
Trotz Waffenstillstand geht das Morden in Gaza weiter, und auch im Westjordanland werden Menschen vertrieben. Ist also (auch angesichts des politischen Patts in Israel) jede Hoffnung vergebens? „Nein“, sagt die palästinensische Autorin und Friedensaktivistin Sumaya Farhat-Naser – und erläutert auf einer Veranstaltung am Donnerstagabend, warum.
Es herrscht immer noch Krieg. Obwohl seit einem Jahr offiziell die Waffen schweigen sollten, gehen israelische Truppen gewaltsam in Gaza vor. Bei ihren Attacken wurden in diesem Jahr rund 1800 Menschen getötet, die Zahl der Verletzten ist noch höher. Gibt es eine Lösung – etwa dank des internationalen Friedensrats? Ihm gehören hochrangige Politiker an, darunter der US-Außenminister Marco Rubio oder der vielerorts per Haftbefehl gesuchte Benjamin Netanjahu – aber kein:e einzige:r Vertreter:in der palästinensischen Community.
Und was ist mit dem sogenannten Verwaltungsrat, der sich mit dem Wiederaufbau befassen soll und aus hochqualifizierten Fachleuten aus Bereichen wie Finanzen, Wirtschaft, Bildung oder Gesundheit besteht? Er wartet immer noch darauf, dass die israelische Regierung seinen Mitgliedern die Einreise in den Gazastreifen erlaubt.
Gleichzeitig häufen sich die Berichte, denen zufolge israelische Truppen und Siedler:innen in der Westbank Häuser und Infrastruktur zerstören, Land rauben und die dort seit langem ansässige Bevölkerung schikanieren. Auf dem gestohlenen Land entstehen neue Siedlungen und Außenposten der Armee, die Kindern den Schulweg versperren und paramilitärische Gruppen schützen, die Olivenbäume anzünden und Bauern jagen. Die Gewaltbereitschaft der Siedler:innen kennt offenbar keine Grenze.
Was zählen Menschenrechte?
Nicht besser sieht es in den israelischen Gefängnissen aus. Dort sitzen über 10.000 Palästinenser:innen in Haft, viele ohne Anklage oder Gerichtsverfahren. Die Bedingungen sind hart: Die Gefangenen werden oft geschlagen, nur dürftig ernährt und manchmal auch sexuell attackiert – Menschenrechte zählen hier nicht.
Und eine Besserung zeichnet sich nicht ab. Die israelische Parlamentswahl hat eine Pattsituation ergeben: Keines der beiden großen, kriegsbefürwortenden Lager – das rechtsextreme und ultrareligiöse Bündnis um Netanjahus Likud-Partei und die Herausforderer um den Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot – hat eine Mehrheit. Und so lange sich die Verhandlungen hinziehen, bleiben Netanjahu und seine Regierung im Amt. Das heißt: Die Okkupation des Gazastreifens geht genauso weiter wie der völkerrechtswidrige Ausbau der Siedlungen im Westjordanland sowie die Besetzung von Teilen des Südlibanons und Syriens.
Gibt es also keine Hoffnung? Vielleicht doch. Überall setzen sich Menschen für Ausgleich und Frieden ein. Der Versöhnungsforscher Iyad Muhsen AlDajani zum Beispiel, der Palästinenser Bassam Aramin und der Israeli Rami Elhanan in Berlin oder Initiativen an deutschen Bildungs- und Jugendeinrichtungen. Doch sie alle arbeiten und leben weit weg.
Grenzüberschreitende Frauenarbeit
Anders sieht es vor Ort aus; dort erleben die Menschen tagtäglich Konfrontation und Gewalt. Ein Ausgleich fällt vielen entsprechend schwer. Und doch kommt es immer wieder vor, dass sich Opfer auf beiden Seiten annähern. Aber es ist schwierig. Eine israelische Linke wie einst in Form der Arbeiterpartei gibt es so gut wie nicht mehr, und die friedensorientierte Zivilgesellschaft ist in kleine Gruppen zersplittert.
Umso wichtiger ist es, dass es Organisationen wie das „Jerusalem Center für Women“ gibt, die sich für Vernetzung einsetzen, für gegenseitige Hilfe, für eine Verständigung. Mit anderen Frauen hat Sumaya Farhat-Naser 1994 die israelisch-palästinensische Dachverband „Jerusalem Link“ gegründet, dem das palästinensische „Jerusalem Centre for Woman“ in Ost-Jerusalem und das israelische „Bat Shalom“ in West-Jerusalem. angehören.

Seit 1980 setzt sich Sumaya Farhat-Naser öffentlich aktiv für den Frieden im Nahen Osten ein und engagiert sich unermüdlich für den palästinensisch-israelischen Dialog. Die 1948 in Birzeit bei Jerusalem geborene Friedensaktivistin hatte eine deutsche Schule in Bait Dschala bei Bethlehem besucht, an der Uni Hamburg Biologie, Geographie und Erziehungswissenschaft studiert und von 1982 bis 1997 als Dozentin für Botanik und Ökologie an der palästinensischen Universität Birzeit gearbeitet. 1997 übernahm sie die Leitung des „Jerusalem Centre for Woman“, die sie mehrere Jahre lange inne hatte.
Heute noch organisiert sie Gesprächsforen, in denen Frauen zusammenkommen und lernen, Empfindungen zu artikulieren, Demütigungen und Ängste zu überwinden und Vorurteile abzubauen. Und auch wenn ein Friede weiter weg gerückt ist als je, engagiert sich Sumaya Farhat-Naser „konsequent für die Einhaltung der Menschenrechte und besonders der Rechte der Frauen in einer patriarchalisch geprägten Gesellschaft“, wie es in der Laudatio zur Verleihung des Bremer Solidaritätspreises 2002 hieß – und das, ohne die internen Probleme der palästinensischen Gesellschaft zu negieren.
Breite Unterstützung
Auf der Veranstaltung am kommenden Donnerstag in Konstanz gibt die 78-jährige Friedensvermittlerin aktuelle Eindrücke vom Leben im Westjordanland, Gaza und Israel – und berichtet, wie es die dort Lebenden schaffen können, die Hoffnung nicht zu verlieren. „Frieden zu schließen bedeutet, den Mut aufzubringen, das eigene Unrecht einzugestehen – und die Rechte, die man für sich selbst beansprucht, auch der anderen Seite zu gewähren.“

Veranstaltet wird der Abend, bei dem es auch um die Lage der Christ:innen in Palästina geht, vor der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Konstanz. Zu den Unterstützer:innen des Vortrags und der Diskussion gehören die Friedensinitiative Konstanz, das Café Mondial, die Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost, Die Linke Konstanz, Pax Christi, Rettet Gaza, der Weltladen Konstanz und seemoz e.v.
Donnerstag, 5. November, 18:30 Uhr. Im Haus der Gemeinde St. Suso, Taborweg 34, Konstanz. In der Nähe des Friedhofs.
Sumaya Farhat-Naser erhielt zahlreiche Auszeichnungen in Anerkennung ihrer Friedensarbeit, darunter
● 1989 Ehrendoktorwürde der Uni Münster für „ihr öffentliches Eintreten für die politische Aussöhnung von Palästinensern und Juden in Gerechtigkeit und Freiheit“
● 1995 Bruno-Kreisky-Preis für Verdienste um die Menschenrechte
● 1997 Mount Zion Award für kulturelle und interreligiöse Verständigung
● 1997 Buchpreis des Deutschen Verbands Evangelischer Büchereien
● 2000 Augsburger Friedenspreis
● 2002 Hermann-Kesten-Preis des PEN-Zentrums
● 2002 Bremer Solidaritätspreis
Fotos: Kinder in Ruinen (© Mohammed Ibrahim / Unsplash) / Sumaya Farhat-Naser (© Wikipedia)


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