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Engagiert und widerspenstig: Wer wars? (79)

Von Brigitte Matern
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Die dahergelaufene Aufklärerin

Es war nicht nur eine Frage der Sittlichkeit, die Zukunft der gesamten Schweiz stand auf dem Spiel: Ein „Volk, das seinen Bestand nicht mehr durch eigenen Nachwuchs sicherzustellen vermag“, so Bundesrat Philipp Etter 1940 auf dem Schweizer Ärztetag, das beginne, „an seiner Unsterblichkeit zu zweifeln“. Kurze Zeit später erging an die kantonalen Gesundheitsbehörden die Empfehlung, keine öffentlichen Vorträge über Geburtenregelung mehr zu genehmigen. Für die Vierzigjährige war das nichts Neues. Einige Jahre zuvor schon hatte man ihr in den Kantonen Glarus und Solothurn Redeverbot erteilt: „Wir haben es nicht nötig, uns Aufklärung zu verschaffen von einer aus Russland dahergelaufenen Frau“, empörte sich damals der Solothurner Regierungsrat Otto Stampfli. 

Die Dahergelaufene – ein „frohes Naturkind“ mit „zwei Doktorhüten auf seinem Lockenkopf“, das „weder durch göttliche noch gottlose Religiosität verunziert war“ (wie ihr Ehemann später frohlockte) – kam 1880 im zaristischen Pinsk zur Welt. Die Tochter eines jüdischen Privatgelehrten war intelligent, gebildet und sprachbegabt. Und so zog sie 1902 nach Bern, studierte Philosophie, promovierte und setzte anschliessend noch ein Medizinstudium obendrauf. 

Dann begegnete sie einem geistesverwandten Zürcher Anarchisten, heiratete ihn und betrieb mit ihm in einem Arbeiter:innenquartier eine Arztpraxis, wo sie das Elend und die Nöte der Frauen kennenlernte – und sich in einen langen Kampf warf: für kostenlose Aufklärung und Verhütungsmittel, gegen die verheerende Sexualmoral und das noch verheerendere Abtreibungsverbot. Sie schrieb für die kommunistische Frauenzeitschrift „Der Weg der Frau“ (ohne Mitglied der Partei zu sein), hielt Vorträge in Quartieren und auf Kongressen, engagierte sich national im „Aktionskomitee für Geburtenregelung und Sexualberatung“, international im Netzwerk der Sexualreformer:innen, warb unermüdlich für Mutterschaftsurlaub und Stillpausen in den Betrieben und für ein erfülltes Liebesleben auch der Frau. 

1942 wurde das Abtreibungsverbot im neu verfassten Schweizer Strafgesetzbuch fortgeschrieben, auch die Hoffnung auf eine freiheitliche Sowjetunion hatte sich längst zerschlagen. Dann starb unerwartet ihr Mann. Sie betrieb die Arztpraxis noch eine Weile weiter, zog dann als Aufbauhelferin in einen israelischen Kibbuz und kehrte schließlich hochbetagt in die Schweiz zurück.

Wer war die 1967 verstorbene Sozialreformerin und scharfe Kritikerin der traditionellen Ehe, nach der in Zürich ein halber Platz benannt ist?


Die Auflösung erscheint am kommenden Montag.