Frauenprotest Bild Zum 25.11.23 ©un Women Johis Alarcón

Morgen ist der Tag gegen Gewalt an Frauen

Frauenprotest Bild Zum 25.11.23 ©un Women Johis Alarcón
UN Women zum internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. Bild: Johis Alarcón

„Der statistisch gesehen gefährlichste Mensch im Leben einer Frau ist ihr Partner.“ Das sagte kürzlich eine Anwältin in einem Podcast des Bayrischen Rundfunks. Und tatsächlich: In Deutschland erlebt alle vier Minuten eine Frau Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner, jeden Tag gibt es einen versuchten Mord an einer Frau, jeden dritten Tag wird eine getötet. Morgen ist der „internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen.“

Am 25. November 1960 ermordeten Schergen des Diktators Rafael Trujillo in der Dominikanischen Republik nach monatelanger Folter die drei Schwestern Patria, Minerva und Maria Mirabal. Diese galten danach als Symbolfiguren für Frauen, die gegen Unrecht kämpfen. So erklärten Feministinnen beim ersten Lateinamerikanischen Frauenkongress 1981 in Kolumbien ihren Todestag zum Tag für Opfer von Gewalt gegen Frauen. 1999 riefen die Vereinten Nationen (UN) dann den Tag zum „internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“ aus.

Dieser Deklaration vorausgegangen war die Etablierung von „Orange the World“, einem 16-tägigen Erinnern und Mahnen an Gewalt gegen Frauen, das vom 25. November bis zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember stattfindet. Diese Uno-Kampagne wurde 1991 vom Women’s Global Leadership Institut initiiert und 2008 von UN Women übernommen. An ihr beteiligen sich weltweit Kommunen, Institutionen, Aktivist:innen und Unternehmen, beispielsweise indem sie ihre Gebäude in orangenen Farben ausleuchten. „Orange the World“ erinnert auch daran, dass Frauenrechte ebenfalls Menschenrechte sind.

Seit wenigen Jahren wird an diesem Tag neben der Gewalt an Frauen auch der Gewalt an Lesben, Inter-, Nichtbinären, Trans- und Agender-Menschen (Flinta*) gedacht.

Gewalt gegen Frauen/Flinta*

Als Gewalt gegen Frauen gilt „jeder Akt genderspezifischer Gewalt, der Frauen körperlichen, sexuellen oder psychologischen Schaden oder Leid zufügt oder zufügen kann, einschließlich der Androhung solcher Handlungen, der Nötigung oder der willkürlichen Freiheitsberaubung, unabhängig davon, ob sie in der Öffentlichkeit oder im Privatleben stattfindet.“ So definierte es die UN-Generalversammlung in einer Erklärung zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen (PDF-Download) im Dezember 1993.

In Deutschland dauerte es etwas länger. Erst vier Jahre später, 1997, wurde in der Bundesrepublik Vergewaltigung in der Ehe zum juristischen Unrecht erklärt. Um eine Reform des Paragrafen177 war ab 1983 gestritten worden; Dabei ging es insbesondere um die Frage, ob eine Vergewaltigung innerhalb einer Ehe überhaupt eine Vergewaltigung sein kann oder sie nicht schlicht zur ehelichen Pflicht der Frau gehöre. Gegen eine Gesetzesreform zum Schutz der Ehefrauen stimmten damals 138 Abgeordnete von CSU, CDU und FDP, darunter auch der frühere Innenminister Horst Seehofer (CSU) und Friedrich Merz (heute Bundesvorsitzender der CDU). Merz ist der Mann, der seinen letzten Wahlkampf mit Schlagwörtern gespickt hat wie „Genderkrieg“ und „Genderwahnsinn“ und der das Gendersternchen fürchtet wie Satan das Weihwasser.

Nur die Spitze des Eisbergs

In Deutschland erlebt alle vier Minuten eine Frau Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner, jeden Tag gibt es einen versuchten Mord an einer Frau, jeden dritten Tag wird eine getötet. Noch immer erfassen Pressesprecher der Polizei diese Morde unter „Beziehungsdrama“ oder „Familientragödie“.

293 Männer haben allein in diesem Jahr (Stand 15. November) in Deutschland eine Frau getötet oder zu töten versucht. 159 Frauen, 8 Mädchen, 2 Jungen und 3 Männer wurden ermordet. 124 Frauen, 3 Kleinkinder und 11 Männer wurden zum Teil sehr schwer verletzt und 22 Frauen wurden lebensgefährlich verletzt. Alle durch patriarchale Gewalt des Ex-Partners, Partners oder Männern aus dem engen Umfeld. Dazu erfasste die Polizeistatistik 2022 11.896 Vergewaltigungen und Fälle von sexueller Gewalt. „Statistisch gesehen ist in Deutschland der gefährlichste Mensch im Leben einer Frau ihr Partner.“ So Julia Cruschwitz und Carolin Haentjes in ihrem Buch „Femizide – Frauenmorde in Deutschland“ (Hirzel Verlag, Stuttghart 2021).

Femizide, „die vorsätzliche Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind“, sind nur die Spitze des Eisbergs und auch diese ist nicht vollumfänglich sichtbar. Geschlechtsspezifische sexualisierte Gewalt ist meist nicht sichtbar beziehungsweise wird sie nichtsichtbar gemacht, indem sie nicht als solche benannt wird. Auch werden die meisten Taten nicht zur Anzeige gebracht und spiegeln sich damit nicht in den Statistiken wieder. Mediale Empörungen sind selten. Und auch das Eingreifen des direkten Umfelds von Frauen, die sexualisierte Gewalt erleben, ist minimal.  

Das Private ist politisch

Der 25. November ist einer von 365 Tagen im Jahr, an dem Frauen weltweit Unterdrückung, Gewalt und Mord erfahren, nur weil sie eben Frauen/Flinta*s sind. Und weil immer noch weltweit eine patriarchale, frauenverachtende und misogyne Kultur in allen Lebensbereichen begünstigt und hingenommen oder ignoriert wird.

Die Politik wird am 25. November daran erinnert, dass eine Gleichberechtigung der Geschlechter in allen Belangen möglich ist. Flinta*s haben in jedem Lebensraum und in jeder Lebensphase das Recht auf Sicherheit. Dazu gehört, dass besondere Gefahren aufgrund von Geschlecht und Sexualität anerkannt und benannt werden. Wie beispielsweise, dass Flinta*s von Krisen und Krieg besonders betroffen sind. So könnte eine feministische Außenpolitik sichere Fluchtwege für Flinta*s auf der Flucht ermöglichen. Zu Beginn des Ukrainekriegs war das möglich. Bedauerlicherweise haben sich dann in Deutschland viele männliche Helfer als Frauenhändler und sexuell übergriffige Männer erwiesen.

Ein richtiger Ansatz war es dennoch, der auch Flinta*s aus anderen Krisenregionen ermöglicht werden sollte. Stattdessen wird der Familiennachzug, der in der Regel den Nachzug von Frauen und Kindern meint, weil das ein sicherer Weg der Flucht ist, gestrichen. So das neue „Asylpaket“ der Bundesregierung. Das betrifft besonders Frauen und Kinder aus Syrien. Natürlich könnte die Politik auch feministische Bildung forcieren und so weiter und so fort.

Der biblische Irrtum

Die Zivilgesellschaft wird am 25. November daran erinnert, dass sie Teil des Systems sind, das Frauen schlechter behandelt, verachtet und der Gewalt frei gibt. Es ist ein biblischer Irrtum, dass die Frau für den Mann, für seine Reproduktion und sein Vergnügen geschaffen ist. Wenn alle vier Minuten ein Mann übergriffig wird, passiert das nicht im luftleeren Raum; Täter fallen in der Regel nicht vom Himmel. Vielmehr leben sie in einem Umfeld, das ihnen ermöglicht, Frauen zu erniedrigen, zu bedrängen und zu töten. Noch immer wird sexualisierte Gewalt verharmlost, noch immer wird Frauen, die Gewalt erfahren, weder Glauben noch Unterstützung geschenkt. „Nein heißt Nein“, das heißt nicht, dass eine Frau hysterisch, übersensibel, frigide, frivol, selbst schuld oder sonst etwas ist!

Im Fokus des diesjährigen „Orange the World“, dem 16-tägigen Erinnern an Gewalt gegen Flintas*s, steht die Gewalt gegen sie im öffentlichen Leben und der digitalen Welt. Flinta*s schützen heißt, alle Lebensräume sicher machen. Im Umkehrschluss bedeutet es auch, dass Täter als Täter identifiziert werden und dass sie Räume verlassen müssen. Es bedeutet auch, dass Täterschützer und Menschen, die sexualisierte Gewalt normalisieren, sich ihrer Verantwortung stellen müssen. Eine wachsame und sensible Zivilgesellschaft, neben einer medialen und juristischen Verurteilung von sexualisierter Gewalt, erschwert und beseitigt eben diese.

Text: Abla Chaya / Foto: UN Women, Johis Alarcón

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