
Wie seemoz im November berichtete, muss die Stadt Konstanz in diesem Jahr bis zu 150 Geflüchtete vom Landkreis übernehmen und unterbringen. Dafür will sie nun vom Bund drei eigentlich zum Abriss vorgesehene „Franzosenhäuser“ in der Steinstraße erwerben. Doch dieses Geschäft hat Folgen.
Die Stadt will das Grundstück und die drei Gebäude zwischen Stein- und Gottfried-Keller-Straße nämlich nicht gegen Bezahlung kaufen, sondern gegen ein gleichwertiges Areal auf dem früheren Bahngelände südlich vom Lago-Parkhaus eintauschen. Dieses wäre eigentlich 1,7 Millionen Euro mehr wert als das Steinstraßenareal, doch die Vereinbarung sieht just in diesem Umfang eine Wertminderung der Lago-Süd-Fläche vor. Im Boden werden Fundamente von Bahnanlagen vermutet, außerdem ist bei einer Überbauung des Geländes ein Schallschutz zu den Bahngleisen hin notwenig.
Und bauen wollen der Bund beziehungsweise seine Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) hier bald und viel. Nämlich Wohnungen mindestens in dem Umfang, den sie ursprünglich für die Steinstraße geplant hatten. Sollten diese auf der eingetauschten Fläche Lago-Süd nicht vollumfänglich realisiert werden können, muss die Stadt die dort abgetretene Fläche entsprechend vergrößern. Immerhin, die auf eine Nutzungsdauer von nur noch zehn Jahren geschätzten Steinstraßenhäuser mit zusammen 78 Wohnungen bekommt die Stadt umsonst, sie muss dort nur den Bodenwert ausgleichen.
Wenn auch zunächst nur ein vorläufig, ist der Erhalt der drei einst von der französischen Besatzung errichteten Häuser in der Steinstraße eine gute Sache. Bei den fünf weiter östlich anschließenden Blocks zeigt die BImA nämlich ressourcenschonende Alternativen: Dort will sie die Bestandsgebäude nicht abreißen, sondern erweitern und aufstocken.
„Weniger komfortable Flüchtlingsunterkunft“
Das Tauschgeschäft könnte also unter dem Strich ein super Deal sein, wäre die Fläche Lago-Süd bloß tabula rasa. Ist sie aber nicht: Dort steht eine städtische Notunterkunft für Wohnungslose, eingerichtet in einem früheren Betriebsgebäude der Bahn. Jetzt müssen die 30 Menschen, die hier in der Hafenstraße 25 leben, weg, denn das Haus ist den Neubauplänen der BImA im Weg.

Wohin mit ihnen? Die Stadt bietet Ersatz im Atrium an der Luisenstraße. Das zweigeschossige Gebäude mit den markanten Balkonreihen gehört der Spitalstiftung. Es wurde in den Nachkriegsjahren als Alterswohnheim gebaut. Nach der Jahrtausendwende war es kurzzeitig Studierendenunterkunft, dann wurde es nach mehrjährigem Leerstand durch den Landkreis mit Geflüchteten belegt. 2018 übernahm die Stadt den Mietvertrag. Aktuell wohnen in den Mehrbettzimmern mit eigener Waschgelegenheit und WC etwa 80 Geflüchtete und andere Wohnungslose. Küche und Duschen nutzen sie gemeinsam.
Problem Nummer eins: Das Atrium gilt als marode. Eine gründliche Sanierung der Bausubstanz gab es nie, das Haus ist seit Jahren zum Abriss vorgesehen. Problem Nummer zwei: In der Hierarchie der stadteigenen Gemeinschaftsunterkünfte steht das Atrium ziemlich weit unten. Die Stadt umschreibt dies als „eine der weniger komfortablen Flüchtlingsunterkünfte“. Sie bringt hier bei „hoher Securitypräsenz“ eher schwierige Menschen unter, nämlich „Wohnsitzlose und Flüchtlinge mit besonderem Ansprachebedarf“ sowie „Menschen mit besonderen sozialen Schwierigkeiten (Suchtkranke, Haftentlassene, psychisch Kranke, Straftäter …)“.
Ein weiterer Abstieg
In der Hafenstraße hingegen, so entnehmen wir es dem Unterbringungskonzept der Stadt, leben jetzt noch „Wohn-/gemeinschaftsfähige Menschen ohne eigenen Wohnsitz, keine Suchtkranken.“
Der Umzug von der Hafenstraße ins Atrium bedeutet also für Menschen, die sich als Wohnungslose sowieso schon ganz unten in der sozialen Hackordnung befinden, einen weiteren Abstieg.
Man hätte gern gehört, was die Gemeinderät:innen dazu zu sagen hatten. War der Abriss der Hafenstraßen-Unterkunft eine Bedingung der BImA für das Tauschgeschäft, weil sie ihren künftigen Mieter:innen „im mittleren Preissegment“ diese Nachbarschaft nicht zumuten will? Platz für die Neubauten der BImA gäbe es dort genug, die Stadt besitzt dort auch weiterhin eine beachtliche Flächenreserve. Zeichnet sich endlich eine Lösung ab, mit der das Atrium nicht länger als Not- und Flüchtlingsunterkunft gebraucht wird?
Angst vor mehr Müll und Angst vor Protest
Wir wissen es nicht. Das Tauschgeschäft wurde zunächst im Haupt-, Finanz- und Klimaausschuss hinter verschlossenen Türen besprochen und dann im Gemeinderat jetzt zwar öffentlich behandelt, doch ohne weitere Debatte durchgewunken und einstimmig beschlossen.

Auch den Grund für die Geheimhaltung können wir nur vermuten. Neben einem generellen Interesse, sich bei noch nicht abgeschlossenen Vertragsverhandlungen nicht allzu sehr in die Karten schauen zu lassen und der bekannten Neigung des Oberbürgermeisters zu nicht-öffentlicher Beratung „im geschützten Raum“, fürchtete man vielleicht Proteste der alteingesessenen Steinstraßenanwohner:innen gegen die Unterbringung von Geflüchteten und Wohnungslosen in ihrer Straße.
„Die Leute haben Angst, dass es in ihrer Umgebung jetzt lauter wird und mehr Müll herumliegt“, zitierte der Südkurier eine Steinsträßlerin. Ältere mögen sich noch an die ausländerfeindliche „Interessengemeinschaft der Anwohner des Messhotels“ erinnern. Und wer seine Wohnung verlassen musste, weil das Haus abgerissen werden soll, und jetzt jedoch erlebt, dass es erhalten bleibt und andere dort einziehen, ist vermutlich auch nicht begeistert.

Tatsächlich gibt es in der Steinstraße berechtigten Anlass zum Protest. Nämlich wegen der vom Landratsamt betriebenen Gemeinschaftsunterkunft im früheren Messhotel der französischen Streitkräfte. Auch dies ein Haus, das schon längst abgerissen werden sollte. Die Lebensumstände dort seien menschenunwürdig, urteilte Grünen-Stadtrat Normen Küttner nach einer Begehung. Doch das ist eine andere Geschichte.
Fotos: Pit Wuhrer


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