Abendstimmung © MTK, Tim Wehrle

Das will uns Smart Green City bringen

Ein Kommentar

Abendstimmung © MTK, Tim Wehrle
Abendstimmung in der analogen Welt (Symbolbild) © MTK, Tim Wehrle

Nach einer ausgiebigen und intensiven Vorbereitungs- und Konzipierungsphase haben Programmleiterin Christin Wohlrath und ihre sechs Mitstreiterinnen ein Paket aus derzeit noch neunzehn Projekten geschnürt, die den Konstanzer*innen das Leben durch smarte Lösungen auf digitaler Basis erleichtern sollen. Wir stellen hier zwei Leuchtturmprojekte vor.

Einen Überblick über das Gesamtpaket finden Sie übrigens hier.

Smart Green City (SGC) ist eines der Zukunftsprojekte in der Stadt und arbeitet deshalb viel mit Künstlicher Intelligenz und anderen Methoden, die uns Laien zumeist noch gänzlich unverständlich sind. Umso schwieriger ist die Aufgabe der Gemeinderät*innen, die heute in vermutlich ganztägiger Sitzung darüber eine Vorentscheidung treffen sollen.

Aufgrund der Komplexität ihrer Themen ist auch die Fachsprache der Spezialist*innen von SGC manchmal voller Begriffe und Techniken, die wir Normalsterblichen nicht ganz begreifen, weil sie einfach aus der Zukunft zu uns in die Gegenwart kommen. Aber die folgenden Projekte scheinen uns durchaus verständlich zu sein, und wir hoffen, sie hier richtig beschrieben zu haben.

Mensch sollte bei all dem auch nicht vergessen, dass dies das Projekt einer Stadtverwaltung ist, die aus nackter finanzieller Not alles – außer dem Bodenseeforum – auf den Prüfstand stellt, sogar das Schulschwimmen (140.220 Euro pro Jahr), denn man will ja schließlich unvoreingenommen sparen.

Wie hieß es doch so schön in der Broschüre „Heldenreise“ zum Change in der Verwaltung? „Glücklicherweise ist OB Uli Burchardt einer, der den Wandel will – schließlich ist das Projekt aus seiner Initiative heraus entstanden – und zeigt auf, warum sich die Mühen und der Weg lohnen.“

In diesem ganz allgemeinen Sinne des Aufbruchs in eine lichte Zukunft ist wohl auch Smart Green City zu verstehen, wie sich im Folgenden zeigen soll.

Projekt Wasserqualitätsbiomonitoring und schlaue Badestellen, Kosten 416.400 Euro

Kennen Sie den Harzer Roller? Nein, nicht den Harzkäse, der alle Sinne aufs Äußerste reizen kann, sondern den gleichnamigen Kanarienvogel. Einerseits geht einem dessen Geträller gehörig auf den Geist, andererseits wurde er von den Harzer Bergleuten auch gezüchtet, um Leben zu retten. Treten nämlich unter Tage gefährliche Gase aus oder sinkt der Sauerstoffgehalt unter einen bestimmten Wert, fällt der Schreihals umgehend von der Stange, und die Bergleute wissen, dass es höchste Zeit ist, sich schleunigst aus dem Staube zumachen.

Heutzutage nennt sich ein solches Verfahren mit „Vorkostern“ kurz und knapp „Biomonitoring“, und das sollen auch unsere Badestellen im See bekommen, auf dass wir uns immer sicher sein können, dass unser Schwimmnachbar und sein vermaledeiter Köter nur in bestes Bodenseewasser von höchster Qualität und Reinheit pinkeln. Wie die SGC-Leute treffend schreiben: „Sauberes Wasser ist ein weltweites Menschenrecht – Stichwort „Sustainable Development Goals“ (SDG).“ In diesem Projekt „findet eine enge Verknüpfung von algorithmischer und technischer Innovation statt. Die Detektion von sogenannten Events in Zeit- und Messreihen, d.h. Abweichungen von der Norm, bieten im Rahmen von Data Science und Algorithmik eine große Bandbreite an Anwendungsfällen für die Stadt am See.“

Hört, hört!

SGC hat einen neuen Weg gefunden, diese in der Tat lebenswichtige Trinkwasserqualität des Bodensees zu prüfen: „Ein Biomonitor für Wasserqualität beruht auf dem Prinzip von ‚Vorkostern‘, d.h. Zeigerarten, wie z.B. Bachflohkrebsen, die in Messkammern beobachtet werden. Es kann durch schnelles und präzises Erkennen von Verhaltensänderungen mittels Algorithmik rechtzeitig eingegriffen werden, bevor Mensch und Umwelt durch toxische Anreicherungen im Wasser nachhaltig geschädigt werden. Es sollen weitere Umweltparameter, wie z.B. Temperatur, Strömung, UV-Index an den frequentierten Badestellen in Konstanz mittels Sensorik erfasst werden, um Korrelationen zur Wasserqualitätsmessung zu ermitteln und in das Modell einzubeziehen.“

Dass das an einem Trinkwasserspeicher wie dem Bodensee wichtig ist, kann nicht bezweifelt werden. Allerdings ist es am Seeufer seit Ewigkeiten zu keinerlei ernsthaften Problemen mit dem Badewasser gekommen, niemand stieg mit blauen Pusteln bedeckt aus dem Wasser und bat die Umsitzenden röchelnd darum, ihm doch bitte einen schnellen Gnadentod zu gewähren. Außerdem wird uns immer wieder im Brustton tiefster Überzeugung versichert, das Trinkwasser aus dem Bodensee sei das am strengsten überwachte und sauberste Lebensmittel überhaupt.

Offenkundig soll hier also mit viel Hirnschmalz und unter hohen Kosten ein Problem „smart“ gelöst werden, das es am See nicht gibt. Wenn die Entwickler*innen mit dieser Qualitätsmessmethode einen Praxistest durchführen wollen, sollten sie das am besten an einem Gewässer von schwankender Wasserqualität und vor allem nicht auf Kosten der Stadt Konstanz tun, zu deren Aufgaben gerade in kargen Zeiten die Förderung dieser Art von Forschung nicht zählen dürfte.

Das evidenzbasierte Erfassen des UV-Index an den einzelnen Badestellen gelingt den Konstanzer*innen auch ohne eine Datenbank übrigens schon bisher so gut, dass das Auftragen der Sonnenmilch in ausreichender Menge bei den meisten Menschen zufriedenstellend funktioniert.

Projekt Schlaue (Schul-)Gärten, Kosten 105.000 Euro

Dieses Projekt „befasst sich mit der digitalen Bedarfsermittlung zur Bewässerung von Jung- und Altbäumen“. Dabei sollen „in einem oder mehreren Pilotprojekten die Altbaumstandorte auf Schulhöfen identifiziert werden, um Bodenfeuchte-Sensoren anzubringen. Mit den Sensoren soll den SchülerInnen spielerisch die Gießnotwendigkeit ihrer Schulbäume veranschaulicht werden, um zum Gießen ‚einzuladen‘. Mit der kleinen Aktion des Gießens soll auf das übergeordnete, große Thema Klimabewusstsein aufmerksam gemacht werden.“

Da reibt man sich die Augen: 105.000 Euro, damit auf ein paar Schulhöfen ein Warnlicht aufleuchtet, wenn der eine oder andere Baum trockenfällt und der Gießtrupp der Klasse 5B in der großen Pause ausrücken muss, um den Hof in ausgiebiger Wasserschlacht in eine Sumpflandschaft zu verwandeln?

Wie wäre es denn damit, einfach mal einen Gärtner oder Förster einzuladen, der den Schüler*innen zeigt, wie sich durch einfaches Hingucken und kurzes Nachdenken feststellen lässt, ob ein Baum oder eine andere Pflanze Wasser braucht? Das wäre zwar kein „smartes“ Lernen, aber dafür ein nachhaltiges, denn diese Erkenntnis könnte dann von den jungen Baumretter*innen auch auf andere Bäume etwa im heimischen Garten oder den städtischen Parkanlagen sinnvoll angewandt werden, auch wenn an denen kein Monitor entsprechende Warnungen ausgibt.

Sucht sich hier eine smarte Lösung ein Problem?

Im Papier zu den smarten Gießampeln auf Schulhöfen heißt es auch: „Der Erhalt des Baumbestands dient dem Erhalt als CO2-Senke als klimaschützende Wirkung. Im Sinne der Klimawandelanpassung dienen die Bäume der Beschattung und Kühlung und zum Wohlbefinden der Bevölkerung. Eine klimaschützende Wirkung kann durch den Bildungsauftrag an den Konstanzer Schulen erzielt werden. Das Mitgießen steigert die Teilhabe von SchülerInnen.“

Es ist eine der unangenehmeren Eigenschaften von SGC, dass es gern großsprecherisch daherzukommen pflegt: Aus einer – als Maßnahme von äußerst begrenzter Wirkung ziemlich marginalen – Gießampel auf ein paar Schulhöfen wird im Handumdrehen ein Fundamentalprojekt des Klimaschutzes, der Lebensqualität, einer Bewusstseinsänderung sowie der gesellschaftlichen Teilhabe.

Diese permanente selbstrechtfertigende Schaumschlägerei, die in letzter Zeit in Mode gekommen ist, nervt. Eine Veranstaltung im Konzil zum Storyboard Innenstadt begann damit, dass eine bis in die Zehenspitzen motivierte Moderatorin ohne nennenswerte Ortskenntnisse uns Einheimischen im Ton einer kreglen Heizdeckenverkäuferin ausgiebigst erzählte, wie schön Konstanz doch sei und dass es am Wasser liege, nämlich am Bodensee. Dann wurden zukunftsträchtige Ideen gesammelt. Handfestestes Ergebnis eines riesigen und kostspieligen Auftriebs: Es gibt ein Problem zwischen Fahrrädern und Fußgänger*innen vor dem Theater und für die Studentenschaft braucht es in der Stadt angeblich „Ermöglichungsräume“ (also vermutlich Grillplätze, die die Nachbarschaft an Sommerabenden umgehend in Bürgerkriegslaune zu versetzen pflegen) – alles Dinge, die seit Jahren und Jahrzehnten bekannt sind. Dies als brandneue Erkenntnisse intensiv zu bejubeln, setzte einer Veranstaltung die Krone auf, die ein paar Bürger*innen als Statisten in einer infantilen Show vorführte.

Bei so manchem jener SGC-Projekte, über die sich die Lokalpolitiker*innen am heutigen Tag Gedanken machen müssen, kann sich der Laie ein belustigtes Lächeln nicht verkneifen – etwa eine vorausschauende Ampelschaltung, die bei Regen die Radfahrer bevorzugt (was gerade auf der Laube zum umgehenden Zusammenbruch des fahrplanmäßigen Buslinienverkehrs führen dürfte) und ganz automatisch funktioniert, so dass man das Knöpfle nicht mehr drücken muss: Endlich eine Ampel, die Dich versteht. Aber sein belustigtes Lächeln zeigt vermutlich nur, dass der Laie eine vernagelte Napfsülze ist, die in der neuen, der smarten Welt von SGC gerade noch als Biomarker in einer Messkammer taugt.

Text: O. Pugliese

Ein Kommentar

  1. Wolfgang Daub

    // am:

    Schönen Dank für die trefflich korrekt beschriebene Problematik: viel Blabla der „Smarten“ auf Kosten des Steuerzahlers! Geldverbrennen als Klimaschutz verkaufen zu wollen, das ist ja nicht nur in Konstanz mittlerweile üblich!

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