Konstanz zeigte Gesicht: Klare Kante gegen Antisemitismus, Gewalt, Hass und Fremdenfeindlichkeit. Bild: H. Reile

Konstanz zeigte Gesicht

Ein Kommentar

Konstanz zeigte Gesicht: Klare Kante gegen Antisemitismus, Gewalt, Hass und Fremdenfeindlichkeit. Bild: H. Reile
Konstanz zeigte Gesicht: Klare Kante gegen Antisemitismus, Gewalt, Hass und Fremdenfeindlichkeit.

Gestern fand auf dem Münsterplatz anlässlich des Hamas-Massakers eine Kundgebung mit rund 300 Teilnehmer:innen statt. Klare Kante gegen Antisemitismus, Gewalt, Hass und Fremdenfeindlichkeit, so eine vielfach formulierte Forderung. Hier die Rede von Anselm Venedey im Wortlaut.

Liebe Freundinnen und Freunde,

nach über zwei Monaten stehe ich noch immer unter Schock wegen des barbarischen Angriffs der Hamas auf die israelische Zivilbevölkerung. Ich wusste zwar, wozu religiöse Fanatiker jeder Couleur fähig sein können – aber diese Grausamkeiten übertrafen beinahe alles, was seit der Zeit der Shoa verbrochen wurde. Und wieder waren Jüdinnen und Juden die Opfer – dabei aber nicht Soldaten, sondern Frauen, Kinder, Babys, Alte und feiernde Jugendliche.

Ein Trauma wurde wieder zum Leben erweckt. Lassen Sie mich hier zuerst sagen, ich, und ich denke alle hier Versammelten, stehen an Ihrer Seite, teilen Ihre Verletztheit und akzeptieren das Recht auf Selbstverteidigung Israels.

Alles, wofür unsere moderne Demokratie steht, wurde durch diesen unfassbaren Akt mit Füßen getreten. Dieser Angriff, der zuerst unsere jüdischen Freundinnen und Freunde traf, trifft aber auch uns, denn er richtet sich auch gegen jede Form von liberaler Gesellschaft. Er richtet sich auch gegen die Form des Zusammenlebens, die wir hier alle zu schätzen gelernt hatten. Er richtet sich auch gegen eine offene Gesellschaft, in der weder Religion, noch Herkunft, noch Geschlecht oder sexuelle Ausrichtung eine Rolle spielen sollten.

Im Juli 2012 erarbeitete der Gemeinderat der Stadt Konstanz eine sogenannte „Konstanzer Erklärung- für eine Kultur der Anerkennung und gegen Rassismus“, die einstimmig – ja, wenn ich mich recht erinnere – sogar ohne Enthaltungen vom Gremium verabschiedet wurde.

In dieser Erklärung formulierte der Rat, dass unsere an den Menschenrechten orientierte soziale Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit sei. Eine Selbstverständlichkeit, die zwar immer wieder mit Leben gefüllt werden müsse gegen Angriffe von Nazis und anderen Extremisten. Aber eben doch eine Selbstverständlichkeit. Ich war stolz auf unsere Stadt, auf unsere Gemeinschaft, dass wir so positiv formulierten, und ich stehe weiter hinter diesen Sätzen.

Doch die Zeiten scheinen sich geändert zu haben. Aus einem abscheulichen Angriff erwächst in unseren westlichen Demokratien nicht nur ein Aufschrei der Empörung und ein bisher viel zu leises Solidaritätsbekunden mit den Opfern.

Nein, es kommt in vielen gerade auch vermeintlich linken, intellektuellen Kreisen sogar zu einer Täter-Opfer-Umkehr. Längst tot geglaubte antisemitische Stereotype drängen mit beängstigendem Erfolg zurück in die Öffentlichkeit unserer Gesellschaft. Wir sehen, dass jüdische Einrichtungen auch hier polizeilich geschützt werden müssen.

Dabei sind wir doch alle so stolz darauf und glücklich darüber, dass es wieder sichtbares jüdisches Leben in unserer Stadt gibt. Wir sehen, dass Jüdinnen und Juden auf offener Straße verbal und inzwischen sogar körperlich attackiert werden. Dabei lieben wir alle es doch so sehr, uns frei bewegen zu können, ohne Angst vor Verfolgung. Das ist nun vielen unserer Freundinnen und Freunde nicht mehr möglich.

Sie, meine jüdischen Freundinnen und Freunde, können sich hier nicht mehr so sicher fühlen, wie sie es einst konnten. Ich schäme mich zutiefst dafür, denn ich glaubte, unsere Gesellschaft sei wehrhafter gegen den braunen Sumpf aus 1000 dunklen Jahren.

Deshalb ermahne ich uns alle: Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, solidarisch zu sein! Und der Zeitpunkt ist gekommen, diese Solidarität auch offen zu leben und offen zu zeigen. Ja wir stehen an Ihrer Seite! Und wir stehen an der Seite aller Menschen, die Diskriminierung erfahren! Wir stehen solidarisch an der Seite aller Menschen, die Gewalt ausgesetzt sind, weil sie dem Wunschbild religiöser und politischer Eiferer nicht entsprechen! Wir stehen an der Seite derer, die sich für eine liberale, weltoffene Lebensweise hier, aber auch gerade im Nahen Osten einsetzen, die im Widerspruch zu den totalitären Systemen der Mullahs und Potentaten in der arabischen Welt, der Türkei, dem Iran oder Pakistan steht!

Wir stehen an der Seite aller mutigen Menschen, die Ihre Stimme erheben, um Rechte einzufordern, die wir hier als selbstverständlich erachten!

Aber leider sehen wir eine Entwicklung der Entmenschlichung der Staatengemeinschaften auch auf uns zukommen.

Ein ungeheurer Rechtsruck macht uns erschaudern vor dem, was da in der nahen Zukunft kommen mag. Manche Zivilbevölkerung lässt sich allzu leicht verführen mit den bekannten Methoden der Demagogen, die Gleichheit versprechen und dabei nur ihre Macht und ihren Besitz vermehren wollen.

Lassen Sie uns alle bei dieser wichtigen Veranstaltung hier unser Gesicht zeigen – aber nicht nur heute! Lassen sie uns jederzeit unsere Stimme erheben, wenn Unrecht geschieht, wenn rassistische, antisemitische Tendenzen sichtbar werden! Jederzeit!

Dies darf keine Veranstaltung sein, die nur unser Gewissen beruhigt, weil hier in der Bundesrepublik angesichts der Gräueltaten vom 7. Oktober tatsächlich nur allzu zögerlich mit sichtbarer Solidarität reagiert wurde, während die Unterstützerinnen und Unterstützer der bestialischen Mörder ihre Genugtuung auf offener Straße – wie in Berlin Neukölln – auf widerliche Weise zur Schau stellten und feierten.

Nein, es geht nicht darum, unser Gewissen zu beruhigen. Dies hier und heute muss eine der Veranstaltungen sein, die einen Aufbruch für unsere eigene Konstanzer Stadtgesellschaft darstellen. Ein Aufbruch zu mehr Wehrhaftigkeit, zu mehr Gerechtigkeit, zu mehr Diversität, zu mehr Sicherheit für religiöse, ethnische, sexuelle und kulturelle Minderheiten!

Denn dieser Kampf für die Rechte und Freiheit der Minderheiten kann schon bald – und das muss uns allen klar sein – ein existenzieller Kampf für unser aller Rechte und Freiheit sein!

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Text: Anselm Venedey
Bilder: H. Reile

Anmerkung der Redaktion: Ende Oktober hat seemoz bei der Öffentlichkeitsbeauftragten der Konstanzer Mevlana Moschee und auch bei der hiesigen Muslimischen Hochschulgemeinde Konstanz e.V. angefragt, wie sie den Terrorangriff der Hamas beurteilen und um Stellungnahme gebeten. Auf eine Antwort warten wir bis heute.

Ein Kommentar

  1. Werner Volk

    // am:

    Von Außen werde ich als „Linker“ verortet. Darum muss ich mich von vielen Linken distanzieren, die beim Angriff der Hamas von Befreiungskampf schwafeln. Israel hat ein Existenzrecht. Uneingeschränkt. Jede antisemitische Positionierung entpuppt sich bei genauerer Betrachtung vielfach in einem faschistoiden Geist. Darum bedarf es der Solidarität mit den Bewohnern Israels. Nicht mit dem Herrschaftssystem dort, nicht mit orthodoxen Fanatikern. Aber Solidarität mit allen in Israel lebenden Menschen, die für Freiheit und Demokratie eintreten.

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