Feier montagsdemo 798 resch, linckh

S21: Verdiente Ehrung, vergeblicher Appell

Von Pit Wuhrer
Feier montagsdemo 798 resch, linckh
Bei der 798. Montagsdemo vorgestern: Jürgen Resch (von der DUH) und Umweltheldin Angelika Linckh

Über 20.000 Menschen beteiligten sich in den letzten Monaten an der ersten Publikumswahl zum Bürgerschafts- und Engagementpreis „Druck Machen – Für die Umwelt!“ der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Jetzt wurde das Ergebnis bekannt – und dürfte manche überrascht haben. Bekommen hat ihn eine Aktivistin aus Stuttgart.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass zäher Widerstand und langjähriger Einsatz für die Interessen aller mit dem Titel „Umweltheldin des Jahres“ gewürdigt wird. Genau dies aber ist Ende vergangener Woche passiert, als Angelika Linckh von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) in Berlin den Bürgerschafts- und Engagementpreis 2026 verliehen bekam. Die Ärztin kämpfe seit Jahrzehnten für Umwelt, Klima und Menschenrechte, heißt es in einer Mitteilung der DUH: „Ob als Mitgründerin des Feministischen Frauengesundheitszentrums, auf der Straße für die Verkehrswende oder als prägende Stimme im Widerstand gegen Stuttgart 21 und für den Erhalt des Stuttgarter Kopfbahnhofs: Mit Hartnäckigkeit, Humor und Menschlichkeit lässt sich auch gegen übermächtige Interessen Druck für eine bessere Zukunft machen.“

Bekannt wurde Linckh als Moderatorin der vielen Montagsdemos in Stuttgart und als Stimme der S21-Opposition. „Ihre humorvolle Art, unerschrocken und kontinuierlich Haltung zu zeigen, ist für viele Menschen Vorbild und Inspiration“, schreibt dazu das Demo-Team von Umkehrbar e.V., dem Trägerverein der Montagsdemos. Mit dieser Entscheidung würdige die DUH „nicht nur den außergewöhnlichen Einsatz von Angelika Linckh im Widerstand gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21, sondern auch das Engagement der vielen Menschen, die seit Jahren eine vernünftige, klimaverträgliche und sozial gerechte Verkehrs- und Bahnpolitik einfordern.“

Verbunden mit der Ehrung ist ein Preisgeld in Höhe von 50.000 Euro, gestiftet von den Betreiber:innen der Ökosuchmaschine Ecosia [], das Linckh an die Bewegung für den Erhalt des Stuttgarter Kopfbahnhofs und des Gäubahn-Anschlusses sowie  die ebenfalls gegen S21 aktive Umweltorganisation RobinWood weiterreichen wird. Sie freue sich sehr über den Preis, sagte Linckh, „denn er hilft uns, unseren Protest fortzusetzen.“ 

Noch weniger Klimaschutz

Das Geld können die Initiativen gut gebrauchen. Denn mit der Landtagswahl ist klar geworden, dass sich beim Verkehrswende-Verhinderungsprojekt S21 so schnell nichts ändern wird. Zwischen Grün-schwarz und Schwarz-grün sei verkehrspolitisch „kein ernsthafter Unterschied“ feststellbar, erläuterte Tom Adler auf der 797. Montagsdemo, der ersten nach dem Urnengang. Sicher sei nur: „Wer taktisch grün gewählt hat, bekommt jetzt sogar noch weniger Ökologie, Klimaschutz und Demokratie als mit den Kretschmännern und -frauen.“

Denn der wohl künftige Ministerpräsident Cem Özdemir habe durch den scheidenden Verkehrsminister Winfried Hermann schon mal ausrichten lassen, „dass jede Landesregierung vor allem eins will: Dass jetzt endlich fertig gebaut und der klimaschädliche, überflüssige Pfaffesteigtunnel gebohrt wird, damit [der Tunnelbohrmaschinenhersteller] Herrenknecht und die Baukonzerne mit den Milliarden aus Steuergeldern ihre Profitmargen sicher einplanen können.“ Weder ein Umstieg noch eine Denkpause sei von der neuen baden-württembergischen Regierung zu erwarten – und das, obwohl die Glaubwürdigkeit der S21-Befürworter:innen „schwer angeschlagen ist“.

Mittlerweile zeige sich sogar, dass die versprochene Lösung der Kapazitätsprobleme durch den Digitalen Knoten Stuttgart herbeifantasiert worden war: Die Bahn selbst, so Adler vom S21-Demo-Team, habe „ihr Personal, das Digitalisierung angeblich beherrscht, abzubauen begonnen“.Es seien also weitere Kostensteigerungen und Terminverschiebungen zu erwarten. 

Angesichts der Tatsache, dass es im Landtag außer den Rechtsextremen von der AfD keine ernsthafte Opposition mehr gibt, komme es nun auf die außerparlamentarischen Bewegungen an: „Das Projekt strauchelt. Es verliert an medialer Zustimmung. Es kollabiert aber nicht von alleine und auch nicht an sich selbst.“

Verheerende Bilanz

Besser wird es jedenfalls nicht, wie ein Blick auf den Zustand des Stuttgarter S-Bahn-Verkehrs zeigt. Im vergangenen Jahre habe es – so ein Bericht des Südwestrundfunks – „so viele Baustellen wie noch nie“ gegeben. „Zusammen mit der zunehmenden Unpünktlichkeit der S-Bahn ist das eine verheerende Bilanz für 2025.“

Für das aktuelle Jahr hat die Bahn aufgrund von S21-Arbeiten weitere Sperrungen angekündigt. Und das wird wohl so weitergehen. Für den Fall, dass die Gäubahn zwischen Zürich-Singen und Stuttgart – wie von Bahn und Politik geplant – im Stuttgarter Stadtteil Vaihingen tatsächlich gekappt werden sollte, warten im Stuttgarter Vorort einige Herausforderungen auf die Fahrgäste. Hier dürfen sie dann über schmale Treppen und nur einen Aufzug mit Koffern, Kinderwägen, Rollatoren und Fahrrädern den Bahnsteig wechseln und sich dann in eine volle S-Bahn drängen – vorausgesetzt, die kommt überhaupt.

Auch deswegen forderten vor wenigen Tagen die Oberbürgermeister von Böblingen, Herrenberg, Horb, Rottenburg, Rottweil, Villingen-Schwenningen, Tuttlingen, Singen und Konstanz zum wiederholten Mal in einer gemeinsamen Erklärung, „dass die Gäubahn mindestens bis zur tatsächlichen Eröffnung des Tiefbahnhofs weiterhin direkt an den Stuttgarter Kopfbahnhof angebunden bleibt.“

Und Stuttgart?

An wen sich der Appell richtet, geht aus dem Statement nicht hervor. Sinnvoll ist die Stellungnahme der Stadtoberen, die meisten davon mit CDU-Parteibuch, trotzdem. Ganz anders sieht das jedoch die Mehrheit der Stuttgarter Kommunalpolitiker:innen, inklusive deren Bürgermeister. Als vergangene Woche die Fraktion Die Linke – SÖS plus im Stuttgarter Gemeinderat für einen Antrag warb, demzufolge der Rat den Stuttgarter OB Frank Nopper (CDU) auffordern solle, sich dem Votum seiner Kollegen entlang der Gäubahn anzuschließen, wollte (außer der Puls-Guppe) keine der anderen Fraktionen folgen – die CDU nicht, die SPD nicht, auch die Grünen nicht.

Das Bizarre daran: In puncto Gäubahn liegen die Linken damit weitaus mehr auf einer Linie mit der regionalen Wirtschaft als die Stuttgarter CDU und die Stuttgarter Grünen. In der Broschüre Schienenachse Stuttgart–Zürich: Unverzüglicher Ausbau statt Stillstand der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwarzwald–Baar–Heuberg fordern Unternehmensvertreter:innen vom der IHK Nordschwarzwald bis zur Zürcher Handelskammer einen unverzüglichen Ausbau der Gäubahn. Und den Abschied von allen Unterbrechungsplänen: „Die Bahnverbindung schlicht zu kappen – und das nicht für Wochen oder Monate, sondern für Jahre – ist ein schlechterdings unannehmbares Ergebnis“ (Thomas Conrady, IHK Hochrhein-Bodensee). 

5,8 Kilometer für die Zukunft

Der aktuelle Zustand behindere auch Gütertransporte auf der Gäubahn, lautet eines der IHK-Argumente. Es bekommt durch eine aktuelle Entwicklung jenseits der Grenze noch mehr Gewicht: Im letzten Jahr, so das Schweizer Bundesamt für Verkehr, habe der alpenquerende Schienengüterverkehr weiter an Boden verloren. Der Anteil des Schienentransports sei im Vergleich zu den Lastwagenfahrten mit 68,6 Prozent „dramatisch“ niedrig.

Wenn die Schiene im transalpinen Verkehr „weiter Marktanteile verliert, wird der verfassungs­mässige Alpen­schutz schrittweise ausgehöhlt“, kritisiert der Verein Pro Alps, der unter dem Namen Alpen-Initiative 1994 eine Volksinitiative zum Schutz der Alpen vor dem Transitverkehr durchgesetzt hatte. Die Gründe dafür sind auch hierzulande zu finden. So hatte sich im Vertrag von Lugano 1996 die damalige deutsche Regierung verpflichtet, die Bahnstrecke Karlsruhe–Basel viergleisig und die Gäubahn zweigleisig auszubauen. Im Gegenzug versprach die Schweiz, die Neue Alpentransversale (NEAT) umzusetzen.

Die NEAT (darunter der 57 Kilometer lange Gotthard-Basistunnel) ist seit 2020 in Betrieb. Der Ausbau der Rheintalbahn aber wird frühestens 2041 abgeschlossen sein. Und die Gäubahn? Das hängt davon ab, ob die neue Landesregierung wie die alte auf den superteuren und unwirtschaftlichen Pfaffensteigtunnel setzt, der alle Gelder verschlingen wird. Immerhin haben es Bahn und Behörden in den rund dreißig Jahren seit der deutsch-schweizerischen Vertragsunterzeichnung geschafft, ein Stück Gäubahn wieder zweigleisig befahrbar zu machen – den Streckenabschnitt Horb–Neckarshausen. Gesamtlänge der Neubaustrecke: 5,8 Kilometer. Wenn das kein Fortschritt ist.

Fotos: Screenshot von der 798. Montagsdemo am 16. März 2026 (ObenBleibenTV) / Gäubahnzug im Bahnhof Singen (© Pit Wuhrer) / Gotthard-Basistunnel (© Kecko_Wkimedia commons

Nächste Termine:

23. März 2026, 18 Uhr: Die 799. Montagsdemo auf dem Schlossplatz
30. März 2026, 18 Uhr: 800. Montagsdemo: Die 800. Montagsdemo findet am 30. März 2026 ab 18 Uhr auf dem Schlossplatz in Stuttgart statt. Ab 18.40 Uhr beginnt der  Demozug, ausgehend vom Schlossplatz, nach rechts in die Bolzstraße, weiter nach links in die Stauffenberg-Strasse, bis vor den Württembergischen Kunstverein. Dort endet die Demonstration mit dem Schwabenstreich.

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