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Engagiert und widerspenstig: Wer wars? (81)

Von Brigitte Matern
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Die scharfzüngige Hebamme

Was hatte sie hier verloren? Welches Verbrechen legte man ihr zur Last? Nun gut, sie hatte in ihrem Bibelkreis gesagt, dass die Pastoren Unwahres predigten, und auch die Heilige Schrift legte sie mitunter auf eigene Weise aus. Aber war das nicht von ihrer Freiheit als Christenmensch gedeckt? Bereits seit drei Tagen stand die gebildete Puritanerin nun in Boston vor dem General Court. Von Ketzerei, Verleumdung und Aufwiegelei war die Rede und dass sie sich in religiöse Belange einmische, was Frauen nicht zustünde. Eine rechtliche Handhabe fanden die Richter allerdings nicht. So verurteilten sie die Mittvierzigerin, die sich weder das Denken noch den Mund verbieten ließ, halt ohne Angabe von Gründen: „Das Gericht weiss, weshalb, und ist damit zufrieden“, hieß es lapidar. Das war 1637.

Drei Jahre zuvor erst war die 1591 im englischen Lincolnshire geborene Pastorentochter nach Nordamerika in die englische Kolonie Massachusetts Bay emigriert. Wie so viele Protestant:innen calvinistischer Prägung hatte sie gehofft, dort mit Mann und Kindern ungehindert ihren Glauben leben zu können. Sie engagierte sich in der Bostoner Gemeinde als Hebamme, diskutierte mit interessierten Frauen Bibeltexte (zur Empörung kirchlicher Moralapostel stießen auch immer mehr Männer dazu), analysierte Predigten, stellte die Minderwertigkeit von Frauen und die Autorität von Priestern infrage. Womit sie in der jungen, auf religiösen Grundsätzen basierenden Kolonie automatisch das Führungspersonal gegen sich aufbrachte. Die Reaktion war entsprechend scharf, zumal die Gruppe der vermeintlichen SektiererInnen immer größer wurde.

1638 warf man die missliebige Bibelexegetin schließlich aus der Kolonie. „Ich liefere Sie dem Satan aus“, hatte kurz zuvor auch das Kirchengericht beschieden, „damit Sie lernen, nicht mehr Gott zu lästern und andere aufzuwiegeln“. Mit zahlreichen Anhänger:innen im Gefolge zog die Exkommunizierte weiter nach Süden in die Narragansett-Bucht, wo sie auf der Insel Rhode Island eine demokratisch verfasste Siedlung mit aufbaute, in der weltliche und kirchliche Macht strikt getrennt waren und Glaubensfreiheit herrschte. Lange konnte sie sich der errungenen Souveränität jedoch nicht erfreuen, da sie 1643 bei einem Überfall des Siwanoy-Stamms ums Leben kam.

Wer war die Vorkämpferin für Bürger:innenrechte und religiöse Toleranz, der man in Boston vorgeworfen hatte „ein Ehemann statt eine Ehefrau, ein Pfarrer statt eine Zuhörerin, ein Magistrat statt ein Untertan“ gewesen zu sein?

Die Auflösung folgt am kommenden Montag.