
Die Stadt Konstanz hat Ende Januar 2026 ihren 13. Klimaschutzbericht vorgelegt und damit eine Zwischenbilanz ihrer lokalen Klimapolitik gezogen. Der Bericht zeigt deutliche Fortschritte – vor allem bei Wärmenetzen und E-Mobilität –, macht aber ebenso klar, dass das aktuelle Tempo nicht ausreicht, um die selbst gesteckten Ziele der Treibhausgasneutralität zu erreichen.
Konstanz gehört zu den ersten Städten in Deutschland, die den Klimanotstand ausgerufen und damit den Klimaschutz offiziell zur kommunalen Querschnittsaufgabe erklärt haben. Auf dieser Grundlage verfolgt die Stadt das Ziel, bis 2035 weitgehend klimaneutral zu werden und ihre Treibhausgasemissionen um rund 90 Prozent zu senken.
Die Klimaschutzberichte dienen dabei als halbjährliche bis jährliche Bestandsaufnahme: Sie bilanzieren die CO₂-Emissionen, listen beschlossene und laufende Maßnahmen auf und benennen explizit Lücken sowie Verzögerungen. Über den Gemeinderat hinaus sollen sie auch der Öffentlichkeit Transparenz darüber geben, ob Konstanz auf Kurs ist – oder nachsteuern muss.
Der 13. Klimaschutzbericht wurde in der Ratssitzung am 29. Januar 2026 vorgestellt und liegt als ausführlicher Jahresbericht vor. Er zeichnet ein ambivalentes Bild: In mehreren Schlüsselsektoren kommt Konstanz voran, gleichzeitig stagniert die Gesamtreduktion der Emissionen.
Besonders ins Auge fällt, dass die Treibhausgasemissionen von 2023 auf 2024 im Stadtgebiet nicht weiter gesunken sind. Nach zuvor deutlichen Minderungen – etwa infolge der Energiekrise 2022 – blieb die Kurve nun flach; für einen fairen Beitrag zur Begrenzung der Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad hätte Konstanz im Jahr 2024 rund 130.000 Tonnen CO₂ weniger ausstoßen dürfen. „Bei diesem Tempo“, beklagte Stadträtin Anne Mühlhäußer (FGL&Grüne), „erreichen wir die Klimaneutralität erst 2080.“

Fortschritte bei der klimafreundlichen Wärme
Als Schwerpunkt des Berichts hebt die Stadt den Aufbau einer klimafreundlichen Wärmeversorgung hervor. Die Stadtwerke Konstanz haben 2025 zwei neue Projektgesellschaften für Wärmenetze gegründet. Beim Netz um die Bodensee-Therme arbeiten sie mit Iqony zusammen, einem Ableger des spanischen Energieriesen Repsol. Für den Hafner ist man eine Partnerschaft mit der solarcomplex AG eingegangen, die in der Region seit Jahren erneuerbare Wärmenetze entwickelt.
Solarcomplex steht auch hinter dem Nahwärmenetz DingelsdorfWallhausen, dessen Bau noch in diesem Frühjahr beginnen soll. Während die Seewärmepumpe an der Therme bei Spitzenlast noch von einem Gaskraftwerk unterstützt werden soll, kommt das solarcomplex-Vorhaben Dingelsdorf-Wallhausen ganz ohne fossile Brennstoffe aus.
Weitere mit erneuerbaren Energien gespeiste Wärmenetze sind für Petershausen, das Berchengebiet sowie die Altstadt samt Paradies geplant. Auch Uni und HTWG setzen für ihre Gebäude auf Großwärmepumpen.
Ungeachtet dieser erfreulichen Entwicklung ist der Weg zur Wärmewende jedoch noch weit. Im gesamtstädtischen Vergleich werden derzeit nur etwa zehn Prozent der Gebäude erneuerbar beheizt, im direkten Eigentum der Stadt sind es sogar lediglich rund sieben Prozent. Laut Klimaschutzstrategie müsste der Anteil erneuerbarer Energien im Wärmebereich schon jetzt deutlich höher liegen, damit das Zieljahr 2035 realistisch bleibt.
Dunkle Wolken kommen auch aus der Schweiz. Der Neubau der Kehricht-Verbrennungsanlage Weinfelden (KVA) verzögert sich und damit die Versorgung des linksrheinischen Konstanz mit Fernwärme aus der Müllverbrennung. „Bis zur Wärmelieferung durch die KVA ist ab 2029 eine Teilversorgung der ersten Wärmnetzabschnitte [im Paradies] durch Übergangslösungen, zum Beispiel auf Basis von Erdgas oder Bio-Erdgas vorgesehen“, teilen die Stadtwerke mit.
Mobilität: Mehr Ladesäulen, mehr Sharing
Im Verkehrssektor setzt Konstanz weiter auf E-Mobilität und neue Angebote, um den motorisierten Individualverkehr zu reduzieren. Im Rahmen des Förderprojekts „E-Zone“ wurden 2025 zusätzliche öffentliche Ladesäulen sowie E-Carsharing-Fahrzeuge in Betrieb genommen.

Bei der Ladeinfrastruktur liegt die Stadt nach eigenen Angaben im Plan: Derzeit existieren rund 210 Ladepunkte, bis 2035 sollen es etwa 430 sein. Parallel dazu wurden in den vergangenen Jahren unter anderem E-Busse angeschafft und erste elektrische Bodenseeschiffe in Betrieb genommen, um den öffentlichen Verkehr schrittweise zu dekarbonisieren.
Der Klimaschutzbericht macht aber auch deutlich, dass der Verkehrsbereich weiterhin ein Sorgenkind ist. Zwar ist der Pkw-Bestand in Konstanz zuletzt leicht gesunken, doch für eine klimaneutrale Stadt müsste der Anteil von ÖPNV, Rad- und Fußverkehr erheblich stärker steigen. Dass die Angebotskürzungen beim Stadtbus, gepaart mit stetigen Fahrpreiserhöhungen, die Attraktivität des ÖPNV mindern anstatt erhöhen, erwähnt der Bericht nicht.
An wirtschaftlichen Erwägungen zerschlagen hat sich die Idee, mit der Umrüstung zweier Autofähren von Dieseltreibstoff auf elektrischen Antrieb gleich so viele Treibhausgasemissionen einzusparen, wie es mit der Sanierung aller städtischen Gebäude möglich wäre. Schiffsdiesel ist steuerbegünstigt, Schiffsstrom ist es nicht.
Photovoltaik: Stabiler Zubau, aber zu langsam
Beim Ausbau der Solarenergie setzt Konstanz den in den Vorjahren begonnenen Trend fort. Nachdem sich der jährliche Zubau von Photovoltaikanlagen von 2022 auf 2023 zeitweise verdreifacht hatte, blieb der Ausbau 2024 zwar stabil, erreicht aber noch nicht das Niveau, das die städtische Klimaschutzstrategie fordert.
Bis 2035 sind im Stadtgebiet 150 Megawatt peak (MWp) installierte PV-Leistung vorgesehen, um einen möglichst großen Teil des Strombedarfs lokal zu decken. Der Bericht hält fest, dass der derzeitige Ausbaupfad dafür nicht ausreicht, selbst bei Erreichen der 150 MWp müsste noch etwa die Hälfte des Stroms von außerhalb importiert werden.

Die Stadt verweist hier besonders auf private Haus- und Gewerbeeigentümer: Nur wenn deutlich mehr Dächer mit PV belegt werden und zusätzlich Freiflächenanlagen hinzukommen, lässt sich die Lücke schließen. Förderprogramme, Beratung und vereinfachte Genehmigungen sollen diesen Ausbau beschleunigen.
Finanzen, Verwaltung und European Energy Award
Der 13. Klimaschutzbericht zeigt, dass Klimaschutz in Konstanz zunehmend auch ein Thema der Haushaltssteuerung ist. Erstmals wurde ein sogenannter Klima-Haushalt in die kommunale Finanzplanung für 2025/26 integriert. Damit werden klimarelevante Ausgaben systematisch sichtbar gemacht und mit konkreten Zielen verknüpft.
Allerdings klafft zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine deutliche Lücke: Für das Jahr 2025 waren ursprünglich Investitionen in Höhe von 20 Millionen Euro für Klimaschutzmaßnahmen vorgesehen. Im verabschiedeten Haushalt eingeplant wurden jedoch nur rund 11 Millionen Euro. Durch die Haushaltssperre flossen am Ende sogar weniger als 7 Millionen Euro tatsächlich in entsprechende Projekte.
Trotz der finanziellen Engpässe kann Konstanz im European Energy Award (eea) erneut punkten. Bei dem europaweiten Zertifizierungsverfahren, das kommunales Energiemanagement und Klimaschutz bewertet, erzielte die Stadt im internen Audit 2025 einen Wert von 76,4 Prozent der möglichen Punkte und befestigte damit ihre Gold-Auszeichnung, für die mindestens 75 Prozent nötig sind.
Positive Rückmeldungen gab es im Audit vor allem für Effizienzsteigerungen in städtischen Gebäuden, die konsequente Umsetzung einer nachhaltigen Beschaffungsrichtlinie sowie das mittlerweile etablierte Klimaschutz-Management in der Verwaltung. Der Award ist damit zugleich Anerkennung und Mahnung: Die Prüferinnen und Prüfer fordern, zentrale Maßnahmen wie den Ausbau erneuerbarer Energien, Wärmenetze und den Klimamobilitätsplan deutlich zu beschleunigen.
Die nächsten Schritte
Ein wichtiger Bestandteil des Klimaschutzberichts ist die Perspektive der Bürgerinnen und Bürger. Laut einer städtischen Befragung wünschen sich rund 80 Prozent der Konstanzer Bevölkerung gleich viel oder mehr Klimaschutz. Die Unterstützung in der Stadtgesellschaft ist damit groß – doch sie steht im Spannungsfeld knapper kommunaler Ressourcen und komplexer Planungsverfahren.

Die Verwaltung setzt für 2026 klare Schwerpunkte: Im Mittelpunkt stehen der weitere Ausbau der Wärmenetze, die Umsetzung des Klimamobilitätsplans sowie zusätzliche Maßnahmen für Gebäude in Quartieren, die nicht an ein Wärmenetz angeschlossen werden können. Hier geht es etwa um den Umstieg von Öl- und Gasheizungen auf Wärmepumpen, um energetische Sanierungen und neue Beratungsangebote.
Der Bericht betont zugleich die Chancen eines ambitionierten Klimaschutzes: Er soll nicht nur Emissionen senken, sondern auch Standortvorteile für die lokale Wirtschaft schaffen, die Lebensqualität in den Quartieren erhöhen und die Stadt widerstandsfähiger gegenüber künftigen Energie- und Klimakrisen machen. Konstanz will damit an seine Vorbildrolle anknüpfen, die es mit dem Klimanotstandsbeschluss 2019 übernommen hat.
Mit angezogener Handbremse
Addiert man alle Befunde des 13. Klimaschutzberichts, ergibt sich das Bild einer Stadt, die beim Klimaschutz viel angestoßen und strukturell verankert hat, deren Emissionskurve aber noch zu flach verläuft. Wärmenetze, E-Mobilität, Photovoltaik und ein professionelles Klimaschutz-Management sind wichtige Bausteine – doch ohne deutlich höhere Investitionen und schneller umgesetzte Maßnahmen gerät das Ziel der weitgehenden Klimaneutralität bis 2035 in Gefahr.
Die Stadtverwaltung verschweigt diese Diskrepanz nicht, sondern benennt sie im Bericht ausdrücklich und verweist auf den notwendigen Schulterschluss mit Land, Bund und der lokalen Wirtschaft. Gleichzeitig macht der Rückhalt in der Bevölkerung deutlich, dass ein ambitionierterer Kurs politisch möglich wäre.
Ob Konstanz seine Vorreiterrolle halten und seine Klimaziele einlösen kann, wird sich in den kommenden Jahren entscheiden – vor allem daran, ob die nun priorisierten Projekte bei Wärme, Mobilität und Gebäuden nicht nur geplant, sondern auch konsequent umgesetzt werden. Der 13. Klimaschutzbericht liefert dafür die nüchterne Bestandsaufnahme – und einen klaren Arbeitsauftrag an Politik, Verwaltung und Stadtgesellschaft.
Grafiken: 13. Klimaschutzbericht der Stadt Konstanz / Fotos © Pit Wuhrer


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