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Tauben-Appartementhotel in Singens Innenstadt eröffnet

Von Uta Preimesser (Text) und Dieter Heise (Fotos)
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Eingewöhnungsvoliere für Tauben

Ein Dachboden mitten in Singens Innenstadt: Mit 170 Nistplätzen wird der von der Stadt Singen neu eingerichtete Taubenschlag bald 300 Stadttauben ein Heim bieten können. Einen kleineren Taubenschlag südlich der Bahnlinie gibt es schon. Für Oberbürgermeister Bernd Häusler ist das städtische Taubenmanagement, das die Population tierschutzgerecht reglementiert, ein „Leuchtturmprojekt in der Region“.

Noch riecht alles sehr neu und es ist recht ruhig beim Vor-Ort-Termin mit Mitarbeiter:innen der Stadtverwaltung und Aktiven des Vereins „Stadttaubenhilfe Singen e.V.“ anlässlich der Inbetriebnahme des ersten innerstädtischen Taubenschlags. In der Eingewöhnungsvoliere gurren zwar erste Bewohnerinnen und auch das Quarantäne- und Krankenzimmer beherbergt einige gefiederte Patienten. Doch die 170 Nistplätze sind noch leer und ohne jede Gebrauchsspuren. Das aber wird sich in den nächsten Tagen ändern. Sobald am vorgesehenen Einflugfenster der noch fehlende Rollladen mit automatischer Zeitsteuerung montiert sein wird, dürfen Stadttauben auf Wohnungssuche den Dachboden in Beschlag nehmen.

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Da Stadttauben als Nachkommen der Felsentauben immer die Höhe suchen und sobald sie ein geeignetes Quartier gefunden haben, an diesem auch ein Leben lang bleiben, werde es nicht lange dauern, bis die für sie eingerichteten Nistplätze gut belegt sind, da ist sich Eva Spaun von der „Stadttaubenhilfe Singen“ ganz sicher. Das elektrische Rollo ist notwendig, um die Tauben vor nicht-willkommenen nachtaktiven Fressfeinden wie Mardern zu schützen.

Tierwohlorientiertes Taubenmanagement

Bereits 2023 wurde von Singens Technischen Diensten auf dem Gelände von „Fondium“ an der Fittingstraße ein Container als Taubenschlag eingerichtet. Dieser wurde schnell angenommen und aktuell logieren dort rund einhundert Tauben. Nach weiteren Standorten wurde seitdem Ausschau gehalten, doch die Suche erwies sich als schwierig. 

Bei vielen Eigentümern, Großvermietern und Genossenschaften habe man angefragt, sei aber für solch ein Projekt „nicht auf Gegenliebe gestoßen“, berichtet der Oberbürgermeister. Erst bei Hauseigentümer Peter Mannherz habe es geklappt. An ihn, an die ehramtlich Engagierten der „Stadttaubenhilfe“ sowie an das Team der Stadtverwaltung – Sindy Bublitz (Abteilung Umweltschutz, Mobilitätswende und Naturschutz), Stefan Mohr (Persönlicher Referent des Oberbürgermeisters) und Bernd Paschen (Abteilung Gebäudemanagement) – geht sein besonderer Dank.

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Von links: Hauseigentümer Peter Mannherz, Sindy Bublitz (Stadt Singen), Eva Spaun („Stadttaubenhilfe“), Bernd Paschen (Stadt Singen), Taubenwartin Doris Grießhammer, Oberbürgermeister Bernd Häusler und Peter Sauter („Stadttaubenhilfe“)

Drei Taubenwarte beschäftigt die Stadt aktuell als Minijobber:innen. Eine vierte Minijob- und eine Teilzeitstelle werden demnächst hinzukommen, um die durch den neuen Taubenschlag vermehrt anfallende Arbeit zu bewältigen, teilt Sindy Bublitz mit. Zu den Aufgaben der Taubenwarte gehört es, in den beiden Taubenschlägen die Eier gegen Attrappen auszutauschen, Nistplätze und Futterstellen zu reinigen, für Futter und frisches Wasser zu sorgen, den Gesundheitszustand der Vögel zu überwachen und sich um kranke Tiere zu kümmern. Zudem müssen diese Arbeiten regelmäßig dokumentiert werden.

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Eierattrappen im neuen Singener Taubenhaus

So konnte festgehalten werden, dass 2024 im Taubenschlag-Container 532 und 2025 sogar 790 gelegte Eier gegen Gipseier ausgetauscht wurden. Im gesamten Stadtgebiet waren es sage und schreibe 1140 (2024) und 1886 (2025) Taubeneier, deren Ausbrüten verhindert und somit die Population reguliert werden konnte. 

Unterstützung leisten hier die Aktiven der „Stadttaubenhilfe“, die einmal pro Woche durch die Stadt gehen und nach Taubennestern an Gebäuden Ausschau halten. Die entnommenen Eier dienen in der freien Natur und in der Wildtierhilfe als Nahrung für Raben, Elstern, Igel und kleine Füchse.

Nachhaltiger Umbau der gefundenen Immobilie

Zwei Jahre habe es vom Finden einer passenden Immobilie bis zu deren Einrichtung als Taubenschlag gedauert, erzählt Sindy Bublitz. Zuerst musste ein Lärmemissionsgutachten erstellt werden. Nach der Entrümpelung des Dachbodens wurde eine Zimmerei mit dem Umbau beauftragt, zusätzlich waren noch Elektro- und Sanitärarbeiten notwendig.

Da der Dachboden zu einer Doppelhaushälfte gehört, wurden neben der Wandisolierung zum Nachbar-Dachboden als Schallschutz auch lärmschluckende Decken-Platten montiert. Die Kosten für die Einrichtung des Tauben-Appartements belaufen sich auf 43.000 Euro, so Bernd Paschen, der das Bauprojekt betreut hat. Der Gemeinderat habe das Vorhaben von Anfang an positiv unterstützt und bewilligt, betont Oberbürgermeister Häusler.


Photovoltaik-Anlagen taubensicher ausrüsten


Sindy Bublitz richtet außerdem einen wichtigen Appell an alle, die neu eine Photovoltaik-Anlage auf ihrem Dach anbringen möchten: Gerade bei bereits bestehenden Anlagen müssten immer wieder unter Solarpanelen nistende Tauben vergrämt werden. Das Gewicht der Nester, Kot, Schmutz, eventuell tote Vögel stellen ein erhebliches Sicherheitsrisiko und eine Brandgefahr dar. Daher sollten PV-Anlagen am besten direkt bei ihrer Installation auch taubensicher ausgerüstet werden.

Mensch und Taube: Respektvolles Miteinander gewünscht

Gar von einem „Rundum-Wohlfühlprogramm“, das man hier den Stadttauben bieten könne, spricht Eva Spaun. Und das nicht nur zum Vorteil der Tauben, sondern auch zu dem von uns Menschen vor Ort: Haben Tauben einmal ein passendes Quartier gefunden, werden sie sich etwa zu achtzig Prozent des Tages darin aufhalten – dort sich paaren, brüten, fressen, schlafen – und auch ihren Kot absetzen. „Tauben wollen nicht auf der Straße sein. Und Tauben wollen auch nicht um Futter betteln müssen“ – oder von Menschen fallengelassene Essensreste wie Pizza, Pommes, Döner mangels Mais und Körnern aufpicken müssen.

Bei ihren Rundgängen durch die Stadt tauschen die Ehrenamtlichen alle entdeckten Eier aus. Doch nur frisch gelegte Eier (bis sieben Tage) dürfen „entsorgt“ werden. Alle anderen, im fortgeschrittenen Brutstadium (etwa 17 Tage dauert die Brutzeit insgesamt) werden mitgenommen und brütenden Tieren in den Taubenschlägen untergeschoben.

So sei auch sichergestellt, dass „im Schlag immer Jungtiere piepsen, was wiederum weitere Tauben von außen lockt, die hier einen tollen Brutplatz erkennen“, erklärt die Tierschützerin, die eine Jungtaube, die sie selbst gerade zu Hause aufpäppelt, mitgebracht hat.

Neben der Fürsorge um kranke, verletzte und hilfsbedürftige Tauben gehört Aufklärung zum Hauptanliegen der „Stadttaubenhilfe“. Denn was viele nicht wissen: Stadttauben sind verwilderte Haustiere. Als Nachkommen ausgesetzter Haustauben oder verloren gegangener Brieftauben können sie nicht irgendwo in der freien Natur überleben, sondern sind auf die Nähe der Menschen angewiesen, um zu überleben.


Der Verein „Stadttaubenhilfe Singen“

Singens „Stadttaubenhilfe“ startete vor drei Jahren, seit Juli 2024 ist sie ein eingetragener Verein. Zehn Ehrenamtliche engagieren sich derzeit aktiv bei der Taubenhilfe. Weitere Unterstützer:innen sind gern willkommen. Deutschlandweit sind die Stadttaubenhilfe-Initiativen gut vernetzt und man erhofft sich, dass noch weitere Städte solch ein tiergerechtes Stadttaubenmanagement (nach dem „Augsburger Modell mit Eiertausch“) einrichten.

Wer Probleme mit einem Taubennest hat, eine verletzte Taube findet, Fragen hat oder Mithilfe anbieten möchte, kann sich jederzeit melden: stadttaubenhilfe-singen@gmx.de oder Telefon 01709330495

Auch über Spenden freut man sich, denn für Futter, Medikamente, tierärztliche Versorgung fallen regelmäßig Kosten an. Spendenkonto bei der Sparkasse Hegau-Bodensee: IBAN DE64 6925 0035 1055 6969 16, BIC: SOLADES1SNG

Statt wie einst ihre nicht domestizierten Vorfahren in Felsen zu brüten, müssen sie in der Zivilisation Nischen an Gebäuden suchen. Auch ihre andauernde Brutaktivität (etwa sechs bis acht Gelege pro Jahr) wurde ihnen von uns Menschen angezüchtet. Kurzum: Die Taubenproblematik im modernen Stadtbild ist menschengemacht. Ein bloßes Vergrämen löst das Problem nicht, sondern verschiebt es nur an einen anderen Ort: Weder das Ausbreiten der Population noch das Leid verwahrloster, hungernder und kranker Stadttauben werden damit verhindert.

Von daher seien wir Menschen auch für unsere Stadttauben verantwortlich und schuldeten ihnen zumindest einen respektvollen Umgang. Das wolle die „Stadttaubenhilfe“ vermitteln, so Eva Spaun. Mit Infoständen, Flyern, Teilnahme an Schulprojekten und am städtischen Sommerferienprogramm sei man auf gute Resonanz gestoßen. Weitere Aktionen haben die Tierfreund:innen bereits geplant. Dazu gehört auch ein dritter Taubenschlag im Bereich der Radolfzeller Straße. Bislang hat sich aber noch kein geeignetes Quartier gefunden.

Ein Kommentar

  1. Andrea Neubauer

    // am:

    Das ist ja wirklich super!
    Keine unkontrollierte Vermehrung mehr, und gleichzeitig Tierschutz, ein sicherer Platz für die Tiere.

    Warum gibt es das nicht in Konstanz?

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