Bodensee philharmonie barock reloaded 2026 03 21 01 © harald borges

Eine quietschebunte Zuckerstange

Von Harald Borges (Text & Bilder)
Bodensee philharmonie barock reloaded 2026 03 21 01 © harald borges
Das Finale

Im Rahmen ihrer Reihe „Zukunftsmusik“ gab die Bodensee Philharmonie zusammen mit dem Geiger und Komponisten João Silva vorgestern einen umjubelten Abend „Barock Reloaded“. Am Eingang konnte man sich gleich von emsigen Helferinnen mit entspannendem Duft besprenkeln lassen, und den brauchte es auch, denn der Abend war nichts für schwache Nerven.

Für dieses Konzert mit starkem Eventcharakter, das – und das sei ausdrücklich hervorgehoben! – nur eine unter vielen ganz verschiedenen Veranstaltungen zum Thema „Wandel“ war, hatten die Veranstalter:innen in ihrer Vorankündigung viel versprochen: „Wie klingt Musik, wenn man sie neu zusammendenkt? In besonderer Atmosphäre treffen bei diesem Konzert barocke Klänge auf zeitgenössische Sounds. Die Bodensee Philharmonie und João Silva bringen unterschiedliche musikalische Welten zusammen – offen, experimentierfreudig und ohne feste Grenzen.“

In der Anmoderation hieß es zudem, man wolle „Raum für Entspannung“ schaffen. Abgesehen davon, dass „Raum schaffen für …“ gerade eine vor allem von Schaumschläger:innen inflationär gebrauchte Phrase ist, auf die eigentlich zwanzig Hiebe mit der Nilpferdpeitsche stehen sollten, durfte mensch insgesamt also erst einmal vor freudiger Erwartung ganz gespannt sein.

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In Barbies Welt

Was nämlich gäbe es Spannenderes als den Zusammenprall oder die Verschmelzung auf den ersten Blick einander widerstrebender musikalischer Zivilisationen, noch dazu mit vielen Mischpulten und einem Beleuchtungskonzept, das auf zunehmend intensivere Farben setzte, vermutlich um die Zuhörer- und Zuschauerschaft gefühlsmäßig immer mehr zu packen? Die Aussage der Musik sollte durch das Licht schrittweise ins Romantisch-Unendliche gesteigert werden. Der Festsaal des Inselhotels wurde schließlich schrittweise in eine rosafarbene Bonbontüte verwandelt, die selbst Barbie vermutlich als zu aufdringlich zurückgewiesen hätte.

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Was für ein Event!

Natürlich soll die Zukunftsmusik auch dazu führen, dass das Orchester durch neue Veranstaltungsformate „in die Mitte der Gesellschaft rückt“ und mehr zahlende Kunden gerade unter jungen Menschen und solchen findet, denen klassische Musik zu langweilig und abgehoben ist – und denen Stücke mit mehr als fünf Minuten Dauer ohnehin viel zu lang sind. Symbolisiert wurde diese neuerdings allseits beschworene Verbundenheit des Orchesters mit den „ganz normalen“ Menschen an diesem Abend auf vielfältige Weise:

– Die Musiker:innen waren vorn im Saal in einem großen Kreis platziert, der in der Mitte Platz für ein „Klangbecken“ ließ. Will sagen: Bis zu 30 Leute aus dem Publikum konnten sich in der Mitte der Kreises jederzeit mitten zwischen den Musiker:innen hinsetzen, und das ganz zwanglos, sie durften nämlich jederzeit gehen und wiederkommen.

– Das nichtmusikalische Personal am Einlass wie im Raum war passend dazu in weiße Bademäntel gekleidet. Man ging es also locker an.

Wir gehören doch alle zusammen, sollte das wohl symbolisieren, hier ist doch gar kein Elfenbeinturm, in dem wir Eure Steuergelder für abgehobene Musik auf den Kopf hauen!

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Zukunft oder Musik

Das musikalische Strickmuster wurde schnell klar: Das Orchester beginnt mit einigen barocken Sounds, gefolgt von Musik mit eingängigen, romantischen Pop-, Jazz- und Rockanklängen, komponiert und arrangiert von dem überaus sympathischen João Silva und gemeinsam mit seinen Freund:innen und Orchestermusiker:innen dem Publikum zu Gehör gebracht.

Das Orchester spielte allerdings keine kompletten Werke, sondern Schnipsel oder mal einen Satz aus Ohrwürmern, einen bunten Reigen beliebter Themen, von Vivaldi bis Pachelbel. Die Schmusemusik von João Silva kam danach jeweils extrem eingängig daher, mal mit einem fetten Schlagzeug, das dem Publikum eine Dramatik aufzwingen wollte, die die Musik selbst (leider) nicht hatte, mal mit vom Mischpult beigesteuerten Wohlfühlklängen Marke Waberlohe begleitet. Das ergab eine hitverdächtige Blütenlese.

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Kitsch as Kitsch can

Der Abend kulminierte zuerst in einer derart verkitschten Version einer eigentlich ergreifenden barocken Arie (von Purcell oder Händel?), der jegliche echte Empfindung zugunsten einer dicken Schicht Zuckerguss ausgetrieben worden war. Dazu passend wurde dann auch die optische Kitschbremse endgültig gelöst, denn die Lightshow strebte ihrer ganz oben abgebildeten Klimax entgegen.

Der Höhepunkt des Abends zeigte dann das ganze Potenzial dieses „Zukunfts“-Formates: Michael Jacksons „Man in the Mirror“ von 1987 in einer vollkommen zahnlosen, reichlich öligen Version ohne all die rhythmische und stimmliche Raffinesse, die das mitreißende Original auszeichnet.

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Mit Volldampf zurück in die Zukunft?

Wie gesagt, dieser Abend zeigte nur eine einzige Facette der Zukunftsmusik, und es wäre ungerecht, das ganze Projekt danach zu beurteilen.

Aber dieser Blick in die mögliche Zukunft hatte es in sich: Möglichst eingängige orchestrale Musikschnipsel von wenigen Minuten Dauer, dazu Schmusemusik aus Lautsprechern. Als zukunftsträchtiges Finale dann eine Schokopfannkuchenversion eines 39 Jahre alten Nummer-1-Hits.

Ist das wirklich eine echte Überlebenschance für das Konzertwesen? Hat Helmut Kohls „geistig-moralische Wende“, die uns vor vier Jahrzehnten das Privatfernsehen bescherte, jetzt doch noch den Konzertsaal erobert, in dem am Samstagabend eine quietschebunte Klassikshow zum Mitschunkeln abgezogen wird? Wird André Rieu doch noch Erfüllung und Schlusspunkt der abendländischen Kunstmusiktradition?

Nach diesem Abend steht das fast zu befürchten.

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