Marmor © pixabay

Woraus die Welt gemacht ist: Marmor, Quecksilber, Nebel

Von Albert Kümmel-Schnur
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Die Schriftstellerin und Buchgestalterin Judith Schalansky hat einen monografischen Essay über drei Formen, in denen uns die Welt gegenübertritt, verfasst. Warum ihr Buch nicht hält, was der Titel verspricht, und warum man es – vielleicht – dennoch lesen sollte.

Dieses Buch ist berückend schön. Dass es so gut in der Hand liegt, hat nicht nur etwas mit dem Format zu tun, sondern mit dem haptischen Ereignis dieses Umschlags. Umschlag und Vorsatz sind aus einem weichen, wie handgeschöpft wirkenden Papier, das ungleichmäßig dick ist und sich an den dünneren Stellen zu kreisförmigen, dunkler wirkenden, bläulich schimmernden Eindellungen formt. Darauf sind serifenlos silbern, in tausend Farben schillernd Autorinnenname, Buchtitel und Waschzettel eingeprägt – sie sind nicht nur aufgedruckt, sondern tatsächlich geprägt. Man kann diesen Buchumschlag auch mit geschlossenen Augen erkunden.

Dennoch ist es nicht das Buch, das ich zu lesen hoffte, als ich es bestellte. Was, klar, erst einmal eine Aussage über meine Erwartungshaltung ist. Ich hatte gehofft, ein Buch zu finden, das von Welt erzählt. Gefunden habe ich ein Buch, das von Büchern erzählt. Ein Buch, das Welt nur kennt in der Brechung des Mediums Text. Wie so oft sollte man das Kleingedruckte lesen: „Im Sommer 2025 hielt sie die Frankfurter Poetikvorlesungen, die diesem Buch zugrunde liegen.“ So steht es auf der Frontispizseite, gefolgt von einem Werbetext, der doch eher abschreckt, weil er auf Fantum abzielt: „Wie immer bei Schalansky“ Aha. „Wie immer bei Schalansky geht es in diesem Buch um alles […]“ Es folgt eine Liste völlig beliebiger, sich durch ihre Exotik auszeichnender Gegenstände: Marmorschweine, mexikanisches Wrestling, Orakelfragen, Brockengespenster. Nun bin ich geneigt, das Buch wieder enttäuscht aus der Hand zu legen. Ich bin kein Fan und will auch nicht als solcher angesprochen werden.

Der erste Blick

Aber natürlich weiß ich nicht, wer diesen Text geschrieben hat. Verlage haben ja oft ganz eigene Vorstellungen davon, wie man Leser:innenschaften anspricht. Bin ich gemeint?

Ich blättere also weiter und werde mit einem schönen Bild und einer guten Formulierung beglückt, nachdem ich die selbstreferenzielle Hürde des „weißen Blatt[es]“, mit dem das Buch explizit „nicht“ beginnt (und ich bin als in den 1990er Jahren ausgebildeter Literaturwissenschaftler geneigt, diese Negation eines Offensichtlichen – das Buch kann nicht mehr mit einer leeren Seite beginnen, weil es ja längst begonnen hat und ohnehin ist die berühmte ‚leere‘ Seite eine Fiktion des Schreibens über das Schreiben, denn Text beginnt eben trivialerweise immer mit einer immer schon beschriebenen Seite – als poststrukturalistische Arabeske zu lesen), nachdem man also es geschafft hat, den Auftakt des Aufrufens eines Klischeebildes des Schreibens über das Schreiben zu überspringen, mit einem Blick auf einen Block konfrontiert, einen weißen Block Marmor, der im Thrakischen Meer schwimmt.

Ich muss nochmal abschweifen – damit bleibe ich übrigens bei der Sache, der Sache dieses Textes, aber dazu komme ich noch. Denn das Bild des Marmorblocks reißt mich – noch vor der schönen und beglückenden Formulierung – ein zweites Mal zurück in die 1990er Jahre. Ich sehe ein Filmbild aus Theo Angelopoulous‘ Film „Der Blick des Odysseus“ (1995) vor mir. In den Wirren des auseinanderbrechenden Jugoslaviens sucht ein von Harvey Keitel dargestellter griechischstämmiger us-amerikanischer Filmregisseur nach den allerersten Filmbildern, die in Griechenland hergestellt wurden. Wir sehen ethnografische Bilder. Wir hören die Stimme des Regisseurs, die Fragen, mit denen die Irrfahrt beginnt: „Die ersten Filmbilder von Griechenland und dem Balkan. Aber stimmt das? Ist das der erste Film? Der erste Blick?“

Bin ich gemeint?

Auch hier, wie bei Schalansky, die Frage nach dem Anfang, der schon gewesen ist und dennoch als gewesener aufgerufen und gleichzeitig im Aufruf umgangen wird. Eine Frau, die einen Faden spinnt … eine spinnende Göttin? Eine Norne? Das Filmbild verschwimmt über’m nebeligen Meer. Womit wir wieder bei Schalansky wären, beim Vagen, in dessen Beschwörung dieses Buch endet und vorankündigend bereits die Buchstaben der Titelei langsam ausgrauen.

Aber es war nicht das sich verflüchtigende Grau, das das Scheinbild des Angelopoulos-Films vor meine Augen gaukelte, sondern die Epiphanie eines marmornen Lenins, zersägt und mit eben nämlichen dünnen Seilchen, von denen auch Schalansky berichtet, auf einem Schleppkahn vertäut, der zu melancholischen Orchesterklängen die Donau herunterfährt, begleitet von Menschen, die sich zu langem Abschied am Ufer reihen, sich bekreuzigen, sich hinknien. Lenins Zeigefinger reckt sich in einer allerletzten Mahnung vor dem Einzug ins Totenreich gen Himmel.

„Man kann sich seine Erscheinungen nicht aussuchen. Sie ereilen einen, wie Verliebtheiten, aus dem Augenwinkel, jäh, unversehens, hinterrücks. Beladen mit Bedeutung, versperren sie einem den Weg.“

Leere Räume

Das ist wirklich schön gesagt. Worte, die hängenbleiben. Leider rutscht der so begonnene Absatz auf dem Adjektiv „seifenweiß[.]“, mit dem die Farbe des Marmors in ein unpassend schlierig-schmieriges Bild – der Vergleich mit Seife ruft ja mehr als einen Farbton auf – gefasst wird, zuletzt noch aus. Und das ist auch der Eindruck, den ich aus der gesamten Lektüre mitnehme: da gibt es gute Beobachtungen, schöne Formulierungen und Ideen, aber vielleicht hätten diese doch noch mehr Zeit, mehr Durcharbeitung benötigt, um sich zu einem Ganzen zu fügen. Unter dem Abschnitt „Marmor“ lerne ich ein bisschen über Marmor, Quecksilber und Nebel hingegen sind schon kaum mehr als vorbeifliegende Metaphern. Sie machen Räume auf, ohne diese zu füllen.

Und vielleicht ist es ja auch einfach zu viel, gleich drei Themen auf so kurzem Raum und in so essayistisch-assoziativer Form besprechen zu wollen. „Marmor, Quecksilber, Nebel“ erinnert formal an die Reihe „Naturkunden“, die Judith Schalansky im Verlag Matthes & Seitz herausgibt. 131 Bände sind da inzwischen erschienen. Neben solchen, die einzelne Tierarten – Krähen, Schweine, Eulen oder Schnecken – thematisieren, ohne sich auf deren Biologie zu beschränken, gibt es andere Texte, die explizit die menschliche Begegnung mit Natur in den Mittelpunkt stellen: „Im Namen der Bäume“ erzählt von keltischer Medizin, der Titel „Natur und deutsche Geschichte“ erklärt die Beziehung, die der so benannte Band aufmacht, selbst, und „Himmelsstriche“ geht den toten Vögeln des englischen Nordostens nach. Diese Reihe ist narrative Kulturwissenschaft at its very best. Die Bücher sind lehrreich und schön.

Und so hatte ich wohl die Aufklärung ganz unerwarteter Zusammenhänge zwischen hartem Marmor, nimmerruhend fließendem Quecksilber und alle Gewiss- und Sichtbarkeiten auflösenden Nebel zu finden erwartet, als ich das Buch „Marmor, Quecksilber, Nebel“ in die Hand nahm. Vielleicht, so denke ich jetzt, wären drei Bücher besser gewesen. Vielleicht ist das aber auch der Grund, warum dieser Text eben nicht Teil der Reihe „Naturkunden“ wurde.

Ein Buch über Bücher

Viele ‚Vielleichts‘. Ich weiß. Das ‚Vielleicht‘ ist aber – vielleicht – auch die produktivste Art, wie sich Wissen in Schalanskys Buch artikuliert oder eher kondensiert, Tröpfchen bildet, die in kleine Wegen über kalte Fensterscheiben ziehen. „Tatsächlich“, so schreibt Schalansky zu Beginn des „Quecksilber“ überschriebenen zweiten Teils des Buches, „sind mir die Begriffe von Dichtung und Wahrheit schon vor einiger Zeit in Unordnung geraten […]“.

Wenn man weiß, dass dem Buch Vorlesungen über Poetik zugrunde liegen, erklärt sich auch, warum die Welt dieses Buches eine Bibliotheksfantasie ist. Warum es ein Buch über Bücher und nicht über die Welt ist.

Judith Schalansky nimmt eine Einladung nach Guadalajara wegen des zauberworthaften Klangs dieses fernen Ortsnamens an. Ein Text – ein Einladungsschreiben – ruft mit dem Klang eines Wortes eine Assoziation auf und führt zu einer Reise. Mit dabei: ein Koffer voller Bücher.

Kaum in Mexiko angekommen, hilft eine Bemerkung des scharfzüngigen Katholiken Gilbert K. Chestertons dabei, das Erlebte einzuordnen (oder sollte man sagen: es dort zu belassen, wo man sich auskennt, nämlich im Text). Selbstkritisch empfindet sich Schalansky deshalb auch als „Kolonialherrin“, die „das vermeintlich Bekannte mit dem augenscheinlich Fremden“ vergleicht, um sich kurz darauf in einer Reminiszenz an eine Fahrradflucht vor wilden Hunden dem Fremden unmittelbar ausgesetzt zu sehen – einer Madonnenstatue, die sich bei näherem Hinsehen als „Santa Muerte“ entpuppte, die Heilige der Drogenkuriere und Mörder.

Santa Muerte

Santa Muerte – die Bastardisierung aztekischen Todesgöttinnenkultes mit katholischem Madonnen- und Heiligenglauben – leitet über vielerlei Texte (im Park hängende Poster vermisster Personen, Pronomenfragen sowie Schriftstücke, die Zugänge regeln und langwierig geprüft werden müssen) zum Titel der Präsentation Schalanskys in Guadalajara, Bastard Books, und einer nachträglich-verschämten Frage nach dem Konnotationsraum von bastardo in der konkreten Umgebung dieser mexikanischen Hochschule über. Von Quecksilber war bislang keine Rede. Und das wird viele, viele Seiten, in denen wir umherschweifen im Bibliokosmos Schalanskys, auch so bleiben.

Erst ein winziges Buchobjekt (was sonst), das Lackmuspapiere, gefärbt durch Wasserproben vergifteter mexikanischer Flüsse zusammenbindet, führt endlich zum Quecksilber, das auch die Wasser des Río Grande de Santiago, eines der längsten Flüsse Mexikos, zu einer lebensbedrohlichen Brühe macht.

Ich habe nicht verstanden, warum dieser Buchteil „Quecksilber“ überschrieben ist. Natürlich kann ich frei assoziieren. Warum auch nicht? Es ist ja nicht so, dass das Mäandern nicht Vergnügen bereitete. Allerdings besteht das größte Vergnügen, so will mir scheinen, darin, den eigenen Assoziationsmotor anzuwerfen. Mich führt der Marmor etwa ins Jahr 2010, in dem der mafiöse italienische Regierungschef Silvio Berlusconi einer antiken Marsskulptur aus Marmor einen neuen, so ahistorischen wie arschteuren Penis ankleben lässt sowie zum Braun der Marmorplatten jener Berliner U-Bahnstation, die lange „Mohrenstrasse“ hieß (heute Anton-Wilhelm-Amo-Straße). Angeblich stammten die Platten aus dem Führerbunker.

Drafi Deutscher singt „Marmor, Stein und Eisen bricht/ Aber unsere Liebe nicht“… Auf wie vielen Gruppenfahrten meiner Jugend hat mich das selige Grölen dieses Liedes begleitet …  Und wie tief in deutsche Befindlichkeiten hätte eine Auseinandersetzung mit diesem Number-1-Hit geführt.

Ein nicht eingelöstes Versprechen

Wie man diesen Assoziationen leicht anmerkt, so bleiben sie doch etwas arg beliebig. Und mir fehlt auch etwas Hilfestellung: die Literaturnachweise sind schick gesetzt, aber unvollständig und ohne Seitenangaben. Interessante Funde, denen ich gern nachgehen würde, bleiben eine Sackgasse. Schade, denn vieles, was Schalansky en passant anreißt, hätte es eben doch verdient, dass man ihm nachginge, und sei es in Schleifen, Assoziationen, mäandernd und irrlichternd.

Die Nebel führen Judith Schalansky ins Totenreich der KI und ins Wabern zwischen Gespenstergeschichten, Wanderspuk und Siliziumphantasmen, denen jedoch eine schöne Abfuhr erteilt wird: „Strenggenommen kennen neuronale Netze nichts als Prognosen, existiert doch die Vergangenheit nur als Datenmenge, anhand derer sie voraussagen, was als Nächstes kommen wird, allerdings mit einer Weitsicht, den unmittelbaren Möglichkeitshorizont übersteigt. Die reale Welt weigert sich jedoch nach wie vor, sich diesem Orakel auf Siliziumbasis zu beugen, weil sie voll ist von Spezialfällen und Zufällen, die in den vorliegenden Daten zu marginal vertreten waren, um im Zweifelsfall berücksichtigt zu werden.“

So bleibt für mich „Marmor, Quecksilber, Nebel“ ein nicht eingelöstes Versprechen, das aber als Versprechen so schön ist, dass es sich – vielleicht – doch lohnt, einmal darauf zurückzukommen.

Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2026, 24 Euro.

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