
Der Sommer 2026 war heiß. Und tödlich. In den 850 größten Städten Europas sind rund 50.000 Menschen durch die Hitzewelle umgekommen. Wer zu wenig gegen die Klimaerhitzung unternimmt, muss sich anpassen. Aber wie? Heute Abend stellt die Stadt Konstanz ihr Klimaanpassungskonzept der Öffentlichkeit vor. seemoz hat es schon mal angeschaut.
Auch in Konstanz waren in diesem Sommer die Hitzewellen deutlich spürbar. Viele Menschen kamen an ihre Belastungsgrenzen, und auch der See hatte mit 27 °C Wassertemperatur, Niedrigwasser und einem ausgetrockneten Wollmatinger Ried nicht mehr dasselbe Abkühlpotenzial.
Doch der Sommer 2026 gab vor allem einen Vorgeschmack darauf, wie heiß zukünftige Sommer werden. Denn mit leicht über 1,5 °C durchschnittlicher Erhitzung war 2026 zwar heiß, doch die fortschreitende Klimakrise wird zukünftige Jahre noch deutlich heißer machen.
Was also tun, um die tödlichen Hitzewellen, Starkregen und Dürren abzupuffern, um auch in zwanzig Jahren noch in Konstanz leben zu können? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Klimaanpassungskonzept in Konstanz, das vergangene Woche vom Gemeinderat beschlossen wurde. In gleich zwei Berichten mit jeweils um die 150 Seiten wird ohne einleitende Zusammenfassung dargelegt, wie die Stadt räumlich von Extremwetterereignissen betroffen ist.
Temperatur im Fokus
Umfassend ist der erste Eindruck. Unzureichend der zweite. Denn trotz seiner massiven 168-Seiten werden die relevanten Stellen im Klimaanpassungskonzept vor allem extrem knapp diskutiert. Dennoch bietet das Anpassungskonzept und die beigelegte Klimaanalyse sowie der Umsetzungsfahrplan einiges an neuen Informationen.
Der Fokus des Konzepts und vor allem des Artikels liegt auf der Anpassung gegen extreme Hitze, deshalb werden die weiteren Klimaveränderungen wie Starkregen oder Bodenerosion hier nicht weiter aufgeführt.
Grundlage des Konzepts ist erstmal eine Ausgangsanalyse. Diese stellt fest: Konstanz wird heißer. Daten des Deutschen Wetterdiensts zeigen: Im Zeitraum 1961 bis 1990 gab es im Schnitt 5 heiße Tage, also Tage an denen es an der Wetterstation im Schatten 30 °C oder mehr hatte. Im Zeitraum 1991 bis 2020 waren es 14. Diese heißen Tage sind jedoch sehr ungleich verteilt – zwischen etwa 10 Tagen auf dem Bodanrück und 18 im Stadtzentrum.
Die Hitze am Tag
Für eine räumliche Betrachtung wird die physiologisch äquivalente Temperatur (PET) betrachtet, also die tatsächlich gefühlte Temperatur, mit Berücksichtigung von Wind und Luftfeuchtigkeit. Und diese Betrachtung zeigt eine Spannweite von 17 bis 46 °C. „Die geringsten Werte sind in den Uferbereichen der Stillgewässer (z. B. am Mühlenweiher bei Dettingen) sowie in Waldgebieten (z. B. im Lorettowald) zu finden, die tagsüber mit PET-Werten von meist unter 26 °C (leichte Wärmebelastung) eine kühlende Wirkung auf ihre Umgebung induzieren“, heißt es im Konzeptpapier.

Und weiter: „Die höchsten Werte sind über versiegelten Gewerbe- und Industriegebieten (z. B. Unterlohn) und im versiegelten und unverschatteten Verkehrsraum zu finden (z. B. Wollmatinger Straße). Auch Teile der Altstadt sind schon heute mit einer extremen Wärmebelastung assoziiert.“
Hauptunterschied zwischen diesen Orten: Vor allem wie viele Bäume Schatten spenden. Und dementsprechend gilt: Die wichtigste Maßnahme, um tagsüber die Temperatur zu senken, sind viele Bäume und allgemein Grünflächen im weiteren Sinn. Leider fehlen diese gerade in den dicht besiedelten Gebieten der Stadt.
Der Zoom in die Altstadt, einem der etwas stärker von Hitze betroffenen Stadtgebieten, macht diese Effekte deutlich. An einem typischen Sommertag sind um 14 Uhr bereits heute Teile der Laube und der Bodanstraße Temperaturen von leicht über 40 °C ausgesetzt. Unter den baumreichen Teilen der Laube herrschen jedoch aktuell Temperaturen von unter etwa 25 °C. Bis 2045 können sich diese schattigen Bereiche im betrachteten RCP-8.5-Szenario auf immer noch Temperaturen unter 27 °C aufheizen, während die sonnigen Bereiche der Stadt, wie etwa an der Bodanstraße auf Temperaturen über 45 °C aufheizen.
Die Situation nachts
Während es tagsüber vor allem auf Schatten und Bäume ankommt, ist die Situation für die Nacht etwas anders. Sobald die Temperatur draußen nachts 20 °C nicht mehr unterschreitet, spricht man von einer Tropennacht. Der Körper steht dann auch nachts unter Stress und kann sich nicht von den heißen Tagestemperaturen erholen. Der Schlaf ist spürbar schlechter, Hitzestress des vergangenen Tages kann nicht abgebaut werden und das Risiko, durch Hitze zu sterben, steigt deutlich an. An der Station des Deutschen Wetterdiensts, im Feld hinter Wollmatingen, wurde 2026 eine einzelne Tropennacht registriert. In der Stadt werden es mehr gewesen sein.
Wer sich jetzt wundert, dass es bei ihm oder ihr im Sommer nie weniger als 20 °C im Zimmer hatte, sollte bedenken: Zum einen wird hier die Temperatur um 4 Uhr morgens betrachtet. Dann liegt die Temperatur einige Grad unter dem Mitternachtswert. Und zum anderen kühlt es in Gebäuden deutlich weniger ab. Im Gebäudeinneren gilt: Fällt die Temperatur nicht unter 25 °C, baut sich Hitzestress spürbar auf. In einer Studie in Augsburg wurde während einer Hitzewelle 2019 festgestellt, dass die nächtliche Zimmertemperatur im Schnitt bei 27 °C und damit in einem deutlichen Gefahrenbereich lag.
Zurück zum Außenklima: Aus städtischer Sicht ist für das Nachtklima besonders relevant: Versiegelte Flächen speichern viel Hitze und kühlen besonders langsam ab. Bei unbebauten Flächen außerhalb der Stadt sinkt die Temperatur meist schneller und deutlicher. Für die Stadt ist dann wichtig, dass es Kaltluftschneisen gibt, die kalte Luft von außerhalb in die Stadt transportieren. Kalte Luft ist schwerer und sinkt deshalb nach unten. Dementsprechend verlaufen Kaltluftschneisen von oben nach unten. Hindernisse können die Luft blockieren und verhindern, dass sie weiter ins Stadtinnere transportiert wird. Der See ist ein großer Wärmespeicher. Tagsüber kühlt er die Umgebung, nachts heizt er sie auf.

Kaltluftschneisen und eine heiße Altstadt
Die zwei wichtigsten Kaltluftschneisen, die die Stadt abkühlen, verlaufen einmal entlang der Bahntrasse bei Wollmatingen in die Stadt kommend und einmal zwischen Königsbau und Allmannsdorf: von der Uni herab zum Königsbau und durch Teile des Hockgrabens. Diese beiden Schneisen müssen bei allen zukünftigen Bauvorhaben offenbleiben. Hinzu kommen kleinere und lokal wichtige Kaltluftabflüsse wie jener, der vom Hafner kommend in die Stadt geht und Teile von Wollmatingen kühlt, sowie der Kaltluftabfluss von Tägerwilen her das Paradies erreicht. Hinzu kommen Parkwinde, die in den städtischen Parks entstehen, vor allem beim Fürstenberg und dem Friedhof.
Wie wird sich die Bilanz in Zukunft verändern? Der Fokus auf den Bereich Altstadt macht es deutlich: Bereits heute ist die Altstadt mit ihrer dichten Bebauung eines der Gebiete in der Stadt, die besonders unter Hitze leidet. In der simulierten durchschnittlichen Sommernacht kommen die Straßen der Altstadt bereits jetzt an die Tropennacht-Grenze mit durchschnittlich 19 bis 20 °C. In Zukunft werden diese Straßen weitere rund 2 °C heißer sein. Tropische Bedingungen werden dann auf großen Teilen der städtischen Straßen zum sommerlichen Normalzustand gehören.

Die Ist-Analyse der Nachttemperaturen zeigt, dass aktuell bereits zwischen unbebauten Flächen außerhalb der Stadt und im Stadtzentrum über 5 °C Unterschied herrschen können: „So umfasst die nächtliche bodennahe Lufttemperatur um 4 Uhr (T04) im Ist-Zustand bei Minimalwerten von ca. 13 °C über Freiflächen und Maximalwerten bis etwa 26 °C über dem Bodensee eine Spannweite von 13 °C.“
Die am stärksten von Hitze betroffenen Gebiete sind auch hier insbesondere das Industriegebiet sowie die Altstadt. Hier kann die simulierte Nacht mit 16,5 °C Durchschnitt über der gesamten Stadt bereits an die Tropennacht Schwelle kommen. Diese Situation wird sich in Folge der zukünftigen Erhitzung noch deutlich verschärfen.
„Abschließend sind aktuell erst ca. 0,1 Prozent der Flächen durch eine sehr ungünstige thermische Situation charakterisiert“, heißt es in dem Bericht – wobei mit „ungünstig“ Temperaturen von über 20 °C gemeint sind. „In den Zukunftsszenarien steigt dieser Anteil auf ca. 14 bzw. ca. 22 Prozent.“ Gründe für diese sehr ungünstigen Bedingungen seien insbesondere ein hoher Versiegelungsgrad, große Baukörper und zum Teil auch eine geringe Kaltluftzufuhr. „Im Ist-Zustand sind nur ein paar Straßen so warm, dass die klimatische Situation als sehr ungünstig zu bewerten ist. In den Zukunftsszenarien kommen viele weitere Straßen hinzu, gefolgt von gewerblich genutzten Flächen in Industriegebieten. Nur wenige Wohngebiete stehen vor der Gefahr zu thermischen Hotspots zu werden.“
Der Neubau Hafner: Kritik vom Nabu
Neben der Erhitzung durch die Klimakrise ist auch die Frage, wie sehr Neubauprojekte die städtischen Temperaturen weiter anheizen. Insbesondere der Bau des Hafners wird eine große, aktuell nachts kühlende Fläche in eine versiegelte, heiße Fläche umwandeln und gleichzeitig ein Kaltluftsystem stoppen. Wie groß ist der Effekt?

Der Bericht analysiert dies nur oberflächlich, kommt jedoch zu dem entwarnenden Ergebnis: „In den Klimaanalysekarten zu den Zukunftsszenarien konnten keine negativen Beeinträchtigungen von Kaltluftprozessen durch Entwicklungsgebiete festgestellt werden.“ Nur um dem dann in der Klimaanalyse zu widersprechen und festzustellen: „Bestehende Kaltluftströmungen werden durch die Überbauung der Flächen in der Regel gemindert, wie beispielsweise im Bereich Hafner zu erkennen ist (…), wobei sich das Ausmaß der Minderung über eine an das Strömungsfeld angepasste Bebauung steuern lässt.“
Lorenz Mattes vom Naturschutzbund (Nabu) Konstanz sieht in der Bebauung des Hafners deutlich größere Schwierigkeiten für das lokale Klimasystem der Stadt: „Aus den vielen Karten wird deutlich, dass dem Bereich um den Hafner aktuell eine sehr bedeutende Rolle zukommt: Von dort kommt nachts in großen Mengen kalte Luft und dort sind die bedeutendsten Flächen für Neubildung von Grundwasser.“ Statt diese Konflikte anzusprechen, würden in den Berichten durchweg die Maßnahmen gelobt, die die Auswirkungen der Bebauung des Hafners mildern sollen und lokal sogar das Aufheizen verhindern können.
Zwei Klimaanlagen – dank dem Biber
„Am Hafner und auch auf weiteren Neubauflächen sollen viele Maßnahmen von Anfang an mitentwickelt werden, die innerstädtisch oft nicht umsetzbar sind“, so Mattes weiter. „Neue Versiegelungen und Bebauungen führen aber immer zu stärkerem Aufheizen der Flächen und auch zunehmender Hitzebelastung des Umlands. Dass durch umfangreiche Baumpflanzung diese Effekte kompensiert werden können, ist eine seltene Ausnahme, wenn die Fläche bereits zuvor schon ein Hotspot war.“
Darüber hinaus betont Mattes die zentrale Funktion von funktionierenden Ökosystemen für die Kühlung der Stadt. Eines der deutlich sichtbaren Beispiele sind die Staudamm-Bauarbeiten der Biber: „Der Biber hat in den letzten Jahren schon gut vorgelegt. Durch seine Aktivitäten im Hockgraben und in den Öhmdwiesen hat sich der Wasserhaushalt ringsum verändert. Offensichtlich sind die jetzt wasserständigen Schilf- und Seggenflächen, die in großem Maßstab Verdunstungskälte produzieren.“
Aber auch die umliegenden Wiesen würden vom großflächig angestiegenen Grundwasserpegel profitieren. „Während viele Flächen diesen Sommer lange Zeit in einem braunen und unproduktiven Zustand verharrten, konnte dort die Vegetation weiter wachsen und kühlen. Der Biber kommt in beiden Gebieten mit unserer Infrastruktur in Konflikt, hat uns aber gleichzeitig zwei gigantische Klimaanlagen vor die Haustür gestellt.“
Umsetzung: wenig konkret
Was nun also tun, um sich angesichts der weiter eskalierende Klimakrise anzupassen? Der Bericht nennt einige Maßnahmen, bleibt jedoch vage, auch wenn der beiliegende Umsetzungsfahrplan etwas mehr Klarheit schafft.
Die Maßnahmen sind weitgehend bekannt: Vor allem für mehr Bäume und weniger versiegelte Fläche sorgen. Fuß- und Radwege sollten nach Möglichkeit von Bäumen beschattet sein. Kühlende Parks sollten für jede:n Bewohner:in der Stadt fußläufig schnell zu erreichen sein. Weitere hilfreiche Maßnahmen sind das Aufstellen von Sprühnebelanlagen und Trinkwasserbrunnen. Das Verbauen von hellen Materialien wie weißen Pflastersteinen reflektiert Sonnenlicht und heizt sich dadurch nicht ganz so schnell auf.

Energetisch sanierte Gebäude erleichtern es, die Hitze im Sommer draußen zu halten, Fassadenbegrünung und Beschattung sind ebenfalls nützlich. Konkret wird der Bericht jedoch nicht. Der beiligende Umsetzungsfahrplan nennt Maßnahmen bei der Pflege und einzelnen Ausweitungen des Baumbestands.
Eine der zentralen Maßnahmen („Verschattung und Optimierung von Fuß- und Radverkehrsverbindungen“) wird aber aktuell lediglich mit dem Status „Standorte identifizieren“ aufgeführt. Bei der Lektüre drängt sich jedoch der Gedanke auf, dass eine weitgehende Begrünung von Straßen vor allem dann geht, wenn Parkplätze entsiegelt und mit Bäumen bepflanzt werden. Man erinnere sich an die Konstanzer Fridays-for-Future-Forderung von 2019: „Bis Ende 2020: Entsiegelung von jedem fünften Parkplatz und Bepflanzung mit einem Obstbaum“. Im aktuellen Klimaanpassungskonzept wird dieses Thema jedoch nur als Randnotiz gestreift.

Bekannt aus Städten wie Barcelona oder Athen, zunehmend auch relevant für Konstanz und aktuell noch kaum politisch auf dem Schirm, sind Konzepte, denen zufolge sich jeder Mensch in der Stadt innerhalb weniger Minuten an einem kühlen Ort aufhalten kann. In Barcelona beispielsweise, gibt es über 500 „Klimaschutzräume“: Bibliotheken, Museen, Schulhöfe, Parks – bis hin zu Apotheken, die für alle geöffnet sind und Schutzräume in Hitzewellen bieten. Mit deutlich weniger Priorität hat auch Konstanz erste Schritte in Richtung eines solchen Konzeptes begonnen, mit der Kühle-Orte Karte: Sie zeigt für die ganze Stadt kühle Orte, doch von einem öffentlichen Netzwerk an Klimaschutzräumen wie in Barcelona ist dies noch weit entfernt.
Fazit
Mit der Umsetzung des Klimaanpassungskonzept ist klar: Die Stadt der Zukunft muss sich deutlich besser gegen Hitze wappnen. Doch dem Thema Klimaanpassung geht es ein wenig wie dem Klimaschutz: Aktuell eher ein „nice to have“ als ein zentrales Instrument, um die Stadt in dreissig Jahren bewohnbar zu halten. Wie auch beim Klimaschutz gibt es Zielkonflikte. Zum Beispiel beim Thema Hitzeschutz und Neubau. Zum einen drohen Neubauten Kaltluftschneisen zu blockieren, auch wenn wohl keines der großen Neubauprojekte die zentralen Kaltluftschneisen blockiert.
Und generell versiegelt Neubau Fläche, die sich schneller aufheizt. „In der Regel fällt dabei die Temperaturzunahme durch die Bautätigkeit stärker aus als durch den Klimawandel“, heißt es im Anpassungskonzept. Und Klimaschutz und Klimaanpassung sind, wie es der Bericht zeigt, sehr häufig in Symbiose. Eine Zielverfehlung des ersteren, insbesondere im Bereich Verkehrs- und Wärmewende, wird es auch bei der Anpassung schwieriger machen.
Insgesamt ist der Klimaanpassungsbericht ein wichtiger Bericht, der dieses Thema zusammenhängend bearbeitet. Doch wie so oft in Verwaltungen ist der erste Aufschlag vor allem ein Rahmen, der die weitere Detailarbeit vorgibt.
Veranstaltungshinweis: Die Stadt stellt heute Abend das Klimaanpassungskonzept der Öffentlichkeit vor. Die Veranstaltung findet von 18 bis 20 Uhr im Konzil (Sigismund-Saal) statt.
Grafiken: Stadt Konstanz / Fotos © Pit Wuhrer


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