Schloss blumenfeld 2026 05 21 12 © albert kümmel schnur

Schwellen-, Misch- und Wandelwesen

Von Albert Kümmel-Schnur
Schloss blumenfeld 2026 05 21 12 © albert kümmel schnur
„zart&ungezähmt“ in Schloss Blumenfeld © Albert Kümmel-Schnur

Schloss Blumenfeld zeigt in einer von Leyla Güzelhan kuratierten Ausstellung „zart&ungezähmt“ Arbeiten von Claudia Schäffer, Kaja Brenner und Lola Nübling. Die eindrückliche Schau ist noch bis zum 5. Juni zu sehen.

Schloss Blumenfeld liegt am Rand des Landkreises Konstanz und gehört zur Gemeinde Tengen. Mit dem Seehas fährt man bis nach Engen und dann mit dem Bus 301 durch dunkelgrüne Täler, sanft geschwungene Streuobstwiesen und verstreute Wäldchen, über denen Rotmilane kreisen, bis zu dem kleinen Dorf, das, wie ein alter Spruch besagt, mit Engen und Tengen zu den „schönsten Städt‘ der Welt“ gehört.

Eigentlich ist Blumenfeld nur ein kleiner Burgberg. Das „Schloss“ ist eine im Laufe der Jahrhunderte unmittelbar aus dem Fels herausgewachsene, immer wieder umgebaute Renaissanceburg, deren Anfänge ins 11. Jahrhundert zurückgehen, wenngleich aufgrund der Zerstörung im 16. Jahrhundert kaum noch Reste dieser frühen Zeit übrig sein dürften.

Nach Zeiten als Bezirksamt, Gericht und Spital verfiel es, wurde in einer beispiellosen Freiwilligenaktion der lokalen Bevölkerung 1975 in ca. 5000 Arbeitsstunden vor dem Verfall gerettet, war dann Pflegeheim. 2015 wurde das Heim geschlossen, um nach sechsjährigem Leerstand von Fellows des Landesprogramms „Summer of Pioneers“ zu einer „Zukunftsherberge“ mit Co-Working-Spaces, Schlosscafé und liebevoll eingerichteten Übernachtungsmöglichkeiten transformiert zu werden.

„Leicht verwackelt“

Die Ausstellungsräume befinden sich im zweiten Stock, das man über eine Wendeltreppe im Stil der 1980er Jahre erreicht – Schloss Blumenfeld stellt die eigene Architekturgeschichte selbstbewusst fragmentiert als jenes Pastiche aus, das es ist. Brüche werden nicht überpinselt, Löcher allenfalls aus Gründen der Baustatik verspachtelt, man entscheidet sich nicht für das Phantasma eines „ursprünglichen“ Zustandes, sondern lebt den „leicht verwackelten“ (Robert Musil) Sinn des historisch zufällig Gewordenen.

Aus dem Treppenhaus gelangt man in einen Vorraum mit spitzer Holzdeckenkonstruktion, an der ein Kronleuchter hängt. Wer die Tür am Ende des schmalen Raumes öffnet, befindet sich im Reich der großen Göttin. Die Keramikerin Claudia Schäffer hat den lichtdurchfluteten ersten Ausstellungsraum mit Tonfiguren prähistorischer und antiker Muttergottheiten gefüllt, die von Texten vor allem aus Goethes „Faust II“ umspielt werden. Meerjungfrauen mit Doppelschwänzen treffen auf tierköpfige ägyptische Gottheiten und mykenische Idole mit prominent eingeritzten Vulven.

Mitten darin steht auch ein lokaler Mythos – nachzulesen in schweizerdeutschem Original und hochdeutscher Übersetzung sowie neu erzählt von der in Tengen lebenden Künstlerin, die auch als Stadtführerin und Märchenerzählerin arbeitet. Bei gutem Wetter kann man von Tengen aus die Glarner Alpen sehen. Hier gibt es ein früher ganzjährig mit Firnschnee bedecktes Feld, das „Vrenelisgärteli“ genannt wird. Um dieses Feld ranken sich verschiedene Geschichten.

Metamorphose zur Göttin

Schäffer gibt eine Variante wieder, die von einem bestraften Aufbegehren berichtet. Eine Jungfrau namens Verena trotzt darin den Leuten, dem Herrgott und dem Wetter, indem sie mit einem großen Sennkessel auf dem Kopf auf den Berg steigt, um oben einen Garten anzulegen. Auf dem Berg angekommen, erfriert sie dann unter ihrem Kessel. Claudia Schäffer erzählt die Geschichte neu als freiwillig gewählte Metamorphose einer jungen Frau, die den Begrenzungen des Tales entfliehen will, in eine Berggöttin.

Zwei Durchgänge führen Besucher:innen in den größten Raum der Ausstellungsebene, der als einziger kein Fenster hat und mit roter Beleuchtung etwas höhlenartig anmutet. Einer Versammlung tönerner Tiere auf kreisrundem Tisch gegenüber hängt ein großes Bild von Kaja Brenner, die auch literarisch und theatralisch arbeitet.

Tier und Frau gehen auf diesem Bild keine Mischform ein. Vielmehr zerrt eine Katze mit aufgestelltem Fell durchaus aggressiv an einem plastisch auf die Bildoberfläche aufgebrachten braunen Kleid. Darüber sieht man auf einem unordentlich mit kleinen Nägeln an die Bildfläche genagelten kleineren zweiten Bild, das wie ein Blick in einen angrenzenden Raum wirkt, eine Frau in schwarzem Badeanzug (oder ist es ein schwarzes Kleid, vielleicht ein Hemd nur?) mit aufgedunsen zerfließenden Beinen. Oder sitzt die Frau in einem Wasserbecken? Sind das schwarze und weiße Kacheln im Hintergrund – ein Badezimmer vielleicht?

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Zerfließende Konturen

Zerfließen also die Konturen der Frau, weil ihre Gestalt gebrochen durch das Wasser, in dem sie sich befindet, gezeigt wird? Die Frau hat vier Augen, zwei weiße mit nur schwach erkennbaren, wie blind wirkenden Pupillen, zwei rote mit weißen Glanzpunkten. Das Kleid – ist es ihres? Zerrt die Katze es aus dem Bad oder ihr vom Körper? War das Kleid jene Form, die den Körper der jetzt zerfließenden Frau zusammenhielt?

Andere Bilder von Kaja Brenner zeigen sehr fragil wirkende, knochig-flächige mit deutlicher Umrisszeichnung versehene Frauenakte, die an Egon Schiele erinnern. Sie zeigen Angst, Scheu, Verletzlichkeit, Abgrenzung und kommunizieren sehr direkt mit den Betrachtenden. Die Konturen sind zum Teil mit dem harten Ende des Pinsels in die noch feuchte Farbe gekratzt, ganz so, als müsste die sich auf dem Bild ausbreitende Farbe eingehegt, geschützt vielleicht, werden.

Diese zarten wie kantigen und düsteren Darstellungen korrespondieren gut mit dem Bild „Lass mich fliegen“ von Lola Nübling, das über Eck neben ihnen hängt und wie eine Öffnung in die beiden folgenden Räume wirkt, in denen sie Bilder, Skulpturen und Installationen zeigt. Im Zentrum von „Lass mich fliegen“ sehen wir einen flächig grünen unbekleideten Mädchenkörper, der rückwärts in den Bildraum schwebt, einen gelben Heiligenschein um den Kopf. Er wird gerahmt von einer weißen Fläche, die sich auf Höhe der Arme flügelartig, auf Höhe der Waden eher ektoplasmatisch finger- oder handförmig ausbuchtet.

Schwebend …

Eine rosafarbene Linie begrenzt die Fläche und verknüpft sie zugleich mit dem zwischen Rosa, Blau und Violett changierenden Himmel, aus dem plastisch gemalte tränende Augen die Betrachtenden ansehen. Der Himmel erhebt sich über einer schmutziggrauen Fläche mit Strichzeichnungen von Häuschen, einem Hund und einem gelben Kelch, der eine Träne auffängt. Gezackte Formen, manche davon orange gefüllt, verteilen sich auf der Fläche. Feuer? Explosionen? Ist das hier eine Kriegslandschaft? Blickt das Ich, das diesen Wunsch vom Fliegenkönnen artikuliert, aus den tränenden Augen durch die Verwüstung und träumt sich selbst schwebend, engelsgleich in eine andere Dimension?

Oder sind das zwei ganz unterschiedliche Personen, die eine schwebt körperleicht, die andere blickt körperlos? Es ist schwer zu entscheiden, denn auch die gezackten, von mir als Einschläge gelesenen Formen des Bodens reflektieren sich – oder werden reflektiert – in der rosafarbenen Zackenlinie, die sich über den ausgebreiteten Armen des schwebenden Mädchenkörpers vor dem Himmel ausbreitet. Sieht man sie in Verbindung zu den länger und sanfter ausschwingenden spitzen Federbögen der als Flügel interpretierbaren weißen Form, die die Arme und den gesamten Körper umschließt, dann wandeln sich die Flügel in visuelle Explosionsmarker.

Ein Körper, der nicht schwebt, sondern, von einer Druckwelle hochgehoben, für den Bruchteil einer Sekunde tänzerisch zurückgebogen, kreuzförmig ausgebreitet in der Luft stehend, stirbt – der Heiligenschein ist vielleicht auch ein Mond, eine Sonne, das Licht, in das dieser Körper hineingleitet oder eben die Andeutung des Übergangs von einer irdischen in eine jenseitige Welt. So wären die tränenden Augen solche der Trauer. Sie gehörten nicht dem Mädchen. Sie sind a-personale Anregungen und Initiierungen von Blick und Haltung, die Betrachtende dem Bild gegenüber einnehmen sollen.

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Aus dem Bild treten

„Lass mich fliegen“ steht, diagonal von oben links nach unten rechts angeordnet, in Druckbuchstaben über die Bildfläche verteilt. Auch dieser Wunsch zielt vielleicht weniger auf den innerpiktoralen Raum als auf die Betrachter:in: Lass mich los, lass mich frei, lass mich fliegen. Wenn das der Wunsch an die- oder denjenigen ist, die oder der das Bild anschaut, dann heißt das: „Schau mich nicht an.“ Noli me tangere. Lass mich gehen. Ich bin bereit, ins Unbildliche zu treten, aber Du musst mich loslassen, darfst nicht festhalten an mir, sonst kann ich nicht aus dem Bild, aus dem Blick, der mich hält, treten.

Ich betrete das Nachbarzimmer, einen lichtdurchfluteten, fast quadratischen Raum und werde unmittelbar von einem großen Bild an der linken Wand angezogen. Zwei Paare sind darauf zu sehen: ein sitzendes tiermenschliches Mischwesen umarmt eine transparent-fluid wirkende Figur mit zart-pastelligem Körper, dem stachelartige Spitzen aus dem Rücken wachsen. Zum Eindruck des Flüssigen tragen die in unwahrscheinlicher Krümmung und Länge das Tierwesen umschlingenden krallenbewehrten Hände bei.

Das Wesen könnte auch ein verkleideter Mensch sein – das rote Fell wirkt eher wie ein abstreifbares Gewand – es lässt das Gesicht frei, aus zwei Löchern treten gepiercte Brustwarzen hervor, auch die Vulva liegt offen und an den Füßen brechen nackte Zehen durch wie durch einen löchrigen Socken.

Stacheln der Seele

Im kleinen Katalog, der auf dem Fensterbrett für 3-10 Euro je nach Geldbeutel („Wer Kunst klaut, ist blöd“) zum Verkauf ausliegt, lese ich „Füchsin II. Stacheln der Seele“ als Bildtitel). Ich hätte das Wesen für eine Katze gehalten, aber noch ein weiteres Bild zeigt dieses Wesen ebenfalls als „Füchsin“ sowie eine Zeichnung im Katalog. Die Füchsin kenne ich als so berühmtes wie gefährliches japanisches Wandelwesen: Füchse – Kitsune – dienen nicht nur der Landwirtschafts- und Muttergöttin Inari, sondern treten gern in Gestalt verführerischer Frauen (seltener Männer) auf.

Die Füchsin auf Nüblings Bild blickt ihren stachligen Geliebten aus grünen Augen traurig an; die überlangen krummen Fangzähne blitzen eher hinderlich als furchteinflößend. Die Aktivität scheint eher von der in pastelligen Tönen das Fuchswesen umklammernden zweiten Figur auszugehen. Hilfesuchend hält die Füchsin sich an einer grünen, mit kurzen dunklen Strichen ähnlich ihrem Fell charakterisierten Fläche fest, die nach oben zackig ausläuft, als handele es sich um einen Gebirgszug. Die Bergkette im unwahrscheinlichen Griff des Fuchswesens brennt; hinter ihr droht dunkel ein Wäldchen vor einem müden rosagelben Mond.

Ein Lichtkeil auf Bildmitte teilt die Fläche in zwei Hälften. Das Licht einer nicht sichtbaren Quelle läuft hinter der Hand der Füchsin her, um dann sanft über eine von kleinen grünen Quadraten wie gekachelt wirkenden Landschaft zu fließen. Die zweite Bildhälfte zeigt ebenfalls ein Paar. Dunkelblau, von rosafarbenem Licht schräg seitlich angestrahlt blickt eine fragmentierte Frau, deren rechter Oberschenkel auf Hälfte abbricht und deren Kopf eine geschwungene Linie beendet, so als bräche dieser grad durch den dunkelroten Himmel.

Intime Rüstung

Schloss blumenfeld 2026 05 21 11 © albert kümmel schnur

Die Frau trägt in Umkehrung zur Füchsin einen fellartigen Bikini, der ihre Geschlechtsorgane wie weiß behaarte Kleidungsstücke an ihren Körper heftet. Das Höschen ist geschlitzt, es tropft rote Farbe heraus, auch darin ein Pendant zur Fuchsfrau auf der anderen Seite, unter deren offenem Geschlecht sich eine Pfütze blauer Farbe sammelt. Aus der linken Brust erwächst ein schlankes hundeartiges Wesen, dessen Körper weitgehend aus einem leicht behaarten Arm mit langgliedrigen Fingern besteht. Die Frau hält eine Passionsblume, deren Stiel als grüner Schlauch noch über das andere Paar erstreckt in der rechten Hand, deren Arm hinterm gekachelten Horizont verschwindet. Eine stachelbewehrte Kette ist am oberen Bildrand halbkreisförmig aufgespannt. Sie wirkt wie eine Dornenkrone. Der Passionsblume des einen Paars entspricht ein extrem langstieliges Weinglas auf der anderen Seite. Es reicht bis knapp unter den Mund der Füchsin.

Deutlich schälen sich in vielen Bildern wiederkehrende Elemente, Bildzeichen einer eigenen mythopoietischen Welt und Sprache heraus. Die Palette aus leuchtend bunten Farben, die ineinander verschränkten Bildelemente und -ebenen, der Hund, die Füchsin, offene Vulven und wie BHs umhängbare Brüste – in einer Ecke sind diese Kleidungsstücke als „Intime Rüstung“ in Form einer Latexskulptur umgesetzt –, Schriftzüge aus gedruckten Buchstaben, Versatzstücke christlicher Ikonografie (Engel, Heiligenscheine, eine von Kreuzen in der Brust durchbohrte „Hunde Trauer“ genannte Schmerzensmadonna): Lola Nübling schafft einen wiedererkennbaren Kosmos, den sie in unterschiedlichen Medien entwickelt.

Besonders berührt mich eine kleine Tonfigur, die einsam auf einem Fensterbrett auf ihren Fersen kniet. Sie ist bis auf ein Höschen nackt, weiß glasiert und trägt eine Mütze. Aus dem Kopf wachsen ihr lange Hasenohren. Sie blickt mit spitzem Mund, ganz so, als müsse sie etwas erklären oder tief Atem holen. Vielleicht auch, als warte sie auf etwas. Spindeldürre spinnenbeinartige Finger scheinen etwas zu halten. Man weiß nicht, was. Vielleicht formen die Finger auch nur die Geste einer Erklärung.

Oder öffnen einen Raum, den andere füllen können. Mit Worten. Gedanken. Bildern. Träumen oder Ängsten.

***

Die Ausstellung „zart & ungezähmt“ ist noch bis zum 5. Juni auf Schloss Blumenfeld zu sehen. Sie kann zu den Öffnungszeiten des Schlosscafés (sonn- und feiertags 14-18 Uhr) oder nach individueller Absprache (Mail: hallo@schloss-blumenfeld.de, Tel: 07736-3429900) besichtigt werden.

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