem realen Geschehen der Zeit und der Offenheit, Neugier und dem kindlichen Spiel unserer Protagonistin.“

Das dritte Kind
Diese Protagonistin aber ist eben nicht die berühmt-berüchtigte Nackttänzerin und Spionin Mata Hari, die halb Europa den Kopf verdrehte – das wäre ja auch schlecht gegangen, die ist zur Hochzeit des Swing ja längst tot –, sondern ihre Tochter Tulipe, das dritte Kind der unter dem Namen Mata Hari bekannt gewordenen, 1876 in den Niederlanden geborenen Tänzerin Margaretha Geertruida Zelle. Ein Kind, das es nicht gab, aber „hätte […] gegeben haben können“, wie es der Programmflyer zum Stück formuliert, und das die wegen ihrer Enge von der Mutter verhasste niederländische Heimat bereits im Namen trägt. Zelles erstes Kind, ein Sohn, starb sehr früh – manche sagen, er sei vergiftet worden. Das zweite Kind ist eine Tochter, mit der sie kaum Umgang hatte und die nur zwei Jahre nach Mata Haris Hinrichtung am 15. Oktober 1917 aufgrund tatsächlicher, aber völlig bedeutungsloser Spionagetätigkeit starb. Das dritte Kind nun muss her, weil das Stück ja eine Sängerin brauchte und obendrein eine solche, die in den 1930er Jahren Swing performen konnte.
Und wie die anderen beiden Kinder Mata Haris, die allerdings einen anderen Vater, den gewalttätigen und alkoholsüchtigen niederländischen Kolonialoffizier John MacLeod, haben, stirbt auch Tulipe eines frühen Todes. „Das Stück beginnt mit meinem Tod. Und dann sind wir eben im Jenseits. Dort begegnet Tulipe zum ersten Mal ihrer Mutter“, beschreibt Sonja Lenneke den Einstieg in die Bühnenerzählung. Trotz des schweren Rucksacks der realen Geschichte kommt diese leicht daher. Mit viel Witz, Gesang und einer großen Bandbreite verschiedener Figuren und Puppentypen fragt sie nach den Prägungen der Tulipe Rousseau, Kind eines der vielen reichen und mächtigen Liebhaber ihrer Mutter.
„Gemeinsam mit meinem Regisseur hatte ich große Lust, diese Farbigkeit auch mit einer großen Fülle an Figuren und Spielweisen zu bedienen. Es ist durchaus eine Explosion auf der Bühne, ohne das Zuviel eines Ausstattungsdramas zu haben. Auf einer Bühne hat nichts etwas zu suchen, was nicht auch angespielt oder genutzt wird. Und so entsprechen Inhalt und Form auch der Wahl des Figurentypus einander. Immer da, wo verdichtete Emotionen in einer Szene dargestellt werden sollen, war die Wahl eine Tischfigur. Alle auch symbolisch oder biographisch ‚flachen‘ Personen hingegen werden auch als Flachfiguren repräsentiert. Außerdem ging es uns um das Thema ‚Größe‘. Ich spiele ja die Tochter der Mata Hari und Mata Hari selbst ist ja schon lange im Jenseits und da war klar: die muss etwas Geisthaft-Vergangenes in einer deutlichen Übergröße sein. So wie Menschen, die man verliert, ja in der Erinnerung neue Formen bekommen. Die dann glorifiziert werden oder bei denen bestimmte Eigenschaften stark hervorgehoben werden. Ganz am anderen Ende gibt es eine gerade mal daumengroße Holzgliederfigur, die in einem kleinen Moment alles an Emotion komprimiert. Das funktioniert, weil der Zuschauer sie schon vorher in größer gesehen hat. Was kann eine Figur atmen, was kann man verdichten so lange, bis ich nur noch behaupte, ich hätte eine Figur in der Hand, aber da ist gar keine mehr.“
„Die Tochter der Mata Hari“, Figurentheater von und mit Sonja Lenneke, 24. März 2026, 19 Uhr, Kult X, Hafenstr. 80, Kreuzlingen, Eintritt: 8 Euro, Universitätsmitglieder frei. Die Aufführung findet im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum Internationalen Frauentag statt und wurde vom Referat für Gleichstellung, Familienförderung und Diversity sowie der Chancengleichheitsstelle der Universität Konstanz organisiert.


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