
Nachhaltigkeit ist weit mehr als Umweltschutz – das zeigte eine Woche voller Ideen, Debatten und Aktionen an der Uni Konstanz. Von recyclbaren Materialien über Fahrradstädte, Second-Hand-Kleidung bis hin zu Feminismus, Flüchtlingssolidarität und Baumbesetzungen – die „Sustainability Week“ machte greifbar, wie ökologisch, sozial und ökonomisch nachhaltiges Handeln zusammengehören.
Nachhaltigkeit hat viele Gesichter – das wurde in der letzten Woche während der Sustainability Week, der Nachhaltigkeitswoche, deutlich. Die vom Green Office der Uni Konstanz initiierten Thementage behandelten nicht nur ökologische, sondern auch soziale und ökonomische Nachhaltigkeit.
Aber was bedeutet das genau? Es geht um einen „verantwortungsbewussten Umgang mit den endlichen Ressourcen auf unserer Erde“, lautet die Definition der Landeszentrale für politische Bildung, „damit heutige und künftige Generationen weltweit ein lebenswertes Leben – entsprechend ihrer Bedürfnisse – führen können“. Die drei Säulen der Nachhaltigkeit erlebten die vielen Teilnehmende der letzten Woche in Workshops, Vorträgen und Ausstellungen hautnah mit.
Das Projekt wurde 2017 zum ersten Mal ins Leben gerufen. Ziel war es, Nachhaltigkeit sichtbar zu machen, Diskussionen anzustoßen und zu zeigen, wo und wie Menschen bereits heute aktiv werden können. Das Angebot richtet sich an Studierende der Uni, kann aber von jedem und jeder wahrgenommen werden – „niedrigschwellig, kostenlos und offen für alle“, schwärmte Mira Labs, Hauptorganisatorin und studentische Mitarbeiterin im Green Office.
Und so entstand ein vielfältiges Programm voller Begegnungen, Impulse und Ideen: von Forschungsausstellungen über Filmabende, Märkte und Theater bis hin zu handfestem Naturschutz.
Nachhaltig forschend
Gleich zu Beginn rückte die Sustainability Week die Rolle von Wissenschaft in den Mittelpunkt. Eine Ausstellung der Universität Konstanz zeigte, wie vielfältig Nachhaltigkeit erforscht wird – und dass ökologische Fragen dabei untrennbar mit sozialen und politischen Themen verbunden sind. Da war zum Beispiel die AG Mecking, die eine Alternative zu Polyethylen entwickelt hatte, die recyclbar und viel schneller abbaubar sei.

Ein weiterer Beitrag bestand aus einer Live-Aufnahme des Podcasts „in_equality“, der vom Exzellenzcluster The Politics of Inequality organisiert wird. Im Gespräch ging es um politischen und ökologischen Konsum und damit um die Frage, welche Verantwortung Einzelne in einem von Ungleichheiten geprägten Gesellschaftssystem tragen. Mit dabei waren die Professor*innen Marius Busemeyer und Gabriele Spilker sowie der Soziologe Sebastian Koos, der sich unter anderem mit Protestbewegungen, Solidarität und Klima- und Umweltsoziologie beschäftigt. Wissenschaft wurde hier nicht als abstrakt, sondern als hochrelevant für gesellschaftliche Entscheidungen erfahrbar.
Nachhaltiger Konsum wurde auch auf dem „Vegan Food Market“ am Dienstagmittag groß geschrieben. Im Foyer der Uni boten Studierende verschiedenste pflanzliche Snacks zu günstigen Preisen an – eine willkommene Stärkung in der Klausurenphase, und nebenbei noch gut für die Umwelt und den Geldbeutel.
Nachhaltig mobil
Ein Highlight war der Filmabend am Dienstag. Im gut gefüllten Zebra-Kino wurde der Dokumentarfilm „Cycling Cities“ von Ingwar Perowanowitsch gezeigt. Er nimmt die Zuschauer*innen mit auf eine Radreise durch europäische Städte wie Paris, Kopenhagen, Amsterdam oder Gent und zeigt, wie Verkehrswende und nachhaltiger Stadtumbau gelingen können.
Im Mittelpunkt stehen Städte, die den öffentlichen Raum neu verteilt, mutige politische Entscheidungen getroffen und so Lebensqualität für alle gesteigert haben. Der Film ist dabei nicht nur Analyse, sondern auch Inspiration – ein Erfahrungsbericht über die Freiheit des Radfahrens und die Möglichkeit, Städte neu zu denken.
Im anschließenden Gespräch über Konstanz als Fahrradstadt wurde deutlich, wie emotional das Thema vor Ort ist. Fahrradaktivist Norbert Wannemacher und Stephan Fischer, Mobilitätsbeauftragter der Stadt, diskutierten über Chancen und Probleme. Moderiert wurde die Runde von Emilia Spenke, studentische Mitarbeiterin im Green Office.

Die 21-Jährige brachte die Stimmung auf den Punkt: „Es geht um weit mehr als die ökologische Mobilitätswende, sondern darum, soziale Treffpunkte zu schaffen.“ Die Fläche, die Autoparkplätze bisher einnehmen, könne man in Parks, Spiel- oder Sportplätze umgestalten, und so einen viel größeren gesellschaftlichen Nutzen daraus ziehen.
Auch nachhaltige Alternativen zu Konsum fanden ihren Platz in der Sustainability Week. Ein Winterflohmarkt lud am Mittwoch dazu ein, Kleidung und andere Gegenstände weiterzugeben und so Ressourcen zu schonen. „Ich brauche das alles nicht mehr, und jemand anderes freut sich vielleicht dran“, sagt eine Betreiberin an einem der Second-Hand-Tische, wo sie Röcke, Pullover und Jacken anbietet. „Ist auch irgendwie befreiend!“
Nachhaltig feministisch
Einen anderen wichtigen Zugang bot das Theaterstück „Und alle so still“, basierend auf dem gleichnamigen Roman von Mareike Fallwickl. Es wurde am Mittwoch in der Spiegelhalle des Stadttheaters gezeigt, und war schon Tage zuvor ausverkauft. In einem drastischen Szenario hören Frauen auf zu funktionieren: Sie pflegen nicht mehr, sie putzen nicht mehr, sie erziehen nicht mehr. Die Folgen sind gravierend – überlastete Krankenhäuser, wütende Reaktionen, Gewalt.

Das Stück thematisiert die Unsichtbarkeit und Unverzichtbarkeit von Care-Arbeit, geschlechtsspezifische Ungerechtigkeiten und Ausbeutung im Spätkapitalismus. Es zeigt, dass soziale Nachhaltigkeit ohne feministische Perspektiven nicht denkbar ist – gerade weil Frauen überproportional von den Folgen des Klimawandels betroffen sind und gleichzeitig einen großen Teil der Sorgearbeit leisten.
Nachhaltig solidarisch
Künstlerische Perspektiven bot eine Ausstellung verschiedener Hochschulgruppen am Donnerstagmittag. Neben den typischen „Öko-Gruppen“ wie Students for Future oder Campusgemüse fanden sich auch Vertreter*innen von Adtendo, die kostenlose psychosoziale Beratung für Geflüchtete anbieten, und die Students for Palestine, die Infomaterial, Rezepte, Armbänder und eigene Tatreez-Stickerei präsentierten.

Die traditionelle palästinensische Stickkunst steht für Widerstand und Identität, da sie nach 1948 genutzt wurde, um verbotene Symbole wie die Farben der palästinensischen Flagge in Kleidung einzuarbeiten. Die Kunstform wird seit Jahrhunderten weitergegeben und verbindet insbesondere palästinensische Frauen in der Diaspora mit ihrer Herkunft. Mit ihrem Stand zeigen die Students for Palestine, dass auch aktive Erinnerungskultur zur sozialen Nachhaltigkeit gehört.
Nachhaltig bauen
Ein weiterer Schwerpunkt der Woche lag auf Klimaaktivismus in der Region. „Der Alti muss bleiben“ hieß ein Vortrag im Rahmen der monatlichen Infokneipe im Contrast, der am Donnerstagabend stattfand. Samuel Bosch berichtete von der Besetzung im Altdorfer Wald bei Ravensburg, wo Aktivist*innen seit über vier Jahren wohnen und auf die Zerstörung von Natur und Landschaft aufmerksam machen. Die Gefährdung geht vom drohenden Kiesabbau aus, da das klimaschädliche Baumittel wenige Meter unter dem Boden vielfach verfügbar ist und meist privaten Großgrundbesitzer*innen gehört.

Nicht nur Rodung und Ausgrabung der Waldflächen schaden der Umwelt – auch Transport und Verwendung des Kieses sind höchst problematisch. Weiterverarbeitet als Beton dient er der Flächenversiegelung und sorgt dafür, dass immer weiter sinnlos in die Höhe gebaut wird, anstatt bestehenden Wohnraum nachhaltig zu nutzen. „Ein gutes Haus stand früher locker 300 Jahre, heutzutage reißt man aber oft nach 30, spätestens 70 Jahren ab und baut neu“, kritisiert der 23-jährige Samuel Bosch aus Oberschwaben. Er und seine Mitstreiter*innen machen seit Jahren durch Besetzung, Banneraktionen, Demos und Vorträge in der Region auf das Thema aufmerksam.
Nachhaltig aktiv
Die Sustainability Week blieb nicht auf der theoretischen Ebene, sondern stellte immer wieder die Frage nach dem eigenen Handlungsspielraum. Eine Engagementberatung am Freitag richtete sich an alle, die wissen wollen: Was kann ich konkret tun? Welche Möglichkeiten gibt es, sich einzubringen?
Zum Abschluss der Woche wurde es am Samstagvormittag noch einmal ganz praktisch. Beim gemeinsamen Nistkastenbauen mit dem NABU Bodenseezentrum konnten Teilnehmende selbst aktiv werden und einen direkten Beitrag zum Naturschutz leisten. Und der BUND bot am „Tag des Regenwalds“ eine Führung durchs Palmenhaus, illustriert durch Geschichten und Kurzfilme über das Leben indigener Völker. Kinder durften sich im Blasrohrschießen und andere Spielen austoben. So kamen alle auf ihre Kosten.
Die gut besuchte Sustainability Week zeigte, wie breit Nachhaltigkeit verstanden werden kann – und verstanden werden muss. Mira Labs beschreibt das zentrale Anliegen der Woche so: „Es geht darum, Nachhaltigkeit stärker in den Mittelpunkt zu rücken und sichtbar zu machen, was es bereits gibt und wie man aktiv werden kann.“ Auch kleine Aktionen sollen auffallen und zeigen, dass Nachhaltigkeit alle betrifft – auch Studierende. Denn, so ein Banner der Students for Future: „Die Klimakrise wartet nicht, bis dein Studium fertig ist!“


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