
Im ersten Teil unseres Interviews erläuterte der AKW-Sicherheitsexperte Wolfgang Renneberg, wie riskant die alten Schweizer Atomweiler an der Grenze sind. Aber was tun, wenn es knallt? Und: Steht uns – wie von Politiker:innen angedroht – ein Comeback der Atomindustrie bevor?
Wolfgang Storz: Gibt es denn für die deutschen Gebiete Notfallplanungen, die wenigstens den Anschein erwecken, dass sie im Katastrophenfall ein bisschen helfen?
Wolfgang Renneberg: Katastrophenschutz ist im Praktischen eine Aufgabe der Bundesländer. Jedes Land hat einen Notfallplan für den Fall eines kerntechnischen Unfalls. Die Arbeit mit diesen Notfallplänen wird in bestimmten Abständen in ihren Abläufen auch geübt. Ob und wie wirksam diese Pläne in Ernstfall sind, kann man nur schwer voraussagen. Ihre Bedeutung liegt darin, die Katastrophe so zu managen, dass es möglichst geringe Schäden gibt. Den Anspruch eines auch nur ansatzweise vollständigen Schutzes der Bevölkerung haben sie nicht. Insbesondere garantieren sie nicht, dass die Grenzwerte für radiologische Belastungen unterschritten werden. In den Plänen ist teilweise vorgesehen, besonders betroffene Gebiete unmittelbar nach dem Auftreten des Unfalls innerhalb von Stunden zu evakuieren.
Hält das jemand für machbar?
Wolfgang Renneberg: Ich halte das für illusorisch. Stellen Sie sich vor: Sobald die Nachricht von einem Atomkraftwerksunfall die Menschen erreicht, können schnell chaotische Zustände entstehen, weil sich viele Menschen sofort ins Auto setzen. Die Straßen verstopfen. Wenn die radioaktive Wolke sie im Stau erwischt, sind sie schutzloser als in ihrer Wohnung oder ihrem Haus. Eine kurzfristige Evakuierung käme nur dann in Betracht, wenn die Wetterlage es ausschlösse, dass die radioaktive Wolke die Region über eine längere Zeit nicht erreicht.
Aus diesem Grund werden die Behörden in einem solchen Fall zumeist empfehlen, zuhause zu bleiben und die Fenster zu schließen. Sie werden versuchen, Jodtabletten gegen die Aufnahme von radioaktivem Jod im Körper rechtzeitig zu verteilen. Dass die dazu vorgesehenen Mechanismen ausreichen, ist jedoch fraglich.
Verfolgen Sie die Debatten: Wie wird denn in der Schweiz darüber diskutiert?
Wolfgang Renneberg: Das Schweizer Kernenergiegesetz schließt den Neubau von Kernkraftwerken aus. Dieser Ausschluss erfolgte nach einer Volksabstimmung. Jetzt werden jedoch parlamentarische Vorbereitungen getroffen, um das im Kernenergiegesetz verankerte Verbot für neue Rahmenbewilligungen zu streichen und Kernkraftwerke wieder zuzulassen. Dies geschieht auf politische Initiative eines Bundesrats.
Was sind denn die Argumente für neue Atomkraftwerke in der Schweiz?
Wolfgang Renneberg: Als Grund wird angegeben, man wolle damit die „Technologieoffenheit“ herstellen, um die langfristige Versorgungssicherheit und die Klimaziele (Netto-Null 2050) zu gewährleisten. Und: Die Weltlage (Ukraine-Krieg, Strommangellage) seit 2017 habe sich drastisch verändert. Und aus all diesen Gründen könne es sich die Schweiz nicht leisten, auf eine CO2-arme Technologie zu verzichten.

Wird dabei auch über die enormen Kosten der Atomenergie debattiert? Erneuerbare Energien sind ja in Errichtung und Betrieb ungleich billiger und es gibt zudem keinerlei Entsorgungsprobleme.
Wolfgang Renneberg: Die Schweizer-Energieunternehmen haben in diesem Zusammenhang bereits klargestellt, dass sie nicht auf eigenes finanzielles Risiko neue Groß-AKWs bauen werden. Die Investitionskosten — geschätzt 15 bis 25 Milliarden Franken pro Werk — und die langen Planungszeiten seien am freien Markt nicht tragbar, so argumentieren die Schweizer Energieunternehmen. Die deutschen Energieunternehmen haben sich ähnlich geäußert. Sie haben klargestellt, dass die Erneuerbaren ökonomisch gesehen faktisch gewonnen haben.
Die Sozialdemokraten und die Grünen in der Schweiz haben bereits im Jahr 2025 offiziell angekündigt, ein Referendum zu starten, sobald das Parlament die Änderung des Kernenergiegesetzes verabschiedet. Ein Referendum ist die Möglichkeit, eine Volksabstimmung gegen ein bereits verabschiedetes Gesetz zu beantragen. Das klappt, wenn die Gegner des Gesetzes innerhalb von 100 Tagen nach dem Gesetzesbeschluss 50.000 Unterschriften sammeln. Es ist also insgesamt sehr fraglich, ob in der Schweiz zukünftig wieder Kernkraftwerke gebaut werden.
Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IAE) kommt es weltweit zu einem Comeback der Atomenergie. Mehr als 40 Länder verfolgten konkrete Pläne zum Ausbau der Atomkraft und wollen die weltweite Kernkraftkapazität bis 2050 verdreifachen. Die Kritiker der Atomenergie sagen: AKWs sind unfassbar teuer, belasten mit ihrem Müll Generationen und sind dankbare Ziele für Terroristen und Militärs. In Anbetracht dieser überzeugenden Kritik: Wie kann es zu einer solchen Renaissance kommen?
Wolfgang Renneberg: Die nackten Zahlen sprechen eine andere Sprache als die IAE. Der Kernenergie-Boom, soweit davon überhaupt gesprochen werden kann, ist vorbei. Es gehen im Trend mehr Anlagen vom Netz als neue Anlagen in Betrieb. Trotz der immer wieder beschworenen Renaissance der Kernenergie sinkt der Anteil der Kernenergie am globalen Strommix kontinuierlich: von etwa 17,5 Prozent im Jahr 1996 auf heute nur noch etwa 9 Prozent.
Auch die Zahl der betriebenen Atomkraftwerke in Europa und Nordamerika sinkt, weil sie gegenüber den erneuerbaren Energien einfach zu teuer sind. Wenn überhaupt, dann wächst die Kernenergie lediglich in China, Russland und Indien. Es ist auch mehr als zweifelhaft, ob diejenigen Atomkraftwerke, die in Planung sind, und von denen die IAE spricht, überhaupt realisiert werden. Weder das Geld noch die zur Verfügung stehende Infrastruktur noch das technische Knowhow wird ausreichen, um diese Pläne zu verwirklichen.
Dann haben faktisch die Erneuerbaren Energien, wie Sie eben sagten, gewonnen. Obwohl immer wieder in den Medien eine Renaissance der Atomkraft ausgerufen wird.
Wolfgang Renneberg: Im Jahr 2024 wurde mit dem Zuwachs der Erneuerbaren so viel elektrische Leistung geschaffen, wie sie etwa 500 Kernkraftwerken mit 1000 MW entspricht. Solch ein Leistungszuwachs wäre mit Kernkraftwerken undenkbar. Zur Lösung des CO2-Problems können Kernkraftwerke nach jetzigem Erkenntnisstand im weltweiten Maßstab nichts beitragen: zu teuer, zu spät, zu gefährlich.
Die Prognosen der IAE spiegeln nur Wunschvorstellungen der Atomlobby wider. Das war schon in der Vergangenheit so. Wären die früheren Prognosen der IAE eingetroffen, müsste es bereits jetzt mehr als zehnfach so viele Kernkraftwerke geben als die, die wir haben. Im Jahr 1974 prognostizierte die IAE für das Jahr 2000 eine weltweit installierte Kernkraftkapazität von etwa 4.450 Gigawatt (GW). Die Realität: Im Jahr 2000 waren weltweit tatsächlich nur etwa 350 GW am Netz.
Welche Länder setzen denn überhaupt noch auf Atomenergie? Ist da ein Typus zu erkennen?
Wolfgang Renneberg: Es fällt auf, dass etwa 80 Prozent der neuen oder neu geplanten Kernkraftwerke in Atomwaffenstaaten sind. Die haben einen handfesten Grund: Diese Staaten brauchen ihre zivil genutzten Kernkraftwerke und die dazugehörige Technologie und auch die Fachleute, um ihre militärische Atomwaffenfähigkeit zu behalten. Mit dem Klima hat das nichts zu tun.
Fünf Mal so teuer, fünf Mal längere Bauzeit
Es heißt allerorten, es gebe bald neue Kraftwerks-Generationen, Kleinreaktoren und Fusionsmaschinen. Die seien viel billiger und auch sicherer. Präsident Emmanuel Macron hatte 2021 die Fertigstellung eines ersten französischen Kleinreaktors (SMR) bis zum Ende des Jahrzehnts versprochen. Er nannte es „réinventer le nucléaire“. Was ist an diesen Versprechen dran?
Wolfgang Renneberg: Es ist völlig spekulativ vorherzusagen, wann es mal den Prototyp eines französischen Kleinreaktors gibt. Schauen wir mal auf die Lage in Frankreich: Die staatliche Elektrizitätsgesellschaft EDF ist mit über 60 Milliarden Euro hoch verschuldet. Der Grund für diese Überschuldung: massive Kostenüberschreitungen bei Neubauprojekten wie dem Europäischen Druckwasserreaktor EPR, ungeplante Langzeit-Stillstände der alternden Kraftwerksflotte wegen Korrosionsschäden und die politisch erzwungene Abgabe von billigem Atomstrom haben das Unternehmen an den Rand des finanziellen Kollapses gebracht.

Und der ERP soll Frankreich energiepolitisch retten?
Wolfgang Renneberg: Der von Frankreich entwickelte EPR, ein Kernkraftwerk, das eine Kernschmelze überstehen soll, wurde für einen Festpreis von 3,2 Milliarden Euro einem finnischen Energieunternehmen angeboten. Der Reaktor wurde in Finnland in Olkiluoto gebaut (Olkiluoto 3). Er kostete etwa das fünffache, 15 Milliarden Euro, und seine Bauzeit betrug 18 Jahre, fünfmal so lange wie geplant. Dabei sollte mit dem Bau des EPR demonstriert werden, dass der neue Reaktortyp mehr Sicherheit für einen geringen Preis bietet.
Und was bringt die neue Generation der Small Nuclear Reactors?
Wolfgang Renneberg: Weil eben das alles nicht funktioniert, sich vor allem auch nicht rechnet, deshalb wird jetzt die Hoffnung auf eine neue Generation von Kernkraftwerken gesetzt, die klein, smart, ungefährlich und billig sein sollen. Aber auch die Konzepte für diese Kernkraftwerke zeigen, dass die grundlegenden Risiken der Kernenergie nicht gelöst werden.
Denn die geplanten Small Nuclear Reactors sind zum großen Teil weder small noch smart. Entgegen allen anderen Aussagen machen sie ein Endlager nicht überflüssig. Darüber hinaus benötigten sie eine Infrastruktur zur Wiederaufarbeitung der radioaktiven Stoffe mit ihren eigenen hohen Risiken. Dass die Kernenergie mit neuen Reaktoren im gesamten System des Brennstoffkreislaufs auch tatsächlich sicherer wäre als bisher, ist nicht nachgewiesen. Eine Aussage darüber, wie teuer neue Reaktortypen werden, ist ebenso rein spekulativ.
Wird es diese SNRs denn überhaupt irgendwann einmal geben?
Wolfgang Renneberg: Es kann offen bleiben, ob es in weiterer Zukunft einmal solche Atomkraftwerke geben wird. Zurzeit gibt es jedenfalls kein einziges Atomkraftwerk-Konzept, das diese Eigenschaften demonstriert hat, technisch sowie finanziell machbar ist und beantragt werden könnte. Das wird sich in den nächsten Jahren nicht ändern. Und: Selbst wenn man davon ausginge, diese Reaktoren würden demnächst baureif werden, müssten weltweit viel mehr als 10.000 solcher Reaktoren gebaut werden, damit die Kernenergie einen nennenswerten Anteil an der CO2-Vermeidung hätte. Das ist eine absurde Vorstellung.
Wolfgang Storz hat dieses Gespräch zuerst im Blog Bruchstücke veröffentlicht und uns dankenswerterweise zur Verfügung gestellt.
Bilder: AKW Leibstadt bei Waldshut © Wladyslaw Sojka, FAL, via Wikimedia Commons /
Modell eines Behälters mit verbrauchten Brennelementen im Schweizer Entsorgungslabor Mont Terri (Kanton Jura) © Pit Wuhrer / Symbolbild eines Mini-AKW/SNR © Website Union Investment
Zusatzinfos:
Vollständiger Ausstieg? Neue Ansätze zur Atomforschung? Wiedereinstieg in die Atomenergie? Oder maximale Förderung der Atomkraft? Die Positionen der Parteien zur Atomenergie decken das ganze Spektrum ab. Hier ein Überblick des Umweltinstituts München (Stand: 2025): Welche Parteien wollen Atomkraft zurück?

Schreiben Sie einen Kommentar