
Die Frauen in Rojava/Nordostsyrien sind die wichtigste Säule der dortigen Revolution und dem Kampf um Demokratie. Ihnen ist eine Ausstellung gewidmet, die das Solidaritätsbündnis Rojava im Konstanzer Treffpunkt Petershausen zeigt. Zudem informieren mehrere Veranstaltungen über die aktuelle Situation: Aktuell sind die demokratischen Errungenschaften und die Existenz von Rojava massiv bedroht.
Vor mehr als zwölf Jahren begab sich die kurdische Bevölkerung im Norden Syriens mit der sogenannten Rojava-Revolution auf den Weg, ein demokratisches Gesellschaftsmodell umzusetzen. Sie bauten über die Jahre ein demokratisches Rätesystem auf, orientiert an den Ideen des Demokratischen Konföderalismus. Das heißt: Hier organisiert sich die Gesellschaft selbst – und zwar auf allen Ebenen und basisdemokratisch. Dabei verstehen sie die religiöse, ethnische und kulturelle Vielfalt der Region explizit als eine gemeinsame Kraft.
Gemeinsam mit allen Bevölkerungsgruppen gründeten sie die heutige demokratische Selbstverwaltung der Region Nord- und Ostsyrien. In diesem gesamtgesellschaftlichen Neuaufbau, vor dem Hintergrund von Krieg und steter islamistischer Bedrohung, spielen Frauen eine Vorreiterinnenrolle.

Die Ausstellung „Jin, Jiyan, Azadî – die Errungenschaften der Frauenrevolution“ zeigt dreizehn zentrale Gesellschaftsbereiche von der Selbstverteidigung über die Frauenökonomie bis hin zu Frauen in der Wissenschaft, die die Frauen in Rojava aufbauten, und gibt tiefe Einblicke in ihr Leben. „Jin, Jiyan, Azadî“ bedeutet „Frau, Leben Freiheit“ und stammt aus der kurdischen Frauen- und Freiheitsbewegung. Weltweit bekannt wurde der Protestruf nach der Ermordung der kurdischen Iranerin Jina Mahsa Amini durch die iranische Sittenpolizei.
Zur aktuellen Lage in Rojava
Eröffnet wird die Ausstellung am Donnerstag, den 19. Februar mit einer Diskussionsveranstaltung zur aktuellen Lage. Annett Bender vom Europakomitee der Stiftung der Freien Frauen in Syrien (WJAS) und Amer Aldakkouri vom Solidaritätsbündnis Rojava aus Konstanz werden über die Entstehung der Ausstellung, die Arbeit der Stiftung und über die aktuelle Situation der Frauen in Rojava informieren.
Aktuell steht die autonome Selbstverwaltung Rojavas im Zentrum einer komplexen militärischen und geopolitischen Auseinandersetzung: Seit Anfang Januar greift die islamistische Übergangsregierung gemeinsam mit islamistischen Milizen und Unterstützung aus der Türkei Rojava an und bedroht deren Selbstverwaltung. Dabei stehen besonders Frauen und Frauenorganisationen im Fokus der Gewalt: Es gibt dokumentierte Fälle von Entführungen, willkürlichen Festnahmen, gezielten Tötungen und anderen schweren Menschenrechtsverletzungen gegen Frauen und Mädchen.
Gerade das emanzipatorische Projekt in Rojava – das Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und eine breite Partizipation von Frauen in politischen und gesellschaftlichen Prozessen fördert –widerspricht fundamental den patriarchalen und repressiven Ideologien extremistischer Milizen. Diese versuchen Frauenrechte durch rückwärtsgewandte Herrschaftsstrukturen zu ersetzen.
Kobanê – ein Symbol für den Kampf gegen den IS
Seit dem 29. Januar ist zwar ein Waffenstillstand vereinbart, dennoch wird die Stadt Kobanê seit über drei Wochen von islamistischen und türkischen Milizen belagert. Der Stadt droht eine humanitäre Katastrophe, die Menschen haben keinen Zugang zu Wasser, Lebensmitteln, Strom und medizinischer Versorgung. Die Belagerer verweigern den Zugang zu humanitärer Hilfe und eine internationale Berichterstattung ist kaum möglich.
Die überwiegend kurdische Stadt Kobanê war ab 2011, dem Kriegsausbruch in Syrien, umkämpft und wurde vor allem von der Miliz „Islamischer Staat“ angegriffen. Im Januar 2015 besiegten kurdische Kämpfer:innen die islamistischen Gruppen und bauten die Stadt erneut auf, die dadurch auch internationale Bekanntheit erlangte.
Obwohl in diesem „Konflikt“ offensichtlich die Idee einer multiethnischen Demokratie einem islamistisch, autoritären Zentralismus gegenübersteht, verhandelt die internationale Gemeinschaft insbesondere mit der islamistischen Übergangsregierung.
So besuchte Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission, am 9. Januar den syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa. Dabei versprach sie dem islamistischen Übergangsregime 620 Millionen Euro Wiederaufbauhilfe und für andere Bereiche wie die Rückführung syrischer Geflüchteter. Mit solchen Besuchen und politischen Verhandlungen werden islamistische Interessen auf der politischen Bühne normalisiert.

Vier Tage Programm
Alle Veranstaltungen finden im Treffpunkt Petershausen, Georg Elser Platz 1, in Konstanz statt.
Die Ausstellung „Jin, Jiyan ,Azadî – die Errungenschaften der Frauenrevolution“ wurde von den internationalen Frauenorganisationen Kongra Star (Nord- und Ostsyrien), dem Europakomitee der Stiftung der Freien Frauen Syriens (WJAS) und Women Defend Rojava erarbeitet.
Eröffnet wird die Ausstellung am Donnerstag, den 19. Februar, um 19 Uhr, mit einer Diskussion zum Thema mit Annett Bender und Amer Aldakkouri. Dazu gibt es kurdische Gerichte von der kurdischen Frauengruppe aus Konstanz.
Am Freitag, den 20. Februar, wird um 19 Uhr der 15-minütige Film „Gebrochene Zeit“ gezeigt. Der Regisseur Siyar Dicle wird ebenfalls anwesend sein und lädt zur anschließenden Diskussion ein, es wird deutsch, türkisch und kurdisch gesprochen. Der Film beschäftigt sich mit der Situation der Kurd:innen in der Türkei und in Deutschland. Er wird für seine leisen Töne, eindrucksvollen Bilder und bewegenden Gespräche gelobt.
Am Samstag, den 21. Februar, um 19 Uhr findet eine Lesung mit der Künstlerin und Aktivistin Leona Sophia Strakerjahn statt. Sie liest aus ihrem Text „We have no time, we must be patient“, der eine Autofahrt durch Rojava beschreibt. In einer Zeit globaler Kriege und dem Wiederaufleben internationalistischer Bewegungen wird eine gedankliche Brücke zwischen Europa und dem Nahen Osten geschaffen und so von den Widersprüchen der Revolution, von Krieg, Fürsorge und dem Kampf gegen Kälte erzählt.
Am Sonntag, den 22. Februar, um 11 Uhr laden kurdische Frauen und das Solidaritätsbündnis zum Brunch und zur Solidarität mit Rojava ein. Wir möchten zum Austausch über die aktuelle humanitäre Situation in Rojava und die Solidaritätsarbeit in Konstanz einladen. Als Gäste sind eingeladen eine Vertreterin vom medico international Schweiz und ein Betroffener aus Kobané, Rojava.
Die Ausstellung kann übrigens am Freitag, 20. Februar, und am Samstag, 21. Februar, jeweils von 14 bis 18 Uhr besucht werden, am Samstag mit einer Führung mit Annett Bender.
Bilder: Solidaritätsbündnis Rojava


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