
Am 23. Mai 1949 verkündete in einer feierlichen Sitzung der „Parlamentarische Rat“ das von ihm erarbeitete Grundgesetz der neuen Bundesrepublik Deutschland. In diesem Jahr wurde der 23. Mai vom Bundespräsidenten zum „Ehrentag“ des Grundgesetzes erklärt – alle Bürger:innen sind dazu aufgerufen, sich zwischen dem 16. und dem 31. Mai mit Aktionen zu beteiligen. In Konstanz sind die private Initiative „Brauchbarschaft“ und die Universität dabei.
Mit einem Klingelton fällt die Tür des Ladens hinter mir zu. Ich bin irritiert. An diesem Vormittag hatte ich mich entschlossen, Flyer und Poster für die Veranstaltung „Ein gleiches Recht für alle?“, die die Universität am 18. Mai anlässlich des Ehrentages des Grundgesetzes abends um 18 Uhr in der Bibliothek organisiert, zu verteilen. Easy. Es gibt die großen Ketten, die ohnehin weder Flyer noch Poster nehmen und den Konstanzer Einzelhandel sowie Cafés, die je nach ihren Möglichkeiten eher unterstützend sind. Manchmal gibt es ein ‚Nein‘, weil es einfach keine Auslagemöglichkeiten gibt. Manchmal legen auch kleinere Läden aus Prinzip keine Flyer aus. Kein Problem. Aber mit dieser Reaktion hatte ich nicht gerechnet.
Der Ladeninhaber, ein älterer Herr, nimmt den Flyer in die Hand und liest ihn durch. Dann schaut er mich an und beantwortet meine Frage, ob ich Flyer auslegen dürfe, mit dem Satz „Dafür nicht.“ Mir fällt keine Antwort ein. Ich murmele „okay“ und verlasse den Laden. Danach ärgere ich mich, dass ich ihn nicht gefragt habe, was genau ihn den an dieser Veranstaltung störe, so dass er sie auf gar keinen Fall bewerben wolle. Hat er etwas gegen das Grundgesetz? Oder nur gegen den Veranstalter, die Universität? Ist er einer von den vielen Enttäuschten, die finden ‚die da oben‘ machten ja eh, was sie wollten? Gefällt ihm der Text des Flyers nicht? Findet er Figurentheater blöd? In mir arbeitet es. Und ich merke, dass bereits das Auslegen eines Flyers, das Hängen eines Plakates eine soziale Handlung ist – aktiv gelebtes Miteinander.
Werbung im (nicht-)öffentlichen Raum
Niemand muss schließlich kostenlos Raum zur Verfügung stellen, damit andere ihre Aktivitäten bewerben können. Das macht man, weil man es gut findet, in einer Stadt zu leben, in der Lesungen, Konzerte, Vorträge, Theateraufführungen, Flohmärkte und vieles andere mehr stattfinden. Man macht das, um Partizipationsmöglichkeiten zu vergrößern. Und man sollte es nicht kleinreden: Flyer und Poster machen Arbeit. Die übrig gebliebenen Flyer vergangener Veranstaltungen sammelt schließlich niemand wieder ein. Und keine:r putzt die Fenster, nachdem man den Tesafilm des angeklebten Posters abgeknibbelt hat. D. h.: Flyern zu ermöglichen, Poster kostenfrei zu hängen, ist gelebtes soziales Engagement. Die meisten wollen ja auch wissen, wofür da in ihrem Raum geworben wird. Und manche interessieren sich ganz aktiv dafür, fragen nach, geben Flyern besondere Plätze.
Der amerikanische Ethnologe David Graeber nennt dieses Verhalten ‚ursprünglichen Kommunismus‘ – damit ist gemeint, dass wir Menschen eigentlich zur Kooperation neigen – so wie alle Wesen, die in Gruppen leben und aufeinander angewiesen sind. Wir wollen kein Geld, wenn wir jemandem die Einkaufstaschen die Treppen hinauftragen, die Tür aufhalten, die Uhrzeit sagen oder eine Zigarette verschenken. Menschen sind durchaus bereit, Zeit und Energie für die Bedürfnisse anderer einzusetzen.
Genau das ist die Idee hinter dem „Ehrentag“, den der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gerade für den Jahrestag der Grundgesetzveröffentlichung anberaumt hat. Jedes Jahr am 23. Mai feiern wir unsere Verfassung, wenn auch nicht mit einem gesonderten Feiertag – und so begrenzt sich die Idee dieses Ehrentages auch nicht auf einen einzelnen Tag, sondern Steinmeier hat einen Aktionszeitraum von zwei Wochen um den 23. Mai herum ausgerufen: vom 16. bis 31. Mai sollen sich an möglichst vielen Orten Deutschlands Menschen zu verschiedenen Veranstaltungen treffen und im gemeinsamen Tun daran erinnern, dass das Grundgesetz der für uns alle bindende Rahmen unseres Gemeinwesens darstellt.
Es stellt die Würde freier Gleicher – die klassische republikanische Trias aus Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit – ins Zentrum unseres Miteinanders, den Respekt voreinander, vor der Freiheit des je anderen – anders aussehenden, anders glaubenden, anders meinenden –, die gleichzeitig auch die Grenze meiner eigenen Freiheit darstellt. Darauf, so meinte schon der jüngst verstorbene Philosoph Jürgen Habermas, dürfen wir durchaus stolz sein und während ein Patriotismus, der sich auf die Nation, das ‚Vater‘land, das ‚Volk‘ gar beruft, in Deutschland historisch schwer belastet ist und auch jenseits solcher Belastungen eben den je anderen keinen Raum lässt, sondern aus- und abgrenzt, ist ein Patriotismus, der sich auf diesen Text beruht, ganz anderer Natur.
Der neue Ehrentag für das Grundgesetz
Der Staat ist hier sekundär gegenüber mitbürgerlichen Praktiken, die sich auf dem Fundament gemeinsamer Werte entfalten. Genau aus diesem Geist heraus entwickelte der Bundespräsident mit der Stiftung für Engagement und Ehrenamt die Idee eines Ehrentages des Grundgesetzes.
„Demokratie lebt von Menschen, die mitmachen, die Verantwortung übernehmen und die unsere Gesellschaft mitgestalten. Gemeinsam mit der Deutschen Stiftung für Engagement und Ehrenamt habe ich den ‚Ehrentag‘ ins Leben gerufen. Unter dem Motto ‚Für Dich. Für uns. Für alle‘ wollen wir an diesem Tag gemeinsam anpacken und zeigen, wie vielfältig das Engagement in unserem Land ist. […] Jede noch so kleine Aktion zeigt die Größe der Idee.“
Nationale Feiertage haben ja sonst eher etwas Staatstragend-Erstarrtes mit Kränzen und ebenso weihevollen wie inhaltsarmen Reden. Der Ehrentag vertritt eine doppelt andere Vision: einerseits will er dezentral sein und damit „fröhlicher und lebendiger und an vielen Orten zugleich“. Andererseits will er aber eben nicht nur „feiern“, sondern auch motivieren. Er will Aktivitäten und Engagement sichtbar machen, aber ebenso dazu anregen. Er will also selbst sich den Feinden unserer Verfassung, die unsere Demokratie bedrohen, aktiv entgegenstellen.
Ob ein Feiertag eine Schubumkehr leisten kann? Wohl kaum. Ob es Deutschland nicht dennoch gut tut, den Blick weg von Problemen und ihrer (im besten, wenn auch keineswegs dem einzig möglichen und tatsächlichen Fall) bloßen Verwaltung durch eine visionsfreie Politik, zu richten, scheint mir eine eher rhetorische Frage: natürlich braucht es immer wieder die Wende auf’s Positive, auf’s Mach- und Gestaltbare. Sonst lässt sich der ganze Blödsinn ja kaum aushalten und dann haben die Feinde von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit es verdammt leicht. Kann man ja eh nix machen … Eben doch!
Veranstaltungen in Konstanz rund um den 23. Mai
In Konstanz beteiligen sich die Initiative „Brauchbarschaft“ mit zwei Aktivitäten und die Universität mit einer Abendveranstaltung am „Ehrentag des Grundgesetzes“. Über 2000 verschiedene Aktionen sind deutschlandweit geplant und können auf der Website des Ehrentages über eine interaktive Karte gesucht und gefunden werden. Den Auftakt macht in Konstanz die Aktion „Zusammen nähen“ am 16. Mai um 11 Uhr: „Selbst nähen statt aus dem Internet bestellen, kurz flicken statt wegwerfen, upcyceln statt neu kaufen – das alles schont die Umwelt und geht, wenn man Nähen kann. […] Wir stellen euch Nähmaschinen, Schnittmuster, eine Vorlage und engagierte Näherinnen zur Seite und nähen gemeinsam zwei Kleider und eine Wickelhose.“ Die Aktion wird ebenfalls am 23. Mai, 11 Uhr, angeboten.
Ebenfalls am 16. Mai, nur zwei Stunden später um 13 Uhr, gibt es ein Dungeons&Dragons Rollenspielangebot, das „Helden im Ehrenamt“ feiert: „Es können feste Gruppen mitmachen,oder einzelne Spieler:innen; Profix und alle, die nur mal reinschnuppern wollen […].“ Zu diesen beiden Angeboten muss man sich auf den angegebenen Websiten anmelden.

Die Veranstaltung der Universität „Ein gleiches Recht für alle?“ kann ohne Anmeldung besucht werden. Am 18. Mai um 18 Uhr eröffnet die Rektorin der Universität, Prof. Dr. Katharina Holzinger, die Veranstaltung mit einem Grußwort. Die Figurenspielerin Franziska Fröhlich (seemoz berichtete über sie bereits hier) erzählt mit der Handpuppe „Frau Selbert“, wie es dazu kam, dass die Juristin Dr. Elisabeth Selbert die Formulierung „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ trotz aller Widerstände ins Grundgesetz brachte.
Die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Christina Zuber und der Verfassungsrechtler Prof. Dr. Marten Breuer kontextualisieren den Gleichberechtigungsartikel in einem Podiumsgespräch. Frau Fröhlich lädt alle Teilnehmenden zu einer gemeinsamen Mitmachaktion ein. Der Abend klingt mit der Eröffnung der von Studierenden entwickelten Ausstellung „Literatur und Menschenrechte“ (unter Leitung der Germanistin Dr. Sarah Seidel), die bereits im letzten Jahr in Biberach gezeigt wurde, aus.

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