
Warum eigentlich greifen Dschihadisten wie der syrische Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa gemeinsam mit den Truppen von Recep Tayyip Erdoǧan immer wieder kurdische Gebiete an? Die Antwort darauf gab es am Samstag auf einer Solidaritätskundgebung in Konstanz.
Es ist ruhiger geworden im Nordosten Syriens, wo vor kurzem noch die Truppen der von der Bundesregierung gelobten syrischen Übergangsregierung gemeinsamen mit der Türkei und bis vor kurzem noch inhaftierten IS-Terroristen die demokratisch organisierten Kurd:innen attackierten. Doch der Waffenstillstand wackelt, die Bedrohung hält an. Und deswegen gehen auch die Proteste weiter.
Über die Hintergründe der Angriffe berichteten am vergangenen Samstag auf dem Konstanzer Münsterplatz mehrere Aktivist:innen, deren Reden seemoz hier auszugsweise wiedergibt. Den Anfang machte dabei Daniel Keller von der Partei Die Linke.

„Die alte Welt liegt im Sterben, die Neue ist noch nicht geboren. Es ist die Zeit der Monster. Ein schrecklicher Satz, der jeden Tag droht, wirklicher zu werden. Hier standen wir die letzten Wochen und Monate gemeinsam, um laut und entschieden gegen Unrecht einzustehen, gegen Gewalt und Unterdrückung. Wir standen hier für Gaza, um die Verbrechen Israels an der palästinensischen Bevölkerung anzuprangern. Wir standen hier für die Zivilbevölkerung des Iran, deren legitimer politischer Protest brutal niedergeschlagen wurden.
Und nun stehen wir wieder hier, um die Angriffe auf Rojava und die kurdische Autonomie zu verurteilen. Und um unsere Solidarität mit den Kurdinnen und Kurden auszudrücken. Was wir gerade in den kurdisch selbstverwalteten Gebieten Nord- und Ostsyriens erleben, ist nicht nur ein militärischer Angriff. Es ist ein gezielter Schlag auf eines der fortschrittlichsten demokratischen Projekte im Nahen Osten.
Rojava steht für eine Ordnung, die im syrischen Bürgerkrieg eine Ausnahme war. Für basisdemokratische Selbstverwaltung. Für die konsequente Gleichberechtigung von Frauen. Für den Schutz religiöser und ethnischer Minderheiten. Und für eine Trennung von Religion und Staat.
Die dortige Gesellschaftsordnung beruht nicht auf ethnischer Vorherrschaft oder religiösem Dogma. Sie beruht auf Teilhabe, Pluralismus und sozialer Gerechtigkeit. Genau dieses Modell wurde in den letzten Wochen brutal niedergeschlagen. Aber nicht nur von der Armee der Übergangsregierung, sondern auch von dschihadistischen Milizen.
Immer wieder die alten Fehler
Die grauenvollen Bilder haben uns nicht zufällig an den Islamischen Staat (IS) erinnert, der die Region schon einmal terrorisiert hat. Und von den kurdischen Kräften vertrieben wurde. Anstatt aber diesen opferreichen Einsatz zu belohnen, lässt der Westen die Kurdinnen und Kurden mal wieder fallen. Dieser Westen hat die Neigung, alte Fehler immer und immer wieder zu begehen. Einer dieser Fehler ist die Kumpanei mit autokratischen Regimen. Von denen erwartet wird, sie würden eine Region beruhigen.
Das schaffen diese Regime aber nur mit Gewalt, mit Unterdrückung und mit Blut auf den Straßen. Das alte Regime ist zwar Geschichte, unter [dem Übergangspräsidenten, d.Red.] Al-Scharaa droht Syrien aber erneut, zu der Autokratie zu werden. Und wir hier in Konstanz werden es nicht zulassen, dass der Westen weiter in Ruhe die Augen verschließt. Kein Wegsehen mehr!
Mit der syrischen Übergangsregion werden genau die Akteure gestärkt, die bereits 2025 durch Massaker an Drusen und Alarviten gezeigt haben, dass ihre Versprechen von Schutz und Beteiligung von Minderheiten nichts wert ist. Diese Verbrechen sind bis heute nicht aufgearbeitet. Der IS ist zurück an der Macht, nur diesmal mit Duldung, teils mit Wohlwollen des Westens. Nur um Menschen nach Syrien abschieben zu können, wird jeder Zweifel an der syrischen Regierung weggewischt. Es ist aber nur noch Heuchelei, wenn dieselben Menschenrechte, die gegenüber dem Iran ins Feld geführt werden, im Falle Syriens kein Pfifferling mehr wert sind.
Keine Abschiebungen nach Syrien!
Inzwischen sind Zehntausende von IS-Kämpfern von der syrischen Armee und den dschihadistischen Milizen aus den Gefängnissen befreit worden. Weitere Zehntausende werden noch kommen, und wieder strömt westliches Geld in das Land um westliche Waffen. Die kurdischen Verteidigungskräfte waren es, die den islamischen Staat bekämpft und zurückgetränkt haben. Politik und Medien haben das nicht nur vergessen, sie unterstützen mittlerweile auch stillschweigend die Dschihadisten. Nicht in unserem Namen! […]
Im Namen der Konstanzer Linken sage ich: Wir stehen an der Seite der kurdischen Bevölkerung und ihres Rechts auf Selbstbestimmung. Wir sagen „Nein“ zur Kooperation des Westens mit einem Regime, das Minderheitenrecht mit Füßen tritt. […] Wir lehnen Abschiebungen ab und erwarten von der Bundesregierung, dass sie ihren politischen Einfluss nutzt, um die Angriffe zu beenden, statt durch Schweigen zu weiteren Eskalationen beizutragen oder die Täter sogar diplomatisch aufzuwerten.“

Eine Gefahr für alle Unterdrücker
Als nächstes sprach Almira Yildiz von der Rojava-Solidarität: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger. Stellt euch vor, eine Region in eurer Nähe probiert gerade aus, wie echte Demokratie funktionieren kann. Nicht als Theorie an der Universität, nicht als Versprechen von Politikern, sondern als gelebte Realität. In jeder Gemeinde, in jeder Familie. So etwas gibt es – in Rojava in Nord- und Ostsyrien. Und dafür sind wir heute hier.
Rojava ist zunächst der geografische Begriff für ein Gebiet im Nordosten Syriens, größer als die Schweiz, bevölkert von Kurd:innen, Araber:innen, Alevit:innen, Jesid:innen und anderen Gemeinschaften. Aber Rojava ist mehr. Es ist ein politisches Experiment. Einer der wenigen Orte weltweit, wo demokratische Basisstrukturen Realität sind.
Seit 2012 die syrische Zentralregierung zusammenbrach, haben die Menschen dort ihre eigene Selbstverwaltung aufgebaut. Nicht auf ethnischen Trennlinien, sondern auf gemeinschaftlichen Prinzipien. Jede Gemeinde wird von einer Doppelspitze aus einer Frau und einem Mann geleitet. Echte Demokratie, echte Mitbestimmung sind in Rojava selbstverständlich. […] Rojava beweist, dass Frauen und Männer, Kurden und Araber, verschiedene Religionsgemeinschaften friedlich zusammenleben können – ohne einen starken Autokraten an der Spitze.
Doch das ist gefährlich für alle, die von Hierarchie und Unterdrückung profitieren. Seit 2012 wird Rojava attackiert. Durch den islamischen Staat, der an den [kurdischen] YPG-Volksverteidigungseinheiten scheiterte. Und aktuell durch türkische Luftangriffe und die von der Türkei unterstützte syrische Nationalarmee. Die Botschaft dieser Angriffe ist klar. Ihr dürft nicht zeigen, dass es anders geht.
Die Angst der Türkei
In Rojava haben die Frauen nicht um ihre Befreiung gebeten, sie haben sie sich genommen. Sie kämpften gegen den IS und gegen Jahrtausende von Unterdrückung – und sie gewannen. Sie hissten ihre Flagge über den Trümmern des IS und zeigten der Welt, Frauen können kämpfen, führen, frei sein. […]
Wenn IS-Kämpfer oder türkische Militärs gezielt gegen Frauen vorgehen, ihnen die Haare abschneiden und sich darüber lustig machen, versteht man: Diese Frauen sind eine Bedrohung für das patriarchale System. […] In der Türkei lebt die meisten Kurden. Dort waren Sprache, Kultur, politische Organisationen lange verboten und verfolgt. Nun greift die Türkei Rojava an, um zu verhindern, dass dieses demokratische Modell Hoffnung gibt. Denn wenn Kurden sehen, dass gleichberechtigte Selbstverwaltung möglich sind, könnten sie fragen: warum nicht bei uns?
In Rojava gibt es einen Gesellschaftsvertrag, der die Selbstverwaltung strukturiert: Alle entscheiden zusammen, wie sie leben wollen. Es ist ein Modell für Koexistenz: pluralistisch, demokratisch, gerecht, ohne autoritäre Staatsstruktur.
Jahrzehntelang waren die Kurdinnen und Kurden ein Volk ohne Staat. In Rojava bauten sie Schulen, dokumentieren ihre Geschichte und lernten: ihre Kultur ist nicht minderwertig, ihre Stimme zählt. Das ist kultureller Widerstand und wichtig für kommende Generationen. […] Wenn Rojava fällt, verliert nicht nur Kurdistan, dann verliert die ganze Welt ein Beispiel dafür, dass echte Demokratie möglich ist.
Die Türkei wird Rojava angreifen, solange der Westen wegschaut. Darum sind wir hier, darum schauen wir nicht weg. Demokratie für Rojava – das ist ein universelles Anliegen für alle, die an Freiheit, Gleichberechtigung und Demokratie glauben.“
Zusammenstellung und Fotos: Pit Wuhrer
Von Donnerstag, 19. Februar, bis Sonntag, 22. Februar, ist im Treffpunkt Petershausen die Ausstellung Errungenschaften der Frauenrevolution zu sehen. Zudem ist ein Rahmenprogramm mit Film, Debatte, Lesung und anderem geplant. Nähere Infos folgen.
seemoz über Rojava
seemoz hat in den letzten Jahren regelmäßig über die Entwicklungen in Rojava berichtet. Zu den jüngsten Beiträge gehören:
● Was geschieht in Rojava?
● „Die Welt brennt“
● Frauen in Rojava: Mutig Tabus brechen
● Die humanitäre Krise in Nordostsyrien


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