Eröffnung asisi panorama 2026 09 10 010 © harald borges

Die Technik der Illusion

Von Harald Borges
Eröffnung asisi panorama 2026 09 10 010 © harald borges
© Harald Borges

Morgen öffnet nach monatelangen Verzögerungen das Asisi-Panorama neben der Europabrücke seine Pforten. Der nicht unumstrittene Turm beherbergt ein rekordverdächtiges 360-Grad-Panorama zum Konstanzer Konzil, das zum neuen Touristenmagneten werden soll. Erste Eindrücke aus einem Gebäude, das in Konstanz nicht nur neue städtebauliche Akzente setzt.

Manche loben den 52 Meter hohen runden Turm, der selbst von der alten Rheinbrücke aus gen Sonnenuntergang deutlich sichtbar ist, als bemerkenswerten optischen Akzent in einem ansonsten ästhetisch unspektakulären Industriegebiet – einen „Unort am Stadtrand“ nannte Architekt Matthias Sauerbruch diesen Bauplatz. Andere verspotten ihn als Turmbau zu Babel oder empfinden ihn trotz seines quietschbunten Pop-Art-Äußeren als optisch störenden Trumm, der das Stadtbild aus vielen Perspektiven unvorteilhaft beherrscht. Wie auch immer Konstanzer:innen dazu stehen mögen, ein markantes Bauwerk ist diese Holz-Hybridkonstruktion nicht nur von außen.

Asisi panorama konstanz © daniel labs
Asisi-Panorama Konstanz © Daniel Labs

Auch das Innere des nach Angaben des Bauherrn ausschließlich mit Heiz- und Kühlenergie aus Geothermie betriebenen Betriebes (Solarenergie ist für diesen Bau demnach nicht zulässig) ist ziemlich einmalig. Für einen „mittleren zweistelligen Millionenbetrag“, wie Wolfgang Scheidtweiler, treibende Kraft hinter dem Konstanzer Panorama, zu berichten wusste, ist an den Innenwänden des Rundbaus ein über 110 Meter langes, 32 Meter hohes Rundbild von etwa 3500 Quadratmetern entstanden, das durch seine pure Detailfülle und Plastizität verblüfft. Es besteht aus Polyester, bei dem die Farben in das Material eingedampft (und nicht wie einem klassischen Gemälde zum Beispiel auf eine Leinwand aufgetragen) werden.

In der Mitte des Raumes steht ein Besucherturm, von dem aus die Besucher:innen auf Ebenen in 3, 6, 9, 12 und 15 Metern Höhe das Bild aus verschiedenen Perspektiven betrachten können. Hier wurde geklotzt und nicht gekleckert.

Asisi panorama 003 © panorama konstanz.de
Asisi-Panorama mit Betrachter:innenturm in der Mitte © panorama-konstanz.de

Historische Meilensteine

Der Künstler Yadegar Asisi, der mit 20 Mitarbeiter:innen in einer ihn an Renaissance-Produktionspraktiken erinnernden Maler:innenwerkstatt sein 17. Panorama geschaffen hat, sieht das Werk nicht nur als eine historische Momentaufnahme der Zeit 1414-1418, als in Konstanz das Schisma der Kirche beendet und ein einziger Papst gewählt wurde. Er will es im inneren Zusammenhang mit zwei weiteren seiner Panoramen verstanden wissen: Sein Rom 312 widmet sich dem Aufstieg des Christentums im Römischen Reich unter Konstantin dem Großen, während Luther 1517 das nächste Schisma des Christentums darstellt. Uli Burchardt lobte das Konzil denn auch gleich begeistert als Weltereignis und klopfte ein wenig auch sich selbst auf die Schulter, als er erwähnte, dass die Stadt in den Jahren ab 2014 weder Kosten noch Mühen gescheut habe, dieses Ereignis ausgiebig zu begehen. Interessanter als dies war die Anekdote, die er von einem Besuch bei Asisi in Berlin erzählte. Dort habe er im Atelier vor einem Sandhaufen gestanden, in dem Assistent:innen mit dem Modell eines Fuhrwerks eine rechtwinklige Kurve zu fahren suchten. Wie sich herausstellte, ging es darum zu ermitteln, welche Spuren ein solches mittelalterliches Fuhrwerk beim Kurvenfahren hinterließ, um diese Spuren später im Panorama abzubilden.

Eröffnung asisi panorama uli burchardt, wolfgang scheidtweiler, yadegar asisi, johannes schweizer, matthias sauerbruch 2026 09 10 002 © harald borges
OB Uli Burchardt, Initiator Wolfgang Scheidtweiler, Künstler Yadegar Asisi, Panorama-Geschäftsführer Johannes Schweizer, Architekt Matthias Sauerbruch am 10.9.2026 © Harald Borges

Was gibt’s zu sehen?

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Künstler Yadegar Asisi © panorama-konstanz.de

Ein solches Riesenbild zu betrachten macht natürlich vor allem den Einheimischen Spaß, denn es gilt, in der historischen Stadt die heutige wiederzuentdecken, was nicht immer ganz einfach ist („da wohnen wir heute!“). Etwa Petershausen war eine wuchtige Klosterfestung mit einer Stadtmauer an der heutigen Seestraße, im Paradies konnte man Jan Hus im Grünen verbrennen, ohne eine Feuersbrunst an umgebenden Wohngebäuden zu riskieren, und der Fischmarkt war durch einen Durchbruch der Hafenmauer damals noch mit Booten zu erreichen – die Ware musste eben frisch sein. Dass das Münster seine heutigen Türme erst im 19. Jahrhundert erhielt und damals noch ganz anders aussah, kann man sich heute kaum mehr vorstellen.

Auch der Natur wird Rechnung getragen: Alle 15 Minuten endet die lange Reise eines Tages in der Nacht, begleitet von einer äußerst stimmungsvollen Musik. Überhaupt geht es hier um ein Gesamtkunstwerk, das ausdrücklich Emotionen wecken und viele Sinne ansprechen soll, von Mönchsgesang bis Schwanengekrächze (für die Nase fehlt allerdings noch ein spannender Reiz wie etwa der intensive Geruch menschlicher und tierischer Hinterlassenschaften).

Der Nachtmarkt

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Geschäftiges Treiben auf der Marktstätte mitten am Tag © Harald Borges
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Geschäftiges Treiben auf Marktstätte (re.) und Fischmarkt (li.) mitten in der Nacht © Harald Borges

Und wenn es dann Nacht wird in Konstanz, wenn die Sonne unter- und der Abendstern aufgegangen ist, wenn die Nachtgeschirre bereitstehen und die Marktstände zusammengeklappt sind … halt, die Marktstände zusammengeklappt? Im Panorama ist der Traum des Konstanzer Einzelhandels Wirklichkeit geworden: Auf der Marktstätte und am Fischmarkt herrscht 24 Stunden am Tag, an Wochen- wie an Feiertagen derselbe rege Betrieb! Umsatz, Umsatz, Umsatz bei Tag und bei Nacht, der Markt hat immer geöffnet und Tarifverträge für das habgierige Personal gab es noch nicht. Das ist das Paradies der darbenden Konstanzer Händler:innen!

Und so finden denn alle im und ums Panorama ihren Himmel – oder ihre Hölle.

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Stefanskirche, Münster, Rheintorturm und Petershausen © Harald Borges

8 Kommentare

  1. lieselotte schiesser

    // am:

    Das Geklöne von „brauchen wir nicht“, „wer geht das schon anschauen“ etc. erinnert mich fatal an das Gemeckere rund um die „Imperia“ damals. Jaja, graue Vorzeit – aber den Zirkus vergess ich nicht. Und heute? Welcher Konstanzer, welche Konstanzerin schleppt ihren/seinen Besuch nicht zur Imperia? Das einzige Denkmal für eine Sexarbeiterin weitherum? Natürlich „braucht“ man kein Panorama von Konstanz zur Zeit des Konzils. Man „braucht“ aber auch Vieles andere nicht und auch nicht alles, was man braucht ist schön und/oder gefällt. Es ist ja nicht so, als ob man gezwungen würde, sich das Panorama anzuschauen. Aber ehrlich – der Platz neben der Brücke hat durch den bunten Turm nicht gelitten. Er ist allemal fröhlicher anzusehen als der graue Beton drum herum. Und die verschwundene, hier bedauerte Grünbrache, war eine Bambus-Pflanzung zwischen Asphaltbrocken. Vom Standpunkt biologischer Vielfalt gesehen, nun wirklich kein Verlust.

  2. Paul Andres

    // am:

    Nörgeln scheint für manche schon der Hauptberuf zu sein. Um aus dem Asisi Panorama eine allgemeine Kritik am ÖPNV zu konstruieren, muss man schon zu ganz besonderer Gehirnakrobatik im Stande sein.

    Übrigens wurde das Projekt privat finanziert. So viel auch zum Thema „Wo ist das Geld für Wohnungsbau,Schlaglöcherreparieren,Sanieren der Schulen?“

    Ich bin gespannt und freu mich auf meinen Besuch dort.

  3. Peter Krause

    // am:

    Es wird wohl ein Ort sein, der viele Touristen anzieht – so hoffen wahrscheinlich die Investoren
    Braucht die Stadt noch mehr (Einkaufs)Touristen? Die einen sagen so, die anderen so. Die Fläche, die hier bebaut wurde, war letztlich für Wohnungen etc. „unbebaubar“ – allenfalls ein Windrad hätte man dort noch hinsetzen können, was evtl. die C02-Bilanz der Stadt verbessert hätte.

  4. Albert Kümmel-Schnur

    // am:

    Für den unnötigen Betonzylinder mit dem überflüssigen Wimmelbild wurde eine Ersatzpflanzung für andere Betonsünden an gleicher Stelle plattgemacht (ja, dafür gibt es wieder eine Ersatz-Ersatzpflanzung, ich weiß – Schatten werden mir diese Bäumchen nicht mehr spenden). Natürlich sind die riesigen Rundgemälde Asisis spektakulär. Aber sie sind ebenso beliebig: es sind Wimmel- und Suchbilder, die Geschichte nur zum illustrierenden Anlass nehmen. Das ist okay, wenn man mal 19tes-Jahrhundert-Style zeigen will, wie’s wohl ausgesehen haben mag auf Pergamon, als der Altar noch nicht in Fragmenten im Berliner Museum stand. Es ist auch okay, wenn man ohnehin ein rundes Industriedenkmal hat wie die Pforzheimer ihren Gasometer. Den dann zu bespielen, von mir aus mit Panoramabildern, finde ich in Ordnung. Aber: ein Gebäude bauen für ein Bild, das man nicht braucht?

  5. Anke Schwede

    // am:

    Die Linke Liste Konstanz (LLK) war damals gegen diesen Mammut-Turm, u. a. weil „Konstanz nicht noch mehr Tourismusattraktionen, sondern dringend Wohnungen braucht, die sich die Bürger*innen leisten können“.

    https://linke-liste-konstanz.com/2018/07/14/llk-im-gemeinderat-nein-zum-konstanz-panorama/

  6. Regine Messmer

    // am:

    Ich weiß nicht,was soll es bedeuten?…Hat sich wieder jemand ein Denkmal bauen wollen.Siehe Kongresshalle, Wassertaxi etc.etc.Wo ist das Geld für Wohnungsbau,Schlaglöcherreparieren,Sanieren der Schulen?Wird denn alles abgenickt von den Verantwortlichen?
    Meine Begeisterung hält sich in Grenzen.Armes Konstanz.

  7. Daniel Schneider

    // am:

    Was für ein komplett unnützer Schrott!

  8. Bernd Eisenbarth

    // am:

    Recht beeindruckend das Gemälde und vor allen Dingen für Konstanzer interessant. Vielleicht können Auswärtige auch etwas damit anfangen. Der Eintrittspreis ist für eine gut einstündige Unterhaltung zu hoch, aber dem „hiesigen Niveau angepasst“, so der Betreiber. Ermäßigungen gibt es wohl wenig. Wie dieser neue „Besuchermagnet“ zum konstanzer Klimanotstand passen soll, der als oberstes Ziel die CO2-Vermeidung angibt, erschließt sich mir nicht. Der Kommerz macht es halt wie immer trotzdem möglich, und die Besucher kommen schließlich alle mit Bus und Bahn…

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