
Planung, Genehmigung und Baubeginn eines Datencenters in Beringen (Kanton Schaffhausen) fanden bisher nur wenig öffentliche Beachtung. Doch nun regt sich Widerstand. Nach der Räumung ihres Protestcamps im nahen Benken haben die Aktivist:innen der Gruppe „Aufstände der Allmende“ ihre Zelte nun diesseits der Grenze in Tengen (Landkreis Konstanz) aufgebaut. Und fordern: „KI kurzschließen“.
Die etwa fußballfeldgroße Serverfarm des US-amerikanischen Unternehmens STACK Infrastructure wird mit einem kalkulierten Stromverbrauch von jährlich 350 Gigawatt auf einen Schlag den Stromverbrauch des gesamten Kantons Schaffhausen um 75 Prozent erhöhen. Zeitlich parallel zum Bau des Rechenzentrums planen die Kantone Schaffhausen und Zürich am Rheinfall ein unterirdisches Kraftwerk, das dem Wasserfall ein Fünftel seiner Wassermenge entziehen und die Attraktivität des Naturschauspiels sichtbar mindern würde.
Dabei ist das Datencenter nicht nur ein gigantischer Stromfresser. Es wird mit 55.000 Kubikmetern so viel Wasser verbrauchen wie etwa 600 Zwei-Personen-Haushalte. Ungelöst ist die Verwendung der beim Kühlen der Rechner entstehenden Abwärme. Die Anlage wird im Endausbau jährlich etwa 80 Gigawattstunden (GWh) Abwärme produzieren, wovon nach einer Machbarkeitsstudie nur ein Bruchteil unmittelbar als Fernwärme in der 5000-Seelen-Gemeinde Beringen genutzt werden kann.

Für eine rentable Weiterleitung ins gerade nur fünf Kilometer entfernte Schaffhausen ist die thermische Leistung der Serverfarm indes zu gering. Zu diesem Schluss kommt Energie 360°, ein auf Wärmenetze spezialisierten Energieunternehmen der Stadt Zürich. Andreas Uhr von Energie 360° erklärt es so: „Damit ein Wärmeverbund in der Stadt [Schaffhausen] mit der Wärme des Datencenters rentabel ist, brauchen wir einen Absatz von 110 bis 120 Gigawattstunden pro Jahr.“
Eine Machbarkeitsstudie der Firma Amstein+Walthert konstatiert demgegenüber, dass „mit thermischen Netzen maximal ca. 26 GWh/a (maximale Vernetzung) genutzt werden können, was einem Anteil von ca. 30 Prozent der mindestens erwarteten Abwärmemenge im Endausbau entspricht. Somit gibt es […] einen Abwärmeüberschuss.“
Das heißt: Ein Wärmeverbund in der Munotstadt ist mit der zur Verfügung stehenden Abwärme noch gar nicht rentabel zu realisieren – oder würde für die Verbraucher:innen unrealistisch hohe Energiepreise bedeuten.
Datenzentren auf der Suche nach Strom und Wasser
In der Baugenehmigung für die Serverfarm ist die Verwertung der Abwärme kein Thema. Erst seit einer Revision des kantonalen Energiegesetzes im Mai 2025 müssen Energiegroßverbraucher nachweisen, was sie mit der Abwärme machen. STACK Infrastructure stellt sie allfälligen Nutzern immerhin kostenfrei zur Verfügung – und ist froh, wenn ihm jemand dieses Problem abnimmt.
Um auch die im Sommer anfallende Abwärme verwerten zu können, wird angedacht, eine Kiesgrube zu einem künstlichen See umzubauen, der als saisonaler Wärmespeicher dienen soll. Dazu Beringens Gemeindepräsident Roger Paillard: „Diese Art von Wärmespeicher ist beispielsweise in Dänemark bereits im Einsatz, in der Schweiz hingegen noch überhaupt nicht. Das Projekt würde voraussichtlich rund 20 Millionen Franken kosten und wäre damit für uns als Gemeinde und auch für den Kanton alleine nicht zu stemmen.“
Und wer soll’s bezahlen? „Ich würde es sehr begrüßen, wenn der Kanton in der Frage der saisonalen Speicherung beim Bund vorstellig werden würde, um gemeinsam ein entsprechendes Projekt zu initiieren“, schiebt Paillard die Kostenkarte weiter.
Höhere Steuereinnahmen durch das Datencenter erwartet der Gemeindepräsident zunächst nicht. „Da es sich um ein sogenanntes Colocation-Datencenter handelt, wird die verfügbare Fläche von STACK Infrastructure an Drittfirmen vermietet. Welche das sein werden und inwiefern Beringen steuerlich davon profitiert, wissen wir wohl erst in einigen Jahren.“
Seine günstige Lage an der Datenautobahn von Zürich, wo die Dichte der Tech-Unternehmen inzwischen höher als im Silicon Valley, über Stuttgart zum Internetknoten Frankfurt prädestiniert den Kanton Schaffhausen für dieses und weitere Datencenter. So ist die Serverfarm von STACK Infrastructure erst der Anfang. Wie die Schaffhauser Nachrichten berichten, wurden bereits Vorverträge für ein zweites Datencenter in Beringen unterzeichnet – womit dann auch die Abwärme rentabel zum Heizen in Schaffhausen verwendet werden könnte. Ein drittes und noch größeres Datencenter, hinter dem Amazon stecken soll, ist bei Herblingen im Gespräch.
Big-Tech und andere Investoren der Serverfarmen suchen nach Standorten mit einer guten Wasser-, Stromnetz- und Glasfaserinfrastruktur, die mit öffentlichen Geldern gebaut wurde. Forschende nennen dies Infrastruktur-Extraktivismus. Im Rechenzentrum-Boom wird besonders Strom zu einer knappen Ressource.


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