
Sengende Hitze, extreme Trockenheit, verheerende Waldbrände, zerstörerische Unwetter: Das ist die Bilanz des Sommers 2026. 16.000 Todesfälle und 36 Milliarden Euro Verlust für die deutsche Wirtschaft aufgrund der lang anhaltenden Hitzebelastung werden bislang geschätzt. Auch und besonders hier im Südwesten ist die Klimakrise spür- und sichtbar. Aber wird nun endlich auch gehandelt?
Diese Frage war Anlass für ein Pressegespräch, zu dem Bene Müller, Vorstand des Bürgerenergie-Unternehmens solarcomplex AG eingeladen hat. „Die Klimakrise ist inzwischen nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein handfestes ökonomisches Thema von dem viele Akteure betroffen sind“, so Müller. Die gesamte Infrastruktur litt unter Hitzestress: Aufgesprengter Asphalt auf Straßen und verformte Gleise sind nur einige Beispiele für überdurchschnittlichen Verschleiß, der zusätzliche hohe Kosten mit sich bringt. Müllers Eindruck jedoch ist, dass die Ereignisse des Sommers erduldet wurden und man nach Hilfe gerufen habe. In der gesellschaftlichen Diskussion vermisse er aber die Frage, ob man nun tatsächlichen Klimaschutz betreiben oder nur der Krise „hinterherreparieren“ wolle?
Diskutiert wurde mit zwei Experten: Theo Straub, als verantwortlicher Förster für den Gemeindewald Allensbach und den Mainauwald nicht nur Fachmann, sondern auch unmittelbar Betroffener, der zusehen muss, wie massiv sein Wald in diesem Sommer unter Hitze- und Trockenstress gelitten hat. Aus Hamburg war Hartmut Grassl, einer der renommiertesten internationalen Klimaforscher zugeschaltet. Er war von 1988 bis 2005 Hochschullehrer an der Universität Hamburg und Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg, außerdem Direktor des Weltklimaforschungsprogramms der UNO und in den 1990er Jahren Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen.
Seit den 1980er Jahren warnt er eindringlich vor einer weiter zunehmenden Klimaerwärmung und ihren Folgen und fordert zum Gegensteuern auf.
Klimawandel – Klimakrise – Klimakatastrophe
„Klimaschutz jetzt“ lautete ein Aufruf zur regionalen Energiewende, die das damals noch kleine Ökounternehmen solarcomplex (gegründet 2000) zusammen mit einem breiten Bündnis von Akteuren 2002 im Südkurier veröffentlicht hat. „Der Klimawandel kommt nicht – er ist da.“ Heute, 24 Jahre später, sieht es Bene Müller als Fehler an, von „Klimawandel“ zu sprechen. Ein „Wandel“ habe etwas „zu Sanftes, Natürliches, als ob sich die Dinge ganz normal wandeln würden“. Zwar sei der Klimawandel damals in der Wissenschaft diskutiert, aber in Politik und Gesellschaft nicht ernst genommen worden. „Klimakrise“ ist für ihn jetzt der zutreffende Begriff. Noch! Denn die insbesondere von jungen Menschen oft zitierte „Klimakatastrophe“ ist für ihn zwar noch nicht eingetreten, aber „man müsse einem Szenario ins Auge schauen, dass wir auf dem Kurs dorthin sind“.

Bene Müller verweist dazu auch auf den Stern-Report (benannt nach dem damaligen Weltbank-Chefökonom Nicholas Stern) von 2006, der die weltweit künftigen Kosten des Klimawandels berechnete, falls nicht gehandelt werde. Die Auswirkungen spüren wir jetzt.

Ein Sommer der Rekorde
Am 27. Juni 2026 wurde in Möckern-Drewitz (Sachsen-Anhalt) mit 41,8 Grad Celsius ein neuer Deutschlandrekord gemessen. In Konstanz stieg das Thermometer an diesem Tag auf 37,9 Grad Celsius. In derselben Nacht vom 27./28. Juni sank im sächsischen Kubschütz die Temperatur nicht unter 29,4 Grad Celsius – ebenfalls ein neuer Rekord für eine Tropennacht.
Laut der Europäischen Kommission sind in der EU seit Jahresbeginn fast 700.000 Hektar Wald verbrannt. 16.000 Hitzetote sind laut Robert-Koch-Institut die traurige Bilanz dieses Sommers, konservativ geschätzt. 36 Milliarden Euro Verlust für die deutsche Wirtschaft meldete Greenpeace im August. Das entspricht knapp einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts: Mehr Arbeitsausfälle und weniger Produktivität, zusätzliche Belastungen für das Gesundheitssystem, verminderte Lernerfolge im Bildungssystem, Ernteausfälle in der Landwirtschaft, Waldschäden durch Trockenstress und Brände sind in diese Negativbilanz einberechnet.
Die Wasserstände großer Flüsse wie Donau, Elbe und Rhein sanken auf historische Tiefstände. Die Binnenschifffahrt war stark eingeschränkt oder ganz eingestellt. Hier auf dem Untersee konnten manche Landestellen gar nicht angefahren werden. Ausflugsfahrten endeten in Stein am Rhein statt in Schaffhausen. Auch für den Fährbetrieb und Bootsverleih war die Saison bitter: Zwischen Allensbach und der Insel Reichenau fuhr kein Schiff. Segel- und Motorboote lagen auf dem Trockenen oder wurden mitten im Sommer schon ins Winterlager verbracht.

Für den Tourismus wird die Saison höchstwahrscheinlich gemischt ausfallen. Freibäder verzeichneten Besucher:innenrekorde und kamen dabei personell an ihre Grenzen. Dasselbe dürfte für die Gastronomie gelten: Viele Gäste, sonnige Tage und lange wärmere Nächte ohne die lästige Schnakenplage.
Aus der Landwirtschaft gibt es unterschiedliche Informationen: Sieben Prozent weniger Ertrag bei Getreide, beklagt der Bauernverband. Das Bundesagrarministerium geht trotzdem von einer durchschnittlichen Ernte aus. Sonnenbrand bei Äpfeln machten manche Bestände ungenießbar und unverkäuflich. Äpfel und Birnen von Streuobstwiesen gibt es früh und reichlich, doch sie seien zu klein und zu trocken, um guten Saft zu erzeugen, klagen regionale Mostereien. Gut hingegen soll hier im Süden die Kirschernte ausgefallen sein: Aufgrund von wenig Nässe kein Schimmel und damit auch weniger Einsatz von Pestiziden. Die heißen Temperaturen führten in der Bodenseeregion zu einer äußerst frühen Weinlese, ohne Fäulnisverlust, mit gesunden Trauben. Wie die Qualität des Weines sein wird, weiß man erst nächstes Jahr. Ertrag und Qualität bei der Hopfenernte dagegen ist unterdurchschnittlich.
Die Liste der Extreme lässt sich weiter fortsetzen. Nicht zu vergessen das kurze, aber heftige Unwetter mit seinen zahlreichen Schäden, das Teile der Höri, insbesondere die Pappelallee nach Moos, und den Singener Ortsteil Bohlingen getroffen hat.
Nach den Fichten sterben die Buchen
Förster und Revierleiter Theo Straub mag schon nicht mehr von „Klimakrise“ sprechen. „Es schüttelt mich“, sagt er, mit über dreißig Jahren Berufserfahrung, wenn er die Schäden sieht, die Hitze und Dürre diesen Sommer den Wäldern unserer Region zugefügt haben. Und es mache nicht nur ihn ratlos. Im Wald ist für ihn die Klimakatastrophe bereits da.

„Prägen Sie sich dieses Bild ein, denn den Wald wie jetzt wird es nie mehr geben.“ Diesen Satz habe er bei Waldführungen in den letzten Jahren immer wieder gesagt. Doch was anfangs noch etwas flapsig gemeint gewesen sei, ist diesen Sommer bittere Realität geworden. Dass wir die Fichte verlieren, ist hinlänglich bekannt. Nun aber würden auch die Buchen – unsere heimische Baumart, die gestern noch als klimaresistent geeignet und als zukunftsfähig galt – ausfallen, erklärt Theo Straub.
Bereits Ende August sah es in seinen Revieren bei Allensbach und Litzelstetten aus, wie es frühestens im November aussehen dürfte: Das Laub nicht mehr grün, sondern braun. Besonders durch den Hitze- und Trockenstress der letzten Wochen hätten die Buchen nochmals sehr gelitten, sodass ihr Blattwerk die Äste nicht mehr schützen konnte und diese verdorrten. Gerade einmal zehn Jahre alte Jungbäume sind so geschädigt, dass sie nicht mehr wachsen. Es bleibt nur, sie vorzeitig zu ernten, was einen erheblichen Zusatzaufwand und finanzielle Einbußen bedeutet. Doch nicht nur das: Durch das Risiko herabbrechender Dürräste sind diese Fällmaßnahmen für die Waldarbeiter äußerst gefährlich.

Heimischer Genpool geht verloren – es bleibt große Ratlosigkeit
„Wenn sich unsere heimischen Bäume verabschieden, geht auch unser heimischer Genpool verloren“, erklärt Theo Straub. Der Aufbau von Jungwäldern sei eine Mammutaufgabe und verursache enorme Kosten, zumal niemand genau wisse, mit welchen Baumarten dies geschehen und wer es machen soll. Einen Markt, um passende Bäume nachzukaufen, gebe es nicht. Daher bestehe die Gefahr, dass invasive Arten zunehmen, die weder an unser hiesiges Bodenleben angepasst sind, noch die passende Nahrung für heimische Insekten und Vögel bieten. Dies wiederum habe zur Folge, dass neue Schädlinge eindringen könnten. Ein Beispiel dafür ist die Robinie. Diese liefert zwar gutes Holz und bindet auch Kohlendioxid (CO2), aber sie ist ein Neophyt, der sich stark ausbreitet und in ihrer Umgebung vorhandene heimische Pflanzen verdrängt.
Und noch ein Problem: Bis wieder ein neuer Wald nachgewachsen ist, dauert es bekanntlich sehr lange. Dadurch entstehen nicht nur wirtschaftlicher Zuwachsverlust, sondern auch kahle Flächen, die kein CO2 speichern – ergo, der Wald kann seine Aufgabe als Kohlendioxid-Speicher nicht erfüllen! „Wir laufen den Kalamitäten hinterher“, lautet seine sehr düstere Einschätzung für eine planmäßige forstwirtschaftliche Nutzung unseres regionalen Waldes. Es herrsche große Ratlosigkeit.

„Wir haben kaum noch Zeit“
Für den Klimaforscher Hartmut Grassl ist der Sommer ’26 keine Überraschung. Vor vierzig Jahren hat er zusammen mit anderen Wissenschaftlern den Bericht „Warnung vor den weltweiten Veränderungen durch die Klimaerwärmung“ verfasst. Damals, so sagt er, sei ihnen noch nicht so klar wie heute gewesen, dass das Kohlendioxid der zentrale Regulator für die Temperatur der Erdoberfläche ist, denn man habe nur Daten von wenigen tausend Jahren gehabt. Heute könne man diese bis zu fünfzig Millionen Jahren zurückverfolgen.

Die Erkenntnis daraus ist unmissverständlich: Jedes zusätzlich ausgestoßene Gramm CO2 wird nur zur Hälfte von der Landoberfläche und den Ozeanen aufgenommen, die andere Hälfte bleibt in der Atmosphäre – und das bis zu Jahrtausenden – und treibt die Temperaturen langfristig nach oben. „Sich nur an die Klimaveränderungen anpassen, reicht nicht. Die schädlichen Treibstoffe müssen auf null reduziert werden, erst dann wird sich der CO2-Gehalt in der Atmosphäre und danach auch die globale Durchschnittstemperatur stabilisieren.“ Ein Credo, das viele Wissenschaftler:innen seit Jahrzehnten eindringlich wiederholen. Und was wohl viele Bürger:innen – Politiker:innen inbegriffen – immer noch nicht verstanden haben: Die Temperaturen werden sich auf dem dann herrschenden Niveau stabilisieren, und nicht auf einem Niveau, „wie es früher einmal war“, auch nicht auf dem unseres jetzigen Sommers.
Hinzu kommt, so Grassl, dass bei weiterer Verzögerung des Ausstiegs aus den fossilen Energien bestimmte klimarelevante Kipppunkte immer wahrscheinlicher werden. Als Beispiel nennt er das Abschmelzen des grönländischen Inlandeises, was zu einem massiven Anstieg des Meeresspiegels führen wird. Die Folgen eines überschrittenen Kipppunktes sind nicht rückgängig zu machen – genau wie bei einem Glas, welches über den Tischrand geschoben und auf den Boden gekippt ist. „Wir haben kaum noch Zeit“, warnt er.
Politik, Wirtschaft und auch Bürger:innen müssen endlich begreifen
Kritik übt der Wissenschaftler vor allem an Politik und Wirtschaft: Seit vierzig Jahren hätten die jeweiligen Bundesregierungen zwar effiziente wissenschaftliche Beiräte gehabt, doch die Politiker:innen hätten diesen anfangs nicht geglaubt. Und wenn schließlich gehandelt wurde, dann „moderat“, mit mageren Ergebnissen. Die fossile Lobby der alten Industrien habe bis heute ihre Macht und ihren Einfluss in den Vorstuben der Politiker:innen behalten. Noch immer werden die Erkenntnisse der Klimaforschung in Frage gestellt oder ignoriert, um erforderliches Handeln auszubremsen.
Doch auch an die Bürger:innen appelliert er, dass gerade jetzt, wo sich zeige, wie die Wirtschaft unter der Klimakrise leide, ihnen „was dämmern müsse“. Sie könnten ja beim nächsten Mal anders wählen, fügt er hinzu …
Sein größtes Bedauern gilt den Menschen in den Schwellenländern, die am heftigsten unter der Klimaerwärmung leiden und immer mehr ihrer Lebensgrundlagen verlieren, wie schon der Stern-Report prognostizierte. Dass ihnen dann nur die Flucht bleibt, sieht er als ein weiteres Problem, das in der deutschen Debatte noch nicht angekommen zu sein scheint: „Statt Klimaschutz hier im nationalen Maßstab zu betreiben, damit die Menschen in ihrer Heimat leben bleiben können, schicken wir sie zurück.“ Deutliche Worte.
Kontroverse Meinungen auch in der Wirtschaft
„Die Wirtschaft gibt es nicht“, sagt Bene Müller. Das habe sich erst kürzlich gezeigt, als die Vollversammlung der IHK Bodensee-Hochrhein, zu deren Mitgliedern der solarcomplex-Chef gehört, über ein Resolutionspapier des Deutschen Industrie- und Handelskammertages in Berlin diskutierte. Laut diesem müsse man der deutschen Wirtschaft mehr Zeit für die Transformation verschaffen. Sprich, man solle Klimaziele aufweichen und nach hinten verschieben.
Nicht nur hier in Konstanz seien die Meinungen dazu auseinander gegangen. Viele Wirtschaftsvertreter sagen, dass man durch diese schwierige Zeit so schnell wie möglich hindurch müsse, so Müller. Die Regionen in Deutschland, die auf dem Transformationspfad schon ziemlich weit sind, zum Beispiel in Schleswig-Holstein, hätten sich in ihren Vollversammlungen der Resolution aus Berlin komplett verweigert.

Zudem stimme es auch nicht, dass die gesamte Wirtschaft leidet: Es gibt auch Zweige, die davon profitieren, wenn CO2-Preise eine Lenkungswirkung entfalten. Für Bene Müller geht es rein ökonomisch betrachtet um drei Aspekte:

Handelt wer – und wie?
Der Kanzler sagte in seiner Regierungserklärung im Juli, als die große Juni-Hitzewelle bereits 5000 Tote gefordert hatte, zur Klimakrise – nichts. Später dann, auf Nachfrage in der Pressekonferenz: „Man müsse alles tun, um das Problem in der Griff zu bekommen …“ Er beobachte die Lage weiter … Derweil dreht die schwarz-rote Koalition bisherige klimapolitische Fortschritte wieder zurück, etwa beim sogenannten Heizungsgesetz. Die Wirtschaftsministerin will das Erneuerbare-Energien-Gesetz schreddern und damit die Energiewende ausbremsen. Der Verkehrsminister will aufgrund der niedrigen Wasserpegel in Flussbetten tiefere Fahrrinnen ausbauen – egal, ob ökologisch sinnvoll oder nicht. Und jetzt noch die dritte Auflage des Tankrabatts: Steuergelder im Interesse der fossilen Lobby verschleudern statt die Mobilitätswende zu forcieren. Gespart werden kann ja an anderer Stelle. Zum Beispiel, laut Haushaltsentwurf der Bundesregierung, durch Mittelkürzungen für das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. Nochmals ein Rückschritt in Sachen Energiewende, einhundert Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Die Entscheidung soll im November fallen.
Erfolg mit ihrer „Klimapolitik“ hingegen darf sich die „das Blaue-vom Himmel-Leugnen-Partei“ in Sachsen-Anhalt auf ihre Fahnen schreiben: Ihr Wahlerfolg in der Stadt Möckern mit 51,1 Prozent übertraf sogar den dort gemessenen deutschlandweiten Hitzerekord von 41,8 Grad Celsius. Die Grünen, die die Klimakrise als oberstes Thema in ihrem Wahlprogramm hatten, erhielten mickrige drei Prozent. Der Mär von „einem ganz normalen Sommer“ – heiße Sommer habe es doch immer schon gegeben – wird offensichtlich gern geglaubt.
Im Bundestag thematisiert die AfD mit einer kleinen Anfrage die Forschungsförderung für das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und in Sachsen-Anhalt kündigt sie die Gründung eines Instituts für Klimapolitikfolgen an. Ihre Ziele liegen auf der Hand: Forschungsgelder streichen, Energiewende stoppen, mit Öl, Gas und Kohle den Planeten verbrennen.
Hochsommer im Herbst
Ein September wie ein Juli: 56 Hitzetage zählt Freiburg am 27. September. Am Oberrhein wurde nochmals eine Tagestemperatur von 32 Grad Celsius erreicht. Der Rekord des Jahrhundertsommers 2003 ist geknackt. Die Trockenheit hält weiter an: Bis 23. September sind gerade einmal 37 Prozent der benötigten Regenmenge gefallen, durchschnittlich. Mancherorts regnete es keinen einzigen Tropfen.

Die Pegel an Ober- und Untersee sinken weiter: 2,53 Meter in Konstanz, 2,05 Meter in Radolfzell, schon wieder ein Tiefstandrekord (Stand 29. September) Es geht aber noch krasser: Im Rhein an der Messstation Kaub wurde am 26. September ein Pegelstand von unter null, nämlich minus drei Zentimeter gemessen – von der Anzeige gar nicht mehr darstellbar. Erholung ist kaum in Sicht, da der Oktober im Regelfall sowieso ein Niedrigstandsmonat ist.
Der Permafrost unserer Gebirge taut weiter: Ende August im Himalaya mit der Flutkatastrophe in Nepal, vor wenigen Wochen bei uns mit Felsabbrüchen am Matterhorn und an der Zugspitze, hier kam zum Glück niemand zu Schaden.
Aufgeben ist keine Option
Dass das im Pariser Klimaabkommen angestrebte 1,5-Grad-Ziel nicht mehr zu halten ist, stellt das UN-Umweltprogramm in seinem jüngsten Bericht fest. „Die aktuelle Klimapolitik führt bis zum Ende des Jahrhunderts zu einer Erderwärmung von 2,8 Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter“, sagte der scheidende UNO-Generalsekretär António Guterres am 22. September bei der UN-Vollversammlung in New York. Und weiter: „Wir rasen auf eine Klimakatastrophe zu“.
Bene Müller hat noch die Hoffnung, dass nach so einem Sommer wie diesem in der Gesellschaft künftig die richtigen Entscheidungen getroffen werden, vorausgesetzt dass mit den kommenden kühleren Herbsttagen nicht wieder alle wieder im „Normalmodus“ sind.
Einen solchen Normalmodus könnte aber auch der über Mittel- und Südamerika aufziehende Super-El-Niño verhindern. Wie dieser sich auf die Temperatur in Deutschland auswirken wird, ist noch ungewiss: Vielleicht ein sehr kalter Winter oder ein noch heißerer Sommer? Möglich ist aber ein Trockenfallen des Panamakanals, erklärte Andreas Becker, Leiter der Abteilung Klimaüberwachung beim Deutschen Wetterdienst (DWD), anlässlich des ExtremWetterKongresses (Hamburg, 23. bis 25. September). Ein regulärer Handelsschiffsverkehr wäre nicht mehr möglich und es könnte zu Engpässen in den Lieferketten und zu steigenden Warenpreisen in Europa kommen. Und so sind wir wieder bei der leidenden Wirtschaft.
Falls Klimaschutz weiterhin ausgebremst und nach wie vor immer mehr fossile Energie verbraucht wird, wird das Extreme aber das „neue Normal“ sein. Andreas Becker meint dazu: „In der Rückschau ist der Sommer exorbitant, in der Vorschau wird er eher gewöhnlich sein, und wenn wir beim Klimaschutz nicht erfolgreich sind, wird es vielleicht sogar eines Tages ein eher kühler Sommer gewesen sein.“ (Klimazeit, Sendung vom 11. September)
Ob die AfD dann verlauten lassen wird, genau so habe sie es ja mit dem „ganz normalen Sommer“ doch gemeint … Das habe man ja wohl noch sagen dürfen … ?
Es ist eben nicht egal, ob wir 2040, 2050 oder gar erst 2060 klimaneutral sind. Es kommt auf jedes Zehntel Grad an, was wir einsparen können, so schnell wie möglich. Denn: „Klimaschutz ist Menschenschutz“, das ist für den Klimawissenschaftler Hartmut Grassl nicht diskutierbar.
2010 formulierte es Hermann Scheer mit folgenden Worten: „Knapp sind nicht die erneuerbaren Energien, knapp ist die Zeit.“ Der leider viel zu früh verstorbene SPD-Politiker war einer der Initiatoren des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (2000) in der rot-grünen Regierung.
Abbildungen: Schaubilder: solarcomplex / Fotos Wald und Buchen: Theo Straub / Porträt Hartmut Grassl: Max-Planck-Institut für Meteorologie, Hamburg / alle anderen: Dieter Heise


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