Leipold © helga wolff seybold

Jürgen Leipold – Ehrung für ein politisches Leben

Von Ralph-Raymond Braun
Leipold © helga wolff seybold

Über Jahrzehnte prägte Jürgen Leipold die Konstanzer Kommunalpolitik. Die SPD ehrt ihren Grandseigneur am Donnerstag mit einer öffentlichen Veranstaltung im Rosgartenmuseum für 60 Jahre Parteimitgliedschaft. Kurzweil zwischen allerlei Gruß- und Dankesworten verspricht die musikalische Begleitung des Abends durch den Sänger und Songwriter Alex Behning und Band.

Als der 23-jährige Jürgen Leipold im Gefolge seines Geschichtsprofessors Horst Rabe im Frühjahr 1967 von Tübingen nach Konstanz wechselt und sich mit der Matrikelnummer 58 an der jungen Uni einschreibt, bringt er bereits Wahlerfolge und erste politische Erfahrung mit. An seinem Memminger Gymnasium war er Schüler:innensprecher gewesen, an seiner ersten Hochschule Tübingen AStA-Vorsitzender. Über die Hochschulpolitik hat er zudem Kontakte in die Stuttgarter Landtagsfraktion der SPD.

Noch als Student macht Leipold auch in Konstanz Karriere und wird von den Historikern – es dürften noch kaum Frauen darunter gewesen sein –  zum Fachbereichssprecher gewählt. Nur in der kurzen Aufbruchsstimmung der Gründerjahre war dies möglich, später und bis heute ist dieses Amt der Professorenschaft vorbehalten.

Der Universität Konstanz bleibt er auch nach Abschluss seines Studiums treu. Als Fachbereichsreferent für Philosophie und Geschichte, später als Referent der Geisteswissenschaftlichen Sektion, arbeitet er an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Universitätsverwaltung. Andere treibt dieser Job zwischen allen Stühlen in den Alkohol oder den Burnout, doch Jürgen Leipold waltet bis zu seinem regulären Ruhestand 2010 souverän seines Amtes im Rang eines Akademischen Direktors. Die Beamtenstelle gibt ihm genug Freiheiten für seine politischen Aktivitäten.

Fuß fassen in Konstanz

In die SPD tritt er 1966 ein. In jenem Jahr übernahmen die Sozialdemokraten mit ihrem Vorsitzenden Willy Brandt als Vizekanzler und Außenminister erstmals Regierungsverantwortung in Nachkriegsdeutschland. Bei den Studentenunruhen von 1968, die mit Demos gegen die Springer-Presse und die Notstandgesetze sowie mit einem Studierendenstreik der Ingenieursschule (heute HTWG) auch in Konstanz für Furore sorgten, begegnet uns Jürgen hier und da in den vorderen Reihen.

Leipold vor costa del sol screenshot
Der ehemalige Student vor seiner ehemaligen Kneipe Costa del Sol

Zeitgleich wird er 1968 als „Vertreter der Universität“ in den SPD-Ortsvorstand gewählt, 1971 dann auch erstmals in den Gemeinderat. Es ist die Zeit der großen sozialdemokratischen Reformhoffnungen (Motto: „Mehr Demokratie wagen“) und das Jahr, in der Brandt für seine Ostpolitik den Friedensnobelpreis erhält und der Autor dieses Beitrags den Jusos, den Jungsozialisten, beitritt.

Aufbruch und Niederlagen

Auch die Konstanzer SPD profitiert von der Euphorie. Dank eines Stimmenanteils von 36 Prozent zieht sie im Gemeinderat zum ersten und einzigen Mal mit der CDU gleich und gewinnt wie diese zwölf der 36 Sitze. In der Fraktion treffen dann die jungen „Vertreter der Universität“ auf die alten, aus der Arbeiterbewegung stammenden Granden wie den DGB-Vorsitzenden Erwin Reisacher, den Stromeyer-Betriebsratsvorsitzenden Erich Löhle oder auf Klara Leonhardt aus der Familie des SPD-Urgesteins Karl Großhans, die nach Kriegsende die Neugründung von SPD und Arbeiterwohlfahrt maßgeblich vorantrieb. Man kann sich denken, dass die Zusammenarbeit nicht immer konfliktfrei abläuft.

Obgleich mit um die dreißig noch immer im Juso-Alter, ist Leipold als Gemeinderat und Vorsitzender des Ortsvereins (1971–75) nicht mehr der Mann der Jungsozialisten, sondern ob seiner „bürgerlichen“ Politik oft im Konflikt mit dem jüngeren und radikaleren SPD-Nachwuchs.

Bald klärt sich seine politische Laufbahn. 1975 scheitert er krachend als Kandidat für den Bundestag, die CDU hat den Wahlkreis Konstanz zu ihren Gunsten neu zugeschnitten. Fünf Jahre später ein neuerlicher Anlauf zum Berufspolitiker, diesmal bewirbt er sich um die Nachfolge des sozialdemokratischen Sozial- und Kulturbürgermeisters Willy Weilhardt. Vergeblich. Eine Allianz aus CDU und Freien Wählern wählt statt seiner den CDU-Kandidaten und Einser-Juristen Wilhelm Hansen.

So bleibt Jürgen Leipold ehrenamtlicher Kommunalpolitiker. Oft im Doppelpack mit seiner Frau Brigitte, die, damals noch als Brigitte Salzer, mit ihm bereits 1971 für den Gemeinderat kandidiert hat. Auch Ehe und Familiengründung mögen ihn in Konstanz halten. Ab 1989 sitzen beide gemeinsam im Kreistag, 2004 wird Brigitte dann auch neben Jürgen in den Gemeinderat gewählt.

„Haushälter“ und Kulturpolitiker

Dort hat Jürgen Leipold nicht nur als Fraktionsvorsitzender eine Schlüsselstelle inne. Es ist zugleich der Haushaltsspezialist seiner Fraktion, und da kein städtisches Projekt ohne Geld auskommt, haben die „Haushälter“ stets großen Einfluss auf alle Politikbereiche.

Vor allem die Sorge um hohe Folgekosten macht ihn zum Gegner hochtrabender Pläne, Konstanz mit einem Konzert- und Kongresshaus zu beglücken. 2003 und 2010 beerdigen Bürgerentscheide entsprechende Vorhaben.

Als Leipold bereits aus dem Gemeinderat ausgeschieden ist, beschließt dieser am 23. Mai 2014 – drei Tage vor einer Neuwahl – bei nur drei Gegenstimmen den Kauf einer Industrieimmobilie für das Bodenseeforum. Ob die SPD auch unter seiner Führung für das Bofo gestimmt hätte? Zu gern glaubt man damals den blumigen Versprechungen des Kongressmanagers Michel Maugé, das Haus ließe sich profitabel betreiben. Als Konzerthalle ist es ungeeignet. Das in Wirklichkeit millionenschwere Betriebsdefizit des Bofo sorgt auch dafür, dass die Bodensee Philharmonie, solange es sie noch gibt, weiter im Konzil wird spielen müssen.

Leipolds zweiter kommunalpolitischer Schwerpunkt ist die Kulturpolitik. Gegen den Widerstand des vom Apotheker und Stadtrat (Freie Wähler) Ulrich Leiner angeführten konservativen Bildungsbürgertums orchestriert er 1979 die Wahl von Hans J. Ammann zum Intendanten des Stadttheaters – auch deshalb versauen ihm bald darauf die Freien Wähler den Aufstieg zum Bürgermeister. 2005 wirbt Leipold für Christoph Nix als Theaterchef, der sich mit gerade nur einer Stimme Mehrheit gegen die Konkurrenz durchsetzt.

Eher unfreiwillig hat Leipold auch einen kleinen Anteil an der Wahl des Grünen Horst Frank zum Oberbürgermeister (1996–2012). Vorausgegangen ist die Entscheidung des Gemeinderats, mit dem Neubau des Kulturzentrums am Münster das Naturkundemuseum in der Katzgasse aufzugeben und dort stattdessen die Volkshochschule einzurichten. Eine Steilvorlage im Wahlkampf für Frank, der sich als Grüner und früherer BUND-Vorsitzender an die Spitze einer Bewegung für den Erhalt des Museums setzt. Heute ist es im Sea-Life-Gebäude untergebracht.

Zuchtmeister, Stimmenkönig und Strippenzieher

Von allen vier Oberbürgermeistern, unter denen Leipold während 42 Jahren als Gemeinderat dient, ist der Umgang mit dem misstrauischen Einzelkämpfer Horst Frank wohl am konfliktreichsten. Gerade gegen Frank, der oft selbst über die grüne Gemeinderatsfraktion hinweg regiert, kann Leipold seine taktischen Fähigkeiten als Strippenzieher wechselnder parteiübergreifender Allianzen im Rat gut ausspielen – mal mit den Freien Wählern, mal mit der CDU, mal mit den Grünen.

Davon profitiert er auch bei Wahlen. Übers Panaschieren, also die Möglichkeit, seine Stimmen über mehrere Parteilisten zu verteilen, bekommt er bei der Gemeinderatswahl 1994 3000 Stimmen auf CDU-Wahllisten. 2000 Stimmen kommen von den Grünen und immerhin noch 1700 von den Freien Wählern. Leipold wird vor seinem CDU-Konkurrenten Wolfgang Müller-Fehrenbach („Mü-Fe“) Stimmenkönig. 

Seine Stadträt:innen hatte er stets gut im Griff. Anders als bei CDU und Grünen gab es in Leipolds SPD-Fraktion nur äußerst selten Abweichler:innen von der Fraktionsdisziplin. Meisterhaft beherrscht er auch das Spiel über die Bande. Will die SPD ein Vorhaben bei knappen Mehrheiten durchbringen, ist es von Vorteil, den Antrag nicht selbst einzubringen, sondern dies einer anderen Fraktion zu überlassen. Der man natürlich zum Ausgleich etwas anbieten muss.

Der lange Abschied

Anfang 2012 ehren Gemeinderat und Oberbürgermeister Jürgen Leipold für 40 Jahre Mitgliedschaft im Stadtparlament. Beim Festakt kündigt der Jubilar an, sich Schritt um Schritt aus der Politik zurückziehen zu wollen, beginnend mit der Aufgabe des Fraktionsvorsitzes.

Hanna Binder, Leipolds politische Ziehtochter im Gemeinderat, ist als Gewerkschaftsfunktionärin und Ehefrau von Europaminister Jürgen Friedrich schon mehr in Stuttgart als am Bodensee zu Hause und kommt deshalb für die Nachfolge an der Fraktionsspitze nicht infrage. Die Wahl fällt stattdessen auf Jürgen Puchta, der die Fraktion später im Streit verlassen und zu den Freien Wählern wechseln wird.

September 2013 und damit einige Monate vor Ende der Wahlperiode legen Brigitte und Jürgen ihr Mandat nieder. Sie geben ihren Nachrückern Bernd Sonneck und Zahide Sarikas damit die Chance auf mehr öffentliche Aufmerksamkeit.

Für den Kreistag treten die Leipolds 2014 noch einmal an. Er begleitet als Aufsichtsrat das Zusammenwachsen der Kliniken des neuen Gesundheitsverbundes Landkreis Konstanz und schluckt in dieser Funktion auch die umstrittene Abwicklung des Krankenhauses Engen. 2019 verlassen beide den Kreistag. Damit endet ein halbes Jahrhundert ehrenamtlicher Politik. Chapeau! 

Abbildungen: Porträt Jürgen Leipold (© Hella Wolff-Seybold) / andere Bilder: Screenshots des Videos der Uni Konstanz

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Die öffentliche Veranstaltung der SPD zur Ehrung von Jürgen Leipold wird am Donnerstag, 23. Juli, im Zunftsaal des Rosgartenmuseums stattfinden. Grußworte sprechen werden unter anderen Museumsleiter Tobias Engelsing – der auch Leipold seinen Job verdankt – und die Bundestagsabgeordnete Lina Seitzl.

Lesetipps: Jürgen Leipold, „Streifzüge durch meine Vergangenheit“, in: Bruder / Leipold / Seuffert (Hg.), „Schmuggler, Schmugglerinnen, Nachfahren. 150 Jahre Sozialdemokratie in Konstanz“ (Festschrift). 

Zur Vor- und Frühgeschichte der Uni hat Jürgen Leipold einen Beitrag in den Schriften des Vereins für die Geschichte des Bodensees verfasst: „Gründerjahre“

Zum 50-jährigen Jubiläum der Uni Konstanz 2016 sprach Sonja Schnappauf im Costa del Sol mit Jürgen Leipold über die Anfänge der Anfänge. Das Video ist hier zu sehen.

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