
Im Kult X hatte das neue Tanztheaterstück des von der Tänzerin Micha Stuhlmann gegründeten Laboratoriums für Artenschutz Premiere. Unser Autor durfte einen ebenso intensiven wie berührenden Abend erleben.
Klar schaut die Tänzerin ins Publikum, das an der Wand um die quadratische Tanzfläche auf Stühlen, Sofas und Sitzkissen Platz genommen hat. Während 12 ihrer Mitspieler:innen sich auf der Bühne bewegen, steht sie, schwarz gewandet wie alle anderen auch, für einen Moment neben einer anderen Tänzerin am Mikrofon und erzählt, wie ihr einmal jemand das Kompliment gemacht habe, sie habe ihn oder sie mit den Augen umarmt. Und das sei das allerschönste Kompliment gewesen, was sie je bekommen habe.
Ganz gerade steht sie da und ich spüre, wie ihr Satz mich berührt, mir über den Rücken läuft. Ich kann dem Abdruck seiner Worte, nachdem sie verklungen sind, nachspüren. Langsam verschwinden die Dellen in der Haut.
Ein Prozess öffnet sich
Mit dieser Geste – einander mit den Augen berühren, wenn vielleicht auch nicht umarmen – hebt der Abend an. Es ist ein lauer sommerlicher Abend. Die Ferienstimmung wird verstärkt von den wummernden Bässen des gleich nebenan stattfindenden Raves. Viele junge Menschen tanzen und ich denke mir, da wird es wohl viele Berührungen geben – freiwillige und unfreiwillige, flüchtige und lange, intensive, gewollte, geduldete, ertragene, verweigerte, ganz zu schweigen von diesen dumpf hämmernden Bässen, die ja nicht oberflächlich, sondern tief innen im Körper schwingen.
Ich stelle mein Fahrrad ab, warte mit einer langsam größer werdenden Gruppen von Zuschauer:inne:n darauf, dass die Tür zum Saal sich öffnet. Micha Stuhlmann tritt heraus und richtet ein paar Worte an die Anwesenden. Sie weist darauf hin, dass dieser Abend der Moment ist, wo der Prozess, den die Gruppe seit Monaten miteinander durchläuft und durchlebt, zum ersten Mal öffentlich wird und damit der intime Raum des probierenden Miteinanders einander zunehmend vertrauter werdender Personen – Micha Stuhlmann arbeitet grundsätzlich immer mit Laien – sich auf eine Gruppe Fremder und Unbeteiligter hin öffnet.
Fragen
Es ist also, ja, eine Premiere, aber es ist auch die Einsicht in einen unfertigen Prozess, einen Prozess, der intensiver, aber wohl nie ‚fertig‘ wird im Sinne eines Abschlusses, der mit dem Schließen des Vorhangs alle Fragen beantwortet hat. Und das, denke ich mir, zeichnet ja Kunst aus: dass sie fragt und immer besser, immer intensiver, immer bohrender, immer sich ihrer selbst unsicherer fragt und nicht etwa antwortet. Dafür sind andere da. Die, die immer schon alles wissen.

Hier jedoch weiß man nicht. In Zehnergruppen wird das Publikum zu einer je anderthalbminütigen Begrüßung nach innen gebeten. Ich betrete einen kleinen Raum und werde aufgefordert, mich auf einen markierten Platz zu stellen, der jetzt meiner sei. Ich sehe mehrere Tänzer:innen, die Augen verbunden, im Raum stehend. Unmittelbar vor ihnen, also wirklich direkt davor, so nah, wie man nie jemand Fremdem einfach so kommen würde, liegen Filzkreise mit Fußmarkierungen auf dem Boden. Etwas zögernd stelle ich mich auf den letzten, der noch frei ist.
Spüren
Die anderen haben bereits gewählt. Ich sehe mich einer mir fremden Person, einer jungen Frau, gegenüber. Guckt man da jetzt einfach so hin? Fast berühren sich die Nasenspitzen. Ich kann ihren Atem auf meinem Gesicht spüren. Sie wohl auch meinen. Aber ich kann sehen. Sie weiß nicht, wer ihr gegenübersteht. Aufgefordert von einer Stimme aus einem Lautsprecher schließe ich die Augen und spüre eine Hand auf meiner rechten, dann eine Hand auf meiner linken Schulter. Sie verweilen dort kurz, dann lösen sie sich wieder. Ich bin angespannt. Als ich die Augen öffne, sehe ich ein warmes kleines Lächeln und fühle mich willkommen.
Durch einen dicken weißen Vorhang betreten wir den Raum. Ein Quadrat mit Holzparkett, um das eine Reihe aus Klappstühlen und Sofas steht. Davor ein paar kreisrunde Sitzkissen. Ich sitze zunächst auf einem Sofa, fühle mich dann gleich gestört von dem Paar, das neben mir sitzt und die Handys zückt, um, im roboterhaften Reflex unserer Tage, erstmal Fotos zu machen. Ja, das zu sehende ist spektakulär. Ich setze mich um, um es ohne Bildschirmverdoppelung zu sehen.
Zu den Unarten unserer Zeit gehört, dass keine:r mehr so richtig da ist, wo sich ihr:sein Körper gerade befindet. Nicht hier auf der Straße, dem Platz, der Wiese, sondern irgendwo da draußen in den Weiten des Netzes bei nahen oder fernen Freund:innen und Verwandten. Überall, nur nicht hier. Das Gespenstische ist, dass man meist nicht einmal angerempelt wird, von all den Abwesenden, die um einen herumschweben. In berührungslosem Tanz begegnen wir einander nicht mehr, sondern laufen nur flüchtig durch denselben Raum, weil der leibliche Rest sich einfach so hartnäckig nicht digitalisieren, nicht virtualisieren lässt.

Überall, nur nicht hier
In der Mitte der Bühne steht ein groß gewachsener Tänzer aufrecht. Eine Tänzerin und ein Tänzer nehmen dicke, verschiedenfarbige Pelzmäntel, die um den Stehenden herum auf dem Boden liegen, auf, wickeln und schichten sie um seinen Körper herum, befestigen die Mäntel mit dicken Seilen. Stückweise entsteht ein Mann im Futteral. Eine Form, die eher skulptural als lebendig ist. Geschützt und gesichert, ja, gefesselt und immobilisiert auch. Die Pelze geben dem Mann etwas Tierhaft-Mutantenartiges. Er wird zu einem fremden Wesen, einfach dadurch, dass er geschehen lässt, sich nicht wehrt, aber auch niemanden einlädt. Er steht nur da, lässt machen, hält aus, hält sich aufrecht und verschwindet zusehends unter Pelzbergen. Ein Bild, das steht und die langen Tentakeln seines intensiven So-Seins nach allen, die es angucken und sich affizieren lassen, ausstreckt. Was die beiden Fesselnden mit diesem Pelzwesen angestellt haben, das stellt es mit uns an.
Und wie gerufen, steht da eine rothaarige Frau vor mir mit einem hölzernen Teewagen – verschiedene Liköre darauf. „Möchten Sie einen Schnaps?“ Ja, hmm, brauche ich einen? Will, was ich nicht anders artikulieren kann, weil ich ja theatervereinbarungsgemäß zuschauend immobilisiert und passiv nicht sagen oder tun kann, was ich vielleicht sagen und tun würde, wenn ich es nur dürfte oder zu dürfen mich traute, will das also irgendein anderes Ventil oder eine andere Artikulationsmöglichkeit? „Wir haben auch alkoholfrei“, fährt die Teewagenfrau fort. Ja, naja, warum nicht.
Ein Fest
Vielleicht schadet so eine sich ins Innere schlängelnde Substanz jetzt ja gar nicht, kann vielmehr helfen. Ich reflektiere nicht so recht, wie, denn das Agens dieses ‚Alkoholfreien‘ ist ja allenfalls Zucker und nicht dessen alkoholisch vergärte Form, die einem tun könnte, was man – siehe oben – selbst grad nicht tun kann oder will.
Tierhaft laufen die Tanzenden in den Saal, auf allen Vieren. Machen sie Laute? Ich weiß es nicht mehr, aber ich bilde mir ein, mich an Grunzen und dumpfes Schnauben zu erinnern. ‚Jetzt geht’s ihm an den Kragen‘, denke ich und schon stürzen sich die Gestalten auf die Figur des Stehenden in der Mitte, reißen ihm die Pelze vom Leib. ‚Lasst ihn ganz!‘, denke ich ebenso besorgt wie überflüssigerweise, denn da steht er schon, befreit von der Last der schwere Pelze tanzt er sichtlich ausgelassen mit den anderen herum.
Ein Fest hat die sich andeutende Gewalt ersetzt.

Und so geht das häufig an diesem Abend: Situationen kippen. Was positiv schien und angenehm, wendet sich plötzlich wie ein Mantel oder Handschuh und kratzt nun ganz fürchterlich, scheuert die Haut wund, hinterlässt unangenehme, negative Gefühle und Gedanken. Es ist eine der großen Stärken des Abends, dass hier zwar in großer Klarheit agiert wird, aber die Aussagen immer schweben, immer kippen, nie eindeutig bleiben. Denn: was für den einen angenehm ist, geht der anderen bereits viel zu weit. Was die eine noch nicht einmal erreicht, verletzt den anderen zutiefst. Undsoweiter.
Stille Post
Wir sehen das und wir spüren es auch. Einmal flüstern die Performenden Einzelnen aus dem Publikum Sätze ins Ohr und fordern sie auf, diese ihren Nachbarn, Unbekannten oft, Fremden gar, weiterzugeben. Leise mit handgeformtem Trichterschutz ins fremde Ohr, direkt hinein. „Spürst Du meinen Atem?“ „Ich gehe so gern an Deiner Hand spazieren.“ Viel Gekicher. Das Publikum ist gelöst. Fast ein bisschen stille Post beim Kindergeburtstag. „Ich sehe Dich so gern mit Eis spazieren“ war in unserer Ecke angekommen.
Ein anderes Mal sehen uns Tänzer:innen direkt tief in die Augen. Schwer, so einen Blick zu halten. Und was da geschieht, während man sich so anblickt. Am Mikrofon sagt ein:e Mitspielende:r, es brauche Mut, um in Kontakt zu kommen, weil jede und jeder Kontakt anders erfährt, anders aufnimmt, anders deutet. Und ohne diesen Mut würde die Welt zur Wüste der Beziehungslosigkeit. „Jede Berührung ist eine Grenzüberschreitung.“
Ja, das geht tief in Zeiten, wo manche sich als ein von Fremden übergriffig betouchter Volkskörper wähnen. Corona – die Pandemie der Berührungslosigkeit, des social distancing, der hygienischen Abstände von Mensch zu Mensch – hat auch verheerend gewütet in den Köpfen. Und, so denke ich, vielleicht hat Corona, diese gewaltige Maskenperformance, die Distanz, die Einsamkeit und die Abwehrgefühle von Angst, Depression, Panik, Wut und Hass nicht nur hervorgebracht, sondern bot Gefühlen, die sich schon vorher gebildet hatten, einen Artikulationsraum.

Angenehm? Unangenehm?
Wie gern würde ich mich anfassen lassen von dieser Hand, die sich mir da entgegenstreckt und dann schon wieder entzieht. Ich werde berührt, umarmt von den Bildern und lasse die Bilder entstehen, indem ich meinem Blick erlaube, sie langsam zu berühren, über ihre Oberflächen zu streichen, sie so fest zu drücken, bis ich sie spüre. Ein Körper an meinem Bein. Angenehm? Unangenehm? Instinktiv zucke ich zurück. Was soll ich davon halten? Ich sehe, wie die Körper Pelze anziehen und ausziehen, wie sie sich zusammenklumpen, übereinander, ineinander verschlingen und sich wieder lösen. Wie Gruppen entstehen und einzelne ihnen gegenüber, ängstlich und freudig, gelöst und panisch. Wie die Gruppe heilt und wie die Gruppe zerstört.
Micha Stuhlmann sagt später, wie schwer es für die Tänzer:innen war, denn der Raum bot ja keine Bühnenbeleuchtung. Alle mussten also jederzeit konzentriert und wach da sein, konnten sich keinen Moment des Unachtsamen, der Pause gönnen. Alles wurde ja immer in das gleiche gnadenlose, aber auch wenig konturierende, wenig mitgestaltende Licht gehüllt.
Hände sammeln
Irgendwann werden die Zuschauenden zu Mittanzenden. Die Performer:innen holen das Publikum aufs Tanzparkett. Eine und einen nach dem einen und der anderen. Nur ganz wenige wollen nicht mittanzen. Denn irgendwie muss auch die Anspannung jetzt raus, eine Anspannung, die sich ja nicht in einem frenetischen Applaus, wie sonst im Theater üblich, entladen kann, denn in solchem Applaus artikuliert sich ja immer jene aufgestaute motorische Energie, die nun wenigstens zwei Hände und manchmal auch zwei Füße hat, die laut Geräusche machen können. Hier aber war man vom ersten Moment an irgendwie auch mitgenommen als Akteur, auch wenn’s freilich nicht viel zu tun gab.
Jetzt. Aber. Da. Sein. Mittanzen. Hände sammeln, lautete die Aufgabe und so schwinge, schlendere, quetsche ich mich durch die Menge und versuche Hände zu drücken, zu streicheln, flüchtig zu berühren. Hände sammeln. Ein seltenes Glück. Wenig später dann: die Hände einer einzigen Person spüren. Ich mache die Augen zu, denn ich merke, dass der Blick mich hintergeht, mir Bilder in den Kopf steckt, die ganz weit entfernt sind von dem, was meine Hände spüren. Und überlasse mich den Händen. Diese spüren etwas völlig anderes, als was der Blick mir einreden wollte, und dafür bin ich unglaublich dankbar. Ich darf mit einem fremden Menschen eine Erfahrung machen, der sich der Blick nur störend in den Weg gestellt hätte.

Wie bist Du so?
Zum Abschluss stehen wir in langer Zweierreihe einander gegenüber. „Wie bist Du so im Kontakt?“ Darüber soll ich der fremden Frau, die mir gegenübersteht, erzählen und davon soll sie mir erzählen. Zwei Minuten lang. Das geht erstaunlich angstfrei und schnell. Wir sind längst angekommen in der Stunde, da wir nichts voneinander wussten, um einen schönen Handke-Satz anklingen zu lassen. Der Stunde des reinen Da.Seins. Und in dieser Stunde kann ich mich auch anvertrauen einem Gegenüber, von dem ich nicht einmal weiß, ob es denn überhaupt eines ist, sein will oder kann.
Hab Mut! Spring!
Die letzte Frage des Abends hinterließ mich eher ratlos: „Berührst Du Dein Haustier lieber als Deine:n Partner:in?“ Keine Ahnung. Ich habe kein Haustier. Will auch keines. Finde nicht, dass da ein Zusammenhang besteht. Was für ein Glück: mein Gegenüber, diesmal ein Mann mit Bart, sieht das genauso. Er hat zwei Katzen, meint aber, das sei doch nun etwas vollkommen anderes. Ja. Für mich auch.
***
Ich bin gespannt, wie der Prozess dieses Projektes weitergeht. Denn er ist ja gerade erst öffentlich geworden und wird noch zwei weitere Events und wahrscheinlich sehr viel mehr Wendungen und Veränderungen haben:
7. Juni, 11 Uhr als Workshop im POOL Raum für Kultur, St. Gallen, Oststrasse 25.
26. Juni, 20 Uhr als Performance im Kulturhaus Apollo, Kreuzlingen, Konstanzerstr. 32.


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