Cannabis club, ernte februar 2026 © miriam nagel

Kiffen mit Auflagen: Der Konstanzer Cannabis-Club fährt die erste Ernte ein

Von Miriam Nagel (Text und Fotos)
Cannabis club, ernte februar 2026 © miriam nagel

Sie steckten jahrelange Arbeit, endlos viele Formulare und jede Menge Geld in den Aufbau eines Cannabis-Vereins – obwohl gar nicht alle konsumieren. Was motiviert die Mitglieder des Social Clubs PureLeaf Konstanz? Über Legalisierung, Anbauvereine und die ersten Erfolge.

Im Stockacher Industriegebiet steht ein kleines, unscheinbares Häuschen. Auf dem Dach eine neue Solaranlage, in jedem Winkel hängen Überwachungskameras. Schwere Panzertüren und abgeklebte Fenster schützen vor neugierigen Blicken, doch ein eindeutiger Geruch strömt trotzdem nach außen. Drinnen warten Büro- und Gemeinschaftsräume, eine Teeküche, eine Dartscheibe, eine Leinwand. Erst, wer seine Schuhe und Jacke ablegt und dafür Crocs, Schutzbrille und Handschuhe überstreift und sich durch einen dicken roten Vorhang in die unterirdischen Kellerräume begibt, entdeckt den wahren Zweck der Räumlichkeiten.

250 Cannabispflanzen verschiedenen Alters stehen sauber aufgereiht in kleinen Töpfen – Mutterpflanzen, Stecklinge, blühende Exemplare. Sie werden von 1000-Watt-Lampen ausgeleuchtet, während Lüftungen die Luftfeuchtigkeit regulieren und Heizungen für konstante Temperaturen sorgen. Ventilatoren simulieren Wind, die Blätter sind ständig in Bewegung. Ein exakt abgestimmtes Gemisch aus Wasser und Dünger versorgt die Pflanzen mit Nährstoffen. Kein Tageslicht, keine Keime, kein Ungeziefer. Indoor-Anbau bedeutet, gewissermaßen Gott zu spielen, indem man Jahreszeiten künstlich simuliert.

Im Nebenraum hängen frisch geschnittene Pflanzen kopfüber an Wäscheleinen und trocknen für sieben bis vierzehn Tage. Drumherum stehen vier Männer und begutachten stolz ihre erste Ernte. „Head-Grower“ Joe – der wie andere seinen Nachnamen lieber nicht erwähnt haben möchte – trägt Stirnlampe und arbeitet mit einem kleinen Mikroskop. Er schneidet Proben ab, wiegt sie sorgfältig und verpackt sie in beschriftete Beutel. 

Komplettes Neuland

Eine einzelne Pflanze liefert 50 bis 100 Gramm getrocknete Blüten, von dieser Ernte erwartet Joe rund ein Kilogramm Ertrag. „Es hätte mehr werden können, aber ich bin zufrieden“, sagt er ruhig. „Wir sind noch am Anfang, die Lernkurve ist steil.“ Bisher wächst hier nur „Tropicana Cookies“. Künftig sollen weitere Sorten folgen, sollen unterschiedliche Genetiken getestet und das Sortiment Schritt für Schritt erweitert werden.

Was nach konspirativem Untergrund klingt, ist seit dem 1. April 2024 legal. Mit Inkrafttreten des Cannabisgesetzes dürfen Erwachsene in Deutschland drei Cannabis-Pflanzen zu Hause anbauen, 50 Gramm besitzen und 25 Gramm mitführen. Konsumverbote gelten im Umkreis von Schulen, Spielplätzen, öffentlichen Einrichtungen sowie in Sichtweite von Minderjährigen – Regelungen, die in der Praxis nicht immer leicht umzusetzen sind. Gleichzeitig entstehen bundesweit Anbauvereine. Der Konstanzer Cannabis Social Club „PureLeaf“ ist ein Vorreiter.

Vereinsgründer und erster Vorstand Julius hat den Legalisierungsprozess über Jahre verfolgt. „Ich war sehr misstrauisch, ob das wirklich kommt.“ Als das Gesetz schließlich verabschiedet wurde, stand für ihn fest: Jetzt oder nie. „Wie viel Aufwand, Zeit und Geld ich da reinstecken muss, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.“ 

Mühsame Standortsuche

Am 1. Juli 2024 um Punkt Mitternacht reichte PureLeaf seinen Antrag ein – als erster Verein im Land, genau zum erstmöglichen Zeitpunkt. Es folgten Monate intensiver Standortsuche. Ein Gewächshaus auf der Reichenau schien ideal, scheiterte jedoch am Widerstand der Nachbarn. Eine Scheune in Allensbach erfüllte nahezu alle Regularien, lag abgeschieden und uneinsichtlich – am Ende waren es drei Meter Abstand zu wenig zu einer Grillhütte, an der sich einmal jährlich Jugendliche treffen.

„Irgendwann war es nur noch Trotz“, sagt Julius rückblickend. Zu viele Rückschläge, zu viele Hoffnungen, die sich zerschlugen. Die letzte Option war schließlich ein zweistöckiges Gebäude mit 450 Quadratmetern im Industriegebiet von Stockach. Dass der Gemeinderat in der CDU-geführten Kommune einstimmig zustimmte, überraschte selbst die Initiatoren. „Das war unsere Rettung“, macht Julius deutlich. Der Mietvertrag über sieben Jahre war zu diesem Zeitpunkt bereits unterschrieben – eine Ablehnung hätte die Insolvenz bedeutet.

Endlose Bürokratie

Das Gesetz gilt als streng und komplex, zudem legen die Bundesländer viele Details unterschiedlich aus. „Da kocht jedes Land seine eigene Suppe“, erläutert Julius. Zuständig für die Lizenz war das Regierungspräsidium Freiburg. Das eingereichte Vereinskonzept umfasste rund 300 Seiten – mit ausführlichen Kapiteln zu Jugendschutz, Prävention, Sicherheitsarchitektur sowie Verpackungs- und Qualitätsrichtlinien. Dass die zweite Vorständin Fabienne Juristin ist, kam da wie gerufen. Hinzu kommen Werbeverbote und Auflagen zur Außendarstellung. Die Website darf nicht „zu bunt“ sein, Social-Media-Profile dürfen nicht öffentlich geführt werden.

In Baden-Württemberg wurden inzwischen 25 Lizenzen erteilt, doch nur fünf Vereine bauen tatsächlich an. Ein Grund hierfür ist das Vetorecht der Kommunen bei Nutzungsänderungen von Gebäuden. „Viele stehen nach zwei Jahren Arbeit und hunderttausenden Euro Investitionen da – und dürfen nicht anfangen“, berichtet der Konstanzer Julius.

Die ursprüngliche Idee der Anbauvereine war überschaubar: eine Handvoll Leute kommt zusammen und hält zur gemeinschaftlichen Selbstversorgung ein Dutzend Pflanzen. In der Praxis zwingt die Bürokratie jedoch zu professionellen Strukturen. Während ein Verein in Siershain im Westerwald bereits rund eine Million Euro investierte, kam PureLeaf – dank sorgfältiger Planung und viel Eigenleistung – mit nur etwa 100.000 Euro aus. 

Mitglieder des cannabis clubs konstanz © miriam nagel
Mitglieder des Cannabis-Clubs PureLeaf Konstanz: Julius, Heiko, Joe und Jonas (von links)

Wirtschaftliche Gewinne sind hierbei gesetzlich ausgeschlossen – Anbauvereine müssen non-profit arbeiten. Pro Jahr dürfen die Konstanzer aktuell maximal 20 Kilogramm produzieren, Überschüsse müssen vernichtet werden. Jede Pflanze wird dokumentiert, jedes Gramm erfasst, gewogen und protokolliert. Man unterscheidet nach variierendem THC- und CBD-Gehalt, dem psychoaktiven Tetrahydrocannabinol (THC) und dem eher therapeutischen Cannabidiol (CBD). 

Verein statt Verkaufsstelle

PureLeaf zählt derzeit 135 Mitglieder, angestrebt werden 185, maximal möglich wären 500. Eine Abnahmepflicht besteht nicht, wohl aber eine Verpflichtung zur aktiven Mitarbeit: Regelmäßige Vereinsarbeit ist gesetzlich vorgeschrieben, die Konstanzer Mitglieder leisten mindestens sechs Tage im Jahr, „um den Vereinscharakter zu erhalten“, erklärt der 30-Jährige.

Mitglied wird man über die Website, es gibt drei Beitragsstufen je nach gewünschter Abgabemenge. Hinzu kommt eine Aufnahmegebühr von 100 Euro. „Eine notwendige Einstiegshürde, sonst könnten wir die Finanzierung vergessen.“

Die Mitgliedschaft ist ab 18 Jahren möglich. Bis 21 gelten strengere Grenzen: maximal 30 Gramm pro Monat und höchstens 10 Prozent THC. Viele Vereine verzichten auf jüngere Mitglieder, da zusätzliche Präventionsauflagen erfüllt werden müssen. PureLeaf entschied sich bewusst dagegen – auch auf Rat einer Suchtberatungsstelle. „18-Jährige konsumieren ohnehin. Warum sie dem Schwarzmarkt überlassen?“ Im Verein sind teilweise Eltern gemeinsam mit ihren erwachsenen Kindern aktiv.

Bei PureLeaf bilden etwa 25 Personen den aktiven Kern. Sie organisieren Workshops zu Cannabis und Safer Use, Vorträge, Filmabende, einen wöchentlichen Stammtisch und gemeinsame Feiern. Konsum vor Ort ist in Deutschland jedoch verboten – anders als in Spanien, wo Cannabis Social Clubs (CSC) auch soziale Treffpunkte sind. „Das ist sehr schade“, findet Julius. „Es nimmt dem Ganzen das Gesellige.“ Gerade gemeinschaftlicher Konsum könne helfen, problematisches Verhalten früh zu erkennen, denn der Verein ist sich seiner Verantwortung hier durchaus bewusst.

Gegen Stigma und Schwarzmarkt

Julius selbst konsumiert nicht. „Ich habe es mit 18 probiert, das war nicht meins.“ Seine Motivation ist politisch: Seit Jahren beschäftigt ihn die gesellschaftliche Stigmatisierung von Konsumierenden. „Ich habe gesehen, wie Leute kriminalisiert wurden, nur weil sie einen Joint rauchen.“

Viele Mitglieder nutzen Cannabis zur Schmerzlinderung, bei Schlafstörungen oder psychischer Belastung. Problematisches Konsumverhalten kommt im Verein nicht vor, dafür wird gesorgt. Den Vergleich mit Alkohol zieht Julius bewusst: „Es ist absurd, dass man in der Kneipe zehn Bier trinken kann – und bei uns darf niemand beim Filmeabend einen Joint anzünden.“ Grundsätzlich gelte: Die Menge macht das Gift – wie bei anderen Suchtmitteln auch. „Aber die Entscheidung sollte bei den Menschen liegen.“

Jonas, 45, bezeichnet sich als „Kind der Prohibitionsdynastie“. Jahrzehntelang riskierte er Führerschein und gesellschaftliches Ansehen, Polizeikontrollen versetzten ihn in Angstzustände. Seit der Legalisierung sei vieles entspannter. „Wenn ich nachts einer Horde Jugendlicher begegne, ist mir lieber, sie sind bekifft statt besoffen.“

Joe verbrachte als Jugendlicher sogar vier Wochen in Haft wegen Konsums. Heute ist der 32-Jährige trotz Vollzeitjob täglich mehrere Stunden vor Ort. Er hat eine ADHS-Diagnose und erhält Cannabis ärztlich verschrieben, schätzt jedoch die Qualität aus dem Verein höher ein als Apothekenware. „Das ist oft alt und hat lange Transportwege hinter sich.“

Größte Konkurrenz bleibt der Schwarzmarkt, den könne man nicht ganz verdrängen. Er kennt keine Auflagen, zahlt keine Steuern, trägt aber auch ein hohes Risiko. Mit der auflagengebundenen Legalisierung wurden 2024 die Strafen für illegalen Verkauf erhöht, wer an Minderjährige herausgibt sitzt dafür beispielsweise bis zu fünf Jahre.

Das macht PureLeaf für Konsumierende direkt attraktiver, neben dem etwas geringeren Grammpreis. Im Verein zahlt man voraussichtlich sechs bis zehn Euro pro Gramm, auf dem Schwarzmarkt eher mehr (durchschnittlich zehn). Und schließlich zählt: „Jeder Euro, der an einen Anbauverein geht, ist einer weniger, der illegale Strukturen fördert“, so Julius.

Cannabis als Einstiegsdroge?

Viele Vorurteile halten sich hartnäckig. Die These, über Cannabis gelange man schnell an gefährlichere Stoffe, ist wissenschaftlich umstritten. Wenn es Überschneidungen mit härteren Substanzen gibt, dann häufig durch die Illegalität selbst – wer sein Gras ohnehin beim Dealer kauft, hat auch leichter Zugang zu LSD oder Kokain. Legale Strukturen könnten genau diesen Mechanismus durchbrechen, meint der PureLeaf-Gründer.

Schätzungen zufolge konsumieren fünf bis zehn Prozent der Deutschen regelmäßig Cannabis. Rein rechnerisch bräuchte es also um die 50 Vereine in der Größenordnung von PureLeaf, um allein den Bedarf im Raum Konstanz zu decken. „Neue Nachfrage schaffen wir kaum, sondern reagieren auf eine bestehende Realität“, rechtfertigt Julius seinen Cannabis Club.

Dennoch bleibt Unsicherheit. Einige Konsument*innen fürchten, dass politische Mehrheiten das Gesetz wieder kippen könnten, manche scheuen sich deshalb sogar vor einer Mitgliedschaft. „Das fühlt sich immer noch surreal an“, staunt Joe. Auch der Vereinsvorsitzende wird sich wohl nie daran gewöhnen, was er sich da ganz legal aufgebaut hat. Er ist stolz auf sein Team: „Es hat sich definitiv gelohnt.“ 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert