Symbolbild rostiger Panzer © Pixabay

Gleichberechtigung bis in den Tod

Von G. Kretzer
Symbolbild rostiger Panzer © Pixabay
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Wir säßen auf einmal angesichts der Bedrohung aus dem Osten alle miteinander im selben Boot, tönt es vermehrt von den Rednerpulten, wir seien alle gleichermaßen zum Rudern aufgefordert, zwischen Männern und Frauen gebe es da keinen Unterschied. Unsere Freiheit soll ab demnächst ja nicht mehr am Hindukusch, sondern an unserer Ostgrenze verteidigt werden, heißt es. Hierzu einige Nachtgedanken.

„Ich glaube, wir müssen mit der jungen Generation auch darüber reden, dass wir sie brauchen: zur Verteidigung unseres Landes und auch zur Verteidigung des NATO-Gebietes. Ich bin übrigens dafür, dass wir an der Stelle keinen Unterschied mehr zwischen Frauen und Männern machen. Das wollen wir allgemein nicht mehr in der Gesellschaft und auch in diesen Fragen sollten wir keinen Unterschied mehr zwischen Frauen und Männern machen.“

Johann Wadephul beim Mehlbeutel-Essen der Dithmarscher CDU, 07.03.2026.1

Endlich findet der feministische Kampf sein baldiges Ende im Sieg, denn spätestens vor dem sicheren Tod sind alle auf einmal gleich, Weiblein wie Männlein – und alle anderen sowieso.

Der Bedarf

Deutschlands junge Generation wird gebraucht, egal ob Mann oder Frau. Europa, seine westlichen Werte und vielleicht auch Deutschland, müssen dringend mit Mann und Maus verteidigt werden. Auch durch die Generation, die jetzt schon vor den Trümmern eines Arbeitsmarktes steht, der ihr weder eine positive Perspektive auf die nächsten Jahre bietet, noch ein Aufstiegsversprechen für die Zukunft. Die Generation, die weiß, dass sie es nie so gut haben wird, wie es die ihrer Eltern gehabt habt. Viele dieser Generation erwartet einfach nur der soziale Abstieg.

Trotz der misslichen Lage will man ihnen ein Angebot machen.

Das Angebot

Eine solche Generation, die keine positive Perspektive und Zukunft erwartet, ist nun besonders empfänglich für jedes kleine Licht von Sinn und Nutzen für die Zukunft. Da ist es ein Leichtes, sie für geopolitische Machtinteressen einzuspannen. Natürlich müssen diese Interessen anders verpackt und transportiert werden: „Westliche Werte“, „europäische Werte“, „(unsere) freiheitlich-demokratische Grundordnung“ oder – wer mit zusammengesetzten Begriffen nicht gut umgehen kann – „Freiheit“. Das sind Phrasen, die einfacher verständlich sind.

Hinter diesen Begriffen kann sich jeder alles und nichts vorstellen, vor allen Dingen bieten sie genügend Raum für Vorstellung und Verständnis jedes Einzelnen. Und wem auch diese Phrasen zu wenig sind, den muss man mit starken Gefühlen abholen und motivieren. Angst funktioniert immer. Das Feind- und Schreckensbild „des Russen“ musste man nicht mal selbst neu erfinden, sondern man musste nur die alten Schablonen aus der Schublade ziehen und auf die neuen Ereignisse legen. Noch ein kleiner Vorstoß, und der Russe steht schon morgen mit einem Bein in Warschau und übermorgen mit dem anderen Bein in Berlin.

Wer angesichts dieser Drohungen vor Angst immer noch nicht überzeugt ist, seinen Dienst an der Waffe zu leisten, gar daran denkt zu fliehen, statt zu kämpfen und sich notfalls auch totschießen zu lassen, der soll doch bitte an Oma, Opa, Mutter, Vater, Schwester, Tante und den Rest der Familie denken, die dann schutz- und wehrlos dem blutrünstig mordenden russischen Bären ausgeliefert wären. Also doch lieber zur Waffe greifen und heldenhaft für die freiheitlich-demokratische Familie sterben.

Sollte jetzt noch immer jemand aus dieser Generation mit dem Pazifismus kokettieren, dann wird ihm in Interviews vorgeführt, wie ein Ole Nymoen in einer Runde mit zwei Reservistinnen (!) nicht nur pazifistisch unsexy wirkt, sondern auch nicht verstanden hat, dass es einfach Ideen gibt, für die es sich allemal zu sterben lohnt.2

Merkwürdigerweise werden in solchen Runden immer gute Gründe zum freiwilligen Sterben an und mit der Waffe vor allem von denen gesucht und gefunden, die entweder selbst (zunächst) nicht an die zukünftige Front gehen müssen oder die für sich selbst entschieden haben, dass sie gehen wollen. Aber davon sollte sich diese Generation nicht irritieren lassen. Schließlich wissen diese Leute genau, wann es sich (für andere) lohnt zu sterben, und daher sollte man ihnen am besten blind vertrauen. Das macht auch die Diskussion leichter oder (hoffentlich) bald gänzlich überflüssig.

Opfer aus Dankbarkeit

Wem diese Gründe nicht einleuchten wollen, der sollte dieses Land doch letztlich aus Dankbarkeit für die Nutznießung des deutschen Staates und seines „Lebensmodells“ (proaktiv) verteidigen. Wehr- und letztlich auch Kriegsdienstverweigerung sei Ausdruck einer „Service-Mentalität“ gegenüber unserem demokratischen Staat, der für einen „aufkomme“ und alles gönnerhaft bieten würde.

Entsprechend sollen gerade Mitglieder der jungen Generation sich dem Staat schuldnerisch und dankbar verpflichtet fühlen, um beherzt ihren Dienst für unsere Freiheit zu vollbringen.3 Mit Vorliebe machen politische Repräsentanten eine Unterscheidung zwischen dem Staat und den Bürgern auf, die es so gar nicht gibt.

Sollte sich die junge Generation da an staatlichen Einrichtungen und Leistungen gelabt haben, dann ist es ein Angebot aller Mitbürger gewesen und keine herablassend-freundliche Geste des „Staates“ oder der „Regierenden“. Schließlich sind alle staatlichen Dienstleistungen letztlich steuerfinanziert und nicht von einer höheren, politischen Kaste gespendet worden. In diesem Sinne könnte man sich höchstens dem anonymen Steuerzahler, aber nicht dem Staat, zu Dank verpflichtet fühlen.

Überhaupt täten wir gut daran, die regierenden Volksvertreter als Dienstleister zu begreifen und nicht als Klasse, die obrigkeitlich auf Herrschaftsrechte pocht.4 Sollte es zu einem Kriegseintritt Deutschlands kommen, sollte man dies als Versagen der gewählten Volksvertreter werten. Das wäre die einzig wahre und richtige demokratische Service-Mentalität.

Das gute Recht

Einige der jungen Generation sind besonders widerspenstig. Das sind die, die ahnen, dass der zu leistende Wehrdienst bei dem momentanen politischen Kurs gute Chancen auf einen Fronteinsatz bieten wird. Aber in den neueren Debatten kann und will man eine solche Sichtweise der jungen Generation nicht gelten lassen, denn Wehrdienst bedeute ja angeblich nicht gleich Kriegsdienst.

Selbstverständlich würden die jungen Soldaten nicht an der zukünftigen Front eingesetzt. Einige, mit besonders flachem Verständnis der Gesetzeslage, behaupten, dass das sogar rechtswidrig sei.5 Also kann man guten Gewissens seinen Wehrdienst leisten gehen. Sollte sich die Bedrohnungs- äh, Bedrohungslage, wider aller Erwartungen ändern, und man rechtswidrig von den Feldjägern an die Front verlegt wird, dann könnte jedem Rückkehrer der Rechtsweg offenstehen.6

Ein solidarisches Gegenangebot

Eine letztlich von Robert Nozick inspirierte Überlegung: Statt die junge Generation für Wehr- und Kriegsdienst zu gebrauchen, wäre es eine Alternative, die Elterngeneration dafür heranzuziehen. Dies erscheint fair, schließlich handelt es sich bei dieser Generation um jene, die weiterhin im großen Umfang CDU, SPD und Grüne wählen. Also diejenigen Parteien, die den Kurs auf eine bevorstehende kriegerische Eskalation halten. Diejenigen Parteien, die um jeden Preis aufrüsten, um „keinen Krieg führen zu müssen“.7 Diejenigen, die bereit wären, die kriegstüchtige Generation an die nächste geopolitische Front 2029 zu schicken.8 Deren Vertreter Frieden erst auf dem freiheitlichen Friedhof wähnen.9 Es wäre jene Generation, die eine bessere Zeit in Deutschland erlebt hat als ihre Nachkommen es je werden. Es wären die Generationen, die noch über Ersparnisse und relativ auskömmliche Renten verfügt, also ihre besten Zeiten bereits hinter sich haben.

Da die junge Generation bereits durch Bankenrettung und Sondervermögen belastet wurde, wäre es da nicht solidarisch, wenn die Elterngeneration auf die Last der Rentenzahlungen verzichtet und sich freiwillig für den nächsten Kriegsdienst meldet?

Falls ja, dann lasst diejenigen vorausgehen, die das „Unabwendbare“ geschehen lassen wollen.

Anmerkungen

1 https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/dithmarschen_steinburg/wadephul-muessen-ueber-neue-form-der-wehrpflicht-nachdenken,regionheidenews-2230.html

2 Sendung Markus Lanz am 04.03.2026, https://www.zdf.de/video/talk/markus-lanz-114/markus-lanz-vom-4-maerz-2026-102

3 Vgl. Claudia Major bei Markus Lanz am 05.03.2026, ab Minute 6, https://www.zdf.de/video/talk/markus-lanz-114/markus-lanz-vom-5-maerz-2026-100

4 Eine Selbsterkenntnis, die dem politischen Personal gänzlich verwehrt zu sein scheint: Vgl. Joana Cotar, Inside Bundestag (Westend Verlag GmbH, 2026), S. 15-34.

5 Die Kriegsdienstverweigerung sieht der BGH nicht so streng: https://www.lto.de/recht/nachrichten/n/4ars1124-bgh-kriegsdienstverweigerung-russischer-angriffskrieg-ukraine-auslieferung

6 Vgl. https://verfassungsblog.de/kriegsdienstverweigerung-kriegsfall-bundesgerichtshof/

7 https://www.spiegel.de/politik/deutschland/bundeswehr-boris-pistorius-im-modus-der-selbstverteidigung-a-1663b8c5-a7ae-4479-803e-15cab7024f11

8 https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2024/kw23-de-regierungsbefragung-1002264

9 https://www.zeit.de/news/2024-03/08/merz-frieden-gibt-es-auf-jedem-friedhof

Ein Kommentar

  1. Lothar Hussong

    // am:

    Dieser Beitrag bedient leider mit einem besserwisserischen Duktus viele Klischees, ohne tatsächlich überzeugende Gegenentwürfe anzubieten. Es ist billig, Werte wie zum Beispiel „Freiheit“ als Phrase infrage zu stellen, aber geschickt zu ignorieren, dass das Gegenteil davon eben „Unfreiheit“ bedeutet. Was bitteschön ist denn nach Meinung des Autors die erstrebenswerte Alternative und welche Konsequenz für politisches Handeln ergibt sich daraus? Wenn Freiheit und die daraus folgende Notwendigkeit, diese im Fall der Bedrohung zu verteigen eine Phrase ist, so sollte man in der Kritik daran eben keine der üblichen Phrasen dreschen, sondern echte Alternativen aufzeigen. Leider wird diese Erwartung nicht erfüllt und vor allem nicht über die Konsequenzen nachgedacht. Ich gehöre übrigens zu dieser „Elterngeneration“, die im Kalten Krieg sicherheitspolitisch keineswegs in besseren Zeiten aufgewachsen ist und der es in vielen anderen Bereichen an vielem gemangelt hat (zum Beispiel an persönlicher Freiheit). „Obrigkeitsdenken“ habe ich in den 1960er Jahren noch häufig selbst erlebt. In unserer freiheitlich-demokratischen Republik (ohne Gänsefüßchen) dagen nicht mehr. Die „Elterngeneration“ hat diese Denken grundlegend und weitgehend abgeschafft. Der angeführte Generationenvergleich hinkt also gewaltig. Ich habe übrigens damals, wie viele meiner Zeitgenossen, den Kriegsdienst mit der Waffe verweigert. Ich gehöre dennoch zu den Wählern einer der Parteien, die nach Meinung des Autors „den Kurs auf eine bevorstehende kriegerische Eskalation halten“. Die Realität ist leider eine andere: die Zeiten des Kalten Krieges haben sich fundamental geändert wie auch die Gründe für eine damals richtige Kriegsdienstverweigerung heute nicht mehr existieren. Es wäre sinnvoll, mal differenzierter darüber nachzudenken, wer damals die Agressoren und wer die Verteidiger waren. Es herrschte eine Patt-Situation, in der sich beide gleichermaßen befanden. Aktuell sind die Rollen eindeutiger verteilt: Der Aggressor hat ein Land überfallen. Zur Zeit der „Elterngeneration“ war das noch anders gewesen. Es wäre ratsam, die Fakten zu analysieren, statt einseitig genau die Falschen für die Eskalation verantwortlich zu machen und gleichzeitig die Aggressoren mit einer merkwürdig erscheinenden Milde von Kritik weitgehend auszunehmen. Ebenso holzschnitzartig wird auf die – übrigens sehr differenzierte „Elterngeneration“ – pauschal eingedroschen, ohne offensichtlich differenziert deren Lebensumstände zu kennen und noch weniger deren vielschichtige und differenzierten, auch kontrovers diskutierten Motive. Es gab immer die Möglichkeit, den Wehrdienst zu verweigern. Wir sollten aus der Geschichte eigentlich gelernt haben, dass pauschale negative Zuschreibungen wie sie hier „der Elterngeneration“ unterstellt werden, immer nur auf einen Teil der Beschuldigten zutreffen, auf viele Teile aber nicht. Es ist schon jeher eine verbreitete und ziemlich billige Methode gewesen, einen Sündenbock zu benennen und sich so der eigenen Verantwortung zu entziehen.

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