Seerhein-Promenade mit blauem Abwasserrohr am 19.12.2013 © Harald Borges

Kunst im öffentlichen Raum

Ein Kommentar

Seerhein-Promenade mit blauem Abwasserrohr am 19.12.2013 © Harald Borges
Seerhein-Promenade mit Kunstwerk © Harald Borges

Die aufgeständerte, atemberaubend schmucke blaue Rohrleitung, die nahe der Fahrradbrücke im rechtsrheinischen Konstanz das Licht der Welt erblickt und am Wasser entlang in Richtung Millionengrab Bofo führt, ist ein seltenes Highlight der Konstanzer Kunst im öffentlichen Raum. Aber ist sie überhaupt als Kunst gedacht – oder „nur“ eine schnöde technische Notwendigkeit? Hierzu eine Mitteilung aus berufener Quelle.

Kunst, Großstadtflair und Fragen von Schönheit und Notwendigkeit – über die blauen Rohre am Seerhein von der Fahrrad- bis zur Schänzlebrücke wird aktuell viel diskutiert. Es handelt sich dabei um eine oberirdische Abwasserleitung, die für die bevorstehende Kanalsanierung in der Reichenaustraße aufgebaut wurde. Die Kanalsanierung in der Reichenaustraße ist eines der umfangreichsten Kanalsanierungsprojekte der Entsorgungsbetriebe Stadt Konstanz (EBK) in diesem Jahrzehnt.

Seerhein-Promenade, Herosé-Park, Abwasserleitung am 20.12.2023 © Harald Borges
Seerhein-Promenade und Herosé-Park wurden künstlerisch veredelt © Harald Borges

Nach über 70 Jahren im Dauerbetrieb wird der Hauptsammelkanal in der Reichenaustraße saniert. Mit einem Durchmesser von 160 cm gehört er zu den größten Kanälen im Stadtgebiet. Die Sanierung erfolgt in geschlossener Bauweise. Im sogenannten Schlauchlinerverfahren wird ein harzgetränkter Gewebeschlauch durch die Schachtabdeckungen in den Kanal eingeführt und eng an die Kanalwand angelegt. Nach der Aushärtung ist der Kanal auf der gesamten Länge wiederhergestellt, dicht und die zuverlässige Ableitung des Abwassers für die nächsten Jahrzehnte gesichert.

In den vergangenen Wochen wurden verschiedene Vorarbeiten für die Sanierung durchgeführt: Sechs Schachtzugänge auf der Reichenaustraße wurden erweitert. Die runden Schachtdeckel wurden durch größere, quadratische ersetzt. Das war notwendig, damit der breite Gewebeschlauch in den Kanal eingebracht werden kann. Damit während der Sanierung auch das Abwasser von der Schneckenburgstraße kommend zuverlässig abgeleitet werden kann, wurde dort ein unterirdisches Rohr verlegt. In der Schneckenburgstraße wurde auf die oberirdische Umleitung verzichtet, damit die wichtige Verkehrsachse während der Sanierung ohne Einschränkung zur Verfügung steht. Die eindrücklichste Vorbereitung ist selbstredend die oberirdische Abwasserleitung am Seerhein. Alle Vorarbeiten befinden sich aktuell im Zeitplan.

Mit der eigentlichen Sanierung wird im Januar begonnen. Erst dann wird auch die oberirdische Abwasserleitung in Betrieb genommen. Die Sanierung erfolgt in drei Abschnitten. Bis Mai 2024 sollen alle Arbeiten abgeschlossen und die Abwasserleitung am Seerhein wieder zurückgebaut sein.

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So weit die offizielle Erklärung.

Allerdings geht darin der deutlich erkennbare Kunstcharakter dieses Bauwerks, das die Scheiße von der Stadt in Richtung Bofo transportiert (und nicht wie sonst in umgekehrter Richtung), verloren.

Einen unwiderlegbaren Beweis für die vor allem künstlerische Absicht der Erbauer*innen liefert aber das Stück Rohr kurz hinter der Fahrradbrücke.

Auf der Petershausener Seite gibt es dort eine deutliche Warnung: Dort steht gut lesbar mitten über dem Radweg „Lichte Höhe 4,5 m“. Das ist für große Menschen verdammt knapp, also ziehen Radelnde (wie auf dem Foto zu sehen) rechtzeitig den Kopf ein.

Seerhein-Promenade, Herosé-Park, Abwasserleitung, Fahrradbrücke am 20.12.2023 © Harald Borges
Kunst am Bau mit Warnschmuck © Harald Borges

Kommt mensch hingegen aus der Stadt, fehlt dieser wichtige Hinweis, obwohl dort die Durchfahrtshöhe naturgemäß viel, viel flacher ist:

Seerhein-Promenade, Herosé-Park, Abwasserleitung, am 20.12.2023 © Harald Borges
Herosé-Park mit Abwasserleitung, andere Seite © Harald Borges

Und so dürfte es denn für so manchen hoch aufgeschossenen Nieselpriem, der ahnungslos und ohne Schutzhelm, aber mit Karacho die Fahrradbrücke herunterradelt, ein entsetztes letztes Erwachen geben, direkt bevor seine Rübe auf das Rohr prallt. Anwohner berichteten übrigens seemoz, dass sie dieses Geräusch als Wohlklang empfinden – als ähnlich anheimelnd wie den Gong in einem Gamelan-Orchester.

Text: Entsorgungsbetriebe Konstanz, O. Pugliese

Ein Kommentar

  1. Peer Mennecke

    // am:

    Scheiße hin oder her, das Bewusstsein der Bevölkerung sollte durchaus mal sensibilisiert werden für die rührenden Bemühungen der Stadtwerke, dieses Objekt der Ignoranz durch den künstlerischen Ansatz der besonderen Farbgebung in den Fokus der interessierten Bürger zu rufen. Chapeau!

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