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Ausbeutung am Bodensee

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Früher Kernregion einer blühenden Textilindustrie, heute Produktionsstandort hochprofitabler Rüstungskonzerne – und doch glauben nur wenige, dass in der idyllischen Landschaft am See so etwas wie Klassen existieren könnten. Dabei gibt es natürlich auch hier oben und unten, Macht und Ohnmacht, Reichtum und Armut. Die Regisseurin Ariane Andereggen hat das in einem Video festgehalten.

Es liegt dichter Nebel über dem See. Langsam nähert sich eine Fähre dem Hafen. Dann ertönt eine Stimme: „In meiner Familie will keiner mit mir über soziale Klassen sprechen. Fast alle glauben an den sozialen Aufstieg durch viel Fleiß und Geschick und Höflichkeit …“. So beginnt der Trailer des Films „Klassenverhältnisse am Bodensee“, den das Filmforum KUK mit Unterstützung des Konstanzer Bildungsvereins seemoz e.v. am kommenden Donnerstag im KultX in Kreuzlingen zeigt.

Der Videoessay von Ariane Andereggen und Ted Gaier schildert die Geschichte der 1969 geborenen Autorin, die an den Bodensee zurückkehrt, nach Ermatingen (TG), wo sie aufgewachsen ist. Sie rekonstruiert in ihm ihre Erinnerung an die Bodenseeregion, deren Industrie auch maßgeblich von Migrant:innen aufgebaut wurde – auf der Schweizer Seite aber seit langem auch wohlhabende Steuerflüchtlinge anzieht.

Im Dialog mit sich, mit Familienangehörigen und Klassenkamerad:innen stellt Andereggen Fragen nach sozialer Herkunft, Zugehörigkeit und Diskriminierung: „Gab es nicht auch einen Schreiner, einen Straßenbaumeister in Meersburg, eine Mitarbeiterin auf einem Minigolfplatz, eine Krankenschwester, eine Stewardess, einen Weinbauer?“ Wer machte eine Lehre? Wer ging aufs Gymnasium? Und warum? Wie zementierten Herkunft, soziales Umfeld und Bildungssystem das Klassengefüge?

Der formal eigenwillige Essayfilm der Schauspielerin, Regisseurin und Dozentin an mehreren Hochschulen betrachtet vor allem die Schweizer Verhältnisse. Aber wer schon mal Stefan Kellers eindrückliches Buch „Spuren der Arbeit – von der Manufaktur zur Serverfarm“ über die Geschichte der Fabrikarbeiter:innen, Dienstbotinnen und Knechte im Thurgau gelesen hat, weiß, dass sich die dortigen Machtverhältnisse und Ausbeutungsstrukturen nicht groß von denen diesseits der Grenze unterscheiden. So haben beispielsweise die Initiator:innen des Komitees „Ein Lohn zum Leben in der Ostschweiz“ im Juni eine Petition bei den Kantonsregierungen von St. Gallen, Thurgau und Appenzell-Außerroden eingereicht, mit der sie einen Mindeststundenlohn von 23 Franken verlangen. Dabei sind 23 Franken wenig Geld, wenn man das Schweizer Preisniveau bedenkt. Aber im Thurgau verdienen derzeit rund 10.000 Beschäftigte noch weniger.

Es gibt an dem Filmabend also einiges zu entdecken und zu erfahren – zumal nach der Vorführung Ariane Andereggen und Ko-Produzent Ted Gaier über den Film reden werden. Anna Blank vom Bildungsverein seemoz e.v. moderiert das Gespräch.

„Klassenverhältnisse am Bodensee“, Video, Schweiz 2022, 82 Minuten. Am Donnerstag, den 7. September, 20 Uhr. Im Kult-X, Hafenstr. 8, 8280 Kreuzlingen. Eintritt: Kollekte. Die Bar öffnet um 19.30 Uhr.
Der Trailer ist hier zu sehen.

Text: Pit Wuhrer / Bild: Videostill aus dem Film „Klassenverhältnisse am Bodensee“

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