Bodensee philharmonie 1 © ilja mess

Musik und Ohrfeigen, das passt

Von Harald Borges

Wenn die Bodensee Philharmonie in ihrer neuen Saison gleich zwei Werke von Schönberg spielt, präsentiert sie damit Musik eines der bedeutendsten Großrevolutionäre der abendländischen Musikgeschichte. Das Programm 2026/2027 – das letzte mit Gabriel Venzago als Chef – besteht wieder aus einer gelungenen Mischung aus Bekanntem und Überraschendem.

Symphonische Schlachtrösser stehen in der neuen Saison wieder neben intimen Besetzungen, Musik der Klassik und Romantik neben zeitgenössischen Werken und solchen der klassischen Moderne. Bespielt werden nicht nur die typischen Stätten von Konzil bis Inselhotel, sondern auch das ALM, die Bodensee-Therme und der Garten von Schloss Gottlieben – an Abwechslung fehlt es in der neuen Saison also wahrlich nicht.

Für Hans-Georg Hofmann, bis vor Kurzem noch Intendant der Philharmonie, markiert dieses Programm „einen wichtigen Schritt in der Weiterentwicklung der Bodensee Philharmonie. Mit der dauerhaften Verankerung von Zukunftsmusik, neuen Konzertformaten und starken künstlerischen Partnerschaften erweitern wir unser Angebot, ohne unsere Wurzeln aus den Augen zu verlieren. Das Motto ‚Mittendrin‘ beschreibt genau diese Haltung: nah an den Menschen, offen für neue Perspektiven und fest in der Region verwurzelt.“

Auftragswerk zur Eröffnung

Das erste Stück der neuen Saison ist die deutsche Erstaufführung eines Werkes, das die Bodensee Philharmonie zusammen mit drei weiteren Orchestern in Auftrag gegeben hat: Jimmy López‘ Sinfonie Nr. 5 „Fantastica“. López, 1978 geboren, ist ein mit zahlreichen Preisen bedachter peruanischer Komponist, der weltweit gern gespielt wird. Seine fünfte Sinfonie ist von Michael Endes „Unendlicher Geschichte“ angeregt. Das 25-minütige Stück will in seinen fünf Sätzen allerdings „weniger die Ereignisse im Detail erzählen, sondern dem großen Bogen der Novelle folgen und sich auf die Hauptpersonen konzentrieren“. Die Sinfonie ist ein durchaus effektvolles Werk, das auch in Konstanz ein begeistertes Publikum finden wird. Dazu gibt es an diesem Eröffnungsabend Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-moll (das sich anders als dessen Violinkonzert in d-moll aus seinen Kinderjahren mit allem Recht als unverwüstlich erweist) und Joseph Haydns beliebte Sinfonie „Mit dem Paukenwirbel“.

Im Verlauf der Saison begegnen dem Publikum dann Meisterwerke von Beethoven (unter anderem die Neunte), Tschaikowski (Erstes Klavierkonzert), Dvořák, Elgar (Enigma-Variationen), Berlioz (gleich doppelt), Ives (Konstanzer Erstaufführung der 2. Sinfonie) und anderer Komponist:innen, die die abendländische Musikgeschichte mitgeprägt haben. Dazu zählt auch die heute vergessene Emilie Mayer (1812-1883), deren Orchestermusik im 19. Jahrhundert eine Zeitlang populär war und die als weiblicher Beethoven gefeiert wurde.

Überhaupt werden Frauen in dieser Saison über ihre traditionelle Rolle als Gesangs- oder Instrumentalvirtuosinnen hinaus etwas sichtbarer, stehen doch mit Yi-Chen Lin und Sora Elisabeth Lee zwei gefragte Dirigentinnen erstmals auf dem Pult der Bodensee Philharmonie.

Natürlich gibt es auch wieder andere bewährte Formate, etwa die Neujahrskonzerte mit Gabriel Venzago und das Weihnachtskonzert mit Oliver Wnuk, die Reihe „Late Night im Konzil“, die Mozart-Konzerte im Inselhotel sowie „Klassik am See“ als Ausklang der Saison. Die „Zukunftsmusik“ wird dauerhaft fortgeführt und bereichert das Konzertangebot um innovative Formate, neue Kooperationen und besondere Spielorte.

Ein denkwürdiges Konzert

Erfreulicherweise steht auch ein Komponist mit gleich zwei wegweisenden Werken auf dem Programm, der die abendländische Musikgeschichte umgepflügt hat wie kaum jemand sonst in den vergangenen beiden Jahrhunderten: Arnold Schönberg, der Revolutionär, der den Schritt aus der mittlerweile viel zu eng gewordenen Tonalität heraus tat – zum Entsetzen nicht unbedeutender Teile des Publikums. Von ihm sind im nächsten Jahr die wegweisend expressive Kammersinfonie Nr. 1 von 1906 sowie die auf Hitler zielende „Ode to Napoleon Buonaparte“ nach Lord Byron von 1942 zu hören.

Ein Konzert im Jahr 1913, in dem unter anderem Schönbergs besagte Kammersinfonie gespielt wurde, ging gar als „Watschenkonzert“ in die Geschichte ein, da es nach einer Saalschlacht abgebrochen wurde. Man darf gespannt sein, wie die Reaktionen des Konstanzer Publikums im Jahr 2026 ausfallen – der Kommunale Ordnungsdienst jedenfalls dürfte wohl zu sehr mit der Jagd auf Falschpinkler:innen beschäftigt sein, um den Dirigenten vor etwaigen Attacken empörter Zuhörer:innen beschützen zu können.

Weitere Informationen sowie das vollständige Saisonprogramm finden Sie unter www.bodensee-philharmonie.com.

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