Richenthals Wohnhaus "Zum goldenen Bracken" © Albert Kümmel-Schnur

Zwischen allen Stühlen … der Richtental-Code. Per App ins Konstanzer Konzil

Richentals Wohnhaus "Zum goldenen Bracken" © Albert Kümmel-Schnur
Richentals Wohnhaus „Zum goldenen Bracken“ © Albert Kümmel-Schnur

Am Donnerstag, 16. Mai, stellt die Literaturwissenschaftlerin Hannah Belz die von ihr gemeinsam mit dem Informatiker Valentin Engelke entwickelte und bereits mehrfach ausgezeichnete App „Der Richental-Code“ vor – ein Lernspiel nicht nur für Schüler:innen der siebten und achten Klassen. Alle Interessierten sind eingeladen, selbst einen Weg durch das Konstanz Ulrich von Richentals zu finden.

Still und konzentriert, angetan mit faltenreichem schwarzen Gewand, auf dem Haupt ein rotes Käppchen, sitzt er in seinem gotischen Kämmerlein am Schreibtisch über einem aufgeschlagenen Buch. Einer der Flügel des Butzenscheibenfensters des Zimmers ist geöffnet. Man weiß nicht recht, ob der Fanfarenlärm der auf dem direkt oberhalb seines Fensters gelegenen Balkon stehenden fünf Musiker ihn überhaupt erreicht, so versunken wirkt er. Auf der Nase eine Brille, in der rechten Hand eine Gänsekielfeder. Was der Mann schreibt, wissen wir, sobald wir seinen wie in Stein unterhalb des Kämmerchens gemeißelten Namen lesen: „Richental“.

Belehnung auf dem Obermarkt

Konstanz, Haus zum Hohen Hafen: Richental schreibt die Konzilschronik, Fassadenmalerei von Carl von Häberlin, 1905 © Joachim Specht via Wikipedia
Konstanz, Haus zum Hohen Hafen: Richental schreibt die Konzilschronik, Fassadenmalerei von Carl von Häberlin, 1905 © Joachim Specht via Wikipedia

Es handelt sich um Ulrich Richental, den berühmten Chronisten des Konstanzer Konzils. Das beschriebene Bild ist Teil der die Fassade des am Konstanzer Obermarkt gelegenen Hauses am Hohen Hafen zierenden historistischen Wandmalerei des Stuttgarter Malers Carl Häberlins aus dem Jahre 1905. Das Gemälde feiert mit der Darstellung der Belehnung des Hohenzoller’schen Grafen Friedrichs VI. mit der Mark Brandenburg im Jahr 1417 und damit den Beginn jener Macht, die zu Häberlins Zeiten „Preußen“ heißt. Es ist Teil wilhelminischer Propaganda, aber auch die sichtbare Markierung eines historischen Ortes, denn das dargestellte Ereignis hat wirklich dort auf dem Obermarkt stattgefunden.

Carl Häberlins Fassadengemälde visualisiert also nicht nur ein historisches Ereignis, sondern überschreibt den Erinnerungsort zu einem selbstreferenziellen Zeichen – Malerei und gemalte Beschriftung zeigen auf den Ort, dessen Teil sie sind. Die Überführung des Ortes in ein sich selbst bezeichnendes Zeichen wird durch einen Medienwechsel ermöglicht: die Wand des Hauses wird zum Malgrund. Und dieser wiederum zeigt die Verschriftlichung des erinnerten Ereignisses, indem sie den Zeugnis ablegenden Richental selbst zum Teil des Bildes macht. Auf diese Weise löst sich auch das Rätsel der Gelassenheit des malenden Richentals: durch das geöffnete Fenster seines Kämmerchens dringt kein Ton, weil diese Töne – die Fanfarenbläser im oberen Teil des Fassadenbildes – selbst Textereignisse, in der Chronik beschriebene und nur durch sie aufbewahrte Erinnerungen sind. Man könnte sagen: indem der schreibende Richental sein Fenster öffnet, kann sein Text aus der Stille und Privatheit der (gemalten) Kammer in die Öffentlichkeit der (bemalten) Fassade geraten.

Begeisterung für einen mittelalterlichen Text

Und eben deshalb kann Häberlin das Buch, in das sein Richental schreibt, auch ganz offensiv leer lassen: aus dem Text ist bereits Bild geworden – ein Bild, das andere Bilder generiert.

Hannah Belz geht in ihrer Masterarbeit genauso vor: sie überlegt, wie man Schülerinnen und Schüler der 7./8. Schulklassen für einen mittelalterlichen Text begeistern kann und kommt zum gleichen Ergebnis wie Häberlin: durch einen Medienwechsel. Freilich bemalt Belz keine Fassaden – was dem 19. Jahrhundert noch ein Bild an der Wand sein konnte, ist dem 21. eine App, ein Medium, mittels dessen nicht nur große Nutzer:innenzahlen erreicht werden können, sondern das für Jugendliche des Jahres 2024 Alltag ist.

App Richenthal-Code © Albert Kümmel-Schnur
Der Richental-Code © Albert Kümmel-Schnur

Anders als Häberlin interessiert Belz sich dabei für den Text der Chronik selbst, der, wie sie in ihrer Abschlussarbeit betont, ja bereits ein Mischmedium aus Text und Bild ist. Der wohlhabende Kaufmann Richental selbst finanzierte die reichhaltige Bebilderung des von ihm verfassten Konzilstagebuchs und trug dadurch sehr zu dessen Lebendigkeit und Verbreitung bei: so standen an der Fassade des Hohen Hauses in der Zollernstraße Illustrationen der Chronik Pate für Fassadenmalereien.

Geschichte mit Unterhaltungswert

Hannah Belz schrieb ihre Masterarbeit im Fach Empirische Bildungswissenschaften bei der Historikerin Christine Bertram und dem Mediävisten Bent Gebert. Ziel war es, die zahlreichen Bildungs- und Lernangeboten rund ums Konstanzer Konzil durch ein Medium zu ergänzen, das auf unterhaltsame Weise den Text der Richental-Chronik selbst ins Zentrum stellte. Wo Häberlin ein Fensterchen in ein oberen Stockwerk seiner Fassadenmalerei öffnete, nutzt Belz die Möglichkeiten digitaler Medien, um nach der sprachlichen Form der Chronik zu fragen. Dabei tat sie sich mit einem Informatiker aus Karlsruhe, Valentin Engelke, zusammen, der die Programmierung der App übernahm.

Grundsätzlich funktioniert die App als Stadtrallye. In kleinen Gruppen sollen Nutzer:innen die Stadt durchlaufen. Der Weg ergibt sich aus den gestellten Aufgaben. Erst eine gelöste Aufgabe öffnet das Tor zum nächsten Wegeabschnitt. Tüfteln, Rätselraten, Wissen abrufen und gleichzeitig dabei sich im Stadtraum bewegen, getrieben von der Belohnung eines neuen Wegeabschnitts und eines neuen Rätsels.

Es ist ungewöhnlich, dass eine Studentin nicht nur einen theoretischen Text schreibt, sondern ihre theoretischen Überlegungen für eine unmittelbare praktische Umsetzung nutzt. Vorbildlich ist jedoch zudem, dass Hannah Belz nicht nur die App tatsächlich gemeinsam mit Valentin Engelke entwickelte, sondern ihre Nutzung durch Schüler:innen der 7./8. Klassen evaluierte, auf Basis der Ergebnisse der Evaluation die App verbesserte und auch diesen Schritt reflektierend ihrer Arbeit integrierte. Chapeau!

Preisgekrönte Ideen

Völlig zurecht wurde die Arbeit mit dem Kilometer1-Award ausgezeichnet, einem Preis für Ausgründungsideen. Und ebenso berechtigterweise wurde sie – und damit erstmals eine studentische Arbeit – vorgeschlagen für den Transferpreis der Universität. Jetzt suchen Belz und Engelke noch Unterstützung, um das Oberflächendesign der App gefälliger zu gestalten.

Am Donnerstagabend – 16. Mai, 19.00 Uhr – können Sie sich selbst ein Bild machen und mit einem Tablet versuchen, Rätsel rund um einen mittelalterlichen Text bei einem Stadtspaziergang zu lösen und so den Richental-Code erfolgreich zu knacken. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Tablets werden leihweise zur Verfügung gestellt. Treffpunkt ist vor dem Eingang zum Rosgartenmuseum in der Rosgartenstraße.

Text: Albert Kümmel-Schnur, Bilder: Albert Kümmel-Schnur und Joachim Specht via Wikipedia (This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license).

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