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„Pimp my Heimat“: Singener Schüler:innen proben Gemeinderat

Von Uta Preimesser (Text) und Dieter Heise (Fotos)
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Drei Tage lang konnten 100 Jugendliche aus Singener Schulen Kommunalpolitik ausprobieren. In einem Planspiel schlüpften sie in die Rolle von Gemeinderät:innen und brachten ihre eigenen Ideen zur Gestaltung der Stadt ein: als Fraktionen, in Ausschüssen, mittels Anträgen, über die im Ratssaal in einer „Gemeinderatssitzung“ abgestimmt wurde – wenn auch nicht ganz mit deren Kompetenz.

„Pimp my Heimat“, auf deutsch in etwa: „verbessere die Heimat“ – so lautete das dreitägige Beteiligungsprojekt für Jugendliche, das von Marcel Da Rin, Leiter der Singener Kriminalprävention, in Kooperation mit Marei von Bonin, Leiterin der Schulsozialarbeit, und Selina Brix vom Jugendreferat organisiert wurde. Unterstützt wurden sie dabei von fünf Moderator:innen des gemeinnützigen Vereins Politik zum Anfassen, der das Planspiel „Pimp your Town“ 2009 für die Stadt Hannover entwickelt hatte, das mittlerweile in mehreren deutschen Städten in ähnlicher Form eingeführt wurde.

Ziel des Projekts ist es, Schüler:innen kommunalpolitische Entscheidungsprozesse spielerisch und real zugleich zu vermitteln, politische Bildung zu stärken, frühzeitig Interesse an Mitbestimmung zu wecken und damit „Lust auf Demokratie“ – so auch das Motto des Vereins – zu machen. Der Vorschlag, dieses Jugendprojekt auch ihn Singen anzubieten, sei bei einer Schulleiterkonferenz auf große Zustimmung gestoßen und viele Gruppen hätten Interesse gehabt, mitzumachen, teilt Marcel Da Rin mit.

Die teilnehmenden hundert Schülerinnen und Schüler im Alter von 13 bis 18 Jahren besuchen die Klassenstufen 7 bis 10 vier verschiedener Schulformen: die der Johann-Peter-Hebel-Schule, einer Werkrealschule in der Südstadt, deren Schüler:innen zu 80 Prozent einen Migrationshintergrund haben und aus 27 verschiedenen Ländern stammen; der Beethovenschule, einer Gemeinschaftsschule in der Nordstadt; dem Friedrich-Wöhler-Gymnasium und der Robert-Gerwig-Schule, mit über 1700 Schüler:innen die größte kaufmännische Schule im Landkreis Konstanz.

Plötzlich Gemeinderät:innen

Für drei Tage durften die Jugendlichen in die Rolle von Gemeinderät:innen schlüpfen und so die Entwicklung ihrer Heimat aktiv mitgestalten. Die Mitglieder der Fraktionen Orange, Rosa und Weiß wurden vorab ausgelost, sodass jede Fraktion eine bunte Truppe aus allen Klassenstufen und Schulen und mit gemischtem Wissensstand bildete, auch um Cliquenbildung zu verhindern.

Crashkurse mit Expert:innen zu aktuellenThemen wie Klimafakten, Migration, Digitalisierung und Sicherheit standen am Anfang. Anschließend entwickelten die Schüler:innen mit fachkompetenter Unterstützung aus der Verwaltung eigene Ideen für die Zukunft Singens. In drei fiktiven Ausschüssen „Schule und Bildung“, „Nachbarschaft in der Kommune“ sowie „Ehrenamt und Verein“ wurden diese Vorschläge diskutiert und als konkrete Anträge formuliert.

Am zweiten Tag tauschten sich die Jugendlichen mit realen Gemeinderät:innen aus und arbeiteten in den anschließenden Ausschusssitzungen ihre Anträge weiter aus, insbesondere mit Blick auf deren Umsetzbarkeit. Per Abstimmung wurden zwölf Anträge ausgewählt, über die am dritten Tag im großen Abschlussplenum, der Gemeinderatssitzung, entscheidend abgestimmt werden sollte. Zuvor wurden dafür in den Fraktionssitzungen die jeweiligen zustimmenden, ergänzenden oder ablehnenden Positionen formuliert – nicht anders als bei Kommunalpolitiker:innen üblich.

Soviel junge Mitbestimmung kommt sonst hier nicht zusammen

Als im „Herz von Singens Demokratie“ hieß Bürgermeister Marcus Röwer die Schüler:innen im Ratssaal willkommen. Die Mehrheit von ihnen dürfte den Saal mit dem weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Fresko „Krieg und Frieden“ von Otto Dix zuvor noch nie gesehen haben. Eine kurze Erklärung zu dem 1960 angefertigten Wandbild, dessen Symbolik bei der heutigen Weltlage umso bedeutender ist, stellte der Bürgermeister voran, ehe er diese etwas andere „Ratssitzung“ als deren Leiter eröffnete.

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Das Fresko „Krieg und Frieden“ von Otto Dix in Singens Ratssaal

Schnell ging es in medias res, mit genau denselben Spielregeln, wie sie für alle Gemeinderatssitzungen gelten. Und mit einem Sitzungsleiter, der stets auf Augenhöhe mit den Jugendlichen agierte, alle ermutigte, sich zu trauen, das zu sagen, was sie sagen möchten, und sich nicht entmutigen zu lassen, wenn man mal ganz allein einen Standpunkt vertritt, bei Unsicherheiten stets kollegial unterstützend, auch wenn es nur um die Handhabung des Mikrophons ging.

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Bürgermeister Marcus Röwer (links) und Marcel Da Rin von der Singener Kriminalprävention

Schon beim ersten Antrag zeigte sich, wie gut die möglichen kommunalpolitischen Nachwuchstalente sich in ihre Rollen hineingefunden haben: „Mehr Sportplätze“, war Tagesordnungspunkt 1 als Antrag der Fraktion Orange. Und die Begründung: „damit Kinder nicht so oft am Handy, PC oder diversen Playstations hängen und weil die Sportplätze oft überfüllt sind“. Klingt sehr vernünftig, auch die beiden anderen Fraktionen stimmten grundsätzlich zu, formulierten aber gleich einen Änderungsantrag: Statt neue Sportplätze zu bauen, sollen besser die bereits bestehenden saniert werden. Das spare Flächen und sei kostengünstiger – und wurde auch so verabschiedet. Ohne kontroverse Diskussion wurde dem Antrag für einen Calisthenicspark (eine Outdoor-Fitness-Anlage) in der Südstadt zugestimmt, in etwa ähnlich, wie es schon einen in der Nordstadt gibt.

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Mehr Aufklärung, bequemere Stühle, iPads und eine Kirmes in Singen

„Bequemere Stühle in Schulen“, „Solarbetriebene Bänke mit Tischen und Überdachung sowie Ladestation für elektronische Geräte“, „Bebauung von öffentlichen Gebäuden mit Solarpanelen“, waren weitere Anträge, denen mehrheitlich zugestimmt wurde. Eine etwas hitzigere Debatte entstand um den Antrag zur Digitalisierung in allen Schulen mit IPads.

„Mehr Motivation, um besser zu lernen“, argumentierten die Befürworter:innen. Außerdem müsse man „keine schweren Bücher schleppen, es gehen keine Blätter verloren und man hat mehr Platz auf dem Tisch“. „Schädlich für die Augen“ sei es auf Dauer, außerdem starre ohnehin jede:r schon ständig auf das Smartphone, waren Gegenargumente, die aber keine Mehrheit fanden.

Angenommen wurde auch der Antrag für „mehr Unterstützung für Drogenabhängige“. Eine solche gibt es zwar, aber auf Nachfrage von Marcel Da Rin, ob das ein Thema an den Schulen sei, zeigte sich, dass es hierzu nie genug Aufklärung geben kann. Ganz große Zustimmung erhielt zudem der Antrag, dass in der Schule „mehr über Fake News gesprochen werden soll“, um zu lernen, echte von falschen Meldungen zu unterscheiden.

Eine Kirmes in Singen wünschen sich die Jugendlichen. Für sie ein idealer Ort, „um mit Freunden hinzugehen, aber nach Hilzingen oder nach Gottmadingen zu fahren, wo es diese Attraktionen gibt, ist eben vielen nicht möglich“. Ältere Singener:innen werden sich erinnern, dass früher auf der Offwiese solche Jahrmärkte mit Fahrgeschäften gastierten.

Der Antrag für mehr Angebote speziell für Jugendliche beim Stadtfest hingegen fand keine Mehrheit. Ebenso abgelehnt – weil zu viel Energie verbrauchend und zu teuer – wurde der Antrag zu Klimaanlagen in Klassenzimmern. Klimaanlagen würden „nur an wenigen Tagen im Jahr benötigt“, besser sei es, „morgens ausgiebig zu lüften“ oder bei zu großer Hitze auch mal den „Unterricht ins Freie zu verlegen“, waren die ausschlaggebenden Gegenargumente. Durchaus Meinungen, wie sie auch im tatsächlichen Gemeinderat ausgetauscht werden könnten.

Nicht nur Spiel

Rund zwei Stunden dauerte das große Projektfinale. Gegen Ende war den jugendlichen Rät:innen durchaus etwas Müdigkeit anzumerken. Frische Luft und schönes Wetter draußen lockten zudem. Mit (bei Gemeinderatssitzungen so gar nicht üblichem) spontan aufkommendem lautem Applaus signalisierten sie aber ihreBegeisterung. Seitens der Organisator:innen und des Bürgermeisters erhielten sie anerkennendes Lob und Dank für ihr Interesse und ihr ausdauerndes Engagement.

Aber nicht nur Worte: Sie bekamen zudem auch die feste Zusage, dass alle in der Sitzung angenommenen Anträge nicht irgendwo im Nirwana verpuffen werden, sondern ganz konkret in den städtischen Fachausschüssen diskutiert werden. Das heißt, der eine und andere Antrag zum „Pimpen der Heimat“ dürfte demnächst auch Thema für den realen Singener Gemeinderat werden!

Außerdem können die Schüler:innen sich mittels einer Mitmach-App jederzeit über die Umsetzung ihrer Vorschläge informieren, neue Ideen einbringen oder Fragen stellen, erklärte abschließend Finn Vinken, Projektleiter von „Politik zum Anfassen“. Begleitet wurde das Projekt auch von Mitgliedern des Singener Jugendkomitees, welche die Gelegenheit nutzten, zu ihrem nächsten und auch zu weiteren Treffen einzuladen, um mit diesem Gremium gemeinsam Ideen für die Zukunft der Stadt zu entwickeln.

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„Pimp my Heimat“ soll weitergehen

Die diesjährige Veranstaltung war die Premiere; man plane das Format fortzusetzen, verrät Marcel Da Rin. Das Projekt wird im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.

Und hierzu noch eine gute Nachricht: Die Singener Kriminalprävention, die vergangenes Jahr bei der Zuteilung der Fördermittel für „Demokratie leben!“ leer ausging, ist ab 1. April 2026 bei der dritten Förderperiode bis ins Jahr 2032 wieder dabei. In der neuen Förderperiode liege der Fokus auf der Stärkung der wehrhaften Demokratie, auf der Förderung von Medienkompetenz gegenüber Desinformation sowie auf der Prävention gegen Hass und Hetze, insbesondere im digitalen Raum, heißt es in der Pressemitteilung.

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