
Morgen öffnet nach monatelangen Verzögerungen das Asisi-Panorama neben der Europabrücke seine Pforten. Der nicht unumstrittene Turm beherbergt ein rekordverdächtiges 360-Grad-Panorama zum Konstanzer Konzil, das zum neuen Touristenmagneten werden soll. Erste Eindrücke aus einem Gebäude, das in Konstanz nicht nur neue städtebauliche Akzente setzt.
Manche loben den 52 Meter hohen runden Turm, der selbst von der alten Rheinbrücke aus gen Sonnenuntergang deutlich sichtbar ist, als bemerkenswerten optischen Akzent in einem ansonsten ästhetisch unspektakulären Industriegebiet – einen „Unort am Stadtrand“ nannte Architekt Matthias Sauerbruch diesen Bauplatz. Andere verspotten ihn als Turmbau zu Babel oder empfinden ihn trotz seines quietschbunten Pop-Art-Äußeren als optisch störenden Trumm, der das Stadtbild aus vielen Perspektiven unvorteilhaft beherrscht. Wie auch immer Konstanzer:innen dazu stehen mögen, ein markantes Bauwerk ist diese Holz-Hybridkonstruktion nicht nur von außen.

Auch das Innere des nach Angaben des Bauherrn ausschließlich mit Heiz- und Kühlenergie aus Geothermie betriebenen Betriebes (Solarenergie ist für diesen Bau demnach nicht zulässig) ist ziemlich einmalig. Für einen „mittleren zweistelligen Millionenbetrag“, wie Wolfgang Scheidtweiler, treibende Kraft hinter dem Konstanzer Panorama, zu berichten wusste, ist an den Innenwänden des Rundbaus ein über 110 Meter langes, 32 Meter hohes Rundbild von etwa 3500 Quadratmetern entstanden, das durch seine pure Detailfülle und Plastizität verblüfft. Es besteht aus Polyester, bei dem die Farben in das Material eingedampft (und nicht wie einem klassischen Gemälde zum Beispiel auf eine Leinwand aufgetragen) werden.
In der Mitte des Raumes steht ein Besucherturm, von dem aus die Besucher:innen auf Ebenen in 3, 6, 9, 12 und 15 Metern Höhe das Bild aus verschiedenen Perspektiven betrachten können. Hier wurde geklotzt und nicht gekleckert.

Historische Meilensteine
Der Künstler Yadegar Asisi, der mit 20 Mitarbeiter:innen in einer ihn an Renaissance-Produktionspraktiken erinnernden Maler:innenwerkstatt sein 17. Panorama geschaffen hat, sieht das Werk nicht nur als eine historische Momentaufnahme der Zeit 1414-1418, als in Konstanz das Schisma der Kirche beendet und ein einziger Papst gewählt wurde. Er will es im inneren Zusammenhang mit zwei weiteren seiner Panoramen verstanden wissen: Sein Rom 312 widmet sich dem Aufstieg des Christentums im Römischen Reich unter Konstantin dem Großen, während Luther 1517 das nächste Schisma des Christentums darstellt. Uli Burchardt lobte das Konzil denn auch gleich begeistert als Weltereignis und klopfte ein wenig auch sich selbst auf die Schulter, als er erwähnte, dass die Stadt in den Jahren ab 2014 weder Kosten noch Mühen gescheut habe, dieses Ereignis ausgiebig zu begehen. Interessanter als dies war die Anekdote, die er von einem Besuch bei Asisi in Berlin erzählte. Dort habe er im Atelier vor einem Sandhaufen gestanden, in dem Assistent:innen mit dem Modell eines Fuhrwerks eine rechtwinklige Kurve zu fahren suchten. Wie sich herausstellte, ging es darum zu ermitteln, welche Spuren ein solches mittelalterliches Fuhrwerk beim Kurvenfahren hinterließ, um diese Spuren später im Panorama abzubilden.

Was gibt’s zu sehen?

Ein solches Riesenbild zu betrachten macht natürlich vor allem den Einheimischen Spaß, denn es gilt, in der historischen Stadt die heutige wiederzuentdecken, was nicht immer ganz einfach ist („da wohnen wir heute!“). Etwa Petershausen war eine wuchtige Klosterfestung mit einer Stadtmauer an der heutigen Seestraße, im Paradies konnte man Jan Hus im Grünen verbrennen, ohne eine Feuersbrunst an umgebenden Wohngebäuden zu riskieren, und der Fischmarkt war durch einen Durchbruch der Hafenmauer damals noch mit Booten zu erreichen – die Ware musste eben frisch sein. Dass das Münster seine heutigen Türme erst im 19. Jahrhundert erhielt und damals noch ganz anders aussah, kann man sich heute kaum mehr vorstellen.
Auch der Natur wird Rechnung getragen: Alle 15 Minuten endet die lange Reise eines Tages in der Nacht, begleitet von einer äußerst stimmungsvollen Musik. Überhaupt geht es hier um ein Gesamtkunstwerk, das ausdrücklich Emotionen wecken und viele Sinne ansprechen soll, von Mönchsgesang bis Schwanengekrächze (für die Nase fehlt allerdings noch ein spannender Reiz wie etwa der intensive Geruch menschlicher und tierischer Hinterlassenschaften).
Der Nachtmarkt


Und wenn es dann Nacht wird in Konstanz, wenn die Sonne unter- und der Abendstern aufgegangen ist, wenn die Nachtgeschirre bereitstehen und die Marktstände zusammengeklappt sind … halt, die Marktstände zusammengeklappt? Im Panorama ist der Traum des Konstanzer Einzelhandels Wirklichkeit geworden: Auf der Marktstätte und am Fischmarkt herrscht 24 Stunden am Tag, an Wochen- wie an Feiertagen derselbe rege Betrieb! Umsatz, Umsatz, Umsatz bei Tag und bei Nacht, der Markt hat immer geöffnet und Tarifverträge für das habgierige Personal gab es noch nicht. Das ist das Paradies der darbenden Konstanzer Händler:innen!
Und so finden denn alle im und ums Panorama ihren Himmel – oder ihre Hölle.



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