Serverfarm © via pixabay

„KI kurzschließen“ – vom Widerstand gegen Big Tech (Teil I)

Von Ralph-Raymond Braun
Serverfarm © via pixabay
Bild von Jonathan Hammond auf Pixabay

Planung, Genehmigung und Baubeginn eines Datencenters in Beringen (Kanton Schaffhausen) fanden bisher nur wenig öffentliche Beachtung. Doch nun regt sich Widerstand. Nach der Räumung ihres Protestcamps im nahen Benken haben die Aktivist:innen der Gruppe „Aufstände der Allmende“ ihre Zelte nun diesseits der Grenze in Tengen (Landkreis Konstanz) aufgebaut. Und fordern: „KI kurzschließen“.

Die etwa fußballfeldgroße Serverfarm des US-amerikanischen Unternehmens STACK Infrastructure wird mit einem kalkulierten Stromverbrauch von jährlich 350 Gigawatt auf einen Schlag den Stromverbrauch des gesamten Kantons Schaffhausen um 75 Prozent erhöhen. Zeitlich parallel zum Bau des Rechenzentrums planen die Kantone Schaffhausen und Zürich am Rheinfall ein unterirdisches Kraftwerk, das dem Wasserfall ein Fünftel seiner Wassermenge entziehen und die Attraktivität des Naturschauspiels sichtbar mindern würde.

Dabei ist das Datencenter nicht nur ein gigantischer Stromfresser. Es wird mit 55.000 Kubikmetern so viel Wasser verbrauchen wie etwa 600 Zwei-Personen-Haushalte. Ungelöst ist die Verwendung der beim Kühlen der Rechner entstehenden Abwärme. Die Anlage wird im Endausbau jährlich etwa 80 Gigawattstunden (GWh) Abwärme produzieren, wovon nach einer Machbarkeitsstudie nur ein Bruchteil unmittelbar als Fernwärme in der 5000-Seelen-Gemeinde Beringen genutzt werden kann.

Protest gegen serverfarm beringen 02 © aufstände der allmende
© Aufstände der Allmende

Für eine rentable Weiterleitung ins gerade nur fünf Kilometer entfernte Schaffhausen ist die thermische Leistung der Serverfarm indes zu gering. Zu diesem Schluss kommt Energie 360°, ein auf Wärmenetze spezialisierten Energieunternehmen der Stadt Zürich. Andreas Uhr von Energie 360° erklärt es so: „Damit ein Wärmeverbund in der Stadt [Schaffhausen] mit der Wärme des Datencenters rentabel ist, brauchen wir einen Absatz von 110 bis 120 Gigawattstunden pro Jahr.“

Eine Machbarkeitsstudie der Firma Amstein+Walthert konstatiert demgegenüber, dass „mit thermischen Netzen maximal ca. 26 GWh/a (maximale Vernetzung) genutzt werden können, was einem Anteil von ca. 30 Prozent der mindestens erwarteten Abwärmemenge im Endausbau entspricht. Somit gibt es […] einen Abwärmeüberschuss.“

Das heißt: Ein Wärmeverbund in der Munotstadt ist mit der zur Verfügung stehenden Abwärme noch gar nicht rentabel zu realisieren – oder würde für die Verbraucher:innen unrealistisch hohe Energiepreise bedeuten.

Datenzentren auf der Suche nach Strom und Wasser

In der Baugenehmigung für die Serverfarm ist die Verwertung der Abwärme kein Thema. Erst seit einer Revision des kantonalen Energiegesetzes im Mai 2025 müssen Energiegroßverbraucher nachweisen, was sie mit der Abwärme machen. STACK Infrastructure stellt sie allfälligen Nutzern immerhin kostenfrei zur Verfügung – und ist froh, wenn ihm jemand dieses Problem abnimmt.

Um auch die im Sommer anfallende Abwärme verwerten zu können, wird angedacht, eine Kiesgrube zu einem künstlichen See umzubauen, der als saisonaler Wärmespeicher dienen soll. Dazu Beringens Gemeindepräsident Roger Paillard: „Diese Art von Wärmespeicher ist beispielsweise in Dänemark bereits im Einsatz, in der Schweiz hingegen noch überhaupt nicht. Das Projekt würde voraussichtlich rund 20 Millionen Franken kosten und wäre damit für uns als Gemeinde und auch für den Kanton alleine nicht zu stemmen.“

Und wer soll’s bezahlen? „Ich würde es sehr begrüßen, wenn der Kanton in der Frage der saisonalen Speicherung beim Bund vorstellig werden würde, um gemeinsam ein entsprechendes Projekt zu initiieren“, schiebt Paillard die Kostenkarte weiter.

Höhere Steuereinnahmen durch das Datencenter erwartet der Gemeindepräsident zunächst nicht. „Da es sich um ein sogenanntes Colocation-Datencenter handelt, wird die verfügbare Fläche von STACK Infrastructure an Drittfirmen vermietet. Welche das sein werden und inwiefern Beringen steuerlich davon profitiert, wissen wir wohl erst in einigen Jahren.“

Seine günstige Lage an der Datenautobahn von Zürich, wo die Dichte der Tech-Unternehmen inzwischen höher als im Silicon Valley, über Stuttgart zum Internetknoten Frankfurt prädestiniert den Kanton Schaffhausen für dieses und weitere Datencenter. So ist die Serverfarm von STACK Infrastructure erst der Anfang. Wie die Schaffhauser Nachrichten berichten, wurden bereits Vorverträge für ein zweites Datencenter in Beringen unterzeichnet – womit dann auch die Abwärme rentabel zum Heizen in Schaffhausen verwendet werden könnte. Ein drittes und noch größeres Datencenter, hinter dem Amazon stecken soll, ist bei Herblingen im Gespräch.

Big-Tech und andere Investoren der Serverfarmen suchen nach Standorten mit einer guten Wasser-, Stromnetz- und Glasfaserinfrastruktur, die mit öffentlichen Geldern gebaut wurde. Forschende nennen dies Infrastruktur-Extraktivismus. Im Rechenzentrum-Boom wird besonders Strom zu einer knappen Ressource.

4 Kommentare

  1. Peter Krause

    // am:

    Lieber Albert,
    vielen Dank für deine Antwort. Ich persönlich bin hier eher leidenschaftslos.
    Aber es scheint so, dass KI die nächste/aktuelle „große Sache“ sein wird/ist. Also die technologische Revolution, die sehr viele Bereiche unsere Lebenswelt und Wirtschaft beeinflussen – vielleicht sogar umkrempeln – wird. Es erscheint durchaus plausibel, dass zukünftig ein nicht unwesentlicher Teil der (industriellen) Wertschöpfung auch und evtl. sogar maßgeblich durch die KI erzeugt/mitgetragen werden wird (denken wir nur an die Automobilindustrie, den Maschinenbau, die Energietechnik, Computerspieleindustrie oder auch ganz wesentlch die moderne Medizintechnik usw.).
    Somit stellt sich auch die Frage, ob sich Europa/Deutschland daran beteiligen wird, oder ob diese technologische Revolution und deren Nutzung für die genannte Wertschöpfung anderenorts (USA, China etc.) erfolgen wird.
    Vor dem Hintergrund der derzeitigen Krise der deutschen Industrie muss gut überlegt werden, auf welche technologischen Innovationen man verzichten möchte. Andere Länder werden uns dann sicher gerne ihre Produkte verkaufen und die technologische Führung übernehmen.

  2. Albert Kümmel-Schnur

    // am:

    Lieber Peter, das Argument, ‚ dann machen das halt andere‘ scheint mir wohlfeil. In meiner Kindheit hatte die Antwort darauf die Form „Wenn Fritz von der Brücke sprinft, springst Du hinterher?“ Und dass jemand EINE Technik für, nun ja, verwerflich hält, qualifiziert ihn noch nicht zum Gegner jeglicher Technik. Aber ja, im Falle von KI bin ich bekennender „Totalverweigerer“ :)

  3. Peter Krause

    // am:

    Diese Industrie verbraucht natürliche Ressourcen (Wasser, Land, mineralische Rohstoffe etc.) sowie künstlich hergestellte Ressourcen (elektrischen Strom), die wiederum aus dem Verbrauch natürlicher Ressourcen gewonnen werden.
    So ist das, wenn der Mensch sein Leben führen will: Ohne den Verbrauch von Ressourcen wird das nicht gehen.
    Nun kann man natürlich sagen: Wir wollen keine „KI-Industrie“! Das verbraucht zu viele Ressourcen und macht nur ein paar wenige autoritäre Tech-Oligarchen reich. Aber dann spielte die „Musik“ eben woanders, z.B. in China oder in den USA, und die tollen KI-Forschungsvorhaben an den Universitäten in Deutschland (auch an der Universität Konstanz) und der Schweiz kann man sich schenken. Vielleicht gibt es ja einen Weg, die Nutzung der Ressourcen so gering wie möglich zu halten und dennoch diese Industrie „bei uns“ anzusiedeln, sodass auch die Menschen hier bei uns davon etwas haben (z.B. Jobs und etwas Wohlstand).
    Es soll auch seinerzeit Menschen gegeben haben, die die Eisenbahn, elektrisches Licht, das Radio, das Telefon oder Impfungen für Teufelszeug gehalten haben.
    Ich glaube nicht, dass eine „Totalverweigerung“ hilfreich sein wird.

  4. Albert Kümmel-Schnur

    // am:

    Lieber Ralph, herzlichen Dank für Deinen hervorragenden Artikel, dessen Inhalte mich fassungslos machen. Und was die angeblichen Vorteile von KI für alle Nicht-Tech-Oligarchen, autoritären Regimes und extremen Rechten angeht, kann man getrost zusammenfassen: Hätten wir die KI nicht, bräuchten wir sie nicht. Neben Umweltzerstörung sind ja auch Sklavenarbeit, Vorurteilsverstärkung und das sog. ‚Halluzinieren‘ Probleme, die so massiv sind, dass man eigentlich nur für ein komplettes Abschalten sein kann.
    Liebe Grüße
    Albert

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