Hände © myriams fotos via pixabay

Erzählen am Lebensende – Zeugenschaft und Gabe

Von Albert Kümmel-Schnur
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Die Universität lädt wieder zu Vorträgen in der Aussegnungshalle des Friedhofs ein. Es geht um Geschichten, die man sich auf dem Friedhof erzählt und solche, die der Friedhof als Ort erzählt. Unser Autor hat sich mit Marie-Luise Hettinger-Hanke und Alois Witzigmann, die als ehrenamtliche Mitarbeiter:innen des Hospizvereins Sterbende begleiten, über ihr Seminar für Studierende unterhalten.

Die Liebe, so sagt man, sei das geschwätzigste aller Gefühle: Liebesschwüre, Liebessehnen, Liebeskummer bevölkern die Weltliteratur. Vom Tod vermutet man eher, dass er – wenn der Tod denn ein ‚Er‘ sein sollte und nicht vielmehr, wie der italienische Philosoph Giorgio Voghera vorschlägt, eine Dame: Nostra Signora Morte – kein Wesen vieler Worte ist. „Der Rest“, lässt Hamlet vor seinem Tod verlauten, „ist Schweigen.“

Das mag vielleicht stimmen für jenen unbestimmbaren ‚Rest‘ jenseits des Grabes, jenen ‚Rest‘, der – vielleicht – bleibt, wenn man schon gegangen ist. Und doch beinhaltet die Verwendung des Verbs ‚gehen‘ mehr. Viele meinen, das sei ein pietät- oder schamvolles Schweigen. Ich meine, dass die Vielzahl der Verben, mit denen man das Sterben belegt – umkommen, abkratzen, fallen, draufgehen, dahinscheiden, krepieren, entschlafen, heimgehen … – ganz verdichtete kleine Erzählungen nicht des Todes, aber doch von ihm oder ihr sind. Es sind Beschreibungen von Möglichkeiten des Sterbens. So, wie wir alle nicht dasselbe Leben führen, so bleibt auch der Tod je-meinig: als konkrete Erfahrung betrifft er nur und ausschließlich mich, unteilbar. Und vielleicht ist gerade deshalb das Ereignis ‚Lebensende‘ so geschichtenträchtig, erzählungsbedürftig. Vielleicht gerade, weil es sich der Erfahrbarkeit entzieht und auf sinnhafte Füllung drängt.

Das offene Ohr

Der Tod ist medial hochpräsent – in jedem Nachrichtenkanal, jedem Krimi, jedem Computerspiel ist er da, deutlich, blutig, Leichen hinterlassend. Der Tod als persönliche Erfahrung – in der Begleitung sterbender Angehöriger oder Freundinnen* oder auch sein Wahrscheinlicherwerden in schweren Krankheitsphasen oder das dissoziative Erleben sogenannter Nahtod-Momente bei Unfällen oder Gewalttaten – ist in unserer Mehrheitsgesellschaft versteckter. Und beides scheint herzlich unverbunden nebeneinanderzustehen: die Tatortleiche hilft bei der Bewältigung der eigenen Erfahrung eher wenig. Da braucht es das gesprochene und geschriebene Wort, die tröstende Geste, das offene Ohr.

Das Team Transfer Lehre der Universität hat sich deshalb entschlossen, das Erzählen in den Mittelpunkt einer Vortragsreihe zu stellen, die einmal im Monat stattfindet. Das Erzählen des bereits eingetretenen Todes in den Ritualen der Bestattung und den Formen des Erinnerns und Gedenkens auf dem Friedhof, aber auch das Erzählen der Sterbenden kurz vor dem Tod. Die Reihe ist Teil eines Seminars, das zwei Sterbebegleiter:innen des Hospizvereins, Marie-Luise Hettinger-Hanke und Alois Witzigmann, für Studierende anbieten.

An einem sonnigen Freitagvormittag treffe ich die beiden in den schönen, lichten Räumen des Hospizvereins in der Talgartenstraße. Alois steht an der Tür und wartet, während ich mein Fahrrad abschließe. Marie-Luise ist schon da. Wir treffen an der Kaffeemaschine zusammen und setzen uns dann in den Stuhlkreis eines der Küche benachbarten Gesprächs- und Begegnungsraums.

Im Dämmerzustand

„Ich habe eigentlich eher mit der letzten Phase des Lebens zu tun, also dann, wenn man den Eintritt des Todes absehen kann. Da rufen die Palliativ- oder Pflegestationen an – selten aus der Familie von zuhause, da sind dann ja bereits Menschen vor Ort“, sagt Marie-Luise. „Sterbende befinden sich zu dem Zeitpunkt meist in einer Art Dämmerzustand. Die ganzen Funktionen des Körpers lassen nach. Sprachliche Kommunikation ist kaum noch möglich. Ich rede kaum mit ihnen. Wer noch wach ist, will oft gar nicht reden, ist aber doch froh, wenn jemand da ist. Auf dieser Schwelle geschieht jedoch viel. Anfangs habe ich das kaum gespürt, inzwischen aber nehme ich das sehr deutlich wahr. Es gibt eine Palliativmedizinerin, Claudia Bausewein, die ebenfalls die Ansicht vertritt, dass in dieser Zeit zwischen Leben und Tod ganz viel passiert.“

Alois stimmt zu: „Ich mache eher längere Prozesse, manchmal bis zu zwei Jahren – da kann natürlich eine andere Beziehung entstehen. Gerade begleite ich jemanden auf einer Demenzstation und erlebe eine völlig andere Art der Kommunikation. Da findet eine Kommunikation statt, die kaum Sachinhalt hat. Es geht um eine ganz andere Form der Begegnung. Es geht um einen freundlichen, warmen Umgang – von der Seite des Gegenübers kommen dann vielleicht nur irgendwelche Worthülsen, aber es kann trotzdem ein ganz, ganz schöner, warmer Kontakt entstehen.“

„Das sind ja hochanspruchsvolle Kommunikationssituationen“, frage ich nach, „Wie lernt man so etwas? Und wie kommt man zu der Entscheidung, Sterbende zu begleiten?“

Begleitung und Austausch

„Ich habe meinen Vater begleitet, ich habe meine Mutter begleitet – das machen ja viele. Aber das war nicht meine Motivation. Ich wollte einfach nach der Rente irgendwas machen und wusste, dass hier im Hospizverein eine sehr gute Atmosphäre herrscht. Hier geht man sehr warmherzig und wertschätzend mit Ehrenamtlichen um. Jetzt nach acht Jahren kann ich sagen, dass mich diese Arbeit erfüllt und bereichert.“

„Auch ich habe meine Eltern begleitet. Mein Zugang zur Sterbebegleitung ist ganz ähnlich“, sagt Alois, „Ich finde den Tod faszinierend, aber ich finde auch das Leben faszinierend. Mit unserer Geburt erhalten wir die Diagnose, sterblich zu sein. Und das finde ich außerordentlich bereichernd. Ich habe überlegt, was ich mit dem, was mir an Jahren bleibt, noch machen will und kann. Ich habe mich entschieden, anspruchsvoller zu werden, keine Zeit mehr mit irgendwelchem unwichtigen Zeug zu verbringen. Ehrenamtlich zu arbeiten, das heißt für mich auch, dass ich meine Zeit nicht in Euro umrechnen muss, sondern das einfach zu tun, weil es mich anderweitig bereichert. Sterbebegleitung ist für mich eine Win-Win-Situation.“

Marie-Luise ergänzt: „Ich hatte gehofft, dass durch die Beschäftigung mit dem Thema auch meine eigene Angst vor dem Sterben kleiner wird. Das hat sich zwar so nicht erfüllt, aber ich finde, dass ich nun besser weiß, wie Sterben geht. Der Tod hat sein Rätsel verloren. Ich habe ganz unterschiedliche Menschen, ganz unterschiedliche Sterbeprozesse begleitet.“

Auf Gegenseitigkeit

„Und die Ausbildung?“, hake ich nach. „Es gibt einen verpflichtenden Kurs, bei dem es vor allem um die hospizliche Haltung geht.“ Die ‚hospizliche Haltung‘ steht im Zentrum von Hospizarbeit. Man begleitet wertschätzend, auf Augenhöhe, in wechselseitigem Austausch und vor allem: urteilsfrei. Es geht nicht darum, andere auf einen bestimmten Weg zu bringen. Alois interveniert sogar, als ich von ‚begleiten‘ spreche und erläutert, dass es wirklich um wechselseitigen Austausch, um eine Interaktion geht, die beide Kommunikationspartner stärkt und wachsen lässt.

„Wir sind da aber nicht die Helfer:innen, die etwa wüssten, was nun zu tun oder zu sagen wäre. Wir kommunizieren auf Augenhöhe – denn uns bereichern diese Begegnungen ebenfalls.“ Übung, das sei das Wichtigste, meint Marie-Luise: „Wir machen Übungen in Wahrnehmung, in Kommunikation, beschäftigen uns mit der Situation, die auf uns zukommt und was da so geschehen könnte. Die Vorbereitung besteht aus vielen Übungen und Wissen über die Themen, die für eine Begleitung wichtig sind. Auch der Gruppenprozess ist wichtig. Wir lernen einander kennen.“ „Zweierübungen zählen inzwischen ganz zentral zum Programm. Und die tragen wesentlich dazu bei, dass ein Feld existentieller Berührung entsteht.“

„Es geht natürlich auch um Wissen aus Artikeln, Filmen, Büchern. Das Gelesene oder Gesehene wird dann zu zweit besprochen. Da geht es, finde ich, um das Entwickeln einer Haltung.“ „Und ganz wichtig ist auch der Umgang miteinander: Du bist richtig, so wie Du bist. Wir haben hier ganz unterschiedliche Menschen, die ganz unterschiedlich mit dem Thema umgehen, ganz unterschiedliche Qualitäten mitbringen. Man lernt hier also nicht den einen richtigen Weg zu kommunizieren oder wie man bestimmte Methoden einsetzt.“

Erzählen, wie das Leben war

Ich will wissen, ob es tatsächlich so ist, dass das Redebedürfnis am Lebensende steigt. Man stellt sich ja gern vor, dass es noch etwas zu sagen gäbe, dass man sich vielleicht etwas von der Seele reden muss oder letzte und durch den nahenden Tod besonders dringliche und eben deshalb auch tiefe Erkenntnisse teilen. Kommt drauf an, meint Marie-Luise und erzählt: „Ein Sterbender hat bis zum letzten Atemzug die Süddeutsche Zeitung gelesen. Das war ihm ganz wichtig.“ Sie ergänzt: „Dieser Wunsch, jemandem zu erzählen, wie das Leben war, den gibt es schon bei vielen.“

Alois deutet die Erzählsituation als Zeugenschaft: „In einem Fall wurde ich zum Zeugen gemacht einer Lebensgeschichte, die der Sterbende mir, aber auch sich selbst immer wieder erzählte. Es waren immer Geschichten, in denen er eine ganz wichtige Rolle hatte. Das war im Alltag anders: niemand ist gern zu ihm gegangen, weil er sowas von ruppig und unangenehm war – aber das konnte ich mit ihm nicht thematisieren. Da war er einfach in seiner Bubble – und das erlebe ich häufiger, dass diese Menschen sehr stark daran interessiert sind, die gleichen Geschichten immer zu wiederholen. Es geht um das Be- oder, manchmal habe ich den Eindruck das Er-zeugen einer Erzählung, eines Narrativs. Eigentlich ist ja alles Narrativ, alles ist Erzählung. Manchmal denk‘ ich mir, es geht nicht nur um das Leben, sondern um dieses Leben, was ich mir da zurechterzähle. Eigentlich ist man immer daran interessiert – bewusst oder unbewusst –, dass irgendjemand die eigene Geschichte bezeugt.“

Mir leuchtet das so ein: Bin ich dagewesen, also überhaupt gewesen, habe ich gelebt, wenn es kein Du gibt, das dieses Leben bezeugt, das meine Geschichte hört und damit mich wahrnimmt? Du hast gelebt. Kann man sich das selber sagen? Oder braucht es dazu nicht immer ein Du? Und kann dieses Du eben auch eine fremde Person sein – eine Sterbebegleiterin, ein Sterbebegleiter am Ende meiner Zeit? Gibt es ein Ich ohne Du? Kann ich dieses Du auch selber sein – meine ganz private Bubble? Ich-Meiner-Mir-Mich? Oder braucht es einen ganz realen Anderen? Den kleinen anderen oder gar den großen Anderen – das Spirtuelle, Kosmische, Göttliche? Kann das Universum mich sehen? „Religio“, überlegt Alois, „heißt ja ‚Rückbindung‘ – also die Wiederanbindung an etwas Größeres … da macht dann die Religion sofort ein Narrativ draus, aber eigentlich geht es einfach um diese Rückbindung (Alois beschreibt mit den Händen einen weiten Bogen) – von vor der Geburt bis nach dem Tod – und natürlich auch die kleine Zeitspanne, die dazwischen liegt.“

Erzählen, reflektieren und festhalten

Marie-Luise erinnert an das Angebot des Storytelling – Zuhörende oder Angehörige machen ein Buch, ein Dokument aus dieser Erzählung eines Lebens, eines Lebens, das zu Ende geht. „Nicht immer können wir ‚selbstbestimmt‘ sterben – aber vielleicht selbstwirksam und in Übereinstimmung mit uns selbst. Das Erzählen, Reflektieren und Festhalten der eigenen Lebensgeschichte im Angesicht des nahenden Todes kann dabei ein entscheidender Faktor sein“, schreibt Sabrina Görlitz, eine Sterbebegleiterin, die das gezielte Erzählen als Form der Abschiednahme nutzt. ‚Palligraphie‘ nennt sie das (https://storycare.de/).

Marie-Luise betont: „Ich habe ja keine pflegerische Aufgabe. Ich bin dafür da, mit jemand zu reden, jemanden nochmal kennenzulernen, wenn das noch geht.“ „Noch einmal das Verbindende zu betonen und nicht das Trennende, das steht im Kern meiner Auffassung von Sterbebegleitung. Deshalb ist es auch gut, dass wir hier unter den fast 200 Sterbegleiter:innen in Konstanz so verschiedene Menschen, Geschichten, Kompetenzen haben, so dass man immer gut schauen kann, was passt. Es spielt eben gar keine Rolle, welche Meinung Du hast, welchen Beruf und welchen Status im Leben – wir docken an einer tieferen Ebene von Menschsein an.“

Da merkt man dann, dass das Sprechen und Erzählen am Lebensende sich vielleicht doch gar nicht so sehr unterscheidet vom Sprechen in anderen Situationen. „Viele haben gar nicht gelernt, zu sprechen, haben nicht gelernt, über das zu sprechen, was sie ganz, ganz tief bewegt.“ Marie-Luise nickt: „Aber wenn der Moment kommt, sind wir bereit.“

Veranstaltungen

Alle Vorträge in der Reihe „Geschichten auf dem Friedhof“ finden in der Aussegnungshalle des Konstanzer Hauptfriedhofs statt, beginnen um 18 Uhr und enden um 19 Uhr.

6. Mai, Hermann-Josef Krug, Künstler und Kunstwissenschaftler: Nähe in der Ferneeine Annäherung an den anderen Ort

17. Juni, Damian Brot, Pfarrer des Open Place Kurzrickenbach: Getrennt in Kontakt. Formen der Begegnung zwischen Lebenden und Toten

8. Juli, Myriam Gautschi, Architekturprofessorin an der HTWG Konstanz: Raum für TrauerAtmosphären des Abschieds

Das Programm kann hier auf der Website des Teams Transfer Lehre der Universität eingesehen und heruntergeladen werden.

Den ersten Vortag dieser Reihe können Sie sich hier anhören.

Die Vorträge des letzten Semesters können unter dieser Internetadresse angeschaut werden.

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