Packshot michaela kohlhaas © albert kümmel schnur

Michaela Kohlhaas, die große, schreckliche, beispielhafte und mögliche Frau

Von Albert Kümmel-Schnur
Packshot michaela kohlhaas © albert kümmel schnur

Der Kohlhaas Heinrich von Kleists, der aus Wut über eine ihm widerfahrende Ungerechtigkeit zu einem jede Grenze überschreitenden Mörder und Brandschatzer wird, ist eine ikonische Figur des Aufstands gegen offensichtliches Unrecht. Die in Leipzig lebende Schriftstellerin Heike Geißler aktualisiert und überschreibt Kleists Novelle. Aus Michael wird Michaela. Aus dem Pferdehändler eine stellvertretende Friedhofsverwalterin.

Heinrich von Kleist lässt seinen Michael Kohlhaas zögern.

Irgendwann Mitte des 16. Jahrhunderts. Mitten auf seinem Weg steht ein Grenzpfahl und versperrt ihm den Weg. Er zahlt den Zoll, wird aber am Weiterfahren gehindert. Einen Passierschein brauche er, so will es der Vogt, nicht der Junker wohlgemerkt. Dem Junker ist der selbstherrliche Eifer seines Vogts unangenehm, die ganze Chose ist ihm unangenehm, aber ja, verdammt, klar, einen Passierschein, ja, doch, sonst könne er gleich wieder gehen.

Kohlhaas zögert, bevor er losreitet, mordet und brennt. Schritt für Schritt lässt der Text die Wut wachsen, sich verdichten. Ja, er dürfe passieren, aber zwei Rappen zum Pfande, wohlgenährt und kräftig, gedacht zum Verkauf auf dem Markt. Kohlhaas lässt noch einen Diener da, sich um die Pferde zu kümmern, gibt Geld fürs Futter und besorgt in Dresden einen Passierschein, den der Schreiber wohl erst erfinden muss, doch sei’s. Als Kohlhaas zurückkehrt, da liegt der Knecht halb totgeschlagen daheim auf seinem Hof und aus den stolzen Rappen sind magere, misshandelte Mähren geworden. Und noch immer übermannt ihn eben nicht die Wut.

Die Wut wächst

Der Kohlhaas wird immer verkürzt erzählt. Das ist kein Schalter, der umgelegt wird, kein plötzlicher Entschluss. Das ist eine Wut, die Ungerechtigkeit für Ungerechtigkeit in ihm wächst wie ein Geschwür, das ihm den Bauch nach außen drückt. Dem Bericht des Dieners mag er kaum glauben, so unsinnig erscheint die Gewalt, die dieser erlebt hat. Ausführlich lässt er’s sich berichten, Schritt für Schritt, fragt nach, hinterfragt, zweifelt. Zu schlechter Letzt gibt es nichts mehr zu zweifeln.

Aber selbst dann rastet dieser Kohlhaas nicht aus, sondern müht sich um einen Prozess, der niedergeschlagen wird: das Gericht ist korrupt, und zwar völlig offensichtlich. Und zum Landesherrn will Kohlhaas dann schicken. Doch sein Gesuch erreicht den Kurfürsten von Brandenburg nicht. Korruption, wohin das Auge blickt. Und erst jetzt – und selbst dann noch nicht vollends – erst jetzt beschließt Kohlhaas, dieser anständige Pferdehändler, er müsse sich kümmern, müsse sein Recht selbst einfordern, selbst durchsetzen.

Aber selbst jetzt, wo er Haus und Hof verkauft, die Familie ins sichere Schwerin schickt und nur Waffen und Pferde behält, selbst jetzt lässt der brave Pferdehändler sich überzeugen. Seine Frau will gehen an seiner Statt. Und geht und kehrt zerschlagen zurück, wenige Tage nach ihrer Rückkehr wird sie an den Verletzungen, die sie sich beim Versuch, die Bittschrift dem Kurfürsten zu übergeben, zugezogen hat oder die ihr vielmehr zugefügt worden, wie’s genau abging, weiß keiner und sie kann’s nicht mehr erzählen, weist nur in einem letzten klaren Moment auf die biblische Forderung, den Feinden zu vergeben und stirbt.

Das Geschäft der Rache

„Sobald der Hügel geworfen, das Kreuz darauf gepflanzt, und die Gäste, die die Leiche bestattet hatten, entlassen waren, warf er sich noch einmal vor ihrem, nun verödeten Bette nieder, und übernahm sodann das Geschäft der Rache.“

Doch noch einmal, ein letztes Mal zögert Michael Kohlhaas. Das ist nicht die alles hinwegschwemmende, wilde Wut, die diesen Kohlhaas überkommt, das ist ein langsames Verfestigen eines Gefühls, während man noch versucht, es abzuwehren. Drei Tage lang lässt er dem Junker Zeit, ihm die Pferde, die er unrechtmäßig einbehielt und misshandelte, zurückzugeben und gesundzufüttern. Drei lange Tage wartet Kohlhaas.

Und dann erst geht es Schlag auf Schlag. Dann erst ist Kohlhaas, dieser dunkle Held, den erfahrenes Unrecht zu gewalttätiger Rache reizt. Die Tronkenburg wird angezündet, alle Bewohner:innen ermordet, das Kloster verschont er, doch Wittenberg, das den Fehler beging, den fliehenden Junker zu beherbergen, macht er mit einem inzwischen auf 30 Mann angewachsenen Landsknechthaufen dem Erdboden gleich. Leipzig steckt er gleich „an drei Ecken“ an.

Ein dunkler Held

Ein Wutbürger, dieser Kohlhaas, zweifellos. Und eben deshalb hochaktuell. Der Begriff wurde während der Demonstrationen gegen den Umbau des Stuttgarter Bahnhofs geprägt und meinte, dass hier Menschen auf die Straße gingen, die sonst eher nicht demonstrierten. Wutbürger:innen: das sind zunächst einmal Bürger:innen. Redlich wie der Kohlhaas. Und doch mit anderer Agenda – die ‚Wut‘ der Wutbürger:innen geht auf eine soziale Ungerechtigkeit zurück, nicht auf eine persönlich-individuell erfahrene.

„Michael Kohlhaas“ wird für gewöhnlich ‚links‘ gelesen. Kohlhaas ist der aufrechte Kämpfer gegen ein ungerechtes System. Er will ‚nur‘ ‚sein‘ Recht. Nicht mehr, nicht weniger. Und wenn dieses ‚Recht‘ selbst nicht rechtsförmig zu erlangen ist, dann eben mit Gewalt, überschäumender Gewalt. Und auch das unterscheidet ihn von jenen, die medial als ‚Wutbürger:innen‘ charakterisiert wurden, bringt ihn aber in die Nähe jener, die sich tief verletzt glauben und meinen, deshalb wüten zu dürfen.

Georg Seßlen hat in der der taz-Kolumne „Schlagloch“ die Praxis des AfD-Wählens trotz jeden Arguments, jeder besseren Einsicht, jeder allzu offensichtlichen Lüge „Triebabfuhr“ genannt und gefolgert, dass dagegen eben kein Kraut gewachsen sei. Das tief eingenistete Gefühl, es „denen“ mal so richtig „zeigen“ zu wollen, denen da oben mit ihrem Gequatsche, denen da oben, denen das eigene Leben so gleichgültig ist wie nur irgend etwas, denen da oben, die buchstäblich ‚keine Ahnung‘ haben, weil sie nur selten die Folgen ihrer Entscheidungen selbst zu durchleben und zu durchleiden gezwungen sind.

Viele Lesarten

Der Kohlhaas, man sieht’s, lässt sich ganz unterschiedlich lesen – er ist eine Figur, die aus ihrem konkreten literarischen Zusammenhang herausgewachsen ist, ohne freilich den Kontakt zu seiner Herkunft aus der Kleist’schen Novelle ganz zu verlieren.

Heike Geißler macht aus dem Pferdehändler Michael die stellvertretende Friedhofsverwalterin Michaela. Was geschieht, so fragte sie sich, wenn man aus dem männlichen Wüterich eine Frau macht? Funktioniert das noch so? Bleibt die Figur sich treu in ihrer Sturheit, ihrer tiefen Verletztheit, ihrer Gewalttätigkeit? Oder ist der Kohlhaas eben eine durch und durch männliche Figur in einer von Männern dominierten Welt? Und deshalb auch die ‚Lösung‘ des Konflikts am Ende eine Männerlösung: dem Kohlhaas wird recht gegeben, die Rappen zurückerstattet, der Tod des treuen Knechts Herse entschädigt, Junker von Tronka kommt ins Gefängnis. Kohlhaas selbst jedoch muss sich verantworten wegen Landfriedensbruch und wird dafür zum Tod durch das Schwert verurteilt, was er klaglos akzeptiert. Und ein kleiner Nebenerzählfaden gönnt ihm noch auf dem Schafott eine klitzekleine Rache am sächsischen Kurfürsten. Alles, buchstäblich alles löst sich auf: Franz Kafka fand das Ende der Novelle deshalb „grob hinuntergeschrieben“.

Heike Geißler will die Wette auf diesen Text und diese Figur durch deren Verweiblichung und das Vorhaben, den Kleist’schen Text „Satz für Satz“ zu überschreiben, machen und muss beim Schreiben schnell feststellen: das geht so nicht. Mehr noch: die Figur löst sich aus ihrer Umklammerung und entfaltet unter den Händen der staunenden Autorin ein überraschendes Eigenleben.

Eine fiktive Figur?

Und so fragt man sich, ob die Ich-Erzählerin, deren Stimme Geißlers Text eröffnet, nicht möglicherweise ein alter ego der Autorin selbst ist, die sich wünscht, der Kohlhaas „lieber nicht begegnet“ zu sein. Und doch ist sie „als Aufgabe und Freundin an mein Herz gewachsen“. Sollte die Autorin sich selbst als Ich-Erzählerin gesetzt haben, was alles andere als sicher ist, allenfalls möglich, dann wäre jedenfalls das übergangslose Schwanken zwischen einer Ich-Erzählerin und einer auktorialen, allwissenden Erzählperspektive verständlich. Dann wäre, wie die Ich-Erzählerin zu Ende der Geschichte mutmaßt, mutmaßen möchte, die Kohlhaas einfach eine erfundene, eine fiktive Figur gewesen. „Ich wusste, es war aussichtslos, hier auf sie zu warten, aber hoffte doch, ich hätte mich falsch erinnert, ich hätte ihren Weggang, all ihre Handlungen, all ihre Nachrichten geträumt. Mir all das nur vorgestellt.“

Und dann tritt die Kohlhaas wieder auf den Plan – aus der Fiktion heraus, die Kleist angeboten und Geißler benutzt hat, macht sie einen Vorschlag. „Alles, sagte sie, sei jetzt in hübscher Wildheit beruhigt, und sie wollte mir noch irgendwas sagen, aber was war das nur? […] Ein kleines Schweigen im Telefon.“ Es ist der Moment der Rache, die Kleist seinem Kohlhaas vor der Enthauptung gönnt. Sein Kohlhaas nämlich hat von einer „Zigeunerin“ einen Zettel erhalten, lang ist’s her, der eine Vorhersage über das Wohl des sächsischen Herrscherhauses enthält. Den will der sächsische Kurfürst sich nun holen. Doch Kohlhaas – poetisch gewarnt durch eine Nachricht seiner doch schon zu Beginn der Geschichte verstorbenen Frau – liest den Zettel und verschlingt ihn, um sich dann richten zu lassen. Den Kurfürsten ereilt eine Ohnmacht.

„… in hübscher Wildheit beruhigt“

Michaela Kohlhaas hat eine Botschaft, an die sie sich jedoch nicht mehr erinnert. Sie hat längst den Zenit aller möglichen Botschaften überschritten, so kurz vor ihrem Tod, der ein völlig bedeutungsloses, wenngleich insistierendes Verschwinden ist. Michaela Kohlhaas, die einstige Friedhofsverwalterin, schaufelt sich ein Grab, legt sich jedoch nicht hinein und wird gefunden, irgendwo im Wald: „dann war da nichts, was von ihr an diesem Ort bleibe oder versuchte, sich ins Gedächtnis zu spielen“. Gleichwohl trägt sie „Schürfwunden, Prellungen, offene Stellen an Füßen und Schienbeinen“ am dehydrierten, mangelernährten Körper: „nichts deutete dann auf ein Gewaltverbrechen hin, aber es hatte stattgefunden.“

Das Verbrechen, dessen Opfer Michaela Kohlhaas wurde, ist so anonym wie der Anlass ihrer selbstgewählten Entgesellschaftung, man könnte auch sagen: ihres Wegs in die A-Sozialität. Heike Geißler sagt, an einem Rewrite des Kleist’schen Textes habe sie die Pluralisierung möglicher Anlässe für die Empfindung von Ungerechtigkeit gehindert: Ungleichheit, Klimawandel, Kriege – Geißlers Text deutet das Ungesunde des Lebens im 21. Jahrhundert in einer vage tastenden, weniger dokumentarischen als märchenhaften Weise an und ebenso die Hilflosigkeit, mit der nicht nur die Kohlhaas, sondern wir alle ihm begegnen.

„Die Kohlhaas war eine typisch müde erwachsene Person […]“ Eine wie wir. „Das Archiv ihres Mördergrubenherzens war äußerlich ordentlich, aber nicht systematisch sortiert, auch nicht biografisch. […] So umfangreich das Mördergruben-Archiv der Kohlhaas war, hatte es rigide Aufnahmekriterien. Es war ein Archiv der Fehler im System, eine Sammlung all der Schadstellen, die intendiert in Strukturen, Institutionen, Systeme eingebaut worden waren oder nicht entfernt wurden, weil die entstehenden Schäden den Strukturen, Institutionen und Systemen die Arbeit erleichterten.“

Eine typische Person

„Was brauchte die beispielhafte Frau also für einen Anlass? Brauchte sie einen Anlass? […] Die Anlässe waren ganz selbstverständlich da.“ Die Gentrifizierung ihrer Stammkneipe, der Tronkenburg, durch einen Immobilienhai, der sich aufführt, als gehöre ihm nicht nur eine Kneipe, sondern gleich die ganze Stadt, ist so ein Anlass, der die Brüche des Systems spüren lässt. Und genau darin ist die Geißler’sche Kohlhaas ja so beispielhaft – das kennen wir alle. Die Ohnmacht einem neoliberalen System gegenüber, dem das Gemeinwohl weniger als nichts, die ganz persönliche Bereicherung weniger auf Kosten aller übrigen jedoch alles bedeutet.

Da kann der Entzug eines Rückzugortes, eines solchen zumal, den man sich als vom System übersehenes Versteck voller Wärme und Gemeinsinn denkt, das Fass zum Überlaufen, das sprichwörtliche Mördergrubenherz zum Zerspringen bringen. Nicht als letzter Tropfen, sondern als der Ort, wo der Systemfehler persönlich zu werden scheint.

Die Kohlhaas steigt aus. Im Unterschied zu Kleists Kohlhaas, dessen Kinder ihn nicht nur überleben, sondern sein Erbe als frisch in den Ritterstand Erhobene antreten (und damit eben doch auch das System fortschreiben), hat Michaela Kohlhaas keine Kinder: „Handlungen ja, Kinder nein. […] Was die Kohlhaas der Welt an Kindern ersparte, setzte sie um ein Vielfaches vermehrt als Anwesenheit, Lautstärke und Widerspruch zu.“ Sie rüstet sich nicht mit Pferden, Waffen und gewaltbereiten Knechten, sondern mit der geschichteten Kleidung, an denen man jene erkennt, die nichts mehr haben, als was sie auf dem Leib tragen und deshalb grad so viel als möglich tragen.

Zwei Schwerter

Michaela Kohlhaas steigt aus. Nicht das, was sie sagt – das wird zunehmend wunderlicher –, sondern ihr Leib und ihr Verhalten werden zur Provokation, zum Protest. „Ich habe gar keine Botschaft, sagte die Kohlhaas, ich habe eine Lebensweise.“ Was die Leiblichkeit angeht, so überschreitet sie alle Gebote sogenannter ‚Schicklichkeit‘, wie sie vor allem Frauen abverlangt werden: die Körperpflege, die modische Kleidung, das dezente Auftreten. All dem verweigert sich die Kohlhaas: sie stinkt zunehmend schwerer erträglich, sie uriniert und menstruiert irgendwo am Straßenrand, sie trägt Theaterkleidung, darunter einen Wikingerhelm mit Hörnern und zwei Schwerter, eines aus Holz und eines, das ihr ein Schmied auf einem Mittelaltermarkt anfertigt (um sie im Gegenzug mit dem dreckigen Schmiedefinger zu penetrieren). Sie zieht einen schweren Planwagen – irgendwas zwischen Marketenderinnenwagen und Thespiskarren – hinter sich her, stört damit den Verkehr. Und stört ohnehin. Sie ist laut, liegt mit nacktem Unterleib und geöffneten Beinen in der Sonne.

Man beleidigt sie. Man misshandelt sie. Man will sie nicht haben. Der Rachefeldzug der Kohlhaas ist einer der Verweigerung aller Normen. Irgendwann hüllt sie sich in Schaffelle und tritt als Bärin auf. Man steckt sie öffentlich in einen Käfig und behandelt sie als Bärin besser denn als menschliche Frau. Und schließlich und endlich verschwindet die Kohlhaas im Wald, wo man eines Tages ihren toten Körper findet. Die beispielhafte Frau ist auch das Beispiel eines Fallens aus dem System, den Institutionen, den Strukturen. Sie wird ein Teil der Wildnis und das ist konsequent, denn dort, im Boden der Geschichte, ganz tief, lauern die Ursprünge ihrer eigenen Geschichte, die ja nicht nur ihre ist. „Ihre Geschichte begann mit viel älteren Geschichten, die ihr erzählt worden waren, von denen sie gehört hatte, Geschichten, die anders hätten verlaufen können oder müssen. Auch sie waren in ihrem Herzen aufbewahrt, gaben den Anschein, lose Fäden zu sein, aber waren doch eher tiefere und tiefere Wurzeln.“

Zu diesen Wurzeln dringt sie am Ende der Geschichte vor und wird, einst eine Verwalterin von Gräbern, nun selbst zu einer Toten. Und damit unsterblich: „Man wird die Toten nicht los.“ Mit diesem Satz endet das Buch. Einsam steht er auf seiner letzten Seite.

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Heike Geißler, Michaela Kohlhaas, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2026, 24 Euro, 253 Seiten, ISBN 978-3518432808.

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