Ratte wiki

Mit smarter Technik gegen Ratten

Von Ralph-Raymond Braun
Ratte wiki

Das Projekt Smart Green City sollte unsere Stadt der Zukunft näher bringen. Doch der Weg dorthin ist holprig und die Zukunft selbst höchst ungewiss. So wurde das 2021 mit 23 Teilprojekten gestartete Programm Schritt um Schritt auf aktuell nur noch elf Vorhaben gekürzt: Die einen wurden nie begonnen, andere auf halbem Weg abgebrochen. Vollständig umgesetzt wurde noch kein einziges Teilprojekt.

Zu den Vorhaben, die zwar fortgeführt, aber ohne neue Verpflichtungen in 2026 abgeschlossen werden sollen, für die Konstanz also, wenn es so kommt, die bereits erhaltenen Fördergelder nicht wird zurückzahlen müssen, zählt das Projekt „Schädlingsbekämpfung im öffentlichen Raum“. Dabei geht es nicht um Schädlinge aller Art, sondern einzig und allein um Ratten. Die putzigen Tierchen haben spätestens seit der mittelalterlichen Pest einen extrem schlechten Ruf als Zwischenwirt und Überträger von Infektionskrankheiten und werden neuerdings auch für das Verbreiten von antibiotikaresistenten Keimen verantwortlich gemacht. Während die Hausratte (rattus rattus) als vom Aussterben bedroht auf der Roten List steht, tummelt sich die Wanderratte (rattus norvegicus) dank gutem Nahrungsangebot zahlreich auch in Konstanz.

Wie Smart Green City Ratten dezimieren soll

Federführend fürs Rattenprojekt sind die Entsorgungsbetriebe (EBK). Die haben dazu bereits im Sommer 2024 über die Medien eine Kampagne realisiert, die in der Öffentlichkeit Problembewusstsein für eine triviale Wahrheit wecken sollte: Je weniger Müll im öffentlichen Raum zu finden ist, desto weniger Ratten werden angezogen. Wie wirksam diese Kampagne im Hinblick auf unsachgemäß bereitgestellten Bio- und Gelbsackmüll war, wurde bislang nicht evaluiert.

Zweiter Baustein war eine verbesserte, nämlich digitalisierte Zusammenarbeit in Sachen Rattenbekämpfung zwischen den Ämtern und städtischen Betrieben. Für die Kanäle sind die Entsorgungsbetriebe zuständig, für die oberirdischen Mülleimer die Technischen Betriebe, und bei Wildtieren mischt auch das Amt für Stadtplanung und Umwelt (ASU) mit.

Wie weit diese Zusammenarbeit gediehen ist, wissen wir nicht. Die in der Projektbeschreibung als Ziel angegebene „transparente Darstellung auf dem offenen Datenportal der Stadt Konstanz zu den Hintergründen und Informationen der städtischen Schädlingsbekämpfung im öffentlichen Raum“ gibt es bisher nicht. Auch die „angedachten Informationen […] wo wird aktuell bekämpft, wo wurden Ratten gesichtet“, werden bislang nicht veröffentlicht. Auf der Webseite des ASU gibt es ein schlaues Faltblatt zum Umgang mit Stadtfüchsen, aber nichts dergleichen zum Umgang mit Ratten.

Schlagfallen statt Giftköder

Drittes Element im Projekt war der Einsatz von Schlagfallen statt Giftködern in den Abwasserkanälen. Ratten nutzen die Kanalisation als Wegenetz, um sich ungesehen und ungestört durch Konstanz zu bewegen. Sie wohnen nicht im Kanal, aber sie sind dort unterwegs, geschützt von Autos, Eulen. Katzen und Stadtfüchsen. Darum ist die unterirdische Bekämpfung ein wichtiger Baustein, der im Zusammenspiel mit der oberirdischen Bekämpfung die Rattenpopulation wirksam begrenzen kann. 

Traditionell nutzen die Mitarbeitenden der EBK unterirdische Giftköder. Um nicht übermäßig zu giften, werden dabei zunächst ungiftige Fressköder in die Kanäle eingebracht. Anhand der Fressspuren am Testköder wird die Anzahl der Nager geschätzt und dann erst im zweiten Schritt an besonders frequentierten Stellen Gift ausgebracht.

Die eingesetzten Gifte führen zu einem qualvollen, sich über mehrere Tage hinziehenden Sterben durch innere Blutungen. Es besteht zudem die Gefahr von ungewollten Sekundärvergiftungen, etwa von Greifvögeln oder Hauskatzen, die das vergiftete Aas der toten Ratten fressen, auch von Gewässern und Boden. Aus gutem Grund ist deshalb der vorbeugende Einsatz von Rattengift schon länger verboten und die Rattenbekämpfung mit Giftködern künftig Profis vorbehalten: Ab Juli diesen Jahres, so will es die EU, dürfen Baumärkte kein Rattengift mehr verkaufen.

Braucht’s eine App fürs „humane“ Rattentöten?

Im Rahmen des Smart Green City Projekts wird nun der Einsatz von Schlagfallen im Kanal getestet. Diese in der Kanalisation montierten Fallen reagieren mit Sensoren auf die Bewegung und Körperwärme der Ratten. Läuft eine Ratte durch die Falle, fahren 14 Kunststoffbolzen mit einer Geschwindigkeit von 130 km/h aus und erschlagen das Tier. Danach wird die Rattenleiche vom Abwasser weggespült und die Falle ist wieder einsatzbereit. Jeder Einsatz wird zudem automatisch gemeldet. Mitarbeitende müssen nur noch zum Einsetzen der Schlagfalle oder bei einer Störung den Kanalschacht öffnen. Dafür sind weniger Besuche als bei Giftködern erforderlich, deren Nagespuren kontinuierlich im Schacht kontrolliert werden müssen.

Andere Städte, sei es Berlin oder Sinsheim, setzen die Schlagfallen auch ohne die Verknüpfung mit Smart City schon seit mehreren Jahren ein. Dabei kaufen die Kommunen gewöhnlich die Fallen nicht, sondern mieten sie für 1200 bis 1500 Euro pro Jahr und Stück.

Bleibt die Zusammenarbeit in Sachen Rattenbekämpfung zwischen den fürs Oberirdische und Unterirdische zuständigen Ämtern und Eigenbetrieben. Muss die wirklich über eine App digitalisiert sein? Oder würde nicht auch ein Anruf genügen: „Hey, wir haben dort außergewöhnliches Rattenaufkommen festgestellt, tut bitte auch ihr was dagegen!“?

Das Teilprojekt „Schädlingsbekämpfung“ des Smart Green City Programms ist nicht mehr als ein Nice-to-have, um Fördermittel für eine an sich selbstverständliche Aufgabe abzugreifen. Indes bleibt im Sinne des Tier- und Umweltschutzes zu wünschen, dass die EBK, ob geleast oder gekauft, auch über das Ende von Smart Green City hinaus Schlagfallen statt Giftköder einsetzen.

Fotos: Ratte auf dem Weg nach unten © Wikipedia / Aufbau einer Schlagfalle © Anticimex / Einsatz einer Schlagfalle durch die EBK © Nele Steurer, Entsorgungsbetriebe Stadt Konstanz (EBK)

Ein Kommentar

  1. Tom Reinberg

    // am:

    Auf SWR Kultur gibt es zum SGC-Projekt ‚Rattenbekämpfung‘ einen sehr interessanten Beitrag der Konstanzer Journalistin Vera Pache. Der link ist der Folgende: https://www.swr.de/swrkultur/wissen/ratten-muessen-wir-sie-wirklich-bekaempfen-102.html

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert