Bahnhof 2026 05 03 © harald borges

Nur die dümmsten Kälber …

Von Harald Borges

Nun hat auch Konstanz eine eigene aktuelle Ausgabe von Monopoly. Bereits im Vorfeld war die Werbetrommel heftigst erklungen, gefühlt die halbe Stadt hatte über die Straßennamen abgestimmt. Herausgekommen ist eine platte Mischung aus Werbung und Kommerz, die einem den letzten Spaß an diesem (vor allem für Kinder nervenzerfetzenden) Spiel mit der Raffgier raubt.

Die Konstanz Edition wurde bereits lange vor Erscheinen publicityschwanger als zutiefst demokratische Angelegenheit mit Eventcharakter aufgezogen. Die Konstanzer*innen erkannten ihre Chance und wählten brav die Namen jener Straßen aus, in denen ihnen die Vermieter:innen das Fell über die Ohren zu ziehen pflegen. Aus den ursprünglich 208 durch mehr als 12.000 Einwohner vorgeschlagenen Straßen, so ließen sich die Gestalter:innen in der lokalen Monopol-Tagespresse zitieren, „erhielt die Marktstätte mit 2170 die meisten“ der insgesamt 30.000 Stimmen.

Auch ich will Kasse machen

Wenn man davon ausgeht, dass die meisten Abstimmenden Mieter:innen waren, ist da eine echte Volksbewegung in Gang gekommen: Auch ich will die Anderen mit meinen Häusern und Hotels an den Bettelstab bringen! Die – durchaus realitätsnahe – Spielidee von Monopoly wirkt also auch heute noch elektrisierend: Sei niederträchtig, geldgeil und gemein, dann bringst Du es zu etwas (wenn Du nicht das Pech hast, wegen irgendwelcher anderweitigen Lappalien rein zufällig für ein paar Minuten im Gefängnis zu landen).

Ein Spiel gegen die Bodenspekulation

Schon die Geschichte dieses Spiels, das mit der aktuellen Konstanz-Edition einen neuen Tiefpunkt erklommen hat, zeigt, wie eine gut gemeinte Sache vor die Hunde gehen kann, wenn sie in die falschen Hände gerät.

Die Grundidee des Spiels beruht auf einem anderen Spiel, „The Landlord’s Game“ (etwa „Das Vermieterspiel“), einem bereits am 5. Januar 1904 von der vielseitigen Elizabeth „Lizzie“ Magie (1866-1948) patentierten Brettspiel. Sie war nicht nur Quäkerin, sondern auch eine Anhängerin des Georgismus, einer damals einflussreichen ökonomischen Theorie, „nach der alle natürlichen Ressourcen – insbesondere Grund und Boden – der gesamten Menschheit gehören“ und dementsprechend hoch besteuert werden müssten, wenn sie sich in privater Hand befinden.

Im Kern handelte es sich also ein sozialreformerisches Ansinnen, das auf die schon damals unübersehbare Verelendung großer Teile der Bevölkerung etwa New Yorks im Gegensatz zum Reichtum einiger weniger Reicher reagierte. Der Vordenker Henry George betrachtete den Landbesitz einiger und deren Bodenspekulationen als Hauptursachen des Massenelends und der Wirtschaftskrisen. Eine damals ebenso populäre wie einseitige Sicht der Dinge. Marx schrieb 1881 denn auch über George „Der Mann ist theoretisch total arrière“ [zurückgeblieben] und „entlarvt sich immer mehr als Humbug“. George, seinerseits nicht maulfaul, nannte Marx 1890 im Gegenzug den „Prinzen der Wirrköpfe“.

Elizabeth Magie ihrerseits wollte, von Henry George und ihren religiösen Überzeugungen inspiriert sowie reinsten Herzens, mit ihrem Spiel den einfachen Menschen klarmachen, „dass ihre Armut daher kommt, dass Carnegie und Rockefeller mehr Geld haben, als sie ausgeben können“. Es ging ihr, anders als man heute annehmen könnte, also keinesfalls darum, die menschliche Raffgier zu wecken, sondern darum, deren verheerende Folgen zu geißeln. (So behauptet es zumindest eine Variante dieser Geschichte, und es gibt ziemlich viele davon.)

Aber wie es so geht: Ihr Spiel fand Nachahmer und Fortentwickler wie einen gewissen Charles Darrow, der lange zu Unrecht als Erfinder von „Monopoly“ galt, denn er hatte einfach nur bei Magie abgekupfert (und sich das Ergebnis am 31.12.1935 mit dem Patent 2,026,082 schützen lassen, das ihn steinreich machte). Mittlerweile gilt vielen aber jener Tag (das genaue Datum ist umstritten) im Jahr 1935, an dem die offensichtlich wenig geschäftstüchtige Elizabeth Magie ihr besagtes U.S. Patent No. 748,626 für ein Nasenwasser von 500 Dollar an das Unternehmen Parker Brothers verkaufte, als der eigentliche Geburtstag des populären Spiels.

In den Untiefen der Konstanzer Bucht

Wir alle kennen seit unserer Kindheit die Schlossallee und die Badstraße, wir haben Ereignis- oder Gemeinschaftskarten gezogen, Häuser gebaut, Hypotheken aufgenommen und unsere mitspielenden Feinde zu ruinieren versucht. Das Perfide an Monopoly, durch das es gerade bei Kindern wahre Tobsuchtsanfälle oder Jubelparaden auslösen kann, sind die großen (Spiel-) Geldsummen, um die es geht.

Die klassischen Monopoly-Spielregeln gelten natürlich auch bei der Konstanz Edition. Die Palette der Straßennamen allerdings reicht von der billigsten „Hafenstraße, steg4 – urig und gemütlich direkt am Konstanzer Hafen“ über die mittelprächtige „Salmannsweilergasse, Augenzentrum Eckert, Ihre moderne Familienpraxis“ bis zur edlen „Marktstätte, pro optik Konstanz, Ihr Experte in Sachen Augenoptik“. Das Spiel ist ein Hindernislauf über die meist drögen Werbehürden der örtlichen Wirtschaft – und kostet dazu noch allzu üppige 49,99 Euro.

Statt der ehemaligen Gemeinschafts- und Ereigniskarten zieht man jetzt die „Radio-News Radio Seefunk“ sowie die „TV-Meldung regioTV“. Ein Beispiel gefällig? „Sie haben im Veranstaltungskalender des Bodenseeforum Konstanz ein interessantes Event entdeckt. Bei ihrem Besuch erleben Sie Spannendes, tauschen sich aus und knüpfen neue Kontakte. Rücken Sie vor zum Bodenseeforum. Wenn Sie über Los kommen, ziehen Sie M 200 ein.“

Ein Unglück kommt selten allein

Andere Unternehmen hingegen kosten einen eine Stange Geld: Das ehemalige Feld „Zusatzsteuer“ gehört jetzt der Sparkasse Konstanz, die allen, die darauf kommen (selbst Hundertjährigen), M 100 für die Altersvorsorge abknöpft. Besonders kostspielig wird es, wenn „bantle Versicherungen | Geldanlagen“ ins Spiel kommt: Auf einem Feld werden so M 200 als „Beitrag zur Arbeitskraftabsicherung“ fällig. Wem das die Laune noch nicht ausreichend verdorben hat, darf auch noch auf eine TV-Meldung hoffen, die endgültig die Stimmung ruiniert: „Sie hatten einen Unfall und können nicht mehr arbeiten“ erfährt man da und schaut gleich in Panik an sich hinunter, ob alle Beine noch dran sind. Die Fortsetzung der Meldung kann dann nur noch wenig trösten „– durch die Berufsunfähigkeitsversicherung der Versicherungsagentur Martin Bantle brauchen Sie sich keine Sorgen machen. Sie sind weiterhin finanziell unabhängig und können in Ihre Immobilien investieren. Zahlen Sie M 25 pro Haus, M 100 pro Hotel“. Erst appes Bein und dann auch noch Geld weg …

Wenig gewogen ist die Konstanz Edition hingegen dem öffentlichen Nahverkehr. Konnte man im Original durch den Besitz von vier Bahnhöfen so richtig Kasse machen, befinden sich an deren Stelle jetzt ganz profane Orte wie die Insel Mainau. Das ist schade, denn eigentlich gehörten die Bahnhöfe doch zu Monopoly wie ein mordsmäßiger Kater zu Neujahr – und erinnerten ganz nebenbei mit ihrer aufgedruckten Dampflok an jene goldenen Zeiten, in denen Züge noch pünktlich waren.

Dieses Konstanzer Spiel ist reichlich aufdringlich und (fast) immer völlig humorfrei. Eine Ausnahme allerdings gibt es: „Sie singen fröhlich zu Radio Seefunk mit – bei der guten Musik kann man einfach nicht anders! Doch Ihre spontane Wohnzimmer-Show war so laut, dass jemand die Polizei rief. Tja … Jetzt gibt’s eine Pause hinter Gittern. Gehen Sie in das Gefängnis! Begeben Sie sich direkt dorthin. Gehen Sie nicht über Los. Ziehen Sie nicht M 200 ein.“

Bleibt nur noch zu hoffen, dass es im Gefängnis kein Radio gibt, so dass man sich dort von all diesem Schwachsinn mal so richtig erholen kann.

Quellen: Wikipedia; Andreas Tönnesmann: Monopoly. Das Spiel, die Stadt und das Glück. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 22014; Karl Marx an Friedrich Adolph Sorge am 20. Juni 1881 und 15. Dezember 1881 in MEW, Bd. 35, S. 199 und 247; Südkurier vom 9. August 2025; Südkurier vom 17. April 2026; https://konstanz-spiel.de/.

Unknown photographer, Public domain, via Wikimedia Commons

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