Lyceeprotest paris 08102026 06

Jugendproteste in Frankreich – gekommen, um zu bleiben

Von Florian Vogel
Lyceeprotest paris 08102026 06

An französischen Schulen entlädt sich die Wut einer vergessenen Generation. Die Proteste breiten sich rasant aus – und überfordern die Politik. Bildungsgewerkschaften rufen für Dienstag, den 13. Oktober, die Beschäftigten des gesamten Bildungswesens zum Streik auf. Für den darauffolgenden Samstag plant die Gelbwestenbewegung Protestaktionen. Ist Frankreich auf dem Weg zu einem neuen Mai 1968?

Am Mittag des 8. Oktobers haben Polizeikräfte den Panthéon-Hügel Sainte-Geneviève wieder unter ihre Kontrolle gebracht. Eine Kolonne von Einsatzfahrzeugen und in Schutzmontur aufmarschierte Polizisten versperrte den Zugang zu Teilen des alten Quartier Latin im Zentrum von Paris, indem sich viele renommierte Bildungseinrichtungen befinden.

Am Dienstagmorgen noch war kein:e einzige:r Polizist:in hier zu sehen, als Schüler:innen auf den Straßen ihre Transparente beschrifteten, „ACAB“ auf Blumentöpfe sprühten oder mit ihren Altersgenoss:innen skandierten, die das Lycée Henry-IV auf der Rückseite des Panthéon blockiert und besetzt hatten.

Sainte-Geneviève ist nun wieder in den Händen der Staatsmacht. Doch die Proteste sind noch lange nicht vorüber. Einige Straßen von Paris waren auch am Donnerstag noch mit Barrikaden gesperrt. Die Türen der Sorbonne und anderer Universitäten im Stadtzentrum waren weiter mit Mülltonnen und Leihfahrrädern blockiert. Lehrende und Forschende mussten auch den dritten Tag bezahlt zu Hause bleiben.

Lyceeprotest paris 08102026 04

Laut dem französischen Innenministerium haben in Paris am Donnerstag mehr als 24.500 Menschen an den Demonstrationen teilgenommen, viele auf dem Place de la Bastille, dem historischen Ort, an dem am 14. Juli 1789 die Französische Revolution begann. Landesweit waren es nach offiziellen Zahlen über 130.000 Protestierende. Vielleicht war die Polizei auch deshalb allein auf dem Panthéon Hügel, weil die Protestierenden woanders waren.

Studierende der Sorbonne und der Elitehochschule École normale supérieure (ENS) beteiligten sich an den Protesten, blockierten den Zugang zu ihren jeweiligen Institutionen und verhinderten den Lehr- und Forschungsbetrieb. „Lycéens, Étudians – ême combat!“ – Gymnasiasten, Studierende gleicher Kampf! Auch die Gewerkschaften haben diese Woche zu Streiks aufgerufen.

„Privilegiert, aber solidarisch“

„Nous sommes tous lycéens“ – wir alle sind Gymnasiasten – rufen die Protestierenden. Sie solidarisieren sich explizit mit den Schulen im ganzen Land und dem Lycée Antoine-de-Saint-Exupéry in der südöstlichen Banlieue von Paris, wo die Proteste vor zwei Wochen begannen. Die Schüler:innen prangern besonders die Verhältnisse an ärmeren Schulen an.

Zum einen kritisieren sie die marode Infrastruktur. Die Protestierenden berichten von fehlendem Mobiliar, undichten Dächern, unzureichendem Schutz vor den Hitzewellen des vergangenen Sommers, bis hin zu Ratten und von Kot verdreckten Trinkwasserleitungen. Zudem beklagen sie fehlenden Lehrkräfte, deren schlechte Arbeitsbedingungen und Bezahlung sowie einen veralteten Bildungsplan.

Mit solchen Problemen müssen sich die Jugendlichen am Pariser Lycée Henry IV eigentlich nicht auseinandersetzen. Bis auf den veralteten Bildungsplan stammen obige Berichte meist aus den Banlieus. Im Quartier Latin verbringt dagegen eher die zukünftige Elite des Landes ihre letzten drei Schuljahre – das französische Lycée entspricht ungefähr der deutschen gymnasialen Oberstufe.

Lyceeprotest paris 08102026 05

Auch Präsident Macron besuchte einst das Lycée Henry IV. Umso bemerkenswerter ist es, dass die Schüler:innen seit Anfang der Woche den Eingang auch dieser Bildungseinrichtung blockieren. „Privilégiés mais solidaires“ – privilegiert, aber solidarisch. Die Jugendlichen sehen Missstände im ganzen Land.

Zwei junge Studierende, die an den Protesten teilnehmen, sprechen von Klassismus und werfen dem Staat rassistische Strukturen vor. Während sich das Geld im Pariser Zentrum ansammele, lebten Menschen mit Migrationshintergrund meist in den Banlieus. Die Protestierenden wollen mehr Geld für das Bildungssystem und fordern eine gleiche Verteilung. „Égalité n’est pas qu’une devis“ – Gleichheit ist nicht nur ein Motto.

Ungleiche Bildungschancen

Die Vorwürfe und die Forderungen nach mehr Geld für das Bildungssystem scheinen auf den ersten Blick unangemessen. Liegt doch Frankreich, die zweitstärkste Wirtschaftsmacht Europas, bei den Bildungsausgaben, gemessen in Prozent des Bruttoinlandsprodukts, über dem Durchschnitt der EU- und der OECD-Staaten. Allerdings lassen sich soziale und territoriale Ungleichheit des französischen Bildungssystems unschwer mit Zahlen belegen.

Laut dem diesjährigen Bericht Géographie de L’École lassen sich die Regionen Sachmittel und Infrastruktur der Lyzeen im Durchschnitt um die 3000 Euro pro Schüler:in und Jahr kosten. Wobei die Region Île de France um den Großraum Paris nur knapp 2400 Euro ausgibt, andere Regionen mit über 4500 Euro jedoch fast doppelt so viel.

Lyceeprotest paris 08102026 07

Auch beim Betreuungsschlüssel (Schüler:innen pro Lehrkraft) gibt es große regionale Unterschiede. Während die Kernstadt Paris besonders gut mit Lehrpersonal ausgestattet ist, gibt es in ländlichen Regionen und in den Vororten einen deutlich kleineren Lehrerpool.

Protestierende berichten wiederholt von häufigen, langanhaltenden und nicht nachgeholten Unterrichtsausfällen. Am bemerkenswerten ist der Unterschied der Ausgaben der Kommunen für Grundschüler:innen. Laut einem Bericht des französischen Rechnungshofes variieren die jährlichen Ausgaben der Kommunen pro Grundschüler:in zwischen 250 und 4500 Euro.

So verstärkt das Schulsystem die soziale Ungleichheit. Dem erwähnten Bericht zufolge gehören von den 20 Prozent schlechtesten Schüler:innen der 6. Klasse mehr als 40 Prozent zur untersten sozialen Gruppe und nur 6 Prozent zur höchsten, gemessen am Sozialindex des Bildungsministeriums.

Reichen die Zugeständnisse?

„Beeindruckende Demonstration der Jugend, die ihre Forderungen auf die schönste Weise vorträgt! Riesiger Stolz. Wir sehen uns am Dienstag, dem 13. Oktober, und folgen dem Aufruf der Jugend- und Arbeitergewerkschaften“, schreibt der er linke Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon auf X. Für diesen Tag ist eine Großdemo von Schüler:innen mit Feuerwehrleuten, Gewerkschaften und den Gelbwesten geplant.

Es erscheint unwahrscheinlich, dass die Demonstrationen und Proteste bis dahin abkühlen. Dafür sind die Forderungen der Protestierenden nach einem Strukturwandel, nach Chancengleichheit und besseren Bildungschancen zu allgemein und zu grundlegend, als dass sie sich von den angekündigten Zugeständnissen der Regierung beschwichtigen ließen.

Die hat eine Online-Plattform für Beschwerden eingerichtet und verspricht, auf die geplanten Studiengebühren für den Besuch der Vorbereitungsklassen zur Aufnahmeprüfung der Grande Ecóles zu verzichten.

Weiter hat Premierminister Sebastien Lecornu angekündigt, kurzfristig 3000 Vertretungslehrkräfte an die Lyzeen mit dem drängendsten Lehrermangel zu schicken. Es handelt sich dabei um bereits fest angestellte Lehrkräfte (titulaire sur zone de remplacement), die für Vertretungen in einem bestimmten Gebiet vorgesehen sind und bislang keinen entsprechenden Unterrichtseinsatz haben. Auch sollen die regionalen Bildungsbehörden mehrere Hundert neue Vertragslehrkräfte einstellen dürfen. Der Premier stellte zudem zusätzliches Geld für die Schulen im Budget 2027 in Aussicht.

Die Gewerkschaften wiesen dies jedoch umgehend als unzureichend zurück, da es das strukturelle Problem fehlender Lehrkräfte und Gelder im Winter nicht lösen werde. Auch ist Staatspräsident Macron der Forderung der Protestierenden nach Teilhabe und Gesprächen bis heute noch nicht nachgekommen.

Für die Linke sind die Proteste indes ein Dilemma. Einerseits verurteilt sie die Gewalt und ruft zu pazifistischem Protest auf, andererseits sieht Jean-Luc Mélenchon die Schüler:innenproteste als Chance für eine größere Mobilisierung gegen die Regierung.

Lyceeprotest paris 08102026 09

Vom Bildungsprotest zur politischen Krise?

Berichte über Polizeigewalt und deren Folgen verhärten die Fronten. Fast 7000 Personen, darunter 5890 Minderjährige, wurden gemäß einer am Freitag vom Justizministerium veröffentlichten Bilanz im Zusammenhang mit den Protesten vorübergehend festgenommen. Einem 15-Jährigen soll durch eine Blendgranate die Hand abgerissen worden sein, ein 14-Jähriger hat einen zertrümmerten Kiefer davongetragen und ein 16-Jähriger ist nun teils erblindet.

Erschwerend kommt hinzu, dass bei den Demonstrationen auch andere Proteste Raum finden. Viele Protestierende auf dem Place de Bastille trugen am Donnerstag eine Kufiya, jenes Tuch mit dem charakteristischen schwarz-weißen Muster, das die Solidarität mit den Menschen in Gaza und Palästina zum Ausdruck bringt. Andere schwenkten eine palästinensische Flagge.

Die Demonstrierenden verknüpften ihren Protest zunehmend mit der wachsenden sozialen Ungleichheit und den anstehenden Präsidentschaftswahlen im Frühjahr. Eine Lehrerin meinte, sie würde gegen die Faschisierung des Landes auf die Straße gehen.

Nach dem Streik der Lernenden und Lehrenden am Dienstag sind dann für Samstag, den 17. Oktober, dem Beginn der Herbstferien, landesweite Demonstrationen gegen die gestiegenen Lebenshaltungskosten und die hohen Benzinpreise angekündigt. Unter den Schüler:innen und Studierenden wird bereits von gemeinsamen Aktionen von Jugendlichen, Gewerkschaften und der Gelbwestenbewegung gesprochen.

Just an diesem Tag jährt sich übrigens das „Massaker von Paris“, bei dem die Polizei 1961 brutal gegen eine friedliche Demonstration mehrerer zehntausend Algerier vorging und mindestens 200 Menschen erschlug und erschoss.

Die gegenwärtige Protestbewegung birgt das Potential, sich zu allgemeinerem Protest und zu einer umfassenden politischen Krise ausweiten. Nicht ausgeschlossen, dass der anfängliche Protest der Gymnasiast:innen analog zum Mai 1968 vom Panthéon-Hügel ausgehend über Paris und Frankreich hinaus auf ganz Europa ausstrahlt.

Ein Kommentar

  1. Helmut Reinhardt

    // am:

    Zumindest SRF berichtet ausführlich aus unserem grössten Nachbarland über die Proteste vom heutigen Tag https://www.srf.ch/news/international/landesweite-proteste-wieder-fordern-in-frankreich-zehntausende-bessere-schulen

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert