Melina blickt auf den bodensee © douglas wolfsperger filmproduktion

Denn dieses Leben lebst nur Du

Von Harald Borges
Melina blickt auf den bodensee © douglas wolfsperger filmproduktion
Melina blickt auf den Bodensee © Douglas Wolfsperger Filmproduktion

Der Dokumentarfilm „Denn dieses Leben lebst nur Du“ von Douglas Wolfsperger folgt vier nur auf den ersten Blick ganz ungewöhnlichen Menschen aus unserer provinziellen Gegend auf ihren anrührenden und verschlungenen Daseinspfaden hin zu einem selbstbestimmten Leben.

„Bis das auf dem Dorf ankommt, dass das normal ist, gehen hundert Jahre vorbei“, lacht ein bodenständiger Bäcker aus Meckenbeuren. „Wenn Du ein Außenseiter bist, hast Du’s nicht leicht!“ Das kann man wohl sagen …

Über vier solcher Außenseiter:innen in der südwestdeutschen Provinz direkt am Bodensee hat der Konstanz eng verbundene Filmemacher Douglas Wolfsperger seinen neuen Dokumentarfilm gedreht. Er begleitet diese vier – Gabriel, Elisabeth, Melina und Dunja – auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben mit einem anderen Geschlecht und einem anderen Namen. Sie leben nicht in der Anonymität einer Großstadt, sondern dort, wo sie aufgewachsen sind, wo alle sie kennen. Ihre Umgebung ist zwar wunderschön, aber starren Traditionen verhaftet und übt eine starke soziale Kontrolle aus. Vor allem ist diese Umgebung oft nicht bereit, persönliche Veränderungen hinzunehmen – und reagiert mit Ausgrenzung und Unverständnis. Das Gefühl, mit dem falschen Geschlecht geboren und aufgewachsen zu sein und seine sexuelle Identität selbst finden zu müssen, ist hier, wo die Kirche oft auch geistig noch mitten im Dorf steht, eine existenzielle Herausforderung.

Über Douglas Wolfsperger
Douglas wolfsperger, florian mag (kamera) foto roland rasemann
Douglas Wolfsperger, Florian Mag (Kamera), Foto Roland Rasemann

Douglas Wolfsperger, 1957 in Zürich geboren, wuchs am Bodensee auf. Nach dem Abitur absolvierte er ein Regiepraktikum beim Südwestfunk in Baden-Baden. 1982 zog er nach München, wo er an Produktionen der Hochschule für Fernsehen und Film mitarbeitete.

Im Jahr 1985 drehte Wolfsperger seinen ersten eigenen Spielfilm, „Lebe kreuz und sterbe quer“. 1992 entstand sein erster Kino-Spielfilm „Probefahrt ins Paradies“ – eine Wallfahrts-Satire u.a. mit Barbara Auer, Christiane Hörbiger und Axel Milberg in den Hauptrollen.

Seit Anfang der 1990er Jahre realisierte er zahlreiche Fernseh-Dokumentarfilme über die unterschiedlichsten Menschen und ihren Alltag: über Müllmänner („Der Dreck muss weg“), eine Klofrau („Die Königin vom Bahnhofsklo“) oder Weihnachtsmänner („Vom Himmel hoch“).

Weitere Kinofilme folgten, darunter: „Bellaria – So lange wir leben!“ (2002) – ein Film über ein besonderes Retrospektiv-Programmkino im 7. Bezirk in Wien, sein treues Stammpublikum und dessen Liebe zum Kino.

„Die Blutritter“ wurde 2004 bei den Internationalen Filmfestspielen in Locarno uraufgeführt. Wolfsperger porträtiert in diesem Dokumentarfilm eine ganz besondere Prozession zwischen finsterstem Mittelalter und brandaktueller Gegenwart und entwirft ein facettenreiches Gesellschaftsbild über Volksfrömmigkeit und Folklore.

2006 folgte der Kino-Dokumentarfilm „Der lange Weg ans Licht“, das emotionale Porträt einer ostdeutschen Hebamme.

„Der entsorgte Vater“, Wolfspergers bislang persönlichstes Werk, beschäftigt sich mit dem Schicksal von Vätern, denen nach einer Trennung der Zugang zu ihren Kindern verwehrt wird. Der Dokumentarfilm kam im Juni 2009 in die deutschen Kinos.

2014 startete sein gefeierter Film „Wiedersehen mit Brundibar“. Der Film begleitet ein ungewöhnliches Theaterprojekt: Schulkinder führen an der Schaubühne in Berlin das Stück „Brundibar“ zusammen mit der Holocaust-Überlebenden Greta Klingsberg auf. Klingsberg hatte in diesem Stück bereits während ihrer Zeit im Lager Theresienstadt die Hauptrolle gespielt.

2018 dokumentierte er mit „Scala Adieu – Von Windeln verweht“ die umstrittene Schließung eines Konstanzer Traditionskinos.

Douglas Wolfsperger ist Mitglied der Deutschen Filmakademie und der Europäischen Filmakademie. Seit 2024 kuratiert er als künstlerischer Leiter die Biberacher Filmfestspiele.

„Vielleicht liegt mir diese Auseinandersetzung so nah“, überlegt Wolfsperger, „weil ich selbst einen Teil meiner Jugend in einer katholischen Klosterschule verbracht habe. Dort habe ich früh gelernt, wieviel Sprengkraft zwischen katholischer Sexualmoral und echter, gelebter Sexualität steckt. Diese Spannung begleitet mich bis heute und prägt meinen Blick auf die Geschichten, die ich erzähle.“

„Denn dieses Leben lebst nur Du“ ist aber kein bleierner Problemfilm, sondern hat immer wieder – neben vielen anrührenden Momenten – auch drollig anmutende Situationen. Da Wolfsperger sich mit seinen Figuren Zeit lässt, spielt auch das Schweigen eine beredte Rolle, das immer wieder zwischen den Hauptfiguren und ihrer Umwelt herrscht, die einfach kein Verständnis aufbringt. Die Fähigkeit, in seiner ruhigen, unaufgeregten Art Menschen zum Sprechen zu bringen, so dass sie sich nach und nach auf der Leinwand in ihrer Vielschichtigkeit entfalten können, trägt auch diesen Film, der weit über seine direkte Thematik hinaus die Doppelbödigkeit unseres Zusammenlebens offenbart. Wolfsperger ist es wichtig, „dass ihre Leben nicht nur über die Kämpfe definiert werden, sondern auch über die schönen, humorvollen und warmen Momente, die genauso Teil ihrer Identität sind“.

Gabriel betritt das fitnessstudio durch die herrenumkleide © douglas wolfsperger filmproduktion
© Douglas Wolfsperger Filmproduktion

Ein eindrückliches Beispiel dafür ist die 65-jährige intersexuelle Elisabeth. Sie hat in ihrem Leben viele Rollen gespielt – als Diakon in der katholischen Kirche, als Ingenieurin und als Frau, die sich mit 52 Jahren zu ihrer intersexuellen Identität bekannte. Schon in jungen Jahren spürte sie, dass sie anders war, aber es dauerte Jahre, bis sie den Mut fand, sich zu ihrer Wahrheit zu bekennen. Ihr Lebensmotto lautet: „Der Zusammenhalt und die Liebe zueinander ist das größte Gut, das wir haben, und das sollten wir nicht vergessen.“

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seemoz sprach vor einigen Jahren ausführlich mit Douglas Wolfsperger:
Hier geht’s zum ersten Teil des Gespräches.
Hier geht’s zum zweiten Teil des Gespräches.
Hier geht’s zum dritten Teil des Gespräches.

Termine & weitere Informationen

Trailer zum Film finden Sie hier.

09.04.2026 (Donnerstag) Kreuzlingen (CH) Apollo
10.04.2026 (Freitag) Überlingen Cinegreth
11.04.2026 (Samstag) Lindenberg Krone Kino
11.04.2026 (Samstag) Lindau Parktheater
12.04.2026 (Sonntag) Tübingen Atelier
12.04.2026 (Sonntag) Reutlingen Kamino
13.04.2026 (Montag) Biberach Cineplex

„Denn dieses Leben lebst nur Du“, Regie & Drehbuch: Douglas Wolfsperger, mit: Gabriel, Elisabeth, Melina, Dunja. Deutschland 2025, 80 Minuten. Kinostart: 16. April 2026, Uraufführung auf den 59. Internationalen Hofer Filmtagen im Oktober 2025.

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