Ausstellung jin jiyan konstanz 2026 02 19 © pit wuhrer

Die Rojava-Revolution: Frauen für eine freie Gesellschaft

Von A.B. (Text) und Pit Wuhrer (Fotos)
Ausstellung jin jiyan konstanz 2026 02 19 © pit wuhrer

Noch bis Sonntag ist die Ausstellung „Jin, Jiyan, Azadi – die Errungenschaften der Frauenrevolution“ im Konstanzer Treffpunkt Petershausen zu sehen. Wie sieht die basisdemokratische Selbstverwaltung in Rojava aus? Warum ist sie eine Revolution der Frauen? Wie wirkt sie auf das alltägliche Leben der Menschen? Und was bedeutet das für die gesamte Region?

Die demokratische Revolution in Rojava/Nordsyrien begann vor zwölf Jahren mit dem Kampf gegen die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) und dessen Sturz in der Stadt Raqqa. Heute wehen dort wieder schwarze Flaggen des IS. Binnen weniger Tage, Anfang des Jahres, vereinnahmte die syrische Übergangsregierung mithilfe islamistischer Milizen und mit militärischer Unterstützung aus der Türkei fast das gesamte Gebiet der autonomen Selbstverwaltung Rojava. Dabei legen die islamistischen Milizen ein besonderes Augenmerk auf die Zerschlagung der Frauenrechte und ihren gewachsenen Strukturen. So besetzten sie in Raqqa zuerst die Zentrale der Frauenselbstverwaltung und andere Frauenzentren, sie vertrieben die Frauen, verwischten ihre Spuren und errichteten dort eine islamistische Militärbasis. 

Raqqa ist eine Stadt mit circa zweihunderttausend Einwohnern. In den Anfängen des Syrienkriegs besetzte sie der IS und machte sie zu seinem Hauptstützpunkt. Damals wurde sie bekannt für die grausamen und massenhaften Frauen- und Kinderversklavungen durch den IS, vor allem jesidische Frauen wurden brutal versklavt und nicht selten zu Tode gepeinigt. Aber unsere Erinnerungen währen offensichtlich nicht lange. Der jetzige Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa, ein ehemals islamistischer Kämpfer, und seine islamistische Armee HTS werden heute von der Europäischen Union und von Deutschland als wichtige Verhandlungspartner hofiert. Während diese aktuell in Rojava demokratische Strukturen zerschlagen und Errungenschaften der Frauen- und Menschenrechte vernichten. 

Warum eine Revolution der Frauen?  

„Alle fragen sich, warum unsere Revolution als Frauenrevolution definiert wird und suchen dahinter ein Geheimnis. Das Geheimnis ist: Frauen haben eine Frauenrevolution innerhalb der Revolution geschaffen, sie haben sich organisiert, gebildet, informiert und haben eine Frauenarmee aufgebaut“, sagt Rihan Loqo vom Koordinationskomitee der Frauendachorganisation Kongra Star.

Das Zitat hängt in der Ausstellung „Jin, Jiyan, Azadi – die Errungenschaften der Frauenrevolution“, die noch kurz zu sehen ist und zeigt, wie viel Gleichberechtigung möglich ist, wenn sich eine Gesellschaft bewusst und konsequent dafür entscheidet. Die Menschen in Rojava entschlossen sich vor zwölf Jahren, ihre Gesellschaft neu und basisdemokratisch aufzubauen. Dabei waren Frauenrechte von Anfang an von zentraler Bedeutung – die Losung „ohne Befreiung der Frau, keine freie Gesellschaft“ ist ein wesentliches Merkmal Rojavas. 

In der Ausstellung sind dreizehn, von Frauen maßgeblich beeinflusste, Lebensbereiche zu sehen, etwa „Ökologie“ oder „Kunst und Kultur“ und wie diese die Gesellschaft veränderten. Die Frauen schufen autonome Frauenräume, nur für Frauen, in denen sie zwölf Jahre lang alle gesellschaftlichen Belange von der Kindererziehung bis zur militärischen Verteidigung aus Perspektive der Frauen diskutierten, neugestalteten und in die Gesamtgesellschaft tragen konnten. 

Das Private ist politisch

Sie schufen gemeinsam eine gesellschaftliche, das heißt politische, kulturelle und ökonomische Struktur, die Gleichberechtigung ermöglicht und sichert: Alle Ämter von der Basis bis zur Spitze sind mit einer Frau und einem Mann besetzt, alle politischen Fragen und Entscheidungen können in entsprechenden Gremien auch von und mit Frauen diskutiert werden, alle Frauenräte haben ein Vetorecht in allen Belangen. Frauenbildung und die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen wurden aktiv gefördert. Sie erließen Gesetze, die sich von frauenfeindlichen Traditionen verabschiedeten wie der Vielehe oder dem automatischen Sorgerecht der Väter bei einer Trennung. 

„In den Kommunen spielen alltägliche Zusammenhänge, nachbarschaftliche Aushandlungen, familiäre Probleme eine große Rolle“, lautet noch ein Zitat, das in der Ausstellung zu sehen ist. „Anders als im neoliberalen Staat werden sie nicht in den Bereichen des ‚Privaten‘ gedrängt, sondern erhalten eine ethisch-politische Bedeutung, welche der Ausgangspunkt für die Arbeit der Kommunen ist.“ 

Die Frauen von Rojava haben eine alte, aber immens wichtige Forderung feministischer Bewegungen wahr gemacht: „Auch das Private ist politisch.“ Frauen wird tatsächlich in allen Belangen geholfen und sie werden in allen Belangen gestärkt. Insgesamt gibt es über fünfzig Frauenorganisationen, es gibt Frauendörfer, Flüchtlingslager für Frauen und eine Frauenuniversität.  Die Frauen aus Rojava haben eine Vorreiterinnenrolle in der gesamten Region. Und so manche Errungenschaft hätten wir auch gerne in Deutschland.

Trotz Krieg, IS und Angriffen aus der Türkei 

Diese immensen Errungenschaften wurden – das darf man nicht vergessen – vor dem Hintergrund eines Kriegs erkämpft: Der Krieg in Syrien und der IS  haben die komplette Infrastruktur zerstört, die Region stand unter einem Embargo, Nachbarstaaten wie die Türkei verhinderten humanitäre Hilfe und die Binnenmigration Syriens war hier besonders hoch, da die Selbstverwaltung Menschenrechte für alle garantierte.

Hinzu kamen ab 2014 Angriffe aus der Türkei, manche Bereiche Rojavas stehen heute ganz unter Kontrolle des türkischen Militärs, das dort Hand in Hand mit dschihadistischen Gruppen gegen die Bevölkerung kämpft und sie drangsaliert. Dennoch schafften es die Menschen, ihre Region immer wieder aufzubauen und ein alternatives Gesellschaftsmodell zu entwickeln, zu etablieren und zu leben. 

Und heute? Keine Bilder – kein Krieg?

Über die aktuelle Situation berichteten Annett Bender, Mitinitiatorin der Ausstellung und Mitglied der Frauenorganisation „Stiftung der freien Frau Syriens“, und Amer Aldakkouri bei der Ausstellungseröffnung am 19. Februar.

Ausstellungseröffnung jin jiyan konstanz 2026 02 19 © pit wuhrer kopie
Ausstellungseröffnung mit Zeljka Blank-Antakli, Annett Bender und Amer Aldakkkouri

Der Großteil Rojavas steht seit Anfang Januar unter Belagerung. Die Übergangsregierung hat mit ihrer Großoffensive und dank der Mithilfe dschihadistischer Gruppen rund 80 Prozent von Rojava eingenommen. Kobanê ist belagert, die Menschen erleiden eine humanitäre Katastrophe, trotz aktueller Waffenruhe. Es gibt keinen Zugang für die freie Presse, es dringen kaum Informationen und so gut wie keine Bilder über die aktuellen Ereignisse durch, so Annett Bender: Der IS sei klüger geworden und wisse um die Macht der Bilder.

Amer Aldakkkouri berichtet, dass jede Familie in Rojava Verluste erlitten habe. Dennoch halten die Menschen in Rojava an ihrer Selbstverwaltung fest und hoffen weiter. Aufgeben sei keine Option. Die Waffenruhe sei auch auf die vielen internationalen Proteste von Kurd:innen zurückzuführen. Eine Rojava-Delegation mit dem Oberkommandanten der Demokratischen Kräfte Syriens Mazlum Abdi und die Ko-Außenbeauftragte Ilhan Ehmed waren bei der Münchner Sicherheitskonferenz eingeladen und bekräftigten, dass die Kurd:innen an ihrer Selbstverwaltung festhielten. Viel mehr wisse man, Stand heute, noch nicht.

Solidarität mit Rojava

Das Projekt Rojava ist für die vier kurdischen Gebiete im Iran, Irak, Syrien und der Türkei von immenser Bedeutung. Es ist darüber hinaus ein großer demokratischer Hoffnungsschimmer für die Region. Eine internationale Solidarität mit Rojava und eine klare politische Abgrenzung mit allen dschihadistischen Gruppen ist wichtiger denn je, insbesondere für die Frauen in der Region, auch für alle nicht kurdischen Frauen.

Das Solidaritätsbündnis Rojava lädt herzlich zu einem Austausch ein. Die Ausstellung kann heute, Samstag, 21. Februar, ab 14 Uhr besichtigt werden. Ort: Treffpunkt Petershausen, Georg-Elser-Platz 1, Konstanz.

Dort gibt es um 16 Uhr eine Führung mit Annett Bender und um 19 Uhr findet eine Lesung mit der Künstlerin und Aktivistin Leona Sophia Strakerjahn statt. Am morgigen Sonntag, 22. Februar, laden kurdische Frauen und das Solidaritätsbündnis um 11 Uhr ebenfalls im Treffpunkt Petershausen zum Brunch und zur Debatte darüber ein, wie sich hier vor Ort die Unterstützung für die Frauen von Rojava weiterentwickeln kann. Eingeladen sind auch Vertreter:innen von medico international Schweiz und ein Betroffener aus Kobanê, Rojava. 

Spenden für die Frauen in Rojava und die Arbeit der „Stiftung der freien Frau in Syrien“:
Spendenkonto: Kurdistanhilfe e.V.
Stichwort: Nothilfe
Hamburger Sparkasse
IBAN: DE40 2005 0550 1049 2227 04
BIC: HASPDEHHXXX

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