Hiroshima (c) Pit Wuhrer

Hiroshima und Nagasaki mahnen

Hiroshima (c) Pit Wuhrer
Kundgebung „Gedenken an die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki“

Am 6. August 2026 fand zum Gedenken an die Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki in Konstanz auf dem Münsterplatz vor rund 40 Zuhörer:innen eine Antikriegs-Kundgebung statt. Wir dokumentieren nachfolgend (leicht redigiert und stark gekürzt, die Originalreden sind jeweils verlinkt) die Redebeiträge von Nadine Heptner, Franz Segbers und Maik Schluroff.

Die Aktion fand auf Initiative von „KLAR! e.V. Kein Leben mit atomaren Risiken“ und dem „Konstanzer Bündnis für gerechten Welthandel“ statt, unterstützt durch Franz Segbers, Sozialethiker und altkatholischer Theologe, der Friedensinitiative Konstanz, der Freien Grüne Liste Konstanz und der Linken Konstanz.

Hier drei der Reden von letztem Donnerstag, die jede auf ihre Art ein überzeugendes Plädoyer gegen die derzeitige Militarisierung der Gesellschaft ist.

(1) Rede von Nadine Heptner, LINKE Ortsverband Singen

„Liebe Anwesende, liebe Freund:innen, liebe Friedensliebende,

wir sind heute hier versammelt, um an den 6. August 1945 zu erinnern: An den Tag, an dem über Hiroshima die erste Atombombe abgeworfen wurde. Drei Tage später traf es Nagasaki.
Wir erinnern heute nicht nur um zurückzuschauen. Wir erinnern, weil dieser Gedenktag eine Warnung ist. Noch immer existieren tausende Atomwaffen. Noch immer wird mit nuklearer Abschreckung Politik gemacht. Und während wir hier stehen, werden weltweit über 3200 Euro pro Sekunde für Atomwaffen ausgegeben.

Pro Sekunde.

Geld, das nicht in Gesundheitsversorgung fließt. Nicht in Bildung. Nicht in Klimaschutz, soziale Sicherheit, Friedensbildung oder Diplomatie. Wir erleben gerade, wie uns eingeredet wird: Mehr Waffen würden mehr Sicherheit bedeuten. Aber ich sage: Das stimmt nicht.
Militärische Übermacht ist keine Sicherheit. Sie ist eine permanente Bedrohung. Für mich ist dieser Tag mehr als ein Gedenktag. Er ist ein Auftrag:Nie wieder Hiroshima. Nie wieder Nagasaki. Nie wieder Krieg.

Vor einigen Jahren lernte ich Hibakushas kennen – Überlebende der Atombombenabwürfe. Ihre Kraft und ihre Friedensliebe prägen mich bis heute. Was sie damals als Kinder erlebt haben müssen, ist unvorstellbar.

Aber wisst ihr, was mich beeindruckt hat? Sie wollen keine Rache. Sie wollen keine Vergeltung. Sie wollen Frieden, Versöhnung und Gespräche. Diese Begegnung hat mich darin bestärkt, Pazifistin zu sein. Und ja – ich werde dafür belächelt. Menschen bezeichnen mich als naiv. Als realitätsfern. Aber ich frage euch: Ist es nicht viel realitätsferner, zu glauben, dass immer mehr Waffen Frieden schaffen würden?

Ich bin erschüttert über die Militarisierung unserer Gesellschaft. Sicherheitslogische Narrative bestimmen unseren Diskurs. Sie schleichen sich in unsere Sprache. Plötzlich klingt Aufrüstung vernünftig. Und Friedensverhandlungen naiv. Militarisierung beginnt in den Worten, die wir normal finden. Sie beginnt dort, wo Krieg wieder denkbar gemacht wird.

Und diese Militarisierung trifft besonders junge Menschen. Sie werden täglich mit Nachrichten über Krieg, Krisen und Aufrüstung konfrontiert. Das nährt die Angst vor Krieg. […]

Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen!

Und wenn wir heute hier in Konstanz über Aufrüstung sprechen, dürfen wir nicht so tun, als sei das alles weit weg. Aufrüstung passiert auch hier am Bodensee. In Überlingen. In Immenstaad. In Friedrichshafen. Und auch hier in Konstanz. Krieg beginnt dort, wo er geplant, finanziert und gebaut wird. Deshalb ist auch diese Region mit dem Leid von Kriegen verbunden. Nicht, weil die Beschäftigten in diesen Betrieben unsere Gegner:innen wären. Sondern weil eine Wirtschaftslogik, die an Waffen verdient, immer mit dem Tod anderer Menschen verbunden ist. Wir brauchen zivile Arbeitsplätze statt Profite mit Waffen.

Frieden bedeutet, die Strukturen zu verändern, die Gewalt hervorbringen: Armut, Patriarchat, Rassismus, koloniale Ausbeutung, Kapitalismus und Ungleichheit. Frieden ist schwer. Frieden ist mühsam. Frieden braucht einen langen Atem. Und Frieden heißt auch, mit Menschen zu sprechen, mit denen man eigentlich nicht sprechen will.

Die Hibakushas, die ich traf, sagten nicht: Rüstet auf, bereitet euch auf den nächsten Krieg vor. Sie haben gesagt: Wenn wir Frieden wollen, müssen wir anfangen, ihn zu machen. Frieden ist nicht naiv. Frieden ist Wissen. Frieden ist Arbeit. Frieden ist aktiver Widerstand. Lasst uns den Auftrag der Hibakushas gemeinsam weitertragen:

Nie wieder Hiroshima! Nie wieder Nagasaki! Nie wieder Krieg! Friedensliebe – jetzt!“

Link zur Originalrede.

(2) Franz Segbers, Sozialethiker und altkatholischer Theologe: Rede zum Gedenken an die Opfer von Hiroshima und Nagasaki

„Liebe Friedensfreunde und Friedensfreundinnen,

es ist gut, in der Gluthitze einen Sonnenschirm zu haben. Er schützt. Es ist gut, bei Regen ein Regenschirm zu haben. Der schützt vor Regen. Doch ein Atomschirm schützt nicht. Im Gegenteil: Er zieht Atomraketen an. Das Wort „Atomschirm“ ist ein Falschwort. Es gaukelt Sicherheit vor. Es provoziert die Gefahr. Wir müssen diese Täuschung entlarven. Der Atomschirm ist eine atomare Abschreckung mit Androhung von wechselseitigem Völkermord durch Kernwaffen.

Heute und am 9. August haben vor 81 Jahren US-Streitkräfte Atombomben auf die Städte Hiroshima und Nagasaki geworfen. 65.000 Menschen starben unmittelbar und weitere 200.000 im Verlauf der kommenden Jahre. Das ist ein Menschheitsverbrechen von einem ungeheuerlichen Ausmaß. Das Ausmaß der Zerstörung und der Verletzung brannte sich durch die Bilder der bedrohlichen Atompilze ins Menschheitsgedächtnis ein.

Die beiden im Krieg eingesetzten Atomwaffen sind Mahnung und Verpflichtung, niemals wieder auch nur mit dem Einsatz solcher Waffen zu drohen. Hiroshima erinnert uns daran: Nicht die Fähigkeit zur Vernichtung schafft Frieden, sondern die Bereitschaft zur Frieden ohne Gewalt. Wir wissen, was einmal geschehen ist, kann noch einmal geschehen kann.

Deshalb stehen wir heute hier und verneigen uns vor den Opfern. Die entsetzlichen Bilder von Tod und Zerstörung durch die Atombombe vor Augen, hatte die Menschheit gelernt: Drohung mit und Einsatz von Atomwaffen verstoßen grundsätzlich gegen die Regeln des humanitären Völkerrechts. So heißt es in einem Gutachten, das der Internationale Gerichtshof vor genau dreißig Jahren in einem Gutachten festgestellt hat.

Seit 30 Jahren gilt: Völkerrechtlich verboten ist die Herstellung, Erprobung, den Besitz und die Lagerung, die Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen. Atomwaffen verstoßen gegen das Völkerrecht und die Menschenrechte. Die Politik sollte endlich das Völkerrecht und die Menschenrechte ernstnehmen. Denn immer lauter werden die Stimmen aus der Politik, die einen atomaren Schutzschirm fordern. Das Verbot von Atomwaffen ist geltendes Völkerrecht seit 2021. […]

Aufrüstung wird wieder zu einem profitablen Geschäftsmodell. Die Reformen der Bundesregierung haben nur ein Ziel: Sie sollen die milliardenschwere Aufrüstung gegenfinanzieren. Fast jeder dritte Euro des Bundeshaushalts 2027 geht für Panzer, Kampfflugzeuge, Drohnen drauf. Die Zinslasten für schuldenfinanzierte Rüstungsausgaben sollen bis 2029 auf über 65 Milliarden Euro steigen – jeder achte Euro im Haushalt für die Aufrüstung. Und Zinsen gehen an die Vermögenden, die dem Staat Geld geliehen haben.

Für die Hochrüstung wird unten gekürzt – also bei denen, die es ohnehin nicht leicht haben: bei der Grundsicherung für Erwerbslose, beim Wohngeld, bei der Rente, beim Elterngeld, beim Unterhaltsvorschüssen für Alleinerziehende oder bei den Kinderzuschlägen, bei den Alten und Kranken, denn sie werden schlechter versorgt. Von den dramatischen Kürzungen bei der Entwicklungshilfe ganz zu schweigen! Die Einsparungen werden Menschenleben kosten, so die Präsidentin von Brot für die Welt. Aufrüstung ist ein Verbrechen an den Armen. Aufrüstung tötet auch ohne Krieg.

Seit 2021 sind im Atomwaffenverbotsvertrag der UNO Atomwaffen, ihre Herstellung, ihr Besitz, ihre Verbreitung, die Androhung ihres Einsatzes und ihr Einsatz international verboten und völkerrechtlich geächtet. Wir dürfen nicht schweigen, wo Menschenverachtung, Krieg und die Drohung mit atomarer Gewalt wieder salonfähig werden.

Wir fordern die Bundesregierung Deutschland auf, dem UN-Atomwaffen-Verbotsvertrag endlich beizutreten. Keine atomwaffenfähige US-Raketen auf deutschem Boden. Statt nuklearer Teilhabe im Rahmen der NATO brauchen wir Abrüstungsinitiativen.

Ich kann nicht schließen ohne eine Ermutigung: Christinnen und Christen lassen nicht ab von ihrer biblischen Vision: „Schwerter in Pflugscharen umzuschmieden“. Deshalb, liebe Friedensfreunde: Wir wollen nicht kriegstüchtig werden. Lasst uns friedenstüchtig werden! Dem Rüstungswahnsinn müssen wir entgegenhalten: „Frieden schaffen ohne Waffen“.

Link zur Originalrede.

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(3) Rede von Maik Schluroff, Friedensinitiative Konstanz

Im Februar/März wurde Berlin heftig bombardiert. Bei einem erneuten Bombardement flüchtete meine Mutter in den Keller, wie jedesmal, wenn die Sirenen heulten. Das Dröhnen der Bombeneinschläge erschütterte das ganze Haus. Man konnte die Einschläge fühlen, die Einschläge kamen stampfend immer näher. Die Menschen im Keller hatten Todesängste: In den nächsten Sekunde kannst du tot sein. Ich muss diese Todesängste im Mutterleib mitbekommen haben. Noch viele Jahre danach ergriff mich panische Angst, wenn Warnsirenen heulten.

Krieg ist unvorstellbar schrecklich. Nur ein Atomkrieg wäre noch schrecklicher. Heute gedenken wir der Opfer des ersten Einsatzes von Atombomben. Dies geschah am 6. August 1945 in der japanischen Stadt Hiroshima. Drei Tage später wurde eine weitere Atombombe über Nagasaki abgeworfen. Innerhalb von Sekundenbruchteilen verglühten in Hiroshima etwa 80.000 Menschen. Also etwa so viele wie Gesamtbevölkerung von ganz Konstanz. Zehntausende starben noch Jahrzehnte danach qualvoll an der radioaktiven Strahlung.

Krieg ist unvorstellbar schrecklich. Nur ein Atomkrieg wäre noch schrecklicher. Entweder wir schaffen Atomwaffen ab oder sie schaffen uns ab“. Da gibt es nur eins: „Atomwaffen abschaffen“! Was muss mit Atomwaffen geschehen? „Abschaffen“.

Unsere Regierung will uns weismachen: Russland wird uns bald überfallen. Durch immer mehr Waffen und vor allem durch Atomwaffen müssten wir „die Russen abschrecken“. Dazu sagte Carlo Masala, Professor an der Bundeswehrhochschule München „Ob Abschreckung funktioniert, wissen wir nicht.“ Tatsächlich ist das Funktionieren der Abschreckung nur eine Vermutung. Da gibt es nur eins: „Atomwaffen abschaffen“! Was muss mit Atomwaffen geschehen? „Abschaffen“.

Der Südkurier meldete vor wenigen Tagen, am 1. August: „NATO will atomare Abschreckung ausbauen“. Es sollen Atomwaffen des Typs B61-12 nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern stationiert werden, eventuell sogar in Polen, Finnland und Litauen. Das ist ein höchst gefährliches Drehen an der Aufrüstungsspirale: Russland wird diesen Schritt als Bedrohung für seine Sicherheit sehen und sein eigenes Arsenal entsprechend aufrüsten.

Die Atombombe B61-12 hat eine einstellbare Sprengkraft von 300 Kilo bis zu 50.000 Tonnen Sprengstoff, mehr als das Dreifache der Hiroshima-Bombe. In Militärköpfen ist die Idee wohl: Wenn wir eine „ganz kleine“ Bombe zünden, wird es nicht gleich einen kompletten Atomkrieg auslösen.“ Auch das zeigt den Irrsinn des Konzepts der atomaren Abschreckung.

Was viele nicht wissen: In Büchel in Rheinland-Pfalz trainiert die deutsche Luftwaffe seit Jahren den Abwurf dieser US-Atombomben, bzw. des Vorgängermodells. Ein eigentlich ungeheuerlicher Vorgang. Nach Ansicht von Rechtsexperten ist das absolut völkerrechtswidrig. […]

In US-Militärköpfen geistert mit Sicherheit auch der Gedanke: Einen Atomkrieg auf Russland und Europa beschränken. So könnte man viel höher pokern mit dem Einsatz von Atomwaffen. Man würde ja nur die Zerstörung Russlands und weiter Teile Europas riskieren und die USA wären nicht betroffen. Auch dieses Denken erhöht ein weiteres Mal die Gefahr eines ungewollten Atomkriegs.

Wer Frieden will, muss den Frieden vorbereiten, nicht den Krieg! Da gibt es nur eins: „Atomwaffen abschaffen“! Was muss mit Atomwaffen geschehen? „Abschaffen“.

Für Deutschland heißt das konkret:

– Deutschland muss sich für eine Erneuerung des INF-Vertrags einsetzen!
– Beitritt zum UN-Atomwaffenverbotsantrag!
– Keine Mittelstreckenraketen in Deutschland!
– Keine Atombomben auf deutschem Boden!

Link zur Originalrede.

Zusammenstellung: Anke Schwede. Bilder: © Pit Wuhrer

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