
Heute jährt sich der rassistische Anschlag von Hanau zum sechsten Mal. Bundesweit wird den Opfern dieses Terroranschlags gedacht und auch in Konstanz gibt es eine Kundgebung – um 17:30 Uhr. Das Attentat an sich ist mittlerweile bekannt. Doch was geschah vorher – und was danach?
Vor sechs Jahren, am 19. Februar 2020, erschoss ein Attentäter in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven. Der Mediendienst Integration hat in einer Chronologie die Geschehnisse zusammengefasst (die seemoz freundlicherweise übernehmen darf).
Neun Menschen erschoss der Attentäter Tobias R. am 19. Februar 2020 in Hanau: Ferhat Unvar, Hamza Kurtović, Said Nesar Hashemi, Vili Viorel Păun, Mercedes Kierpacz, Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz und Gökhan Gültekin.
Der Mediendienst hat in einer Chronologie zusammengefasst, was am 19. Februar geschah und was danach passierte. Der Attentäter war schon vor der Tat auffällig geworden, indem er verschwörungsideologische Strafanzeigen unter anderem bei der Generalbundesanwaltschaft stellte. Trotzdem besaß er eine Waffenerlaubnis. In und nach der Tatnacht kam es zu zahlreichen behördlichen Verfehlungen, die von den Hinterbliebenen in einer „Kette des Versagens“ aufgearbeitet und in einem parlamentarischen Untersuchungssausschuss sowie in einem Gutachten der Recherche-Organisation Forensic Architecture untersucht wurden.
Die Vorwürfe der Überlebenden und Hinterbliebenen umfassten unter anderem: Der Notausgang der Arena-Bar war verschlossen, so dass eine Flucht vor dem Attentäter nicht möglich war. Das Haus des Attentäters sei nicht ausreichend gesichert gewesen. Es waren zahlreiche Polizeibeamte im Einsatz, die dem Sondereinsatzkommando (SEK) angehörten, das wegen Rechtsextremismus aufgelöst werden musste. Der Notruf war nicht erreichbar. Der Umgang mit den Angehörigen sei unangemessen gewesen, zuweilen wurden sie als Gefährder statt als Betroffene behandelt.
Der Untersuchungsausschuss stellte fest, dass es Mängel bei der Erteilung der Waffenerlaubnis für den Täter gab und dass die Stadt Hanau ihren Verpflichtungen zum Schutz der Bürgerinnen und Bürger bei den Kontrollen der Arena Bar und des dortigen Notausgangs nicht gerecht geworden war. Vier Jahre nach dem Anschlag entschuldigte sich die Polizei bei den Hinterbliebenen für die Versäumnisse.
Nach der Tat belästigte der Vater des Attentäters die Angehörigen der Opfer immer wieder. Eine Anfrage des Mediendienstes bei der Staatsanwaltschaft Hanau am 3. Februar 2025 ergab, dass 66 Tatvorwürfe seit Januar 2020 gegen den Vater des Attentäters registriert wurden. Strafbefehle ergingen unter anderem wegen Hausfriedensbruch, Nachstellung und Beleidigung. In 13 Fällen wurden die Ermittlungen eingestellt.

Die Chronik:
Vor dem Anschlag
2013: Tobias R. erhält erstmals eine Waffen-Erlaubnis
November 2019: Tobias R. stellt verschwörungsideologische Strafanzeigen u.a. bei der Generalbundesanwaltschaft
Februar 2020: Tobias R. veröffentlicht ein sogenanntes „Manifest“ mit rassistischen und verschwörungsideologischen Inhalten auf seiner Website.
19. Februar 2020
21:55 Uhr: Im Vorraum der Shisha-Bar „La Votre“ und in der angrenzenden „Midnight-Bar“ schießt der Attentäter auf mehrere Gäste. Drei Menschen sterben.
ca. 22 Uhr: Danach fährt er mit seinem Wagen in Richtung Kurt-Schumacher-Platz (Stadtteil Kesselstadt). Dabei verfolgt ihn der 22-jährige Vili-Viorel Păun.
22:05 Uhr: Auf dem Parkplatz erschießt der Täter zuerst Vili-Viorel Păun in seinem Auto, vermutlich weil der ihm gefolgt war. Danach erschießt der Täter in der „Arena Bar“ und dem angeschlossenen „Kiosk 24/7“ fünf weitere Menschen.
ca. 22:30 Uhr: Nach Hinweisen aus der Bevölkerung kann die Polizei das Auto des Täters identifizieren und findet es in der Nähe seines Wohnhauses.
ab 0:30 Uhr: Medien beginnen mit der Live-Berichterstattung. Bild-Reporter spekulieren über eine „Milieutat“, für die möglicherweise Russen verantwortlich wären.
zwischen 3 und 4 Uhr: Ein Sondereinsatzkommando der Polizei durchsucht die Hanauer Wohnung des Täters. Dort findet sie den Täter sowie dessen Mutter tot auf. Der Vater ist unverletzt in der Wohnung.
4 Uhr: Die Generalbundesanwaltschaft übernimmt die Ermittlungen. Es wird bekannt, dass der Täter ein schriftliches „Manifest“ sowie ein Video hinterlassen hat, das er auf seiner Webseite online gestellt hatte.
Bei dem Anschlag werden neun Menschen getötet: eine Frau, acht Männner. Sieben weitere Menschen – zwei Frauen und fünf Männer – werden zum Teil schwer verletzt. Außerdem tötet der Täter seine Mutter und sich selbst.
Nach dem Anschlag:
21. Februar 2020: Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) nennt Rechtsextremismus die „größte Bedrohung in unserem Land“ . Am 29. Februar kündigt er einen „Expertenkreis Muslimfeindlichkeit“ an als Konsequenz aus dem Anschlag in Hanau. Der Expertenkreis nimmt im Oktober seine Arbeit auf.
März 2020: Kurz nach dem Anschlag schließen sich viele Angehörige zusammen und gründen die „Initiative 19. Februar Hanau“. Ein wichtiges Ziel: Die Namen der Opfer sollen nicht in Vergessenheit geraten.
28. März 2020: Medien berichten von Zwischenergebnissen der Ermittlungen des Bundeskriminalamts. Demnach sei „Rassismus nicht das Hauptmotiv“ von Tobias R. gewesen. Er habe seine Opfer vielmehr so ausgewählt, dass er möglichst viel Aufmerksamkeit für seine Verschwörungserzählung bekommt. Behörden widersprechen den Medien-Berichten. Laut Bundesregierung könne es „keine vernünftigen Zweifel“ an den „rassistischen, rechtsextremem Beweggründen“ des Anschlags geben.
April 2020: Die Scheiben eines der Anschlagsorte, der Shisha Bar „Arena Bar & Café“, werden eingeschlagen.
Mai 2020: Die Initiative 19. Februar in Hanau eröffnet eine Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige des Anschlags sowie weitere Interessierte. Der Name: „140qm gegen das Vergessen“.
Laut dem Opferbeauftragten der Bundesregierung wurden Hilfen an die Hinterbliebenen bezahlt. Die Regierung habe „an 53 Angehörige oder Verletzte [des Anschlags in Hanau] über 1 Million Euro ausgezahlt. … Ehepartner, Kinder und Elternteile von Getöteten erhalten als Härteleistung jeweils 30.000 €, Ehepaare also dann 60.000€“.
Juni 2020: Laut Medienberichten ist die Verlängerung der Waffenerlaubnis des Attentäters 2018 nicht richtig geprüft worden. Laut den Berichten liefen „in Bayern Verfahren gegen R. wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz und eines Branddeliktes, die gegen seine Zuverlässigkeit sprachen.“ Außerdem war bei dem späteren Täter bereits 2002 eine „schizophrene Psychose festgestellt worden“. Ein Gesundheitsnachweis wurde beim Antrag auf die Waffenerlaubnis nicht verlangt. Die Behörden bestreiten rechtliche Fehler und verweisen darauf, dass der Täter zeitweise in München gelebt habe , ohne dies zu melden.
Oktober 2020: Angehörige, Überlebende und Betroffene der rassistischen und antisemitischen Anschläge von Mölln, Hanau und Halle solidarisieren sich in einem gemeinsamen „Festival of Resilience“ in Berlin.
November 2020: Die Mutter des getöteten Ferhat Unvar, Serpil Unvar, gründet in Hanau eine antirassistische Bildungsinitiative.
25. November 2020: Die Bundesregierung kündigt 89 Maßnahmen gegen Rechtsextremismus und Rassismus an und will dafür bis 2024 mehr als eine Milliarde Euro bereitstellen.
Dezember 2020: Hinterbliebene des Anschlags stellen Strafanzeige gegen die Hanauer Polizei: Der Notausgang der Shisha-Bar, in der drei Personen erschossen wurden, war verschlossen – möglicherweise wären einige noch am Leben, wenn sie durch den Notausgang hätten fliehen können. Laut Strafanzeige war der Notausgang auf polizeiliche Anordnung hin verschlossen.
Laut Medienberichten hat der Vater des Hanauer Attentäters in den letzten Monaten mehrfach rassistische Strafanzeigen gestellt. So forderte der Vater, dass alle Gedenkstätten an die Opfer abgebaut werden und möchte die Tatwaffen seines Sohnes von der Generalbundesanwaltschaft haben. Hinterbliebene des Anschlags und Angehörige der Getöteten sehen sich durch den Vater bedroht.

Januar 2021: Medien berichten über Probleme beim Polizei-Notruf in der Tatnacht. Zwischen 21.55 Uhr und 22.09 Uhr wurden demnach fünf Notrufe bei der Notrufnummer der Polizei registriert. Zahlreiche Zeug*innen berichteten aber gegenüber Medien, dass die Notrufnummer in der Tatnacht wiederholt nicht erreichbar war. Eine Rufumleitung zu einer Leitstelle war nicht eingerichtet. Zudem wurden zahlreiche erfolglose Anrufversuche in der Tatnacht nicht registriert oder aufgezeichnet.
Februar 2021: Mehr als 1.200 vermutliche oder tatsächliche Rechtsextremisten verfügen über eine Waffenerlaubnis. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linkspartei hervor. Diese Zahl ist in den letzten Jahren stark gestiegen.
Laut Medienberichten hat die Staatsanwaltschaft Hanau Anklage gegen den Vater des Attentäters erhoben wegen rassistischer Beleidigung von Teilnehmenden einer Mahnwache.
April 2021: Der beim Anschlag getötete Vili Viorel Păun erhält posthum die hessische Medaille für Zivilcourage. Der 22-Jährige hatte den Attentäter Tobias R. in der Nacht des Anschlags mit seinem Auto verfolgt und mehrfach erfolglos den Notruf gewählt, bevor er erschossen wurde.
Juni 2021: Das Frankfurter Sondereinsatzkommando (SEK) wird infolge von Enthüllungen um eine rechtsextreme Chatgruppe aufgelöst. Wenig später wird bekannt, dass 13 der 19 unter Rechtsextremismusverdacht stehenden Beamten in der Anschlagsnacht von Hanau eingesetzt waren.
Juli 2021: Ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss zum Anschlag von Hanau wird auf Antrag von SPD, FDP und Linke gebildet. Er soll die Probleme in der Einsatznacht und ein mögliches Behördenversagen aufklären. Angehörige der Anschlagsopfer hatten sich zuvor für einen Untersuchungsausschuss eingesetzt.
Juni 2022: Das Recherchenetzwerk „Forensic Architecure“ legt ein Gutachten vor, nach der die Polizei in der Anschlagsnacht das Haus des Attentäters nicht richtig bewacht habe.
Mai 2023: Das Recherchenetzwerk FragdenStaat veröffentlicht den internen Bericht des Polizeipräsidiums Südosthessen von November 2020 zur „einsatztaktischen Nachbesprechung“ der Anschlagsnacht. Darin äußern Beamt*innen unter anderem Kritik an der Einsatzkommunikation und zum Umgang mit den Angehörigen der Opfer und fordern Konsequenzen in polizeilichen Strukturen.
November 2023: Der Hessische Landtag legt den Abschlussbericht des Hanau-Untersuchungsausschusses vor. Darin werden unter anderem das Behördenhandeln bezüglich der Erteilung der Waffenbesitzkarte an Tobias R., der Erreichbarkeit des Notrufs, der Verschlussverhältnisse des Notausgangs und im Umgang mit den Angehörigen der Opfer thematisiert. Die Initiative 19. Februar übt scharfe Kritik.
Oktober 2024: Der Vater des Attentäters wird zu einer Geldstrafe von 21.600 Euro verurteilt wegen Volksverhetzung, Beleidigung, Nötigung und anderer Delikte.
Januar 2025: Der Vater des bei dem Anschlag erschossenen Vili-Viorel Păun, Niculescu Păun, stellt Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Hanau unter anderem gegen den damals zuständigen Polizeipräsidenten des Polizeipräsidiums Südosthessen wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung: Der polizeiliche Notruf funktionierte in der Tatnacht nicht. Vili-Viorel Păun hatte fünfmal versucht, die Polizei zu erreichen, während er den Attentäter verfolgte. Der Attentäter erschoss anschließend Păun und fünf weitere Menschen. Am 13. Januar stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein.
Februar 2025: Die Staatsanwaltschaft Hanau hat seit Anfang 2020 insgesamt 66 Tatvorwürfe gegen den Vater des Attentäters registriert (Angabe der Staatsanwaltschaft Hanau auf Anfrage des Mediendienstes, Stand 3. Februar 2025). In den vergangenen Jahren belästigte er die Angehörigen der Opfer von Hanau immer wieder. Strafbefehle ergingen u.a. wegen Hausfriedensbruch, Nachstellung und Beleidigung. In 13 Fällen wurden die Ermittlungen eingestellt.
Am 6. Februar 2025 stellt die Familie vom getöteten Hamza Kurtović Strafanzeige gegen die Polizei und den Betreiber der „Arena-Bar“.
Oktober 2025: Das hessische OLG verwirft die Beschwerde der Familie Kurtović am 22. Oktober 2025. Damit kommt es nicht zu weiteren Ermittlungen wegen möglicher Behördenfehler. Die Familie legt dagegen später Verfassungsbeschwerde ein.
Januar 2026: Im Januar 2026 stirbt Ibrahim Akkuş. Er war beim Anschlag in Hanau angeschossen und schwer verletzt worden und hatte bis zu seinem Tod unter den Folgen gelitten.

Grafiken und Faktenchecks: Joe Bauer, Lennart Kreuzfeld, Miriam Sachs, Sophie Thieme, Johanna Koppmann
Fotos von diversen Konstanzer Hanau-Kundgebungen der letzten Jahre: © Anna Blank
Mehr Informationen zum Mediendienst Integration gibt es hier: Wie wir arbeiten.
Kundgebung in Erinnerung an den rassistischen Anschlag in Hanau 2020: Heute nachmittag, 17:30 Uhr, auf der Marktstätte Konstanz.

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