Wohnheim kn notunterkunft seit 2016 © Pit Wuhrer

Die Fiktion vom sozialen Wohnungsbau

Von Red Blue
Wohnheim kn notunterkunft seit 2016 © Pit Wuhrer
An der Grenze: Seit 2016 gibt es hinter dem Lago eine Notunterkunft der Stadt Konstanz

Einmal wohnungslos, immer wohnungslos? Unsere Autorin berichtet, warum sie ihre Wohnung verlor, wie sie aktuell untergebracht ist und warum es für sie schier unmöglich ist, eine eigene Wohnung zu finden. Ihr Beitrag verknüpft das persönliche Betroffensein mit dem Versagen der bundesdeutschen Wohnungsbaupolitik und den realitätsfernen Vorgaben der Jobcenter für Bürgergeldempfänger:innen.

Aus meinem kleinen, sauberen Zimmerfenster in einer geschlechtlich gemischten Zweck-WG der AGJ-Wohnungslosenhilfe blicke ich auf einen bewölkten Winterhimmel. Die stationäre Wohnungslosenhilfe ist seit Oktober 2023 mein Zuhause. Seit einiger Zeit bin ich in der WG, ja im gesamten Haus das einzige weibliche Wesen und fühle mich deshalb sehr oft unwohl. Es ist ein befremdliches und seltsames Gefühl, als Frau mit ständig wechselnden, völlig fremden Mitbewohnern zusammenwohnen zu müssen.

Doch das sind nun mal die Gegebenheiten und ich bin zutiefst dankbar, dass ich mein warmes Zimmer habe! Wie jeden Morgen war ich bereits online auf der Wohnungssuche, die mich mittlerweile arg verzweifeln lässt und frustriert, denn ich bin nun schon bald vier Jahre wohnungslos.

Der Weg in die Wohnungslosigkeit

Bis Ende Oktober 2021 hatte ich ein stabiles Mietverhältnis in einer schwäbischen Universitätsstadt. Meine damalige Wohnung musste ich nach meiner Ausbildung aus beruflichen Gründen, nämlich für ein Anerkennungspraktikum in Norddeutschland kündigen. Dort wohnte ich dann in einer vom Unternehmen bereitgestellten Zweck-WG. Es kamen mehrere unglückliche Umstände zusammen, ich fand trotz aktiver Suche nach Ende der befristeten Tätigkeit keine Wohnung und keinen Platz in einer WG und landete so schlussendlich in einer städtischen Notunterkunft. 

Über eine hilfsbereite Bekannte bekam ich damals eine Arbeitsstelle in einem Hotel oben in Nordfriesland, doch ich fand trotzdem keine Wohnung. Mit dem von mir verdienten Geld konnte ich dann nach neun Monaten im Norden endlich wieder nach Süddeutschland fahren. Doch ebenfalls hier hatte und habe ich kein Erfolg mit meiner Wohnungssuche, obwohl ich bis April 2024 einen monatlichen Lohn bekam. Einmal wohnungslos, für immer wohnungslos?

Die klassische Wohnungslosenbiographie gibt es nicht. Es kann alle Personen und Gesellschaftsschichten treffen und jemand muss auch nicht alkohol- oder drogenabhängig sein, um in diese missliche Lage zu geraten. Bei mir war es eine gravierende Fehlentscheidung, mit der ich mittlerweile meinen Frieden gemacht habe, denn ich denke, dass ich es Zeit meines Lebens bereut hätte, wenn ich nicht an die Nordsee gefahren wäre. Zumal es keine Alternative gab, es sei denn, ich hätte das Anerkennungspraktikum nicht angetreten und meine zweijährige Ausbildung, die ich mir mit einer Arbeitsstelle in einer Universitätsklinik und einem Sofortkredit finanziert hatte, wäre somit völlig umsonst gewesen.

Das Fiasko des sozialen Wohnungsbaus

Als wohnungslos werden die Personen bezeichnet, die keinen festen Mietvertrag, keine Wohnung oder kein Haus besitzen und anderweitig untergebracht sind, zum Beispiel in Notunterkünften oder bei Freunden/Verwandten übernachten. In Deutschland fehlen dem Bündnis „Soziales Wohnen“ zufolge mehr als 550.000 Sozialwohnungen. Der Zusammenschluss aus Mieterbund, Baugewerkschaft sowie Sozial- und Branchenverbänden beruft sich dabei auf eine Studie des Pestel Instituts, die vom Bündnis in Auftrag gegeben wurde. Das Bündnis hält es für unumgänglich, dass bis 2030 bundesweit zwei Millionen Sozialwohnungen zur Verfügung stehen. 

Die Ampelkoalition aus SPD, Grüne und FDP hatte in ihrem Koalitionsvertrag den Bau von jährlich 400.000 neuen Wohnungen angestrebt, davon sollte ein Viertel Sozialwohnungen sein. Im Jahr 2023 wurden gemäß dem Bündnis „Soziales Wohnen“ aber nur rund 30.000 Sozialwohnungen fertiggestellt. Als Gründe wurden die Folgen des Ukraine-Kriegs, Fachkräftemangel und knappe Baumaterialien genannt. Ein weiteres großes Hindernis ist, dass jedes Bundesland seine eigenen Bauvorgaben für Sozialwohnungen hat. Wo also sollen bitte die von der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe geschätzt mehr als eine Million wohnungslose Menschen in Deutschland ein menschenwürdiges und bezahlbares Zuhause finden? 

Wer arm ist, wird aussortiert

Die Zustände in den städtischen Not- oder Obdachlosenunterkünften sind meinen Erlebnissen nach von Stadt zu Stadt unterschiedlich, doch definitiv nicht menschenfreundlich! Vor allem als Frau ist man mitunter sexueller Belästigung und womöglich Schlimmerem nahezu hilflos ausgesetzt. Dazu kommt, dass Notunterkünfte zunehmend überfüllt sind, was anhand der jährlich steigenden Zahl an Wohnungslosen wohl kaum erstaunt. 

Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) fühlt sich die Mehrheit der Bevölkerung hierzulande durch steigende Preise, vor allem bei Lebensmitteln belastet. 58 Prozent der befragten Menschen sorgen sich mit Blick auf die zunehmenden Lebensunterhaltungskosten um ihre finanzielle Situation, 16 Prozent nannten die Energiekosten als besonders bedrohlich. 

Eine Besorgnis, die ich gut nachfühlen kann. Dadurch, dass ich nur eine Teilzeit-Arbeitsstelle hatte, die ich wegen anhaltenden Mobbing kündigen musste, ist mein ALG1 und das aufstockende Bürgergeld knapp bemessen. Ich komme trotz Ausgabenplanung und bestmöglicher Geldeinteilung nur knapp über die Runden. Sehr gerne würde ich mir etwas dazuverdienen. Doch sind dies im Monat mehr als 100 Euro, werden mir die Sozialleistungen entsprechend gekürzt.

Geld regiert den Wohnungsmarkt 

Zudem werde ich als Mietinteressentin von den Vermietenden umgehend aussortiert, weil ich nicht nur wohnungslos, sondern auch arbeitslos bin, obwohl mir seitens der Bundesagentur für Arbeit eine Umschulung bewilligt wurde. Geld regiert den Wohnungsmarkt!

Eine weitere Hürde ist die vom Jobcenter festgelegte Mietobergrenze. Sie variiert von Ort zu Ort, in Konstanz sind es viel zu geringe 533 Euro Nettokaltmiete, was bei den einer Person zugestandenen 45 Quadratmetern einem Quadratmeterpreis von 11,84 Euro entspricht. Demgegenüber haben die Angebotsmieten inzwischen durchschnittlich 17,55 Euro (kalt) pro Quadratmeter erreicht. 

Auch der Wohnberechtigungsschein, den ich seit geraumer Zeit habe, hilft mir nicht weiter. Wie bereits geschrieben, gibt es viel zu wenige Sozialwohnungen und die Warteliste der WOBAK ist unbeschreiblich lang. Laut dem letzten Jahresbericht stehen bei der WOBAK über 3000 Haushalte auf der Bewerberliste. Jedes Jahr werden demgegenüber aus dem Bestand nur ca. 250 Wohnungen frei.

Am 8. März findet hier im Ländle die Landtagswahl statt und ich hoffe für alle wohnungslosen Personen sehr, dass sich endlich politisch konkret etwas für uns zum Besseren ändert, damit auch wir, die am Rande der Gesellschaft stehen, die Möglichkeit auf ein sicheres, bezahlbares und menschenwürdiges Zuhause bekommen.

Hinweis: Falls Sie eine kleine, helle Wohnung im Konstanzer Raum mit bis zu 533 Euro Nettokaltmiete zu vermieten haben, dürfen Sie Ihr Wohnungsangebot gerne der seemoz-Redaktion zukommen lassen.

Von „Red Blue“ stammt auch der seemoz-Beitrag Aus dem Leben einer Pfandsammlerin.
Foto: Pit Wuhrer

2 Kommentare

  1. Peter Krause

    // am:

    Es ist einer der größten Skandale in diesem Lande, dass sich Wohnen überaus dramatisch verteuert hat und es eine derart hohe Zahl an wohnunglosen Menschen gibt.
    Die Gründe für diesen Zustand, der einem Sozialstaat Hohn spricht, sind mit Sicherheit vielfältig. Aber die maßlose Reduzierung des Sozialen Wohnungsbaus und die gleichzeitige Verteuerung des Bauens generell – Stichwort: immer mehr Vorschriften und Ausweitungen der Standards – haben dazu beigetragen, dass das Wohnen für immer mehr Menschen nahezu unerschwinglich geworden ist.
    Ich sehe auf Seiten der politischen Entscheidungsträger noch keinen hinreichenden Willen, dieses seit Jahren bekannte Problem zu lösen. Bereits mit einer Rückführung der Baustandards auf ein erträgliches, d.h. finanzierbares Maß könnte man die Baukosten senken und den Wohnungsbau ankurbeln. Mit der konsequenten Verpflichtung der Bauherren, bei großen Wohnungsneubauprojekten eine bestimmte Quote an preiswerten bzw. Sozialwohnungen einzuplanen (wie es seiner Zeit z.B. von OB Hans-Jochen Vogel in München durchgesetzt worden war), also die Bewohnerschaft sozial zu „durchmischen“, könnte man erste Schritte zur Reduzierung der Wohnungsnot vollziehen. Und nicht zuletzt könnte die „öffentliche Hand“ als Bauträger durchaus stärker in Erscheinung treten.
    Der Mensch braucht eine Wohnung, ein Dach über dem Kopf. Punkt.

  2. Stefan Schneider

    // am:

    Guten Tag,
    ich möchte die Autorin gerne einladen, zu unserer Tagung / Netzwerktreffen Mitte März nach Augsburg zu kommen, um dort über ihr Engagement zu berichten.

    https://www.wohnungslosenstiftung.org/neuigkeiten/tagung-augsburg-2026-aufruf.html

    Red Blue, melde Dich bitte gerne per Email!
    Herzliche Grüße, Stefan

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert