Murallas reales ceuta © wikimedia commons

Warum sich die EU erpressbar macht

Von Valeria Hänsel
Murallas reales ceuta © wikimedia commons
Wunschtraum aller Reaktionäre: Ein Europa mit solchen Außenmauern. Im Bild: Die Murallas reales, die alten königlichen Mauern von Ceuta

Seit den Ereignissen in Ceuta fallen fast alle EU-Regierungen im Panikmodus über Spanien her – und verlangen ein noch schärferes Vorgehen. Dabei braucht es ein progressives Umdenken in der europäischen Migrationspolitik.

Es überrascht nicht, dass sich Menschen in einer von globaler Ungleichheit gezeichneten und kriegszerrütteten Welt das Recht auf Bewegungsfreiheit erkämpfen. Dies zeigt sich seit Jahrzehnten an verschiedenen Grenzen. Europa lässt sich nicht hermetisch abriegeln – auch nicht in Ceuta. Dass die EU dann regelmäßig in Panik verfällt, wenn Menschen Grenzen überqueren und geltendes Asylrecht in Anspruch nehmen wollen, macht sie anfällig für Druck: sei es durch den türkischen Präsidenten Erdoğan, den belarussischen Machthaber Lukaschenko, das Königreich Marokko oder durch die europäische Rechte.

Zwischen 50.000 und 60.000 Menschen haben am vergangenen Donnerstag die spanische Exklave Ceuta erreicht. Fast alle haben die spanischen Grenzbeamten nach Marokko zurückgedrängt, teils unter Anwendung von Gewalt. Keine einzige Person hat das spanische Festland erreicht. Laut der marokkanischen Menschenrechtsorganisation AMDH kamen fast 130 Menschen bei dem Versuch der Grenzüberquerung ums Leben, darunter zahlreiche Kinder. Der Skandal um die Zurückweisungen und Todesfälle bleibt aus. Stattdessen beginnt in der Europäischen Union ein Überbietungswettbewerb migrationsfeindlicher Positionen, um auch noch die letzten grundrechtlichen Standards der EU-Migrationspolitik und internationaler Kooperation einzureißen. 

Warum sich plötzlich Zehntausende auf den Weg nach Ceuta gemacht haben, ist ungewiss. Bekannt ist, dass Menschen mit Bussen an die Grenze gereist sind, zahlreiche Videos auf Tiktok kursierten und die marokkanischen Grenzbeamen zwischenzeitlich ihre Kontrollen an der spanischen Exklave einstellten. Auch politische Rivalitäten zwischen Marokko und Spanien werden zur Erklärung ins Feld geführt. 

Die Regierung sägt am Ast, auf dem sie sitzt

Fakt ist: Für Europas nationalistische Regierungen war der Grenzübertritt zehntausender Menschen ein weiterer willkommener Anlass, ihre isolationistische Politik auszubauen. Damit werden auch die zarten Versuche einer menschenrechtsbasierten Migrationspolitik einer der letzten linksgerichteten Regierungen Europas massiv unter Druck gesetzt. Die italienische Regierung riegelte das Land unmittelbar gegen Einreisen aus Spanien ab und forderte den Ausschluss Spaniens aus dem Schengenraum. Auch Innenminister Dobrindt war sich nicht zu schade, seine mehrfach als rechtswidrig verurteilten Grenzkontrollen und Zurückweisungen zu propagieren. 

Wie sehr sich die europäische Politik nach rechts verschoben hat, zeigt der Brief von 22 Regierungschefs an die spanische Regierung. Darin kritisieren sie Spaniens jüngste Legalisierungskampagne für Personen ohne gültigen Aufenthaltstitel fälschlicherweise als Pull-Faktor. Ebenso greifen sie das Urteil des Obersten Gerichtshofs in Spanien an, welches aber lediglich bekräftigt, dass Menschen, die spanisches Territorium auf dem Seeweg erreichen, ein individuelles Verfahren zusteht und sie nicht kollektiv ausgewiesen werden können – die Basis jeglichen Asylrechts.

Es ist ein Armutszeugnis, wenn selbst die ohnehin extrem restriktiven Standards, auf die sich die EU erst kürzlich in der Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) geeinigt hat, fundamental außer Kraft gesetzt werden, sobald eine größere Zahl an Menschen ihr Recht auf Schutz wahrnehmen möchten. Der Fall einer punktuell erhöhten Zahl an Einreisen wurde immer wieder diskutiert und gesetzlich verankert, unter anderem in der Krisenverordnung und dem sogenannten Solidaritätsmechanismus, der Umverteilung in der EU regelt. Indem nun auch die deutsche Bundesregierung in einem Brandbrief gegen die selbst auferlegten Regelungen und Grundrechte vorgeht, sägt sie am rechtsstaatlichen Ast, auf dem sie sitzt und forciert den autoritären Umbau der Europäischen Union. Wenn Migration im allgemeinen Aufrüstungstrubel nur noch unter militärischen Gesichtspunkten verhandelt wird, Begriffe wie „Ansturm“ und „hybride Bedrohungen“ zur Norm werden, dann verwundert es nicht, dass autoritäre Regime gerne auf diese europäische Achillesferse abzielen. Leidtragende sind wieder diejenigen, die sich in Europa Schutz und ein besseres Leben erhoffen. 

Europa muss umdenken: Migration ist keine Bedrohung, sondern gesellschaftliche Realität. Wenn sich die EU durch die Dämonisierung von Grenzübertritten derartig erpressbar macht, begibt sie sich in eine nicht enden wollende Spirale der Entrechtung. In einer globalisierten Welt braucht es fundierte Politiken der Bewegungsfreiheit. Bis dahin wäre auch von konservativen Regierungen zu erwarten, nicht bei jeder Gelegenheit rechtsstaatliche Grundlagen durch den Fleischwolf zu drehen und europäische Partner, die europäisches Recht anrufen, auf die Anklagebank zu setzen.

Dieser Beitrag der Migrationsforscherin Valeria Hänsel erschien zuerst auf der Website von medico international. Wir danken für die Genehmigung zur Zweitveröffentlichung.
Wer die Arbeit der gemeinnützigen Hilfs- und Menschenrechtsorganisation unterstützen möchte: IBAN: DE69 4306 0967 1018 8350 02 / BIC: GENODEM1GLS 

Abbildung: Murallas Reales, königliche Burgmauern in Ceuta (© Diego Delso by Wikimedia commons)

8 Kommentare

  1. lieselotte schiesser

    // am:

    zu Dietmar Messmer: Spanien hat Menschen aufgenommen – rund 500.000, die ursprünglich mehrheitlich (illegal) aus Südamerika kamen und deren Aufenthalt kürzlich legalisiert wurde. Diese Aufnahme ist es, die die „reklamierenden“ europäischen Regierungschefs/-chefinnen den Spaniern jetzt vorgeworfen haben: Sie hätten damit diesen „Flashmob“ aus Marokko ausgelöst. Was natürlich völliger Blödsinn ist. Aber derzeit lassen sich ja alle die Themen von rechts-aussen bestimmen. Nur sollte man jetzt nicht ausgerechnet den Spaniern empfehlen, sie sollten „Menschen aufnehmen“. Mit Zehntausenden, die in einem Rutsch in eine Kleinstadt kommen, wäre praktisch jedes Land überfordert. Das Beispiel der Mauren in Spanien hinkt leider: Die Mauren waren damals weitaus fortschrittlicher als die christlichen Spanier – sowohl was Religion, Bildung, Wissenschaft, (und ganz besonders) Toleranz anging. Die christlichen Spanier waren damals weitgehend „papst-gesteuert“, was zu jenen Zeiten bedeutete wissenschaftsfeindlich, ungebildet und religiös intolerant. Als die Spanier die Mauren vertrieben hatten, wirkte sich das nicht nur kulturell und wirtschaftlich negativ aus – es brachen auch Krankheiten aus (durch religiös bedingte mangelnde Hygiene bei gleichzeitiger Unkenntnis). Ich behaupte jetzt mal, die Verhältnisse sind heute anders.

  2. Dietmar Messmer

    // am:

    zu Christina.
    Als die Mauren in Spanien waren, gab es religiöse, philosophische und wissenschaftliche Freiheiten, speziell auch für Juden. Nach meiner Überzeugung sind alle Christen ursprünglich Juden. Als die Spanier Amerika eroberten, wurden den Ureinwohnern bis ins 20. Jahrhundert ihre Identität geraubt. Die Spanier, die Portugiesen, die Italiener und die Deutschen, auch die Griechen huldigten in den letzten hundert Jahren dem Faschismus. Erst die Nelkenrevolution 1974 beendete den Geist des Imperialismus. Oder war es Ghandi? Nationale Alleingänge führen in Sackgassen. Deswegen geben wir uns jetzt die Hände.

  3. Christina Herbert-Fischer

    // am:

    zu Dietmar,
    ich sehe Immigration grundsätzlich nicht negativ, auch wenn es Problematiken gibt.
    Das Beispiel hinkt jedoch, die Nordafrikaner kamen damals nicht als Immigranten, sondern als Eroberer, die eine Fremdherrschaft errichteten. Aus dieser Zeit stammen die mauretanischen Einflüsse. Sie wurden erst durch erbitterte Kriege und mit großen Verlusten durch die Spanier wieder vertrieben. Deine Argumentation scheint mir in Anbetracht dieser Historie als nicht so ganz geeignet.

  4. Dietmar Messmer

    // am:

    Eine konkrete Utopie für Migration und Integration bedeutet, in Spanien Menschen aufzunehmen. Der maurische Einfluss in Cordoba, Granada und Sevilla war vor allem eine blühende Entwicklung. Marseille und viele Städte rund ums MIttelmeer entstanden durch Migration. Wer in Ceuta die hohen Zäune sieht, erschrickt. Europa sollte kein Bollwerk bleiben.

  5. Peter Krause

    // am:

    Zu ergänzen wäre noch, dass es auch unabhängig davon, ob oder wie dieser „run“ über die Grenze von fremden Diensten gesteuert worden ist oder nicht, vollkommen legitim ist, dass die EU und ihre Mitgliedsstaaten ihre Grenzen sichern und kontrollieren, wen sie einreisen lassen oder nicht. Und es ist auch vollkommen legitim, wenn ein Staat sagt, er möchte keine (illegale) Einwanderung zulassen. Auch eine solche politische Entscheidung wäre und ist vollkommen rechtens.
    Und ich weiß im Übrigen nicht genau, was unter den so wolkig im Ungefähren belassenen „fundierte(n) Politiken der Bewegungsfreiheit“ „in einer globalisierten Welt“ zu verstehen sein soll – aber ich ahne es schon.

  6. Christina Herbert-Fischer

    // am:

    Also was den CSD-Anschlag betrifft, halte ich diese These für äußerst unwahrscheinlich. Was Ceuta angeht, sehr wahrscheinlich, dass die marokkanische Regierung das bewusst hat geschehen lassen, was aber mit Konflikten zwischen Marokko und Spanien zu tun hat.

    Was die kursierenden Fake-Nachrichten angeht, die die Menschen ermuntert hatten, das traue ich den russischen Trollfabriken durchaus zu, wissen tun wir dazu bisher nichts. Ich hoffe, dass recherchiert wird, woher das kam, immerhin hat es an die hundert Menschen das Leben gekostet. Ich hoffe, dass man heraus findet, wer dafür verantwortlich ist, es wäre gut zu wissen.

    Alles andere zu den Geschehnissen in Ceuta sind zum jetzigen Zeitpunkt Spekulationen.

  7. Peter Krause

    // am:

    @Jens Weimer
    Ich glaube, Sie haben in vielen Punkten vollkommen Recht.
    Und mich verwundert inzwischen nicht mehr, dass angeblich so „linke“ und „menschenfreundliche“ Gruppen, diese Zusammenhänge nicht erkennen wollen. Auch zu Zeiten der Friedensbewegung in den 1970er und 1980er Jahren waren „die linken“ Initiativen auf dem einem Auge nahezu vollkommen blind. Die sowjetische Aufrüstung und den sowjetisch-russischen Imperialismus (Stichwort: Afghanistan) wollte man nicht sehen; ganz zu schweigen von der Diktatur, die im gesamten Ostblock die freie Rede und auch freie Gewerkschaften unterdrückte. Auch damals lachte sich der KGB und die Stasi ob dieser „Naivität“ sicher ins Fäustchen…

  8. Jens Weimer

    // am:

    Alles schön und gut. Aber natürlich wird Migration „als Waffe“ benutzt. Von Erdogan, aber ganz besonders von Putin. Das ist in Belarus zu beobachten, zuletzt in Litauen, wo unterirdische Tunnel zum illegalen Grenzübertritt gebaut wurden und jetzt in Ceuta.
    Ziel ist es, Europa zu spalten. Und wie die Reaktion Italiens zeigt, gelingt das auch. Es ist auch kein Zufall, dass diese Dinge kurz vor den wichtigen Wahlen in Thüringen und MV passieren, bei denen die blaue „Putin-Partei“ jeweils die absolute Mehrheit erzielen könnte. Genauso wenig dürfte der Anschlag auf den CSD Zufall gewesen sein. Vermutlich sind all diese Dinge Teil der hybriden Kriegsführung Moskaus gegen Europa.
    Und natürlich ist es zynisch, die Menschen und deren Not für diese Ziele einzusetzen. Aber was in Russland ein Menschenleben wert ist, kann jeden Tag an der ukrainischen Front und den dortigen „Fleischwellen“-Angriffen beobachtet werden.
    Und wenn die „Linke“ nun schreit, man müsse die Flüchtlinge aus Ceuta aufnehmen, so leistet sie Putin beste Schützenhilfe. So nachvollziehbar diese Forderung auf den ersten Blick sein mag, letztendlich führt sie zu drei Dingen:
    1.) Stärkung der AfD
    2.) Begünstigung weiterer derartiger Aktionen.
    3.) Spaltung Europas.

    Und by the way: Die Erfolgschancen von Asylanträgen marokkanischer Staatsangehöriger liegen bei unter 3%.
    Wer also wirklich für ein starkes Europa und für Migration ist (die wir brauchen), der darf sich nicht durch Vorfälle wie in Ceuta erpressbar machen, muss die globalen Zusamnenhänge sehen und eine geordnete und verlässliche Migrationspolitik machen. Alles andere spielt nur den rechten Rattenfängern und Europas Feinden in Ost und West in die Hände!

    https://www.rnd.de/politik/bis-zu-60-000-migranten-in-ceuta-welche-rolle-spielen-marokko-und-russland-TJAVDZVA75GBRKT5OIEHQOINLU.html

    https://de.euronews.com/my-europe/2026/07/30/schleusertunnel-litauen-belarus

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